Theater Trier – Notizen aus Absurdistan

Die Selbstinszenierung charakterisiert Karl Sibelius. Foto: Vincenzo Laera

Die Selbstinszenierung charakterisiert Karl Sibelius. Foto: Vincenzo Laera

TRIER. Der Intendant war oder gab sich entspannt. “Sehr, sehr zufrieden”, sei er mit dieser Spielzeit, sagte Karl M. Sibelius Ende Mai im Interview mit einem Lokalsender. Diese Sichtweise dürfte der 47-jährige Österreicher ziemlich exklusiv haben. Vor einem Jahr hat er das Theater Trier von Gerhard Weber übernommen und das Dreispartenhaus seitdem zum überregionalen Erbitterungsthema gemacht. Besucherzahlen und Auslastung: katastrophal (Vergleich zwischen Weber, Sibelius und dem Staatstheater Mainz). Betriebsklima: am Boden. Finanzen: im Keller. Aktuell droht ein Defizit von 2,6 Millionen Euro. Mindestens. Das städtische Rechnungsprüfungsamt sichtet noch die Bücher; in ein paar Wochen sollen die Ergebnisse vorliegen. Ein Beitrag von Martin Eich

Die Welt als Wille und Vorstellung

Politiker und Publikum waren gewarnt. Sibelius, vom winzigen Theater an der Rott im bayerischen Eggenfelden an die Mosel gewechselt, hat einen Ruf, der ihm vorauseilt, ihn aber nicht schmückt. Dass seine erstaunlichsten Leistungen als Künstler selbstinszenatorischen Charakters waren und sind, wird andere mehr stören als ihn selbst. Er habe als Professor an der Linzer Anton-Bruckner-Privatuniversität gelehrt, kündet sein Facebook-Profil. Vor Ort kann man sich zwar eines Dozenten, aber keines Professors dieses Namens erinnern. Sibelius, teilt Uni-Sprecherin Irene Pechböck auf Anfrage mit, “hatte keine Professur inne”. Damit konfrontiert, ändert er umgehend seine Vita, so schnell kann aus einem noblen Professor ein schnöder Lektor werden. Die Welt als Wille und Vorstellung, Schopenhauer wusste es. Oder, um Sibelius zu zitieren: “Ich kenne mich auf künstlerischem Gebiet aus, auf dem wirtschaftlichen – und habe mir zum Schluss die soziale Kompetenz angeeignet”, attestierte er sich im vergangenen Jahr vor journalistischer Verzückungskulisse.

Heute sind keine Erfolge zu sehen, sondern Folgen. Dass sich Sibelius dennoch halten kann, ist einem Machtvakuum innerhalb der Trierer SPD geschuldet: Oberbürgermeister Wolfram Leibe, ein Kritiker Sibelius’, und Kulturdezernent Thomas Egger, sein Fürsprecher, agieren als Hauptdarsteller einer für Kommune und Theater toxischen, weil teuren Konfliktlage. Die von Egger lange hintertriebene und von Leibe schließlich durchgesetzte Entscheidung, dem Intendanten die kaufmännische Geschäftsführung zu entziehen, ist ein untauglicher Minimalkonsens. Zumal Egger – als Dezernent kein Mann der Kraft, sondern des Kraftakts – bisher an der Kontrolle des Intendanten scheiterte, aber die Zuständigkeit für das Theater behalten soll.


Zum Thema: Der Brief der Regisseure vom 28. Juni


Den gordischen Knoten zu zerschlagen, wäre, weil sich die städtische Kulturpolitik dazu als unfähig herausgestellt hat, Sache des Landes. Das Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur (MWWK) fördert das Theater (Gesamtetat: 15,28 Millionen) in diesem Jahr mit 5,8 Millionen Euro – enthält sich aber jeder Mitsprache und Kontrolle. Eine entsprechende Behauptung der Stadt bestätigt es ausdrücklich und verweist, als sei dies eine Erklärung, auf die kommunale Selbstverwaltung. Motto: Ist uns alles egal, wir zahlen nur. Und das theoretisch unbegrenzt. Maßgeblich für die Höhe des Landeszuschusses seien, schreiben Stadt und MWWK unisono, die Einnahme- und Ausgabeansätze des Theaters. Heißt: Je höher das Defizit, desto höher der Zuschuss. Notizen aus Absurdistan.

In der hochverschuldeten Stadt ist man interessierter und der Erklärungen überdrüssig, will Klärungen. Deshalb empört es viele Trierer, dass der als Ferienparlament amtierende Steuerungsausschuss kürzlich Sibelius einen neuen Vertrag anbot und sich damit bis 2020 an den Gescheiterten band; der alte war wegen der beabsichtigten neuen Rechtsform des Hauses bis zum 31. Juli befristet, obwohl Egger bei zwei Gelegenheiten vor Zeugen das Gegenteil behauptet hatte. Nur FDP und AfD votierten gegen den vorgelegten Entwurf. Sibelius, der seinen Marktwert und die Wahrscheinlichkeit, noch einmal eine Theaterleitung angetragen zu bekommen, offenbar realistisch einstuft, nahm an und akzeptierte auch das geringfügig reduzierte Gehalt (10.000 statt bislang 11.700 Euro monatlich).


Zum Thema11.700 Euro für Sibelius


Die es betrifft, sind bestürzt. Bereits im Mai hatte sich nahezu das komplette Schauspielensemble schriftlich mit dem von Sibelius entlassenen Spartenleiter Ulf Frötzschner – das Verhältnis beider gilt als zerrüttet – solidarisiert, kurz danach legten acht am Haus tätige Regisseure nach (“Unserer Ansicht nach ist ein professionelles und konstruktives Arbeiten unter der Leitung von Karl Sibelius nicht möglich.”). Ende Juni folgte der vorerst letzte, an Leibe und Egger adressierte Brief. In ihm schildern drei Regieteams auf sieben Seiten detailliert interne Missstände. Sibelius, der die Vorwürfe nicht kommentieren wollte, hat sich längst gegen solche Kritik immunisiert: “Es gibt genügend grossartige (sic!) Künstler, die sehr gerne am Theater Trier arbeiten”, verbreitet er mittels Facebook.

So wird Sibelius Intendant bleiben

Auch das Machtkampf zwischen den beiden Sozialdemokraten Leibe und Egger charakterisierte die Skandale rund um das Trierer Theater.

Auch der Machtkampf zwischen den beiden Sozialdemokraten Leibe und Egger charakterisierte die Skandale rund um das Trierer Theater.

Im Rathaus gilt dieses Schreiben offenbar als Verschlusssuche. Wie Recherchen ergaben, wurde es nicht an die Stadträte weitergegeben. Die Pressestelle erklärt, dies sei “nicht üblich”. So wird Sibelius nicht nur Intendant bleiben, sondern künftig noch die Schauspielsparte leiten und damit denen vorstehen, die ihn ablehnen; einer entsprechenden Empfehlung Eggers folgten die unzureichend informierten Mandatsträger ebenfalls. “Es gibt in vielen kommunalen Räten wie auch in den Landesparlamenten immer weniger fachkundige Kulturpolitiker”, kritisierte Klaus Hebborn, Kulturdezernent des Deutschen Städtetags, vor längerer Zeit im Gespräch. Mancherorts wird offenbar am Beweis dieser Einschätzung gearbeitet.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die in Trier wohnt und ihr Wahlkreismandat erst vor wenigen Tagen niederlegte, will die Situation nicht kommentieren. Telefonisch teilt die Staatskanzlei mit, zuständig sei jetzt ihr Nachrücker Sven Teuber. Dabei kann Dreyer auch anders, jedenfalls schreiben. “Die Bürger wollen kein politisches Konflikttheater, das sich selbst nicht ernst nimmt”, mahnt sie im Vorwort ihres Buches “Die Zukunft ist meine Freundin”, das im vergangenen Jahr erschien. Auf einer der letzten Seiten heißt es: “Als Politikerin will ich konkrete Missstände, Zahlen, Argumente hören und verstehen, was wir besser machen können.” In Trier besteht derzeit hinreichend Optimierungspotenzial. Ministerpräsidentin und Landesregierung, bequem auf Untätigkeit und Desinteresse gebettet, müssten nur hinschauen.

Der Beitrag erschien am 27. August in der Allgemeinen Zeitung Mainz / Mit Genehmigung des Autors

Extra

Auf reporter-Anfrage teilt das Kulturdezernat von Thomas Egger (SPD) über das städtische Presseamt mit, dass derzeit keine aktuellen Abo-Zahlen übermittelt werden können, da “bekanntlich noch Theaterferien und die hierfür zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Urlaub sind”. Auch die Kosten für die finanziell umstrittene “Jesus Christ”-Produktion könnten aus selbem Grund noch nicht mitgeteilt werden. Über die Kosten der geplanten Theater-Sanierung wolle die Stadt wegen der vielen Medienanfragen demnächst einheitlich informieren. Zuvor müssten jedoch der Stadtvorstand sowie der Kulturausschuss am 15. September in Kenntnis gesetzt werden. Ursprünglich wollte Egger die Zahlen bereits Ende Juli bekanntgeben. (et)


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Erstellt am Autor Martin Eich in Dossier Theater, Featured, inside54.de, Politik 8 Kommentare

8 Kommentare zu Theater Trier – Notizen aus Absurdistan

  1. Michel Frisch

    Dass die Stadtverwaltung den jetzt vom Reporter veröffentlichten Brief der drei Regieteams bewusst zurückgehalten hat, ist ein Skandal. Wie sollen Stadträte eine sachgemäße Personalentscheidung treffen, wenn man ihnen wichtige Fakten vorenthält? Als Motiv für ein solches Vorgehen bleibt nur die Annahme, dass maßgebliche Leute bei der Stadt auf Biegen und Brechen eine Vertragsverlängerung durchsetzen wollten. Die Folgen für das Theater, seine Mitarbeiter und die Stadt Trier spielten dabei offensichtlich keine Rolle. Wir als AfD-Fraktion haben von Anfang an deutlich gemacht, dass Sibelius für das von ihm angerichtete Desaster nicht auch noch mit einem gut dotierten Vertrag belohnt werden dürfte. Und wir werden jetzt alle Mittel nutzen, die uns als Stadtratsfraktion zur Verfügung stehen, um Licht in diese zunehmden dubiose Angelegenheit zu bringen.

     
    • Mike Meyers

      dass die stadträte keine sachgemäßen entscheidungen treffen haben sie doch längst mit der zustimmung zur egbert- sanierung bewiesen … so what … das ist eine ähnliche “auf biegen und brechen farce” von grün- schwarz.

      aber ihr ewiges “die afd hätte” blabla kann man sich auch nicht wirklich anhören … wenn sie endlich mal auf die schulter geklopft bekommen wollen müssen sie wohl doch eher die partei wechseln ….

       
      • Stephan Jäger

        „wenn sie endlich mal auf die schulter geklopft bekommen wollen müssen sie wohl doch eher die partei wechseln ….“

        Na das ist ja mal eine interessante Sichtweise!

        Die gleiche Sachaussage ist also entweder beifalls- oder nicht beifallswürdig, abhängig davon, aus welcher Partei sie kommt?

         
  2. anna

    Herr Frisch,

    Am Theater Trier haben über 20 Regisseure in der letzten Spielzeit gearbeitet. Also hören Sie mit Ihrem Intendanten Bashing auf.

     
  3. derbeobachter

    Das wird doch immer besser. Aber nun ist der Vertrag ja schon verlängert…

     
  4. Spekulatius

    Eine großartige Vorstellung unter dem Titel Irrwitz und Hörigkeit.

    @anna

    Es geht doch gar nicht primär um den Intendanten. Es geht darum, dass eine gesellschaftlich nicht mehr relevante Institution zum Privatvergnügen weniger, nicht schlecht gestellter Menschen von der Allgemeinheit bezahlt wird.

    Lösung: Den Preis für die Eintrittskarte auf 192 Euro festsetzen. Das Theater trüge sich selbst, und alle Theatergänger hätten das wohlig-warme Gefühl, etwas gutes für die Kultur getan zu haben.

    Nicht?

    Okay, dann wird die Bude dichtgemacht. Goodbye and good riddance.

     
  5. Dietmar Marx

    Und der nächste Affront: die Räte werden von den beiden Protagonisten Leibe und/oder Egger im Unklaren gelassen, wichtige “Briefe” zurückgehalten, damit nicht noch mehr Unruhe entsteht. Herr Frisch hat (leider) Recht: ein Skandal erster Güte. Sieht so Demokratie und Transparenz aus?

    Ich bin mal auf die Zahlen zur Sanierung gespannt. Was wird das wieder im Hintergrund gemauschelt, dass es solange dauert? Wahrscheinlich ist die Summe so hoch, dass sich keiner traut. Armes Trier!!!

     
  6. Sabine Becker

    @anna
    Und viele dieser Regisseure haben sich öffentlich gegen Sibelius positioniert. Das sollte doch zu denken geben. Immerhin sind durch sie – und die Ensembles – großartige und spannende Arbeiten entstanden, die sogar überregional Beachtung fanden. Man kann gespannt sein wie viele derjenigen, die das Statement unterschrieben haben, in dieser Spielzeit noch in Trier unter Sibelius arbeiten werden.

     

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