Tiefer Gottesglaube, russische Seele

Die Rolle der Solisten hatten Silja Schindler, Marion Eckstein, Svetislav Stojanovic und Marc Kugel (von links) übernommen. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Dass das “collegium musicum” der Universität Trier zu den besten Klangkörpern dieser Stadt gehört, ist längst kein Geheimnis mehr. Am Sonntag gastierten Chor und Orchester in der ausverkauften ehemaligen Reichsabtei St. Maximin. Auf dem Programm standen Bruckners “Te Deum” und Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 “Pathétique“ in h-Moll.

Von Rolf Lorig

Orchester und Chor nehmen in Trier eine ganz besondere Stellung ein. Denn welches andere Ensemble schafft es, gut 200 Instrumentalisten und Sänger regelmäßig für ein Konzert auf die Bühne zu bringen? Obwohl das Ensemble fast ausschließlich aus Laien besteht, wagt es sich zweimal jährlich an höchst anspruchsvolle Kompositionen. Motor des Ganzen ist der 36-jährige italienisch-argentinische Dirigent Mariano Chiacchiarini. Für den umtriebigen Musiker, der sechs Sprachen spricht, ist die Welt ein Dorf. Auftritte in Frankreich, Argentinien, der Schweiz gehören ebenso zu seinem Tagesgeschäft wie die Arbeit mit dem Orchester des WDR oder eben dem “collegium musicum” in Trier, dem er seit 2010 als Musikdirektor vorsteht.

Gefühlvolle Intonation

Das aktuelle Konzert eröffnete Chiacchiarini mit Bruckners “Locus Iste”, eine Graduale für einen a capella Chor in C-Dur. Ein geschickter Schachzug, schmeichelt diese lateinische Mottete doch dem Ohr, macht es bereit für das folgende große Werk des österreichischen Komponisten. Gefühlvoll intonierte der Chor die Motette, die Bruckner 1869 anlässlich der Einweihung der Votivkapelle im Mariä-Empfängnis-Dom in Linz geschrieben hatte. Begeisterter Applaus vom Publikum.

Und noch einen Ohrschmeichler hatte der Musikdirektor vor die beiden eigentlichen Werke auf das Programm gesetzt: die Hymne Nr. 5 “Sostoino Est” von Pjotr Ilyich Tschaikowsky. Auch hier wurde der Chor seiner Aufgabe mehr als gerecht, präsentierte souverän die an Kargesänge erinnernde Komposition.

Abermals gab es begeisterten Applaus, jetzt gesellte sich das Orchester zum Chor. Die Religiosität des Abends, die in den beiden ersten Kompositionen ihren Anfang genommen hatte, fand nun in Bruckners “Te Deum” ihre Fortführung. Bruckner, der ein strenggläubiger Mensch war, wollte damit seinem Gott huldigen. Sein frommes Te Deum, das als einer der Höhepunkte des künstlerischen Schaffens des Komponisten gilt und getragen ist von Bruckners tiefem Glauben, ist ausgelegt für einen großen Chor, vier Solisten und ein großes Orchester. Und eigentlich auch für eine Orgel.

Was in Trier quälend fehlt, ist ein Konzertsaal

Doch auf die musste in Maximin verzichtet werden. Leider nicht nur auf dieses Instrument. Was in Trier quälend fehlt, ist ein Konzertsaal, der solchen Aufführungen gerecht wird. Während die ehemalige Kirche von ihrer Akustik her noch für rein instrumentale Aufführungen bedingt geeignet ist, muss die Aufführung eines monumentalen Werkes für Chor und Orchester fast schon zwangsläufig scheitern. Das Problem liegt in der Aufhebung der akustischen Trennung von Chor und Orchester. Steigt die Lautstärke von Fortissimo auf Fortefortissimo an, vermischen sich Sopran und Blech zu einer alles dominierenden Einheit, die das Holz sowie die Alt- und Männerstimmen hoffnungslos überlagert. Was in jedem Konzertsaal, der diesen Namen auch verdient, mit traumwandlerischer Sicherheit geklappt hätte, verlor sich in diesem Haus. Sehr bedauerlich. Denn die Erfahrung früherer Konzerte zeigt, dass das “collegium musicum” sehr wohl in der Lage ist, anspruchsvollste Herausforderungen anzunehmen und diese auch ausgezeichnet zu meistern.

Mit enorm viel Feingefühl und Einfühlungsvermögen führt Mariano Chiacchiarini das “collegium musicum” zu Leistungen, die den Vergleich zu professionellen Musikern nicht scheuen müssen.

Als Solisten hatte das Ensemble die Sopranistin Silja Schindler, die Altistin Marion Eckstein, den Tenor Svetislav Stojanovic sowie den Bass Marc Kugel eingeladen. Leider hatte der Tenor offenbar gesundheitliche Probleme, sein Exkurs in stimmliche Höhen klang zuweilen doch etwas gequält. Glockenhell und schwebend dagegen der Sopran von Silja Schindler, warm und sicher der Alt von Marion Eckstein und raumfüllend der Bass von Marc Kugel. Dass dieses Quartett sehr gut zusammenpasst, zeigten die Passagen, die sich in mittleren Höhen bewegten und bei denen Svetislav Stojanovic auch Schmelz und Strahlkraft seiner Stimme entfalten konnte.

Feine Balance zwischen Holz und Blech

Gewohnt überzeugend das Dirigat von Mariano Chiacchiarini. Ihm war es ein Leichtes, den sakralen Charakter des Werkes fein herauszuarbeiten. Gekonnt führte er Solisten, Chor und Orchester jederzeit sicher durch den nicht gerade einfachen Weg der Komposition, hielt beim Orchester eine feine Balance zwischen Holz und Blech und forderte den Chor, ohne ihn zu überfordern.

Der zweite Teil des Konzertes blieb dem Orchester vorbehalten. Und prompt zeigte sich dann auch, dass die alte Reichsabtei als Konzertraum durchaus ihre Stärken hat – vorausgesetzt, es handelt sich um instrumentale Darbietungen.

Auch wenn Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 “Pathétique“ in h-Moll streckenweise einem Requiem ähnelt, was einerseits wohl der Tonart anzulasten ist, möglicherweise aber auch dem Umstand, dass der Komponist zeit seines Lebens an Depressionen litt – die jugendlichen Besucher des Konzertes werden die Pathétique wohl rasch erkannt haben. Wurde diese Komposition doch schon in einigen Kinofilmen als Soundtrack eingesetzt, so auch 2002 in dem Hollywood-Erfolg “Minority report”.

Zusammen mit dem Orchester präsentierte Mariano Chiacchiarini dem Publikum in der Folge ein souveränes und sauberes Hörerlebnis, an das man sich noch lange und vor allem gerne erinnern wird: sauber die Einsätze, gefühlvoll die Intonation, lebendig die musikalische Erzählweise. Den Zuhörern offenbarte sich so die russische Seele des Komponisten. Dass diese nicht verletzt wurde, daran hatten dank ihres hochkonzentrierten Spiels alle den gleichen Anteil.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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