“Tobias ist mein Wunschkandidat”

Intendant Hermann Lewen übergibt an Tobias Scharfenberger. Foto: Rolf Lorig

Intendant Hermann Lewen übergibt an Tobias Scharfenberger. Foto: Rolf Lorig

LIESER. Hermann Lewen hat 1985 das Klassik-Festival “Mosel Festwochen” gegründet, das später in Mosel Musikfestival umbenannt wurde. Er ist Vater von drei Töchtern und Opa von vier Enkelkindern. Er lebt in Bernkastel-Kues. 2017 übernimmt sein Nachfolger Tobias Scharfenberger zunächst die kaufmännische Leitung des Festivals, 2018 die komplette Intendanz. Lewen bleibt als Berater im Hintergrund. Im Interview äußern sich Intendant und Nachfolger zur Geschichte und zur Zukunft des international renommierten Festivals.

Herr Lewen, nach 31 Jahren verlassen Sie am 31. Dezember 2016 mit einem Bein das Schiff. Sie haben das Festival aufgebaut und international erfolgreich gemacht. Glauben Sie nicht, Sie werden Ihren Schritt im Laufe von 2017 bereuen?

Lewen: Warum sollte ich das bereuen? Das Festival ist ordentlich aufgestellt, hat verlässliche Partner in Politik und Wirtschaft, mein Nachfolger ist mein absoluter Wunschkandidat, es gibt ein motiviertes professionelles Team und das Festival braucht unbedingt nach einer so langen Zeit neue Impulse….

Haben Sie sich für Ihre letzte Saison als der Macher des Mosel Musikfestivals noch einige Konzertwünsche erfüllt?

Lewen: Wenn man Programme plant, sind eigentlich alle Konzerte eigene Wünsche! Ich habe noch nie eines der mehr als 1600 Konzerte geplant, ohne den eigenen Wunsch auf einen exzellenten Konzertabend höchst persönlich zu haben…

Was wird Ihnen am meisten fehlen, wenn Sie spätestens 2018 im Schaukelstuhl sitzen, während ihr Nachfolger die neue Saison vorbereitet?

Lewen: Ich glaube nicht, dass ich 2018 im Schaukelstuhl sitzen werde, bin aber sehr gespannt, was da kommt und wie sich das Festival noch weiterentwickelt, neue Formate und Wege findet in einer immer anspruchsvolleren und sich in einer mit vielen Wettbewerbern ringenden Konzert- und Eventwelt behaupten wird! Ich selbst werde sicherlich Ausschau halten nach der ein oder anderen Nische, denn das wunderbare Moseltal ist ja nicht nur in den Sommermonaten ein klangvolles Tal…

Und was werden Sie gar nicht vermissen?

Lewen: Die Lohnsteuersonderprüfungen, Verwendungsnachweiskorintenk….en, das ewige Betteln bei manchen politischen Entscheidungsträgern und den Ärger über die Ignoranz von verschiedenen Medien, Touristikinstitutionen und Weinbaronen….

Herr Lewen, was schätzen Sie an Ihrem Nachfolger Tobias Scharfenberger?

Lewen: An ihm schätze ich seine künstlerische und organisatorische Kompetenz, seine liebenswürdige, menschliche, aber auch verbindliche Art des Umgangs miteinander, den unbändigen Willen, sein Festival in seiner Art und Weise zukunftsfähig zu prägen und zu leiten. Seinen Stolz auf das Mosel Musikfestival und wie er es in der internationalen Achtung wahrnimmt. Zudem verfügt er über neue Netzwerke in der weltweiten Konzertwelt, und wenn dann mal ein Bariton ausfallen würde, dann könnte er sogar selbst einspringen und singen!

Haben Sie keine Angst, dass er alles anders machen wird?

Lewen: Er wird, ja er muss manches anders machen und Angst habe ich davor überhaupt keine! Jeder hat seine Zeit, und ich durfte meine Zeit redlich mehr als 30 Jahre als Festivalmacher gestalten und nun ist eben seine Zeit gekommen…


Tobias Scharfenberger, Jahrgang 1964, ist ausgebildeter Opern- und Konzertsänger, Stimmfach: Bariton. Von 2012 bis 2014 studierte er noch einmal, diesmal an der Universität Zürich, und schloss mit einem Master in Arts Administration (Kulturmanagement) ab. Im August 2015 startete er im Theater Trier als Betriebsdirektor und Stellvertreter von Intendant Karl Sibelius, ab 2017 übernimmt er die kaufmännische Geschäftsführung des Mosel Musikfestivals, 2018 die gesamte Intendanz. Tobias Scharfenberger ist verheiratet mit der amerikanischen Sopranistin Christina Clark, hat eine Tochter, einen Sohn und wohnt in Bernkastel-Kues.


Herr Scharfenberger, Sie übernehmen 2017 die Intendanz des Mosel Musikfestivals. Mal ganz ehrlich, haben Sie nicht ein bisschen Bammel, in Hermann Lewens Fußstapfen zu treten?

Scharfenberger: Mit Bammel und Fußstapfen ist das so eine Sache: Bammel oder gar Angst sind nie gute Ratgeber. Ich möchte die Situation eher mit einer mir vertrauten aus meinem Sängerleben vergleichen: einer großen wichtigen Premiere und einem Rollendebüt. Da habe ich vorher natürlich Lampenfieber, aber das ist eine gute Energie. Ich weiß, dass ich bei entsprechend guter Vorbereitung die Partie oder das Konzert sehr gut bewältigen werde, und ich möchte obendrein meine Erfahrung und mein Können in eine Interpretation einfließen lassen und kein Abziehbild sein. Auf das Festival übertragen heißt das: Ich habe größten Respekt und Achtung davor, wie Hermann Lewen das Festival in den vergangenen 32 Jahren aufgebaut und positioniert hat. Nun geht es darum, das Festival weiterzuentwickeln, um also beim Bild der Fußstapfen zu bleiben, neue Spuren zu legen und nicht in alten Pfaden zu schreiten.

Sie haben die Saison 2017 gemeinsam mit Hermann Lewen vorbereitet. Haben Sie bereits ihre eigenen Akzente gesetzt?

Scharfenberger: Künstlerisch trägt das Festival 2017 noch Hermann Lewens Handschrift. Wir haben uns jedoch über alle Projekte und eingeladenen Künstler intensiv ausgetauscht − eine sehr beglückende Erfahrung. Im Qualitätsanspruch sind wir ohnehin gleichermaßen unnachgiebig. Ein schönes Beispiel für unsere konstruktive gemeinsame Arbeit ist vielleicht der kleine Themenblock zum Lutherjahr. Hier hat jeder von uns Künstler vorgeschlagen, und so entstand mit einem Mal ein gemeinsames Projekt für Nachts in der Basilika. Daran lässt sich auch ein wenig erahnen, wo ab 2018 unter meiner Leitung die Reise hingehen wird. Ich halte eine stärkere Schärfung des Profils für wichtig und notwendig. Dabei ist es besonders schön, wenn lokale Institutionen – wie in diesem Fall die evangelische Kirche – Partner und auch Ideengeber sind. Ich denke, so lässt sich eine noch tiefere Verwurzelung des Festivals mit der Region und eine Sinnstiftung erreichen.

Wie haben Sie sich auf das Leben eines Mosel Musikfestival-Intendanten vorbereitet? Ihre Familie wird Sie während der Festivalsaison ja kaum zu Gesicht bekommen.

Sie strahlen: Lewen und Scharfenberger.

Sie strahlen: Lewen und Scharfenberger.

Scharfenberger: Ich denke, dass das von uns gewählte und gewünschte – in der deutschen Kulturlandschaft übrigens ziemlich einzigartige – Modell eines fließenden Übergangs von einem guten Jahr ein Glücksfall ist, um mich auf meine neue Aufgabe vorzubereiten. Es geht ja mit Hermann Lewen eben nicht irgendein Intendant, sondern nach 32 der Gründer des Festivals. Es ist meine Überzeugung, dass ein erfolgreiches Festival nicht nachts am Schreibtisch oder ausschließlich durch tiefes Grübeln im stillen Kämmerlein entsteht. Im Vorbereitungsjahr konnte ich viele Gespräche mit Künstlern, Sponsoren, Kommunalpolitikern und nicht zuletzt mit dem Publikum führen. Ich konnte und kann die Bedürfnisse und Erwartungen dieser Menschen kennen- und verstehen lernen, um so die Festivalidee kreativ und zukunftsfähig weiterzuentwickeln. An der work-life-balance, wie das neudeutsch heißt, muss ich in der Tat noch etwas arbeiten. Meine Familie und ich haben – trotz des immensen Arbeitspensums – den ersten Festival-Sommer an der Mosel 2016 schon sehr genossen. Und es gab wenige, aber dafür kostbare gemeinsame freie Stunden für Schwimmbadbesuche, den Calmont-Klettersteig, eine Radpartie an der Mosel oder ein gemütliches Frühstück im Garten. Wir sind glücklich, dass wir in Bernkastel-Kues so ein schönes Domizil gefunden haben.

Gibt es etwas, auf das sie besonders gespannt sind?

Scharfenberger: Immer wieder von Neuem auf die Begegnungen mit den Menschen, denn erst indem diese − Künstler wie Zuhörer − unsere einzigartigen Spielstätten in dieser so großartigen Kulturlandschaft mit Musik und Leben, Stille und Applaus erfüllen, entfalten diese Orte ihre ganze Magie.

Was schätzen Sie an Festivalgründer Hermann Lewen?

Scharfenberger: Hermann ist ein wirklicher Macher, er plant nicht nur, er setzt um, er ist sich der möglichen Risiken bewusst, aber er lässt sich nicht von ihnen beeindrucken, und er ist ein ausgezeichneter Netzwerker, vielleicht so eine Art Kultur-Entrepreneur. Auch wenn es natürlich nicht sein privates Unternehmer-Kapital ist, was in diesem Festival steckt, so zeichnen ihn doch diese Willensstärke, Risikobereitschaft und nicht versiegende Entdeckerfreude aus, die man einem Entrepreneur nachsagt. Er hat sehr früh das kulturelle Potenzial dieser Region und dessen Mehrwert für die Gesellschaft erkannt. Ich schätze den völlig offenen und ehrlichen Austausch wie auch kontroverse Diskussion mit ihm und nicht zu vergessen, seinen Sinn für die fantastischen Weine dieser Region!

Was wird sich im Programm alles ändern, krempeln Sie jetzt das Festival komplett um?

Scharfenberger: Nun, als gebürtiger Münchener werde ich das bayerische Bier definitiv mehr in den Mittelpunkt des Festivals rücken, weg mit den Konzerten auf (lacht) Weingütern, weg von der Klassikschiene und her mit einem neuen corporate design! Nein, ganz im Ernst, das Mosel Musikfestival hat sich in den 32 Jahren seines Bestehens nicht nur zu einem außergewöhnlichen Festival von internationalem Niveau entwickelt, sondern es ist auch eine echte Kulturmarke mit einem enorm positiven Image entstanden. Es gibt eine große Treue und ein immenses Vertrauen seitens des Publikums, der Künstler, der Agenturen, der Sponsoren und der Politik in dieses Festival. Ich wäre schlecht beraten, wenn ich mit einer Radikalkur dieses alles über Bord werfen würde. Gleichwohl wird von einer solchen personellen Veränderung in der Leitung des Festivals zu Recht auch ein Wandel erwartet. Ich verstehe aber Wandel im Sinne einer kreativen Weitergestaltung des Bestehenden. Es wäre fatal, wenn das Festival in lieb gewordenen Konventionen erstarrt. Wir leben in einer Zeit der Überangebote. Es gibt bereits alles − auch im kulturellen Bereich. Es wird in der Zukunft mehr denn je darum gehen, aus diesem Überangebot herauszuragen, das Publikum für die jeweiligen Spielstätten mit maßgeschneiderten Programmen zu begeistern und zu verzaubern, dem Festival Seele und Gesicht zu geben.

Ich sagte es bereits, ab 2018 werde ich definitiv stärker mit Themensetzungen arbeiten, als das bisher der Fall war. Musikwerke in einen bestimmten inhaltlichen oder räumlichen Kontext zu stellen, ermöglicht meiner Meinung nach ein anderes, intensiveres Hören, man findet dann einen anderen vielseitigeren Zugang zu den Stücken, die Wahrnehmung ist eine erweiterte. Es wird eine Reihe für Kinder, Jugendliche und Familien ebenso bei ausgewählten Konzertprojekten neue Einführungsformate. Eine Herzensangelegenheit ist mir auch die Gründung eines Programms für junge Künstler. Es reifen noch eine Vielzahl anderer Ideen, aber alles Schritt für Schritt. (tr/et)


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Erstellt am Autor trier reporter in Featured, Kultur, Moselmusikfestival Hinterlasse einen Kommentar

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