Unter Geiern

Zwei Konkursverwalter und ein neuer General im Foyer des krisengeschüttelten Kulturhauses: Langner, Schmitt und Hochstenbach. Foto: Rolf Lorig

Manfred Langner soll es nun also richten. Im Sommer 2018 wird der gebürtige Hesse das krisengeschüttelte Theater Trier als neuer Intendant übernehmen. Ihm zur Seite wird dann der Niederländer Jochem Hochstenbach als neuer Generalmusikdirektor und Nachfolger von Victor Puhl stehen. Spätestens dann wird Langner das erste Trierer Grundgesetz erlernen müssen: Auf einer Glatze kann man keine Locken drehen! Denn finanziell ist die Stadt so kahlköpfig wie weiland Telly Savalas alias Kojak. Weil die hiesige Politik sich jeder vernünftigen Strukturreform der Trierer Kulturlandschaft verweigert, muss und soll Langner nun den Retter geben. Womit klar ist: Der Jurist und mithin auch Kulturdezernent Thomas Schmitt (CDU) werden mehr als Konkursverwalter denn als Kunstschaffende gefordert sein. Die Zuschauerzahlen am Kulturhaus sind weiter im freien Fall, die Personalquerelen reißen nicht ab, und das marode Haus zerfällt sowohl baulich als auch institutionell. Ein kommentierender Überblick von Eric Thielen

Was hätte er auch sagen sollen? Manfred Langner saß am Donnerstag im trüben Licht des Theater-Foyers und sinnierte zur Kunst – oder zumindest darüber, wie er sie sieht. Max Mustermann hätte ebenso dort sitzen können. Oder Fritz Allgemein. Oder Lieschen Müller. Oder Hans Besonders. Austauschbar, weil bar jeder Substanz. So rettete Langner, der noch nie ein Mehrspartenhaus führte, sich in Allgemeinplätze. Mehr konnte er nicht tun. Also fielen Sätze wie jener zu den Menschen, die der studierte Jurist zurück ins Theater holen will. “Mit einem guten Programm.” “Mit aktuellen Themen.” “Mit Kunst, die Menschen zusammenbringt.”

Sätze mithin, die alle Kulturschaffende – und nicht nur diese – von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen im Standardrepertoire haben. “Publikumsorientiert” will sowieso jeder arbeiten, und dass in Trier historische Bauten bespielt werden können, weiß inzwischen selbst jeder ABC-Schütze. Zumindest dies hat Langner jetzt schon erkannt: dass in Trier nämlich alle Projekte unter dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit stehen. So hellsichtig ist er heute schon. Und bis zu seinem Amtsantritt im Sommer kommenden Jahres wird noch viel Wasser die Mosel hinabfließen. Alles ist möglich – bis dahin, dass Langner in zwölf Monaten überhaupt kein Haus mehr vorfindet, an dem er seine Ideen von Theater-Kunst lebendig werden lassen kann.

Was also hätte er sagen sollen? Dass er die Trierer Theater-Titanic doch noch vor dem Eisberg und damit vor dem Untergang bewahrt? Vielleicht. Aber das wäre zu viel versprochen gewesen.

Er wird mutieren müssen

Die Zuschauerzahlen werden in der aktuellen Spielzeit voraussichtlich unter die 70.000er-Marke fallen. Die Kosten aber steigen weiter. 100.000 Besucher fordert Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD), um das Kulturschiff halbwegs über Wasser zu halten. Doch erst bei 150.000 Zuschauern könnte die prekäre Lage sich tatsächlich entspannen. Mit seinen Schauspielbühnen in Stuttgart holte Langner 190.000 Besucher in die angeschlossenen Häuser. Eine stolze Zahl, die sich jedoch schnell relativiert, schaut man sich das Potenzial an, das alleine der Speckgürtel, der die schwäbische Metropole umgibt, in sich birgt. Von Ludwigsburg bis Tübingen, von Pforzheim bis Waiblingen leben alleine in den Großstädten der Stuttgarter Peripherie doppelt so viele Menschen (700.000) wie in den Landkreisen Trier-Saarburg, Bitburg-Prüm und Bernkastel-Wittlich (350.000) zusammen. Hinzu kommen die knapp 650.000 Einwohner der Spätzle-Hauptstadt, an die Trier nicht einmal heranstinken kann.

Das erste schwäbische Grundgesetz lautet demnach auch: “M’r kennet elles außer Hochdaitsch!” Geld ist kein Thema im Ländle. Das hat man. Allenfalls können die Kulturschaffenden sich dort darüber beschweren, dass die Zuschüsse nicht, wie gewohnt, jährlich erhöht werden. Das tat auch Langner 2013, weil die Subvention für seine Schauspielbühnen eben nicht von 2,6 auf 3,1 Millionen Euro aufgestockt wurde. Dafür springt dann Daimler oder Porsche oder Bosch in die Presche – oder ein anderes der milliardenschweren schwäbischen Unternehmen.

Wenn Langner vom üppigen Neckar an die karge Mosel wechselt, wird er mutieren müssen, vom kunstorientierten Impresario hin zum Mangelverwalter. Hier schwingt Schmalhans Küchenmeister das Zepter. Deswegen wollte Oberbürgermeister Wolfram Leibe die strukturelle Umwandlung der gesamten städtischen Kulturszene einschließlich des Theaters unter der Regie eines Kulturmanagers, der losgelöst von behördlichen Zwängen hätte agieren können. Doch der Stadtrat, jene Ansammlung von meist überforderten Feierabendpolitikern, die sich am Mittwochabend wieder einmal bis auf die Knochen blamierten und beredtes Zeugnis zu ihrer politischen Unkultur ablegten, verweigerte dem Stadtchef die Gefolgschaft. Sogar in seiner eigenen Partei stieß der Sozialdemokrat auf von Ignoranz verstopfte Ohren. Die panische Angst der kommunalen Provinzpolitiker vor dem Kontrollverlust wiegt in den Köpfen schwerer als das Wissen um die unhaltbaren Zustände auf dem Kultursektor. Alles soll bitte so bleiben, wie es ist. Das ist übrigens das erste politische Grundgesetz Triers.

Ignoranz und Borniertheit

Folglich bleibt auch die zehnprozentige Haushaltssperre bei den freiwilligen Leistungen bestehen. Institutionen wie Europäische Kunstakademie müssen sich wegen des Theaters mit geringeren städtischen Zuschüssen abfinden, und auf dem sozialen Sektor – etwa bei TAT (Trier Aktiv im Team) – geht ohne das finanzielle Wohlwollen regionaler Unternehmen und das hohe ehrenamtliche Engagement Trierer Bürger überhaupt nichts mehr. Aktuell blitzt die Stadt übrigens nicht mehr fürs Theater, sondern fürs Sozialdezernat, weil die Kassen leer sind. Die FAZ listete Trier jüngst bei den zehn am höchsten verschuldeten Großstädten Deutschlands auf. Platz neun zwar noch hinter Ludwigshafen, aber noch vor Mainz bei einer Pro-Kopf-Verschuldung von 6.985 Euro, was mithin einer Gesamtverschuldung von 800 Millionen Euro entspricht.

Dennoch wird das Theater auch in der kommenden Spielzeit mehr als 16 Millionen Euro auffressen, wovon das Land – und damit ebenfalls der Steuerzahler – gut sechs Millionen Euro stemmt. Die Eigendeckung aber liegt mit 70.000 Besuchern inzwischen bei weniger als zehn Prozent. Auch deswegen sagte Leibe, dessen Vorstoß zur Strukturveränderung vom Stadtrat in den Wind geblasen wurde: Über die Zukunft des Kulturhauses werde mit den Füßen abgestimmt. Punkt. Und über Neubau oder Sanierung des Hauses werden die Trierer voraussichtlich in einem Bürgerentscheid befinden, sofern der Stadtrat sich überhaupt irgendwann einmal dazu bequemt, einen Grundsatzbeschluss zu fassen.

Langner weiß um die Miseren. Bezweifelt werden aber darf, dass ausgerechnet die angeblichen Kulturfachleute aus der politischen Szene ihm komplett reinen Moselriesling während der Gespräche eingeschenkt hatten. Denn in der Findungskommission saßen just jene Protagonisten aus dem Kaffeekränzchen-Kulturausschuss, die den vom reporter aufgedeckten Theater-Skandal des vergangenen Jahres eskalieren ließen. Wie etwa Dorothee Bohr von der CDU, deren Satz “Geld ist ja da!” wie in Stein gemeißelt die gesamte Ignoranz und Borniertheit der Trierer Politik auf einen kurzen Nenner bringt. Langner wird also kaum um den besonderen Trierer Polit-Sumpf wissen, der getrübt ist von Neid, Missgunst, Eifersucht und einer gehörigen Portion Hass.

Die hausgemachten Probleme

Langner soll möglichst aus Gülle Geld machen. Foto: Rolf Lorig

Hinzu kommen die hausgemachten Probleme. Das Erbe des Doktor Sibelius aus dessen unheiliger Allianz mit weiten Teilen der Politik, hier vor allem mit der Unverantwortungsgemeinschaft von CDU und Grünen, wiegt weiter schwer. Die Nachbeben sind keineswegs verebbt. Seit Monaten arbeitet das Haus ohne Operndirektorin. Katharina John war offiziell erkrankt. Anfang Juni jedoch taucht die stellvertretende Trierer Intendantin auf Facebook im Inszenierungsteam des Karlsruher Theaters auf – bei Wagners Siegfried. Am Augustinerhof ward John hingegen nicht mehr gesehen, seit feststand, dass sie keine Chance auf den Intendantenposten haben würde.

Nach reporter-Informationen deutet sich somit die nächste juristische Auseinandersetzung zwischen der Stadt und einem Mitglied des Leitungsteams an. Das Rathaus lässt bereits arbeitsrechtliche Konsequenzen prüfen, weil John auf ihren Fünf-Jahres-Vertrag bis 2020 pochen kann. Noch sind die Anwälte nicht eingeschaltet, doch das dürfte nur eine Frage der kurzen Zeit sein. Es geht um die Vertragsauflösung mit John, die im Programmheft zur kommenden Spielzeit aus rechtlichen Gründen trotzdem als stellvertretende Intendantin ausgewiesen ist. Abfindungen wie im Fall des Schauspieldirektors Ulf Frötzschner sollen allerdings nicht mehr gezahlt werden. Das hatte Leibe bereits vor Monaten unmissverständlich klargestellt.

Doch damit nicht genug: Auf dem Schreibtisch des Oberbürgermeisters flattern praktisch täglich die Versetzungsanträge von Theater-Mitarbeitern ein. Nur weg, nur weg, ganz schnell weg, scheint die Devise zu lauten. Mit Andreas Kolf etwa verliert das Kulturhaus den Mann für alle Fälle. Der Allrounder, der praktisch an allen Fronten – von der Bühnentechnik bis hin zur EDV – einsetzbar war und zu jenen gehörte, die das sinkende Schiff über Wasser hielten, wechselt zum Mosel Musikfestival. Pressemann Dominik Huß hat inzwischen entnervt aufgegeben; er soll nun durch einen Marketingspezialisten aus Pforzheim ersetzt werden.

Es ist dies nur die Spitze des Eisberges, der unter Wasser längst gigantische Ausmaße angenommen hat. Trotzdem hält die Politik an ihren tradierten Formen fest, in unverbrüchlicher Nibelungentreue zum weiteren Trierer Grundgesetz: Es darf nicht sein, was nicht sein darf! Langner soll es nun richten und retten, den neuen Messias geben, der möglichst noch aus Gülle Geld machen kann. Dabei steht schon vor dem Amtsantritt des ehemaligen Finanzmannes fest: In Trier gerät er unter Geier – unter politische Aas- und wirtschaftliche Pleitegeier.

Extra

Manfred Langner wurde 1958 in Wiesbaden geboren. Er absolvierte eine Ausbildung in der Finanzverwaltung, studierte anschließend Jura und wurde 1994 Intendant des Grenzlandtheaters in Aachen. Seit 2009 ist Langner Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart.

Langners Gehalt in Trier wird bei rund 8.000 Euro brutto liegen – und damit unter dem bereits reduzierten Gehalt von 9.000 Euro seines Vorgängers Karl Sibelius. Sonstige Vergütungen sind nicht vereinbart. Allerdings steht Langner eine Erfolgsprämie zu, sollte die Zuschauerzahl die Marke von 100.000 überschreiten.

Jochem Hochstenbach studierte in Utrecht, Freiburg und Prag Klavier. Von 1994 an absolvierte er ein Dirigierstudium bei Uros Lajovic an der Hochschule für Musik Wien. 1997 trat er ein Engagement am Landestheater Linz an und wurde 1999 Kapellmeister. 2004 wechselte Hochstenbach als Erster Kapellmeister und Stellvertreter des Generalmusikdirektors ans Badische Staatstheater Karlsruhe. 2012 wurde er musikalischer Leiter der Sinfoniekonzerte des Festival Esterházy.

Hochstenbachs Gehalt als neuer Generalmusikdirektor liegt analog zu dem von Victor Puhl im mittleren vierstelligen Bereich.


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Dossier Theater, Featured, Kultur, Meinung 5 Kommentare

5 Kommentare zu Unter Geiern

  1. Schniddi

    Kawumm … es wurde aber auch Zeit, dass die Meute endlich mal wieder aufgeschreckt wird …

     
  2. Vorzeigedemokrat

    Eins vorweg: Kunst ist wichtig, aber nicht so! “Aktuell blitzt die Stadt übrigens nicht mehr fürs Theater, sondern fürs Sozialdezernat, weil die Kassen leer sind.” und das die gleichen Leute wieder über das Theater bestimmen (“Wie etwa Dorothee Bohr von der CDU, deren Satz “Geld ist ja da!”) macht mich nur noch sprachlos. Kunst auf Kosten der sozial Schwachen? Na, wenn das Bertolt Brecht noch miterleben müsste! Wie lang soll dieses Trauerspiel noch gehen, und wie lang auf Kosten der Allgemeinheit, der Jugendlichen, der Kinder, Sportler in Trier und so weiter, die auf Finanzmittel verzichten müssen, damit ein paar wenige am Theater ihren Intrigantenstadl aufführen und ihren Eitelkeiten frönen können!? Und bitte übermalt endlich das Konterfei von Sibelius auf der Rückseite des Theaters , bitte!

     
  3. Michael Aschner

    Ein Intendant, der mit Operntheater keine Erfahrung und bei seiner ersten Pressekonferenz keine Vision zu verkünden hat, sondern sich mit Gemeinplätzen behilft und seine Jahre bis zur Pension gerne Intendant sein möchte? War unter den mehr als sechzig Bewerbern keiner, der Trier in fünf Jahren als Impulsgeber der Theaterszene sieht? Herzliche Gratulation den Politikern, die aus Fehlern nichts gelernt haben.

     
  4. Karl Haeßler

    Es bleibt, Herrn Langnerund dem Theater, viel Erfolg zu wünschen.
    Ja, der Ansatz ist richtig – keine Experimente mehr, grundsolides Theater und das Publikum zurück gewinnen!

     
  5. Jack Bubu

    Na, ein wenig Geschmäckle?! Nächste Baustelle: Europahalle: “Eigentlich wäre am 31. Dezember dieses Jahres Schluss. Dann fällt die bislang verpachtete Halle (siehe Info) wieder an die Stadt Trier zurück, der sie gehört. Und die Betriebserlaubnis erlischt. Denn vor allem in Sachen Technik und Brandschutz ist die 40 Jahre alte Halle nicht auf dem heutigen Stand der Dinge.” Aber: “„Wir haben die Genehmigung der Bauaufsicht erhalten und dürfen die Halle für ein Jahr weiterbetreiben“, verkündet Schmitt.” Quelle Trierischer Volksfreund. Aha, beim Ex-Haus oder einem hohen Hotel am Moselufer war das ein wenig anders, oder!? http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/trier/Heute-in-der-Trierer-Zeitung-Dem-Exhaus-droht-der-Absturz-Wegen-Verstoessen-gegen-den-Brandschutz-beschraenkt-die-Stadt-Trier-die-Besucherzahl;art754,4225181 http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/trier/Heute-in-der-Trierer-Zeitung-Fehlender-Fluchtweg-Mangelnder-Brandschutz-NH-Hotel-schliesst-am-Montag;art754,3205764

     

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