Von der Macht der Bildung und utopischen Räumen

Joachim Król präsentiert im Theater Trier das Stück “Der erste Mensch“ vonAlbert Camus als szenische Lesung mit Musik. Foto: Stefan Nimmesgern

TRIER. Joachim Król, einer der bekanntesten deutschen Charakterdarsteller, gastiert am Samstag, 12. Januar, im Theater Trier. Ein Gastspiel, zu dem es wegen der starken Nachfrage leider keine Karten mehr gibt. Zusammen mit dem Orchestre du Soleil bringt Król in einer Produktion des Regisseurs Martin Mühleis die szenische Lesung “Der erste Mensch“ von Albert Camus auf die Bühne. Anke Emmerling erreichte Joachim Król in Prag, wo der Schauspieler derzeit einen Mehrteiler anlässlich des kommenden Jahrestags des Mauerfalls abdreht. Für den reporter hat er sich Zeit für ein Interview genommen.

Herr Król, was zieht Sie an diesem Projekt an?

Król: Da gibt es verschiedene Gründe. Es ist ein gutes Gefühl mit einer Tournee ins neue Jahr zu starten. Man kann Anlauf nehmen für alles Weitere, was das Jahr noch bringt, kommt herum und trifft eine Menge Leute. Nach unserer sehr erfolgreichen Zusammenarbeit mit “Seide“ von Alessandro Baricco hat unser Produzent “Der erste Mensch“ von Albert Camus vorgeschlagen. Das gleiche Konzept. Inszeniertes Licht, eine extra für diesen Abend komponierte Musik, fünf hervorragende Musiker und mein Versuch jeden Abend die Grenzen zwischen Vortrag und Schauspiel zu überschreiten. Die Reise Anfang 2018 hat ihm recht gegeben mit seiner Idee. Wir waren landauf, landab durchweg ausverkauft und sind mit viel Applaus belohnt worden. Ein Erlebnis, auf das wir wieder hoffen.

Was zieht Sie generell als jemand, der auch im Film erfolgreich, bekannt und beliebt ist, immer wieder auf die Bühne?

Król: Es ist das Live-Erlebnis. Der Moment der Unausweichlichkeit, nachdem der Vorhang sich geöffnet hat. Im Grunde hat fast jeder ernstzunehmende Schauspieler für dieses Erlebnis den Beruf gewählt. Das Theater ist wahrscheinlich der letzte Utopische Raum in unserer Gesellschaft. Hunderte von Leuten versammeln sich, um jemanden dabei zu beobachten, wie ihm etwas gelingt. Was für eine wunderbare Kraft, die sich uns da oben auf der Bühne jeden Abend vermittelt. Nennen Sie mir einen vergleichbaren Ort in unserer immer agressiver werdenden Ich-Gesellschaft.

Ebenfalls generell gefragt: Wie muss ein Stoff beschaffen sein, welche Herausforderungen muss er bieten, um Sie zu interessieren?

Król: So, wie es bei unserem Text um die Macht der Bildung geht, so kann ein Lernerlebnis bei dem Stoff, mit dem ich mich auseinandersetzen soll, nicht schaden. Es beflügelt, wenn es sich um etwas Neues, etwas Unbekanntes dreht. Aber ich will ehrlich sein: Nicht selten sind die Herausforderungen klein und die Motive für die Beschäftigung damit profan.

Haben Sie sich vorher selbst mit Camus beschäftigt, kannten Sie “Der erste Mensch“ bereits?

Król: In meiner Schulzeit war Camus Schullektüre. Sein Spätwerk kannte ich jedoch nicht.

Können Sie sich erklären, warum das Werk erst 34 Jahre nach Camus´ Tod veröffentlicht wurde?

Król: Ich denke, dass die Rechtehalter Angst hatten, dieses außergewöhnliche Werk dem “Camus”, der schon auf dem Markt war, gegenüberzustellen. Vielleicht konnten sie mit diesem neuen, sich der frühen Biographie widmenden Schriftsteller, nichts anfangen und hatten Angst, dass es den potenziellen Lesern auch so gehen könnte. Wenn es so war, haben sie sich geirrt.

In der Pressemitteilung war zu lesen, das es in den Produktionen von Herrn Mühleis unter anderem darum geht, Literatur populär zu machen: Warum gehört Ihrer Meinung nach ausgerechnet Camus’ autobiografische Geschichte unbedingt auf die Bühne, und warum heute?

Król: Diese Geschichte führt uns vor Augen, welche Möglichkeiten sich einem Menschen durch Bildung eröffnen können. Unfassbar, dass wir heutzutage wieder um Chancengleichheit und gegen Analphabetismus in unseren scheinbar so zivilisierten Gesellschaften kämpfen müssen.

Literaturadaptionen sind meist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Der Stoff, um den es hier geht, die Kindheit eines sensiblen und bildungshungrigen Kindes in einem Umfeld, das von Überlebenskampf und Analphabetentum geprägt ist, klingt sperrig und faszinierend zugleich. Über was finden Sie Ihren persönlichen Zugang dazu, was berührt Sie, wo gibt Ihnen die Geschichte vielleicht sogar Möglichkeiten zur geistigen oder emotionalen Identifikation?

Król: Faszinierend ja, sperrig überhaupt nicht. Ich habe sofort gemerkt, dass der Text mit mir persönlich zu tun hat. Genau wie bei Camus gab es diesen Schlüsselmoment, gab es diesen Tag, an dem mein Hauptschullehrer meine Eltern aufsuchte und sie davon überzeugte, mich aufs Gymnasium zu schicken. Ein für heutige Verhältnisse wohl kaum mehr vorstellbarer Vorgang. Ein junger, engagierter Lehrer besucht nach Feierabend das Elternhaus eines seiner Schützlinge und stellt damit wahrscheinlich die Weichen für dessen zukünftiges Leben. Als Gymnasiast kam ich dann natürlich später auch mit Camus (und Sartres) Literatur in Berührung. Und noch später war es schick, bei Rotwein und schwarzen Zigaretten über Existenzialismus zu diskutieren.

Was ist für Sie persönlich die größte Herausforderung dieser Produktion?

Król: Die Herausforderung liegt darin, an jedem Abend mithilfe der wunderbaren Musiker bei unserem Publikum “Kopf-Kino” entstehen zu lassen. Eine Beschreibung, die wir auf den letzten Tourneen häufig gehört, und die wir uns zu eigen gemacht haben. Wenn uns das gelingt, ist es für alle Beteiligten ein gelungener Abend.

Sie schlüpfen in die Rolle des Ich-Erzählers – ergreift die Erzählung Besitz von Ihnen, (er)leben Sie das Geschilderte mit?

Król: Wenn ich möchte, dass das Publikum die Geschichte miterlebt, muss ich sie auch erleben. Darüber hinaus habe ich natürlich die Aufgabe, dem Publikum Zeit zu lassen und der Musik zu folgen. Sehr komplex. Sehr erfüllend.

Wie gehen Sie an die Aufgabe heran, das persönliche Erleben eines anderen Menschen möglichst authentisch greifbar zu machen?

Król: Vor dem Vermitteln liegt das Verstehen.

Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis oder Botschaft aus “Der erste Mensch“?

Król: Gewalt wächst auf Vorurteilen. Vorurteile wachsen auf Angst. Angst wächst auf Unwissenheit. Gegen Unwissenheit hilft nur Bildung.

Hintergrund

“Der erste Mensch“ ist die autobiografische Kindheitsgeschichte Albert Camus, die er 1958, ein Jahr nach seiner Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis zu schreiben begann. Der Schriftsteller, der 1913 als zweiter Sohn einer Einwandererfamilie in Algerien geboren wurde, schildert darin, wie er nach dem frühen Tod seines Vaters im ersten Weltkrieg in einem armen Stadtviertel Algiers aufwuchs. Die spanischstämmige Mutter brachte die Familie als Putzfrau durch, die Großmutter übernahm die Erziehung, beide waren Analphabetinnen. Sein Bildungshunger und ein engagierter Volksschullehrer befreiten Albert Camus schließlich aus dem rohen Umfeld. Ab 1924 konnte er als Stipendiat das Lycée in Algier besuchen, studierte später Philosophie und entwickelte sich schließlich zum erfolgreichen Autor, dem mit dem Nobelpreis höchstmögliche Anerkennung zuteil wurde. “Der erste Mensch“ ist das letzte Werk aus seiner Feder – das Manuskript wurde beim tödlichen Unfall Camus´ 1960 in seinem Auto gefunden, jedoch erst 34 Jahre später veröffentlicht.

Dass Joachim Król dieser Geschichte auf der Bühne Gesicht verleiht, ist kein Zufall. Aus zahllosen Film- und Bühnenproduktionen (Der bewegte Mann, Lutter, Brechts Dreigroschenfilm) ist er als emotionaler und feinfühliger Charakterdarsteller bekannt. Und zusammen mit Martin Mühleis, dem Regisseur und Produzenten von “Der erste Mensch“, feiert er seit vier Jahren Erfolge mit “Seide“, einer poetischen Parabel auf die Liebe. Martin Mühleis bearbeitet literarische Werke für die Bühne und hat dafür eine eigene Ausdrucksform zwischen Melodrama und Revue entwickelt. “Der erste Mensch“ im Theater Trier wird ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Lichtinszenierung und Rezitation sein. (ae)


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Erstellt am Autor Anke Emmerling in Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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