Von der Macht des Hungers

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TRIER. Eine ergreifende, wunderbar lebendig erzählte Geschichte hat am Samstagabend das Publikum im voll besetzten Theater Trier gefangen genommen. Joachim Król rezitierte “Der erste Mensch“, den autobiografischen Rückblick Albert Camus’ auf seine Kindheit. Króls Vortrag wurde von Live-Musik eines fünfköpfigen Ensembles begleitet, die die Stimmungen des Gelesenen vertiefte und weitertrug. Das eröffnete den besonderen Zugang intensiven Miterlebens. Für den reporter hat Anke Emmerling im Theater Trier die von Joachim Król ergreifend rezitierte Kindheitsgeschichte von Albert Camus miterlebt.

Schwarz-weiße Filmaufnahmen aus der Tagesschau im Oktober und November 1957 bilden eine Klammer um den Rezitations-Abend im Theater Trier. Es sind Berichte von der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Albert Camus. Sie zeigen den Autor geehrt und geachtet im Kreise mächtiger, reicher und schöner Menschen.

Umso unglaublicher ist die Geschichte, die sich zwischen diesen Anfangs- und Endpunkten auf der Bühne entfaltet. Es ist die eines kleinen Jungen aus einem Elendsviertel in Algier. Seinen Vater, einen im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, hat er nie kennengelernt. Er wächst zwischen dem strengen Regiment seiner Großmutter und dem beharrlichen Schweigen seiner Mutter auf. Beide Frauen sind Analphabetinnen, verhaftet in einer von entsetzlicher Armut und Unwissenheit geprägten Welt. Düsteres Licht, getragene Musik und Gesten, die Verzweiflung ausdrücken, bringen die bedrückende Stimmung nahe, die das Kind in sich getragen haben muss, als es von der Großmutter zum gemeinsamen Mittagsschlaf gezwungen oder mit einer Peitsche zum Gehorsam geprügelt wurde.

Ein Moment unschuldigen Glücks

Camus hat seine Erlebnisse in eine plastische, lebendige und mit Humor gewürzte Sprache gekleidet, der Joachim Król ausdrucksvollen Klang gibt. Er spielt zwar die Szenen nicht, sondern deutet sie, auf einem Barhocker sitzend, nur gestisch an, aber er erzählt so authentisch, als schlüpfe er selbst in die Haut des Protagonisten. Und so reißt es ungeheuer mit, als er das Tempo anzieht, lauter spricht und mit einem Leuchten in den Augen die Flucht des Jungen aus dem großmütterlichen Bett und der dunklen Behausung an den nahen Strand schildert. Zwischen einem Bad im Meer und dem Fußballspiel mit Freunden im warmen Sand wird ein Moment unschuldigen Glücks spürbar.

Das Licht auf der Bühne ist nun hell wie das der Sonne, im Hintergrund jubiliert eine Klarinette zu warmen orientalischen Rhythmen von Bass, Oud, Perkussionsinstrumenten und Akkordeon. Dann wieder folgt, untermalt von traurigen Klängen, eine erschütternde Episode, die ein starkes Bild vom Elend der Armut und dem notgedrungen hohen Anspruch an Moral zeichnet, mit dem Camus aufgewachsen ist: Bei einer Besorgung für seine Familie unterschlägt er zwei Francs Wechselgeld und lügt seiner Großmutter vor, die Münze sei in den Abort gefallen. Die Großmutter durchwühlt daraufhin mit bloßen Händen die Exkremente, um das Geld zu suchen. Der Junge versteht plötzlich, wie ernst die Not seiner Familie ist, und schämt sich sehr für seine Unehrlichkeit.

Mit dem Besuch der Grundschule eröffnet sich dem Kind eine ungeahnte Perspektive. Es findet im Lehrer Monsieur Germain einen “Ersatzvater“, der es bedingungslos annimmt und fördert: “Bei Monsieur Germain fühlten wir zum ersten Mal, dass wir existierten und Gegenstand höchster Achtung waren: Man hielt uns für würdig, die Welt zu entdecken“.

Langanhaltender Applaus

Von nun an erleben die Zuschauer die faszinierende Entdeckungs- und Entwicklungsreise eines nach Bildung hungrigen jungen Menschen mit. Gierig verschlingt er Bücher, die er sich in der Bibliothek nach Zufallsprinzip aussucht. Ob sie gut oder schlecht sind, interessiert ihn nicht, Hauptsache, sie vermitteln eine Ahnung von Welten, die ihm noch unbekannt sind.

Als Monsieur Germain gegen den anfänglichen Widerstand der Großmutter dafür sorgt, dass der Junge als Stipendiat das Gymnasium besuchen kann, wird dieser dann auch ganz real in eine neue Welt katapultiert. Er spürt nun deutlich die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Bildung und Unwissenheit, pendelt zwischen Scham und Stolz. Ihm fällt auf, dass seine Familie keine überlieferte Vergangenheit hat, und so empfindet er sich als “den ersten Menschen“, einen, der sich schutzlos und ohne Leitschnur in eine ungewisse Zukunft begibt. Er bewegt sich nun zwischen Gymnasium und Zuhause in zwei Kosmen, die keine Verbindung zueinander haben. Damit beginnt ein schmerzhafter Abschied von der Kindheit ins Erwachsenenalter, bei dem jedoch eins bleibt: Der Respekt gegenüber den Menschen, die ihm trotz ihrer Not das Rüstzeug für eine starke Existenz gegeben haben.

Joachim Król und dem Orchestre du Soleil aus Christoph Dangelmaier (Komposition, Bass), Samir Mansour (Oud), Maria Reiter (Akkordeon), Ekkehard Rössle (Klarinette, Saxofon) und Jerome Goldschmidt (Perkussion) gelingt unter Regie von Martin Mühleis ein hervorragendes Zusammenspiel zwischen Sprache und Musik, das die gehaltvolle Geschichte als Kopfkino erlebbar macht. Faszination, Ergriffenheit und Begeisterung des Publikums äußern sich am Schluss in langanhaltendem Applaus und Ovationen.


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Erstellt am Autor Anke Emmerling in Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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