Weltoffen, begegnungsstark und völlig entspannt

Viele beteiligen sich an der Kunst-Installation im Gartenfeld. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Es sollte ein ganz besonderes Fest werden: Die ‟Kunst-Brücke‟ im Gartenfeld. Ob es ein ganz besonderes Fest wurde, muss jeder der Besucher für sich entscheiden. Auf jeden Fall war es ein äußerst bemerkenswertes Fest: weltoffen, begegnungsstark und völlig entspannt.

Von Rolf Lorig

Es gibt Begriffe, die wollen einfach genutzt und in direkte Zusammenhänge gestellt werden. Kunst-Brücke. Jeder denkt spontan an Bildende Kunst. Und hat damit auch Recht. Denn für die Bildende Kunst im Fall der Gartenfeld-Brücke steht bei diesem Fest die Künstlerin Annamalt Patin.

Andere sehen die Wortschöpfung. Das Wort Brücke bedeutet für sie ‟Brücken bauen‟ oder “Brücken verbinden‟. Einer, der so denkt, ist der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe.

Auch der OB macht mit – hier mit den beiden Organisatorinnen Annamalt (links) und Marion Poma (Mitte)

Viele haben spontan geholfen

Annamalt ist eine Künstlerin, die ihr Atelier in Föhren hat. Und wie ihr Künstlername unschwer verrät, arbeitet sie als Malerin. Ihre Bilder hat sie an diesem Tag in Föhren gelassen. ‟Die sind zu groß, das hätte hier nicht gepasst‟, sagt sie im Gespräch mit dem reporter. Dafür hat sie sich mit zwei anderen Kunstwerken eingebracht. Aus Ballonseide hat sie zusammen mit 25 – 30 Menschen lange Streifen geschnitten. Und die dann später mit einem ähnlich großen Kreis an der Eisenbahnbrücke im Gartenfeld zu einer Installation angebracht. Die Menschen, die ihr dabei geholfen haben, kommen aus allen Teilen der Welt. Flüchtlinge waren ebenso daran beteiligt wie Menschen, die quasi von Geburt an im Gartenfeld wohnen.

Passanten, die die Brücke überqueren, vermuten an diesem Tag ein Kindergartenfest. Knapp daneben. Wer will, kann an jedem dieser bunten Streifen ein Schild oder einen Schlüssel anbringen. ‟Jeder Schlüssel, jedes Schild stehen als Zeichen für eine weltoffene Gesellschaft‟, sagt Annamalt.

Seit 20 Jahren lebt der iranische Künstler Ali Anvari (39) in Trier. Hier befestigt er mit seinen Töchtern Loreena (6) und Ava (3) Schlüssel an den bunten Bändern.

750 Schlüssel für die europäische Idee

Ein Stück entfernt, vor dem Kaufladen, steht ein weiteres Kunstwerk. Ein Türrahmen mit einer Tür. Das Türblatt besteht aus 750 miteinander verschweißten Schlüsseln. Die Tür ist offen, man kann durch sie hindurchgehen. An der Eingangsschwelle steht mit weißer Farbe ‟Europa‟. Gefertigt hat dieses Kunstwerk Edward Naujok, der im vergangenen Jahr verstorbene Partner von Annamalt. Dass seine Eingangstür bei diesem Fest dabei sein wird, habe er noch erfahren und diese Idee für gut befunden, sagt Annamalt und winkt eine zierliche Frau heran. Marion Poma ist die eigentliche Organisatorin der Veranstaltung. Zwei Jahre hat sie gemeinsam mit ihrem Verein ‟menschMITmensch‟ die Planungen zu diesem Fest vorangetrieben. Die frühere EU-Beamtin lebt auch nach ihrer Pensionierung die europäische Idee. Als sich 2015 die Flüchtlingsströme gen Europa auf den Weg machten, gründete sie den Verein. ‟Unterschiedliche Herkunft und unterschiedliche Fähigkeiten werden zu einer gegenseitigen Bereicherung führen‟, zeigte sie sich damals überzeugt. Ein Argument, dem etliche Trierer folgten. Knapp 40 aktive Mitglieder hat der Verein, der den Flüchtlingen bei den erforderlichen alltäglichen Besorgungen und Erledigungen unterstützend zur Hand geht. Aber auch den Künstlern unter ihnen Stimme und Unterstützung gibt.

Der neunjährige Cian probiert die europäische Pforte aus. Im Hintergrund Annamalt.

Marion Poma mag die Kunst, mag die verschiedenen Darstellungs- und Ausdrucksformen. Über den Verein, der Mitglied im TUFA-Dachverband ist, finden die Künstler unter den Flüchtlingen eine neue Wirkungsstätte, um ihrer Passion und Berufung nachgehen zu können.

Viele Brückenbauer im Gartenfeld

Für den Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe ist Marion Poma eine wirkliche Brückenbauerin. Dass sie mit ihrem Verein und der Künstlerin Annamalt ‟mit sehr wenig Geld‟ dieses Fest auf die Beine gestellt hat, rechnet er den Beteiligten hoch an. ‟Denn solche Aktionen schlagen im wahrsten Sinne des Wortes Brücken zwischen Einheimischen und Neu-Trierern‟, befindet er.

Sie machen gemeinsam Musik: Steff Becker (2. von rechts) und Freunde aus mehreren Nationen.

Brückenbauer finden sich an diesem Tag viele ein im Gartenfeld. Verbände und Organisationen, die sich der Flüchtlingsarbeit verschrieben haben. Aber auch Einzelpersonen, wie der Trierer Ausnahmekünstler Steff Becker, der mit seiner Musik auch an diesem Tag Menschen aller Nationen im Herzen berührt und zusammenführt.

Bleibt zum Schluss nur die Frage: ‟Warum das Gartenfeld?” Marion Poma, die seit 17 Jahren dort im Viertel lebt, zögert nicht: ‟Weil diese Brücke einfach danach ruft, Menschen zusammenzuführen.” Und wie geht es weiter? Auch zu dieser Frage gibt es bereits konkrete Pläne: ‟Im Herbst werden Studierende aus dem Bereich Gestaltung hier zeigen, wozu sie in der Lage sind.”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 2 Kommentare

2 Kommentare zu Weltoffen, begegnungsstark und völlig entspannt

  1. Rafik Grünberg

    Überwältigender Zuspruch heute an der Gartenfeldbrücke! Die Frage, wie es weiter geht mit den Aktionen rund um die KUNSTBRÜCKE GARTENFELD lässt sich präziser beantworten: für den August dieses Sommers hat die freie Künstlergruppe ZINKFLUG die Aktion RICHTUNGEN konzipiert:zusammen mit Refugees und Einheimischen werden die Pfeiler der Gatenfeldbrücke mit hunderten von Richtungs-und Hinweisschildern versehen – darauf die jeweiligen Herkunfts- oder Sehnsuchtsorte der Beteiligten. Alles natürlich wieder bunt! Schaut also auf der Brücke vorbei – im August!

     
  2. Annamalt

    Bis Ende Juli geht die Kunstaktion “Willkommen – Hand in Hand mit Europa” an der Gartenfeldbrücke weiter! Jeder kann noch mitmachen und einen alten Schlüssel an eins der bunten Bänder befestigen und/oder einen Gruß bzw. eigene Botschaft auf die Schildchen schreiben.
    Ich danke allen Mitmachenden.
    Annamalt

     

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