Wenn Träume in Erfüllung gehen

Was wären Mittelalter-Tage ohne die Darbietungen von Gauklern? Fotos: Rolf Lorig

Was wären Mittelalter-Tage ohne die Darbietungen von Gauklern? Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Die Möglichkeiten für Zeitreisen reißen nicht ab: Nach dem Trip in die Römerzeit am vergangenen Wochenende in den Kaiserthermen war es nun der Palastgarten, der zur Begegnung mit dem Mittelalter einlud. Die Trierer Agentur tri-event hatte dazu um 200 Mitwirkende aus ganz Europa nach Trier geholt. Doch Sprachprobleme gab es bei dieser zweitägigen Veranstaltung keine

Von Rolf Lorig

Wer Sascha Kropp, einen der beiden Veranstalter, sucht, tut das am besten inmitten der historisch gewandeten Menschen. Mit seinem gräflichen Ornat fügt er sich bestens ein in die Szene. Und die kennt und schätzt einander. Vor allem die professionelle Ausrichtung der Veranstaltung. Und die spricht sich herum. Aus Budapest ist Villö Horvath angereist. Sie hat kleine tönerne Flöten mitgebracht, die Ocarina. Ein Instrument, das auch schon im Mittelalter gespielt wurde, sagt sie. Besonders Kinder mögen diese Flöte, die von ihrer Form her an einen kleinen Vogel erinnert.

Julia Pöpelt und Frank Simpelkamp sind begeisterte Besucher der Mittelaltertage.

Julia Pöpelt und Frank Simpelkamp sind begeisterte Besucher der Mittelaltertage.

Stichwort Kinder. Was bei der Veranstaltung im Palastgarten auffällt,  ist das kostenlose Betreuungsangebot für Kinder. Eltern haben hier die Chance, ihren Nachwuchs für ein paar Stunden abzugeben. Bei dem ‟Drei-Kronen-Projekt‟ werden die Kinder von Pädagogik-Studenten der Uni Trier betreut. Spielerisch wird den Kindern vermittelt, dass sie nicht plötzlich im Mittelalter gelandet sind sondern dass moderne Menschen hier zeigen, wie unsere Vorfahren vor Hunderten von Jahren gelebt und gearbeitet haben. ‟Die Kinder erleben hier unter der fachkundigen Aufsicht Geschichte‟, sagt Kropp und weist stolz darauf hin, dass das Trierer Unternehmen der einzige Veranstalter von Mittelalter-Tagen ist, der so etwas anbietet.

Rund 60 Verkaufsstände

Ohne Falknerhandschuh: Paul Maus und sein Uhu.

Ohne Falknerhandschuh: Paul Maus und sein Uhu.

Rund 800 Kilometer Anreise haben Jürgen und Marlies Kurth hinter sich. Sie kommen aus einem kleinen Ort ‟mitten in Schleswig Holstein‟. Jürgen Kurth ist Seiler. Seine Kunden sind vor allem Kinder und Marktbeschicker. Aber auch Landwirte, die hier gerne Bullen-Halfter kaufen. ‟So etwas bekommt man nur noch bei einem Seiler zu kaufen‟, sagt Kurth. Er kommt selbst aus der Landwirtschaft, der Beruf des Seilers begleitet ihn aber schon von Kindesbeinen an. ‟In der Landwirtschaft haben wir schon immer unsere eigenen Seile gemacht‟, verrät er.  In Trier ist das Ehepaar zum ersten Mal. ‟Sascha Kropp hat uns im Internet entdeckt, dann haben wir sehr schnell zueinander gefunden.” Er habe die weite Anreise nicht bereut: ‟Das sind absolut nette Leute hier, die sind sehr interessiert und man kommt schnell mit ihnen ins Gespräch.”

Zwei Ritter: Shayne Murphy und sein Sohn Trevor.

Zwei Ritter: Shayne Murphy und sein Sohn Trevor.

Dicht an dicht reihen sich auf den Wiesen die Zelte der Akteure. Rund 60 Verkaufsstände – vom Schmuck über Spielsachen, Kleidung bis hin zu Messern und Schwertern – sind auf dem Gelände, nach Feierabend sitzen die Menschen in der Taverne oder aber in ihren Zelten und feiern miteinander. Viele Zelte sind während des Tages leer. Nicht aber das von Matthias Künster. Er ist mit seiner ganzen Familie vor Ort, ist Teil der Gruppe Sifjar Inn Falker Ja Inn Dreker. Ein eingetragener Verein aus Rieden bei Mendig, der mal über 20 Mitglieder hatte. Heute sind es noch 14, sagt Künster. Der Sinn des Vereins ist die Förderung und Darstellung mittelalterlichen Kulturgutes. Und dazu gehört einfach alles, vom Waffengang bis hin zur Herstellung von Kleidern. ‟Wer heute eine neue Hose braucht, geht ins Geschäft und kauft sich eine. Das aber war früher nicht möglich, da musste erstmals über Wochen Stoff hergestellt werden, aus dem dann die Hosen gearbeitet werden konnten‟, gibt Künster zu bedenken. Und genau diese Dinge sind es, die die Besucher in zahllosen Gesprächen von ihm wissen wollen.

“Die Moselaner sind sehr offen”

‟Unsere Teilnehmer geben uns die Rückmeldung, dass die Trierer viele Fragen haben‟, sagt Kropp. ‟Die Leute hier suchen förmlich das Gespräch.” Das gilt auch für den Medicus, der zum ersten Mal in Trier mit dabei ist. Bodo Werner ist im richtigen Leben Heilpraktiker, er hat eine Naturheilpraxis in Kirrweiler bei Idar-Oberstein. ‟Die Moselaner sind sehr offen‟, hat er festgestellt.

Villö Horvath aus Budapest verkauft handgefertigte Ocarinas.

Villö Horvath aus Budapest verkauft handgefertigte Ocarinas.

Victor Berbekucz ist ein Schmied und kommt aus Ungarn. ‟In der Szene hat der Mann einen erstklassigen Ruf‟, weiß Sascha Kropp. Wer ein erstklassiges, handgeschmiedetes Schwert wolle, kaufe das bei Berbekucz. Dann hat die Qualität aber sicher einen stolzen Preis? Der Schmied winkt ab. Zwischen 130 und 200 Euro nimmt er für eines seiner Schwerter. Eine Summe, die angesichts des Produktes in der Tat niedrig anmutet. Zwischen zehn bis 15 Schwertern verkauft der Ungar bei einer Veranstaltung. Aber auch Lederartikel und Messer hat er im Angebot.

Antrieb mit Muskelkraft: das Kettenkarussell

Antrieb mit Muskelkraft: das Kettenkarussell

Wenige Schritte weiter bietet die Schneidermeisterin Karin Konrad selbst gefertigte Kleider an. Für die Fans der Mittelalter-Szene fertigt sie Auftragsarbeiten aller Art an: Hüte, Gewandungen, Unterwäsche. Kann man davon leben? Karin lacht: ‟Sonst würde ich es nicht machen.” Doch dann räumt sie ein, dass sie in ihrer Schneiderei in Dillingen auch ganz normale neuzeitliche Aufgaben übernimmt.

Begegnungen mit Menschen wie Karin Konrad sind typisch bei einem Rundgang über das Gelände. Denn alle Aussteller gehen einem ganz normalen bürgerlichen Beruf nach. Und wenn es dann jemand schafft, das Hobby mit dem Broterwerb zu verbinden, dann ist vermutlich in dem ein oder anderen Fall ein Traum in Erfüllung gegangen…


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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