“Wir sind die Trier-Partei!”

Ulrich Dempfle (links) und Bernhard Kaster, hier mit OB-Kandidatin Hiltrud Zock, sondieren für die CDU nach der Stadtratswahl in Trier.

Ulrich Dempfle (links) und Bernhard Kaster mit OB-Kandidatin Hiltrud Zock – der Hoffnungsträgerin der Union.

TRIER. Der Ritterschlag des Parteitages nach allen Regeln der juristischen Kunst fehlte noch: Seit Dienstagabend ist Hiltrud Zock auch offiziell Kandidatin der Trierer CDU für das Amt des Oberbürgermeisters. Die Christdemokraten hoben die Unternehmerin auf ihrem Parteitag mit dem Traumergebnis von 98,9 Prozent auf den Schild – bei 95 Ja-Stimmen, einer Enthaltung und nur einer Gegenstimme. Der Kür folgte minutenlanger Applaus in der Orangerie am Nells-Park-Hotel für die Frau, die parteilos antritt, aber stets betont, sie stehe zu den Grundwerten der CDU und deren Stadtpolitik.

Von Eric Thielen

Von Nervosität keine Spur, nur beim Genus hakte es noch etwas: Oberbürgermeister oder doch Oberbürgermeisterin? In der langen Liste der patriachalisch geprägten Ahnengalerie Trierer Stadtoberhäupter von Anton Josef Recking bis hin zu Klaus Jensen fällt die Orientierung durchaus nicht leicht, will man als erste Frau den Chefsessel im Rathaus erobern. Also blieb Hiltrud Zock bei der männlichen Form: “Ich möchte Oberbürgermeister werden”, sagte die 51-jährige Unternehmerin am Dienstagabend. Biologisch dürfte das nicht einfach werden. Ihre Chancen, erste Oberbürgermeisterin in Deutschlands ältester Stadt zu werden, stehen hingegen nicht schlecht.

Zock pocht als Parteilose an die Tür des Rathauses. Die Ochsentour durch die parteiinternen Grabenkämpfe von ganz unten bis ganz nach oben blieb ihr erspart. Sie musste nie bei strömenden Regen Klinken putzen, um die Menschen an der Haustür vom Programm einer Partei zu überzeugen. Sie musste sich auch nie gegen Widersacher in den eigenen Reihen behaupten. So fehlt ihr der Stallgeruch, und das, findet die Union heuer, macht sie über die Parteigrenzen hinaus attraktiv.

Seit Parteichef Bernhard Kaster und Fraktionschef Dr. Ulrich Dempfle den Coup mit Zock in aller Stille ausbaldowerten, wächst die Zustimmung für die neue Frontfrau der Union. 92 Prozent Zustimmung erhielt sie beim ersten Parteitag im November, am Dienstagabend votierten knapp 99 Prozent der Mitglieder für Zock. Die 51-Jährige gilt längst als Hoffnungsträgerin der Konservativen. Denn dass Stallgeruch nicht zwangsläufig zum Erfolg führt, musste die CDU vor acht Jahren schmerzlich erfahren. Damals unterlag Ulrich Holkenbrink haushoch gegen Klaus Jensen. Erstmals seit 1946 (Heinrich Kemper) stellte die Union nicht den Oberbürgermeister der Stadt.

Doch damit nicht genug. Die Konservativen wurden 2009 durch die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP praktisch vom politischen Entscheidungsprozess abgeschnitten. Was folgte, war ein Lernprozess auch innerhalb der Union. “Wir mussten in uns gehen”, sagt einer am Rande des Parteitages. Denn die Mehrheit gegen die CDU war ein Schock für die bis dato erfolgsverwöhnten Christdemokraten. Deswegen sagt Kaster heute: “Nie wieder eine Mehrheit gegen die CDU.”

Der Partei-Chef gibt sich einerseits kämpferisch, sendet dann aber auch deutliche Signale an die andere große Fraktion im Rat. Kaster erinnert an die Zusammenarbeit zwischen Helmut Schröer und dem SPD-Mann Peter Dietze – etwa bei Organisation und Durchführung der Landesgartenschau vor zehn Jahren. “Eine Erfolgsgeschichte”, sagt er und meint damit nicht nur die Entwicklung auf dem Petrisberg.

Zwar will die Union im Mai erneut stärkste Kraft im Rat werden, doch ohne die Sozialdemokraten werden Veränderungen, wie die Konservativen sie sich wünschen, kaum zu realisieren sein. Die CDU braucht die SPD. Und die wiederum braucht die Christdemokraten. Wenn SPD-Chef Sven Teuber einräumt, man habe mit der Ampel und der Wahl von Angelika Birk (Grüne) zur Bürgermeisterin einen Fehler gemacht, so schickt Kaster die Botschaft an den Kollegen postwendend zurück: Seit dem Ende der Ampel habe sich die Zusammenarbeit deutlich verbessert.

Was so viel heißt, wie: Der Groll der Union über die Sozialdemokraten ob deren Rückzug aus der Zusammenarbeit mit den Konservativen ist inzwischen verraucht. Vorbei die Zeiten, als der ehemalige Fraktionschef Berti Adams bei der Abstimmung über den Haushalt OB Jensen vor dem Rat ins offene Messer laufen lief – trotz vorheriger Absprachen im Steuerungsausschuss. Das ist auch bei der SPD inzwischen angekommen. Hinter den Kulissen des Wahlkampfes läuft die Annäherung zwischen Rot und Schwarz. “Wir arbeiten daran”, sagte ein führender Sozialdemokrat erst jüngst bei einer Veranstaltung. Die Union und auch Zock werden das mit Genugtuung aufnehmen.

Sind Birks Tage gezählt?

Schließlich drängen die Christdemokraten auch darauf, den Stadtvorstand umzubauen. “Wer dort eine Veränderung wünscht, muss CDU wählen”, sagt Kaster. Es ist längst ein offenes Geheimnis auf Triers politischer Bühne, dass das Zerwürfnis zwischen der CDU-Frau in der Stadtspitze, Simone Kaes-Torchiani, und Bürgermeisterin Birk nicht mehr zu kitten ist. Das ist die eine Seite. Andererseits sind die Konservativen inzwischen – ebenso wie die SPD – desillusioniert. Niemand traut Birk mehr zu, dass sie die großen Aufgaben, die auf die Stadt gerade in der Schulpolitik zukommen, wird bewältigen können. Niemand wolle oder könne mehr mit Birk zusammenarbeiten, sagt Fraktionschef Dempfle, der schon Ende März angekündigt hatte, nach der Wahl für geordnete Dezernate sorgen zu wollen.

Die Tage von Birk dürften folglich gezählt sein, sollten CDU und SPD sich trotz der Konkurrenz hinsichtlich der Besetzung des OB-Sessels zusammenraufen. Ob sich zudem Thomas Egger Sorgen um seinen Job machen muss, wird letztlich auch vom Ausgang der beiden anstehenden Wahlen abhängen. Immer wieder war in den vergangenen Wochen in der politischen Szene das Gerücht aufgetaucht, der Wirtschafts- und Kulturdezernent liebäugele nach seinem Austritt aus der FDP mit einem Eintritt in die SPD. Auch Egger ist bei der Union nicht unumstritten. Den Sozialdemokraten Egger aber könnte die CDU vielleicht noch schlucken, kommt die SPD den Konservativen beim Bürgermeisteramt entgegen. Wobei die Frage aktuell noch unbeantwortet bleibt: Will die SPD Egger überhaupt in ihren Reihen?

So ist es mehrdeutig, wenn Kaster von “Wochen und Monaten der Entscheidung” spricht und seine Parteifreunde auf einen harten Wahlkampf einschwört. “In diesen beiden Wahlen werden die Weichen gestellt”, betont der Partei-Chef, “und zwar nicht nur für die nächsten fünf Jahre, sondern auch darüber hinaus.” Und er schiebt nach: “Weitere Jahre des reinen Verwaltens hält die Stadt nicht mehr aus.” Die Kritik an Birk, aber auch am Führungsstil des Amtsinhabers Jensen ist deutlich. Die Ideen fehlten, kritisiert Kaster. “Geld hatte die Stadt nie”, sagt er, “aber früher wurde das durch Kreativität ausgeglichen.”

In Hiltrud Zock sehen die Christdemokraten ihre kreative Alternative zur aktuellen Verwaltungs-Kultur im Rathaus. Zocks Credo “Erst gestalten, dann verwalten” könnte durchaus als weiteres Leitmotiv für die Union gelten. Jenes für den Wahlkampf im Mai hatte Kaster bereits zuvor ausgegeben. “Wir sind die Trier-Partei!”, warf er in den Raum und traf damit die Stimmung seiner Parteifreunde.

Die neue Hoffnungsträgerin der Union hält sich ihrerseits mit detaillierten Aussagen oder Forderungen noch zurück. Sie bleibt allgemein, wenn sie von einer stärken Wirtschaftsförderung für Trier, dem Ausbau des Stadtmarketings oder auch vom weiten Feld der Bildungspolitik spricht. Zock weiß, dass die CDU, der sie zwar nicht angehört, deren Grundwerte sie aber verinnerlicht hat und deren Stadtpolitik sie unterstützt, zunächst ihre Hausaufgaben im anstehenden Kommunalwahlkampf erledigen muss. Erst danach schlägt ihre Stunde. Bereit ist sie. “Ja, das bin ich”, sagt sie, “und das mit ganz viel Begeisterung.” (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Headline, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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