Ab 2020 will der Verein wieder aus eigener Kraft arbeiten

Im linken Flügel des Haupthauses ist das sogenannte Bootshaus untergebracht, das nun in einen Veranstaltungsraum umgewandelt wird. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Das Trierer Exzellenzhaus, kurz Exhaus genannt, war in den vergangenen Jahrzehnten die Anlaufstelle für viele Jugendliche schlechthin. Doch das Exhaus ist in die Jahre gekommen. Die eigentlich erforderliche Generalsanierung wäre zu teuer gekommen. Dingender aber war der Brandschutz. Denn der entsprach nicht mehr den gesetzlichen Vorgaben. Zudem fehlte ein Aufzug für gehbehinderte Menschen. Rund 3,5 Millionen Euro sollte diese Erneuerung kosten. Doch wie so oft musste die Rechnung nach oben korrigiert werden. Das über viele Jahre praktizierte Sparprogramm rächte sich: Bei den aktuellen Arbeiten stellten Fachleute fest, dass der Hausschwamm, ein Pilz, weite Teile des alten Gebälks befallen hatte. Gefährlich, da dieser Pilz dem Holz seine Festigkeit entzieht. Neues Geld musste her. Aktuell spricht man nun von Kosten in Höhe von 4,3 Mio. Euro. Eine Summe, die sich durchaus noch erhöhen kann. Der reporter wollte wissen, wie lebt es sich auf der Baustelle? Wie viel Jugendarbeit kann hier noch stattfinden? Was passiert überhaupt noch im Exhaus, nachdem das Hauptgebäude aus Sicherheitsgründen geschlossen wurde? Cornelius Günther, kommissarischer Leiter der Einrichtung, und Stadtrat Philipp Bett (CDU), in dessen örtliche Zuständigkeit das Exhaus fällt, waren zu einem Gespräch bereit.

Von Rolf Lorig

Es ist still auf der großen Baustelle. Freitagnachmittag, das Wochenende steht vor der Tür. Cornelius Günther erwartet Philipp Bett und mich in seinem Büro. Wir halten uns nicht lange mit der Begrüßung auf, starten zu einem kleinen Rundgang. Verschlossene Türen überall dort, wo es zur Baustelle geht. “Aus Sicherheitsgründen”, sagt Cornelius Günther. Wir gehen über den Hof, vorbei an der eingerüsteten Fassade. “Das Gerüst wird hoffentlich bis zum Sommer des kommenden Jahres weg sein”, sagt Philipp Bett. Die Hoffnung schwingt in seiner Stimme hörbar mit. Cornelius Günther nickt. Auch er hofft darauf. Denn für die kommende Openair-Saison musste der Exhaus-Trägerverein bereits Bands buchen. “Die bekommt man nicht von einem Tag auf den anderen, da braucht es eine Vorlaufzeit von einem Jahr”, sagt er. Was er nicht sagt: Sind die Bands erst einmal gebucht, gibt es kein Zurück mehr. Wenn sie nicht auftreten können, sind heftige Konventionalstrafen fällig. Und das würde den seit Mai im Insolvenzverfahren befindlichen Verein noch mehr belasten.

Zwei, die sich für das Exhaus engagieren: Cornelius Günther (links) und Philipp Bett.

Notausgang für den Balkensaal

Wir gehen zum hinteren Seitenteil, dorthin, wo bis vor einiger Zeit der Kinderhort untergebracht war. Der wurde aus Sicherheitsgründen in die Grundschule St. Ambrosius verlegt. Nicht wegen baulicher Probleme: “Wir wollten einfach nicht riskieren, dass die Kinder mit der Baustelle in Berührung kommen”, erklärt Günther.

Das Exhaus-Team nutzt die Hort-Räumlichkeiten für Besprechungen aller Art. Außerdem werden hier die Bands untergebracht, die auch während der Bauzeit im Balkensaal, dem bis auf den Medienraum des Partners Rheinland-Pfalz – dort war früher das TV-Studio des Offenen Kanals − derzeit einzigen größeren nutzbaren Raum, auftreten. “Beim Balkensaal hatten wir das Glück, dass dort irgendwann in den 50ern und 60ern eine Kastendecke eingebaut wurde. Deshalb ist das Gebälk dort nicht vom Hausschwamm befallen.” Doch auch der Balkensaal musste für kommende Veranstaltungen fit gemacht werden: Hier wurde als Notausgang eine Außentür und eine Außentreppe angebracht.

Dass im Exhaus auch während der Bauphase Veranstaltungen stattfinden, ist für den Trägerverein überlebensnotwendig: “Wir brauchen jeden Euro und jeden Cent”, betont der kommissarische Leiter. Sein Amt hat der Streetworker im Frühjahr von Thomas Endres übernommen, der den Staffelstab aus persönlichen Gründen weitergegeben hatte. Auch Cornelius Günther hofft auf eine baldige Ablösung. Er arbeitet im achten Jahr im Exhaus, ist aus Pflichtbewusstsein dem Ruf der Insolvenzverwalterin, der Rechtsanwältin Christine Frosch, gefolgt. Seine berufliche Zukunft sieht er aber nicht als Hausleiter, sondern als Streetworker im Jugend-Kulturbereich. “Und, so gewünscht, auch als Stellvertreter.” Anfang des kommenden Jahres, so seine Hoffnung, könnte sein Nachfolger anfangen. “Und der oder die sollte vor allem den Schwerpunkt im betriebswirtschaftlichen Bereich haben.” Was für den Trägerverein mit Sicherheit von Vorteil wäre.

Was viele nicht wissen: Das Exhaus gehört als Bau zwar der Stadt, der Betrieb aber wird aus unterschiedlichen Quellen finanziert. Ein fester Zuschuss kommt von der Stadt. Darüber hinaus erlässt die Kommune dem Verein die Miete und übernimmt auch die Strom- und Heizungskosten. Auch das Land bringt sich über einen Zuschuss ein. Den Rest muss der Verein stemmen.

An dieser Stelle entsteht der neue Aufzug, der das Gebäude dann endlich auch für Gehbehinderte zugänglich macht.

Ziel- und Leistungsvereinbarungen

“Es gibt einen Vertrag, der das alles genau regelt”, erklärt Ratsmitglied Philipp Bett. Dieser Vertrag beinhalte auch Ziel- und Leistungsvereinbarungen, die regelmäßig auf den Prüfstand müssen und bei Bedarf neu verhandelt werden. “Eine offene Jugendarbeit kann nicht auf Jahre festgeschrieben werden. Sie basiert ganz wesentlich auf Freiwilligkeit. Die Jugendlichen kommen freiwillig zu uns. Wenn ich ein Rezept gefunden habe, das Jugendliche heute an dieses Haus bindet, dann heißt das nicht, dass das gleiche Rezept auch in drei Jahren noch tragfähig ist”, weiß Streetworker Günther.

Auch seine Findigkeit war durch die Umbauarbeiten und die damit einhergehende Schließung des Hauptgebäudes gefordert. Denn von einem Tag auf den anderen trugen die Ziel- und Leistungsvereinbarungen nicht mehr, weil die Wirkungsstätte fehlte. Zusammen mit dem Jugendpfleger der Stadt Trier entwickelte Günther binnen weniger Tage ein neues Konzept, das unter anderem auch durch die Einbeziehung des Streetworkers in Trier-Nord den Handlungsspielraum wiederherstellte.

Flexibilität ist derzeit von allen im Exhaus Tätigen gefordert. Denn im Augenblick stehen nur etwa 35 Prozent der Fläche zur Verfügung, was auch das Arbeiten in den Büros nicht immer einfach macht: “Da ist im Augenblick jedes Büro eine eigene Einheit.” Dass Flexibilität aber auch zu unverhofften Einnahmen führen kann, zeigt das Beispiel von Justizministerin Katarina Barley, die den Medienraum und den Balkensaal als Location für ihren 50. Geburtstag nutzte und mit der Miete den Trägerverein aktiv unterstützte.

Große Hoffnungen setzen Günther und Bett auch in die Nutzbarmachung des hauseigenen Bootshauses, das künftig als Ersatz für den nicht mehr nutzbaren Schimmelkeller dienen wird. Damit ist ein größerer Raum im linken Teil des Hauptflügels gemeint, in dem früher Boote aller Art gelagert wurden. Hier wächst nun ein Veranstaltungsraum heran, der bei Konzerten etwa 200 Gäste fassen wird. Der größte Veranstaltungsraum aber bleibt das “Exil”, das rund 400 Konzertgäste aufnehmen kann, gefolgt vom “Balkensaal” mit 300 Besuchern.

Eine neue Außentreppe führt zum ebenfalls neuen Notausgang des Balkensaales.

“Wir brauchen zukunftsträchtige Strukturen”

Philipp Bett kommt noch einmal auf das Thema Ziel- und Leistungsvereinbarungen zurück. “Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, müssen diese Vereinbarungen erneut auf den Prüfstand. Dabei wird die Frage lauten: Wie entwickelt sich das Haus weiter? Und nach der Insolvenz muss erst einmal ein Strich gezogen werden. Dann gilt es, die Strukturen zu betrachten. Was falsch gelaufen ist, muss geändert werden. Wir brauchen zukunftsträchtige Strukturen, die das Exhaus als verlässlichen Partner für die Jugendarbeit und die Stadt festigen.”

An ersten Überlegungen, wie diese aussehen könnten, wird bereits gearbeitet. Denn ab 2020 will der Verein wieder aus eigener Kraft arbeiten können. Und an dieser Stelle taucht ein Name auf, der im Exhaus noch immer eine besondere Strahlkraft hat: Albert Fußmann. Von 1988 bis 1998 leitete der Diplom-Pädagoge das Exhaus, heute ist er Direktor des Instituts für Jugendarbeit Gauting in München. Zuletzt war sein Name 2009 mit einer Bewerbung für die damals freie Dezernentenstelle für das Sozial- und Schuldezernat in Verbindung gebracht worden. Bekanntlich wurde diese Stelle aber an Angelika Birk vergeben. “Die Einbindung von Albert Fußmann in die Konzeptüberlegungen erfolgte auf Initiative des Landes. Das zeigt, dass das Land uns sehr gewogen ist”, freut sich Cornelius Günther.

Bis zum Sommer 2019 soll das Gerüst der Vergangenheit angehören

Beite Welle der Solidarität

Auch wenn Philipp Bett und Cornelius Günther mit den Gedanken schon ein Stück weiter sind – im Augenblick beherrscht die Baustelle noch das Geschehen. Und trotz des vorgetragenen Optimismus ist es fraglich, ob die Bauarbeiten tatsächlich im Sommer 2019 abgeschlossen sein werden. Die Fachleute halten sich da bedeckt. Beim Pressetermin im Oktober, bei dem der Fund des Hausschwamms im Mittelpunkt gestanden hatte, war Jugendamtsleiter Carsten Lang jedenfalls sehr um Druckausgleich bemüht gewesen. Er hatte mitgeteilt, dass die Stadt dem Jugendzentrum für das laufende Jahr zusätzlich einen Zuschuss von 120.000 Euro und im Jahr 2019 weitere 75.000 Euro zahlen will. Von dieser Summe seien 23.000 Euro als Puffer für den Fall gedacht, sollte es aufgrund von Verzögerungen bei den Sanierungsarbeiten zu Konzertausfällen kommen.

Cornelius Günther und Philipp Bett sind dankbar dafür. Und für mehr noch: “Die breite Welle der Solidarität, die wir mit der Bekanntgabe der Insolvenz erfahren haben, kam in einer Phase, in der wir diesen Zuspruch auch gebraucht haben. Das war überwältigend. Dazu kam die Gründung der Exhaus-Freunde, die die Agentur Ensch-Media ins Leben gerufen hatte. Dass sich solch eine Agentur kostenlos und ohne Vorbedingung in unseren Dienst stellte, das war eine Aktion, die wir nie vergessen werden”, sagt Günther. In dem Engagement der Exhaus-Freunde sieht er auch einen der Schlüssel, die in Zukunft mehr Partizipation ermöglichen werden.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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