Alle Arme des einen Flusses münden ins gleiche Meer

In der französischen Version spielte François Camus. Foto: Linda Blatzek

TRIER. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran ist im Theater Trier nun auch in deutscher Sprache und einer gelungenen Inszenierung zu sehen. Vielschichtig, essenziell, berührend, hervorragend inszeniert und gespielt, so lässt sich die Bilanz der ersten deutschsprachigen Aufführung von “Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran” im Theater Trier zusammenfassen. In dem zuvor mehrere Wochen in französischer Originalversion präsentierten Ein-Mann-Stück von Éric-Emmanuel Schmitt brillierte Gideon Rapp als ausdrucksstarker Darsteller.

Von Anke Emmerling

Die Erzählung “Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran” (Originaltitel: Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran, 2001) von Éric-Emmanuel Schmitt ist spätestens seit ihrer Verfilmung mit Omar Sharif weltweit bekannt. Hierzulande war sie schon kurz nach Erscheinen der deutschen Erstausgabe (2003) ein Bestseller und dient als Schullektüre für den Französischunterricht. Das wundert kaum, geht es doch in diesem Text um nicht weniger als um die elementaren Themen Menschwerdung und Spiritualität. Das Theater Trier hat die Geschichte unter Regie von Francois Camus als Einmann-Stück auf die Studio-Bühne gebracht, erst im französischen Original und nun auch in deutscher Sprache. Und, wie es der nicht enden wollende Applaus der Zuschauer bekräftigte, darf diese Inszenierung als weiterer Meilenstein der aktuellen Spielzeit gelten.

Von Anfang an fesselt sie mit einer ungeheuren Intensität. Es gibt nur einen Darsteller, Gideon Rapp, dem es obliegt, einen zu Beginn leeren Raum zu füllen. Außer einem noch verhüllten klobigen Holzsessel gibt es kein Requisit. Der Fokus liegt also allein auf dem Akteur, der in einen 90-minütigen Monolog eintritt. Darin lässt er die Geschichte des 13-jährigen jüdischen Jungen Moses aufleben, der ein trauriges, da liebloses Dasein in der Pariser Rue Bleu, einem Rotlichtbezirk, fristet. Er lebt bei seinem Vater, einem Rechtsanwalt, dessen Familie von den Nazis ermordet und der von seiner Frau verlassen wurde.

Moses muss den Haushalt führen, wird vom Vater ablehnend schroff behandelt, fühlt sich ungeliebt, immerfort schuldig und hat keinerlei Selbstbewusstsein. Bei seinen Einkäufen klaut er im Laden von Monsieur Ibrahim, dem “Araber an der Ecke” Konservendosen. Ibrahim lässt es durchgehen, weil er die Not des Jungen durchschaut, freundet sich mit ihm an und benennt ihn in “Momo” um. Der väterliche Freund tut Momos Entwicklung gut. Er lehrt ihn zu lächeln, und der Junge merkt, wie er dadurch die Herzen anderer Menschen gewinnt.

Als Momos Vater eines Tages Selbstmord begeht, weil er über die Traumata seiner Familienvergangenheit nicht hinwegkommt, adoptiert Ibrahim, der Moslem, den jüdischen Jungen, der sich zwischenzeitlich “Mohammed” nennt. Sie kaufen ein Auto und fahren durch ganz Europa bis ins Land des goldenen Halbmondes, Ibrahims Heimat. Momo lernt dabei viel über die zentralen Fragen des Lebens, entdeckt wahre Spiritualität, erkennt endlich den Wert seiner selbst und reift zum Mann. Die Reise, die ihn ins Leben führt, ist die, die Ibrahims Leben beendet. Er stirbt durch einen Verkehrsunfall, bringt seinem Ziehsohn aber noch bei, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen. Als Ibrahims materieller wie immaterieller Erbe führt Momo den Laden und das Leben des Arabers weiter.

“Mischung aus Gehorsam und Freiheit”

Gideon Rapp lässt die Charaktere dieser zutiefst philosophischen Geschichte mit Tiefsinn und viel Humor lebendig werden, verleiht jedem von ihnen ein eigenständiges Profil. Er lebt Schauspielkunst im wahren Sinne des Wortes aus, indem er mit verschieden Stimmen spricht, unterschiedliche Gestiken und Bewegungsmuster verwendet. Er blickt unschuldig naiv, dann wieder weise, wechselt aus der Rolle des gütigen Abgeklärten in die des übermütig hüpfenden Heranwachsenden, wagt hier und da ein Tänzchen oder parodiert gar Brigitte Bardot.

Es ist ein Genuss, auf diese Weise die eigene Vorstellungskraft inspirieren zu lassen. Sie wird zudem durch so einfache wie raffinierte Regietricks genährt. Sparsame Requisiten, wie Holzkisten für den Araber-Laden, holt Rapp während seines Spiels geschwind hinter Vorhängen an der Wand hervor und gestaltet sein Bühnenbild selbst. Den hölzernen Stuhl nutzt er als Stellvertreter des leiblichen Vaters von Momo.

Szenerien wie das Meer vor der Küste der Normandie oder der Tanz von Derwischen werden durch hier und da eingespielte Musik erzeugt. All diese Effekte werden nach dem Motto “nur so viel wie unbedingt nötig” eingesetzt. Dadurch können die gehaltvollen Botschaften des Stücks tief ins Bewusstsein dringen. Es sind die von Toleranz, Menschlichkeit und Freiheit des Glaubens, die Ibrahim in ein Bild kleidet: “Alle Arme des einen Flusses münden ins gleiche Meer”.

Erst ganz zum Schluss taucht auf der Bühne auch der Koran auf, aus dem Ibrahim all die Weisheit hat, die er Momo stets mit den Worten vermittelt: “Ich weiß, was in meinem Koran steht.” Als Gideon Rapp das Buch aufschlägt, liegen getrocknete Blumen darin. Hier verdichtet sich ergreifend die Quintessenz des Stücks zu einem Verständnis von Spiritualität als eine “Mischung aus Gehorsam und Freiheit”, wie es Autor Éric-Emmanuel Schmitt einmal erklärt hat: “Der Koran von Monsieur Ibrahim, das ist ebenso der Text wie das, was er selbst in ihn hineingelegt hat, sein eigenes Leben, seine eigene Lesart, seine eigene Deutung”.

Die Aufführung im Trierer Theater hat all das gelungen transportiert, bewegt und viel Nachhall hinterlassen.

Anm.d.Red.

In einer früheren Version des Artikels hieß es, das Foto zeige Gideon Rapp. Tatsächlich zeigt das Foto François Camus aus der französischen Version des Stückes. Wir haben die Bildunterschrift entsprechend geändert.


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