Auf der Suche nach Fairness unterwegs in Trier

Natürlich gehört dei den Fair-Führungen auch ein Besuch im Unverpackt-Laden dazu, wo die Besucher in der Regel dann auch einen kleinen, fair gehandelten Snack bekommen. Fotos: Victor Beusch

TRIER. Dass eine über 2000-jährige Stadt auch entsprechende Führungen anbietet, versteht sich von alleine. Seit dem 2. April gibt es ein neues Angebot: die Fair-Führungen. Zwei Frauen, Linda Hilgers und Jeanette Scholzen, und ein Mann, Jochen Leuf, stehen hinter der Offerte der Fair-Führungen. Der reporter hat sich mit Linda Hilgers und Jochen Leuf, die gemeinsam die Idee dazu entwickelt haben, auf eine Tasse Kaffee getroffen und über die Hintergründe informieren lassen.

Von Rolf Lorig

Warum der Name “Fair-Führungen?” Linda Hilgers muss nicht lange überlegen: “Sehr viele Menschen denken bei ‘Fair’ gleich an Fair Trade, also fairen Handel. Aber das ist nur ein Aspekt, der natürlich auch in unsere Führungen einfließt. Fair – das ist viel mehr, betrifft eigentlich alle Bereiche des menschlichen Lebens.”

Linda Hilgers und Jochen Leuf kennen sich schon lange. “Wir sind beide schon seit über 20 Jahren weltweit im Reisegeschäft unterwegs, wo wir die unterschiedlichsten Touren und Führungen anbieten”, sagt Jochen Leuf und gibt einige Beispiele: “Rad- und Wandertouren, Paddleboard, Stadtführungen.” Beispiele, die gleich die Gesinnung deutlich machen: schonender, umweltverträglicher Tourismus.

Und schon sind wir erneut bei der Definition von “Fair” angekommen: “Das Klima und die Umwelt schaffen die Voraussetzungen für unser Leben. Gleichzeitig bestimmen diese beiden Faktoren das Verständnis von Fairness innerhalb einer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich im Chaos befindet, wird nicht viele Gedanken an Fairness verschwenden”, sagt Hilgert. Und da das für sich alleine betrachtet etwas abstrakt klingt, veranschaulicht sie: “Der Aufgang und die Blüte des römischen Reiches war nur möglich, weil das Klima damals die politischen Ambitionen begünstigte. Als sich das Klima später aber veränderte, zerfiel das riesige Imperium und übrig blieb zunächst einmal das Chaos.”

Nach Auffassung von Oberbürgermeister Leibe unterstützen die Fair-Führungen den Stellenwert von Trier als Fair-Trade-Stadt. Hier der OB zusammen mit Jochen Leuf, Linda Hilgers und Jeanette Scholzen (von links).

Drei zertifizierte Gästeführer der Stadt Trier

Wie genau das alles zusammenhängt, das erfährt der interessierte Bürger oder Tourist bei der Führung, die etwa 100 Minuten dauert. Zunächst einmal: Fair-Führungen müssen über das Internet gebucht werden, sie finden sich über diesen Link. Zwar sind Leuf, Scholzen und Hilgers alle drei zertifizierte Gästeführer dieser Stadt, doch ob und wann die ttm dieses Angebot mit in ihr Angebot aufnehmen wird, ist noch offen. “Die Gespräche und Verhandlungen laufen”, kommentiert Leuf schmunzelnd.

Wer die Internetseite der Moselmohikaner aufruft, hat gleich das Angebot vor Augen, das hier in Trier angeboten wird: City-Touren mit dem Rad, zu Fuß, auf dem Paddelboard, Fair-Touren oder aber auch ganz nach individuellem Gusto. Und wer außerhalb der Stadt die Gegend sehen möchte, auch das machen die “Spurensucher” mit verschiedenen Angeboten machbar.

Doch zurück zu den Fair-Touren. Die bewegen sich im Grundsatz, wie die herkömmlichen Stadtführungen, auf den historischen Pfaden: “Wo die Römer waren, da sind auch wir”, sagt Hilgers. Und doch gibt es Abweichungen: “Die Neustraße gehört auch zu unserer Route. Denn hier kommt beispielsweise der Begriff Fair Trade zum Tragen. Wer fair gehandelte Kleidung sucht, wird hier sicherlich fündig werden.” Wobei Kleidung nur ein Beispiel ist. Bei den Touren fließen viele Aspekte ein: Umwelt, Ressourcen, Nahrung und Textilien sowie deren Handel, Produktion und Vertrieb. Ganz neue Eindrücke als bei einer herkömmlichen Führung stellen sich spätestens dann ein, wenn das Thema “Solidarische Landwirtschaft” vorgestellt wird, bei sich das Risikos des Gemüseanbaus ganz fair auf vielen Schultern statt einem Paar verteilt.

Und was erfährt der Tour-Teilnehmer an der Porta Nigra über Fairness? Auch da muss die lizensierte Gästeführerin der Stadt Trier nicht lange nachdenken: “Wie fair waren die Römer? Wer baute denn ihre Monumente? Das waren Sklaven, klar. War das fair? Aus heutiger Sicht sicherlich nicht, aber damals hatte man von Fairness eben andere Vorstellungen…”

Wobei sich an diesem Punkt der Bogen wunderbar in die heutige Zeit schlagen lässt: “In der Zeit der Römer war es normal, dass die herrschende Schicht Importe aus fernen Ländern bevorzugte, während Arme und Sklaven auf eigene, heimische Produkte zurückgreifen mussten. Heute, in unserer Zeit, ist es genau umgekehrt…”

An diesem Punkt machen die drei Gästeführer dann auch gerne einen Bruch; verlassen die Römerzeit und springen in die Zeit von Karl Marx, der mit seinem Lebenswerk ja auch gegen die Ungerechtigkeit und für mehr Fairness einzutreten versuchte. Oder sie beleuchten beispielsweise in der Judengasse das Schicksal der Juden, die bekanntlich zu keiner Zeit eine faire Behandlung erfuhren.

Zeit, Raum, Politik – das alles verliert in dem 100-minütigem Rundgang seine bisherige Dimension, formt sich zu einem neuen Ganzen, das genügend Stoff zum Nachdenken bereithält.

Die Teilnehmer der ersten Fair-Führung am 2. April

Idealer Rahmen für den Betriebsausflug

Wer sind denn nun die Kunden der Moselmohikaner? Die genau zu bestimmen, dazu ist es noch zu früh. Schließlich sind die “Spuren-Sucher”, wie sich die drei jungen Leute selbst bezeichnen, erst am 2. April an den Start gegangen. Und immerhin hat ihre Website auch schon die gewünschte Beachtung gefunden: “Die ersten Buchungen sind bereits eingetroffen, es läuft prima an”, freut sich Jochen Leuf. Der Diplom-Betriebswirt weiß aber auch, dass es ohne Werbung nicht geht. Und aus dem Stand fällt ihm da eine Gruppe ein, für die das Angebot der Moselmohikaner durchaus interessant sein könnte: “Betriebe, beispielsweise. Fast jeder Betrieb macht mal einen Betriebsausflug. Herkömmliche Führungen kommen nicht immer bei allen Teilnehmern an. Doch die Fair-Führungen, die sich in Sprüngen durch Raum, Zeit und politischen Strömungen bewegen, sprechen auch die Menschen an, die nicht unbedingt das große Interesse an Geschichte haben.”

Bleibt noch ein Punkt – wie fair sind die Preise für eine Fair-Tour? Dieses Mal schmunzeln beide. “Sehr fair”, sagt Linda Hilgers. Wer an einer der freien Führungen (die nächsten sind am 4. Mai und 6. Juli, sie starten ab 11 Uhr an der Porta Nigra; Anm. d. Red.) teilnehmen möchte, geht erst einmal kostenlos mit. Am Ende der Führung kann dann jeder einen Obolus nach seinen Möglichkeiten entrichten: “Wer nur fünf Euro geben kann, der gibt die eben. Im Idealfall wird der, der über größere finanzielle Ressourcen verfügt, dann einen entsprechend höheren Beitrag leisten, so dass sich das am Ende dann wieder ausgleicht.”

Der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe war übrigens auch bei der ersten Tour dabei. Als Oberbürgermeister einer “Fair-Trade-Stadt” – das Siegel wird unter ganz bestimmten Vorgaben für jeweils fünf Jahre vom Verein “Transfair” vergeben und Trier besitzt es seit 2010 – weiß er, wie wichtig Fairness in einer Gemeinschaft ist: “Die Kehrseite des Diktats der kleinen Preise ist, dass Kleinbauern und Landarbeiter in Asien, Afrika und Südamerika häufig zu Hungerlöhnen arbeiten müssen und regelrecht ausgebeutet werden.” Jeder Konsument habe die Wahl, ob er dieses System unterstützen will oder nicht. In der Fait-Tour sieht der OB deshalb eine gute Möglichkeit, das Bewusstsein der Menschen hin zu mehr Fairness zu verändern.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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