Aufarbeitung und Prävention als langfristige Aufgaben

Bei der Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch im Raum der Kirche setzt der Trierer Bischof vor allem auf die Zusammenarbeit mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung. Archivfoto: Rolf Lorig

TRIER. Die Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch im Raum der Kirche ist eine langfristige und dauerhafte Aufgabe. Davon ist Bischof Stephan Ackermann überzeugt. Dabei blickt der Beauftragte für Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes der Deutschen Bischofskonferenz sowohl auf sein eigenes Bistum als auch auf die Gesamtheit der deutschen Diözesen.

Durch den Kinderschutzgipfel im Februar 2019 in Rom sieht er diese Einschätzung bestätigt. “Um sexuelle Gewalt wirksam zu bekämpfen, müssen Fälle aufgedeckt und aufgearbeitet werden; genauso wichtig ist die Prävention. Zugleich brauchen wir eine durchgängige Haltung und Kultur, die zuallererst den Betroffenen Gehör schenkt und keine Vertuschung duldet.“ Die Vorschläge des Kirchengipfels müssten nun in konkrete und verbindliche Weisungen des Papstes umgesetzt werden, sagt Ackermann. Notwendig sei dazu auch ein permanentes und weltweites Controlling.

“Manche Themen lassen sich sinnvoller im Verbund mit anderen Bistümern angehen sowie mit externen Partnern“, sagt der Bischof. Dazu gehöre etwa die Festlegung von Kriterien und Standards für “eine unabhängige Aufarbeitung, die vielleicht sogar Versöhnungsprozesse möglich macht“. Hier setzt der Trierer Bischof vor allem auf die Zusammenarbeit mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung. Auch die Überarbeitung der Aktenführung, die die Forscher der sogenannten MHG-Studie den Bischöfen empfehlen, sei eine Aufgabe, die im Verbund angegangen werden müsse.

Im eigenen Bistum legt Ackermann großen Wert darauf, dass die MHG-Studie und mögliche Konsequenzen daraus in den Räten und Gremien besprochen werden. Der Diözesanpastoralrat und der Priesterrat haben sich bereits mit der Studie befasst. “Ich bin überzeugt davon, dass die Themen Kinderschutz und Prävention, die Sensibilisierung für Machtfragen – denn darum geht es vor allem beim Thema Missbrauch –, sowie ein achtsamer und respektvoller Umgang miteinander sich nur gemeinsam einüben lassen, indem wir immer wieder darüber reden, diese Fragen miteinander reflektieren und uns so weiterentwickeln.“

Wichtig, dass Betroffene schnell Unterstützung bekommen

Ackermann unterscheidet drei Säulen, wenn es um das Thema sexueller Missbrauch geht. Sollte es trotz aller präventiven Arbeit zu (Verdachts-)Fällen sexuellen Missbrauchs kommen, muss es verlässliche und transparente Interventionspläne geben. “Wir überprüfen unsere bisherigen Arbeitsweisen; klären, ob es Kooperationen mit bestehenden Stellen im außerkirchlichen Bereich geben kann.“ Wichtig sei, dass Betroffene schnell Unterstützung bekämen.

Aufklärung müsse sich strikt an staatlichen Regelungen und den kirchlichen Leitlinien orientieren. “Wir im Bistum Trier arbeiten seit Jahren eng mit den staatlichen Ermittlungsbehörden zusammen.“ So hatte es nach der MHG-Studie Gespräche mit den zuständigen Generalstaatsanwaltschaften gegeben; anschließend hatte das Bistum angeforderte Akten und Informationen zur Verfügung gestellt. Zu einer geregelten Intervention gehöre aber auch ein verlässliches Reporting- und Dokumentationssystem, sagt der Bischof.

In Sachen Prävention sei das Bistum dank der Vielen, die in diesem Bereich engagiert sind, seit Jahren gut aufgestellt, betont Ackermann. Dennoch müsse man dieses Feld stets weiterentwickeln. Gerne sähe es der Bischof, wenn Menschen aus dem Bistum Trier den neuen Masterstudiengang “Kinderschutz“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom absolvierten. Für den gesamten Bereich der Präventionsarbeit hält er ein – wiederum bistumsübergreifendes – Monitoring für unabdingbar, um zu gewährleisten, dass die Bistümer in ihren Bemühungen nicht nachlassen und alle stets auf dem neuesten Stand sind.

Wie können Betroffene stärker einbezogen werden?

Mit seinem Beraterstab, dem neben Bistumsverantwortlichen und den Ansprechpersonen für sexuellen Missbrauch Experten aus der Beratungs- und Präventionsarbeit angehören, sprach der Bischof darüber, wie Betroffene stärker einbezogen werden können. “Seit ich die Aufgabe des Beauftragten für Fragen sexuellen Missbrauchs auf der Ebene der Bischofskonferenz übernommen habe, bin ich mit vielen Betroffenen persönlich in Kontakt. Das war und ist für mich der erste und wichtigste Aspekt mit Blick auf die Aufarbeitung“, erklärt er. Derzeit gehe es darum, die Perspektive der Betroffenen noch stärker in der regulären Arbeit von Aufklärung und Prävention zu verankern.

Der Beraterstab hat begonnen zu überprüfen, wie bisher Fälle aus der Vergangenheit aufgeklärt wurden. Darüber hinaus will Bischof Ackermann Fälle in Einrichtungen von externen, unabhängigen Experten untersuchen lassen. So stehe die Beauftragung einer unabhängigen Person, die die Fälle sexueller und körperlicher Gewalt im “Albertinum“ (einem Anfang der 1980er Jahre geschlossenen Internat in Trägerschaft des Bistums in Gerolstein) untersucht, kurz bevor. “Nicht zuletzt müssen wir prüfen, ob es Versäumnisse oder gar Vertuschung von Fällen durch Verantwortliche gegeben hat, die wir Verantwortlichen von heute zwar nicht ‚wiedergutmachen‘ können. Aber wir können Fehler eingestehen und uns bemühen, aus diesen Fehlern zu lernen.“ (tr)


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Erstellt am Autor trier reporter in Gesellschaft 1 Kommentar

Kommentar zu Aufarbeitung und Prävention als langfristige Aufgaben

  1. Comino

    Die Bischöfe wollen sich endlich den Betroffenen sexualisierter Gewalt zuwenden. Das wird doch schon seit 2010 versprochen. Die Vertuscher von gestern können nicht die Aufklärer von heute sein.

    Was wurde in den letzten Wochen und Monaten doch wieder eine Show geliefert, die Inszenierungen von Fulda und Rom, die Lügenmärchen, die hohlen Phrasen, das geheuchelte Erschrecken, die Betroffenheitsrhetorik, die Krokodilstränen von Marx, Ackermann & Co.

    Im Gegensatz zu anderen Bistümern können sich in Trier Betroffene immer noch nur an kircheneigene Ansprechpersonen und nicht an externe, unabhängige Ansprechpartner wenden.

    Die Institutionen haben nicht den Willen, die Probleme wirklich anzugehen, die Scherbenhaufen bei tausenden Betroffenen wegzuräumen.

    Zudem ist es altes Prinzip kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit: Warten, bis es vorbei geht.

    Aber seit 2010 führt das Warten nur dazu, dass die Betroffenen immer mehr verbittert und die Schäfchen immer weniger werden.

    Was ich auch nicht verstehen kann, daß die Bischöfe und Orden von Staat, Politik und Justiz immer noch so mit Samthandschuhen angefasst werden.

     

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