Auferstanden aus dem Urknall

Denken nicht verboten, sprechen auch nicht. Das neue Kulturleitbild der Stadt liegt nach zähem Ringen nun vor.

Denken nicht verboten, sprechen auch nicht. Das neue Kulturleitbild der Stadt liegt nach zähem Ringen nun vor.

TRIER. Was mit einer Provokation und dem lauten Urknall in der kulturellen Szene Triers begann, mündet nun wohl in einem Ergebnis mit breitem Konsens. Die Stadt bekommt ein Kulturleitbild − vorbehaltlich der Zustimmung des Rates am kommenden Dienstag. Dezernent Thomas Egger will das achtseitige Papier als erste Etappe verstanden wissen. Nach der Sommerpause sollen aus dem Leitbild Leitlinien entwickelt werden, um so die Ziele der hiesigen Kulturpolitik vom Allgemeinen ins Besondere herunterzubrechen. Was jetzt vorliegt, ist das Fundament. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Selten genug, dass ein Trierer Dezernent seinem eigenen Zeitplan gerecht wird. Thomas Egger hat Wort gehalten. Im März versprach der oberste Kulturhüter der Stadt, das neue Leitbild im Juli vorzulegen. Punktlandung. Der Rat kann das achtseitige Papier am kommenden Dienstag verabschieden. Dünn ist es, darum aber nicht weniger schwer. “Ich bin sehr zufrieden”, sagte folglich Markus Nöhl, der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, am Mittwoch im Bildungs- und Medienzentrum am Domfreihof. Der Sozialdemokrat war zusammen mit zehn anderen Kolleginnen und Kollegen in der so genannten Steuerungsgruppe maßgeblich an der Geburt des neuen Leitbildes beteiligt.

Zum ersten Mal werden jetzt konkrete Ziele für die Trierer Kulturpolitik formuliert. “Das hat es bislang noch nicht gegeben”, sagte Egger. Als er im April 2013 seine Streitschrift vorlegte, war der Aufschrei im Spannungsfeld zwischen Theater, Tufa und freier Szene groß − und hinauf bis zur Tarforster Höhe in der Universität zu hören. Egger hatte grundsätzlich alles infrage gestellt und Denkverbote schlicht untersagt.

Was darauf folgte, war ein zähes Ringen um buchstäblich jeden Quadratzentimeter des eigenen kulturellen Selbstverständnisses der unterschiedlichen Szeneecken. Hier die Institutionen wie Theater und Tufa, mächtige Fürsprecher im eigenen Interesse, dort die freie Szene, oft als Stiefkind tituliert, die sich mehr Mitspracherecht, mehr Förderung, mehr Raum erhoffte. Eine Flut von Vorschlägen stürzte auf die kulturellen Handwerker ein, als sie gerade dabei waren, das Fundament des neuen Bildes zu gießen.

Egger holte Heiner Schneider als externen Berater hinzu. Aus der elfköpfigen Steuerungsgruppe ging eine weitere fünfköpfige Gruppe hervor. Dort wurden die Grundsätze des Papiers erneut beraten, diskutiert, gebilligt und dann doch wieder verworfen. Die Ergebnisse unzähliger Treffen mit Kulturschaffenden, mit Vertretern der Wirtschaft, aus Politik und Gesellschaft mussten in Form gegossen und Gestalt gegeben werden. “Jetzt bin ich gespannt”, sagte Egger am Mittwoch, “wie die Reaktionen sein werden, wie die öffentliche Diskussion weiter ablaufen wird.”

Für Egger ist das neue Papier weit mehr als “nur schöne Prosa”. Alle Ziele der kommunalen Kulturpolitik sollen künftig am Leitbild ausgerichtet werden. “Und das gilt für den Rat wie für die Verwaltung”, betonte der Dezernent. Egger weiß um die Kritik, die trotz des großen Konsens nach wie vor im Untergrund schwelt. Vielen ist das neue Papier zu wenig visionär, andere vermissen konkrete Maßnahmen, hier vorderhand finanzieller Art. Doch der Dezernent ist seiner Linie treu geblieben. Ein Leitbild könne nicht alle Fragen beantworten, hatte Egger bereits im März erklärt. Dazu stand er auch am Mittwoch bei der Präsentation des neuen Papiers.

Überzeugen ließ sich Egger allerdings davon, dass auch ein Leitbild zwingend Ziele braucht. Die werden nun konkret unter den insgesamt vier Handlungsfeldern

♦ Kultur für alle – Teilhabe und Soziokultur
♦ Kulturelle Bildung
♦ Kultur und Wirtschaft
♦ Kulturelles Erbe und Stadtkultur

ausdrücklich formuliert. Unter anderem dahingehend, dass die Stadt sich zu einem sensiblen Umgang mit dem historischen Stadtbild sowie einer stärkeren Vernetzung kommunaler Denkmalpflege mit Land und Kirchen als Träger bedeutender Denkmäler verpflichtet. So sollen etwa Bausünden, wie sie noch vor wenigen Jahren in Trier an der Tagesordnung waren, verhindert werden.

Der Trierer Dezernent Thomas Egger.

Der Trierer Dezernent Thomas Egger.

Konkrete Maßnahmen zur Förderung – hier vor allem der freien Szene – schlägt das neue Papier aber nicht vor. “Das war auch nicht so beabsichtigt”, betonte Nöhl. Ein Fundament, eine Basis habe man schaffen wollen. “Darauf aufbauend werden jetzt die Leitlinien folgen.” Egger versprach, “dass kein Vorschlag verloren ist”. In der Steuerungsgruppe, die weiter bestehen bleiben soll, werden die Ideen gesammelt und ausgewertet. “Wir bleiben im Dialog”, so der Dezernent.

Dazu gehört auch, dass die Kulturhüter der Stadt sich eine Selbstverpflichtung auferlegt haben. Jährlich soll das neue Leitbild auf seine Aktualität hin überprüft werden. “Das Papier muss atmen können”, sagte Egger. In den Leitlinien selbst, die nach der Sommerpause entwickelt werden sollen, könnte dann auch ein Projekt wie der Kulturfonds wieder auftauchen. “Wir müssen schließlich auch Ideen entwickeln, wie wir angesichts der kurzen finanziellen Decke nicht nur Geld einsparen, sondern auch Geld einnehmen können”, so Egger. Eine Kulturabgabe dürfte indes nur schwer umsetzbar sein. Eine Abgabe zur Tourismusförderung könnte die Stadt heute schon erheben – allerdings zweckgebunden für den Tourismus, nicht für die Kultur allgemein. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Gesellschaft, Kultur Kommentare deaktiviert für Auferstanden aus dem Urknall