Ausweg aus der Weihnachts-Wüste

Zurlauben einmal anders - beim ersten Sterntaler-Markt am Moselufer.

Zurlauben einmal anders – beim ersten Sterntaler-Markt am Moselufer.

TRIER. Die “Kultur-Karawane”, ein gemeinnütziges Projekt von drei jungen Machern, will Trier aus der (kulturellen) Wüste führen: Das jüngste Projekt der “Karawanenführer” Jochen Leuf, Aline Pichon und Toby Urban heißt “Sterntalermarkt”. Der neue Trierer Weihnachtsmarkt am Zurlaubener Ufer ist eine lichttechnisch märchenhaft arrangierte Alternative zum gewohnten Budenzauber auf Hauptmarkt und Domfreihof. Bis zum Sonntagabend kann man dort weihnachtstechnisch entspannen – bei Livemusik oder mit der Märchenerzählerin.

Von Gabi Böhm

Das Zurlaubener Ufer kennen Trierer in diversen Nuancen: Eine heimelige Kulisse für laue Sommerabende, von der Mosel bedrängt bei Hochwasser, Partymeile beim Moselfest. So, wie jetzt am Wochenende, ist das ehemalige Fischerviertel optisch wohl noch nie in Szene gesetzt worden. Zarte Rosafarben und kühles Blau tauchen die Fassaden der geduckten Häuschen am Abend ins rechte Licht, machen Vorsprünge kenntlich oder betonen architektonische Details – über ein eigentlich unansehnliches Gebäude wandern dank ausgefeilter Lichttechnik gar zahllose Sterne: Der erste Sterntalermarkt in Trier hat geöffnet!

Schon vom anderen Moselufer fällt die ungewohnt angestrahlte Häuserzeile am Moselufer auf. Bei einem Gang durch die vielen Stände offenbart sich vor allem eines: Hier hat sich jemand viel Mühe mit Liebe zum Detail gemacht. Kein elektronisches Pling-Pling, keine zuckersüßen Christmas-Songs in der Dauerschleife, kein Weihnachtsbaumschmuck aus China. Dafür handgefertigte Schneekugeln, die über den Köpfen der Besucher baumeln, intensiver Harzduft frischer Nadelbäume und der Geruch von Lagerfeuer. “Überall dampft und brodelt es, die Gerüche sind ganz toll!”, findet eine begeisterte Konzer Besucherin. Sogar die Rauchwolken über Grill und aus Kaminen steigen blau beleuchtet in den Nachthimmel- insgesamt ein sensorischer Rundum-Genuss.

Hinter dem Projekt stecken drei junge Menschen, die vor etlichen Jahren nach Trier kamen und hier ihre Liebe zur Stadt entdeckten: Der Musiker, Kulturschaffende und Betriebswirt Jochen Leuf, die Modedesignerin Aline Pichon (beide aus Viersen am Niederrhein) und der Licht- und Tontechniker Toby Urban aus Leipzig. Als “Trier-Fans” finden sie die Stadt wunderschön, als Großstadt allerdings “verstaubt”, sagt Jochen Leuf. “Es ist schade, dass viele Studenten fluchtartig die Stadt verlassen, weil sie sagen: ‘Hier ist nichts los!’.”

Gute Ausssicht für die Kulturszene

Mit einem “Moselschätze-Markt” und Caféhauskonzerten hat das Trio schon neue Events in Trier auf die Beine gestellt. Der Sterntalermarkt ist ebenfalls nicht als Eintagsfliege konzipiert, sondern soll dauerhaft etabliert werden. Dabei war das Novum gar nicht leicht zu realisieren. Eröffnung war am Freitag um 16 Uhr – exakt erst 24 Stunden zuvor habe man die Genehmigung erhalten, sagt Leuf. Von einzelnen sehr engagierten Leuten im Rathaus spricht er, aber auch von einem sehr schwerfälligen Verwaltungsapparat. Rund 30 Aussteller sind beim Sterntalermarkt von der Partie, die Vorbereitungen und Anträge laufen schon seit Monaten. Nicht auszudenken, welche wirtschaftlichen Folgen bei einer Nichtgenehmigung eingetreten wären.

Insgesamt herrscht eine sehr relaxte Atmosphäre mit vielen jungen Leuten, die dem Glüh-Viez zusprechen, einer “Studenten-Ecke” und individuellen handwerklichen Angeboten. Schnüffeltücher für die Kleinsten, Nikolaus-Hussen fürs Esszimmer, Insektenhotels für den Garten, Gestricktes, Gemaltes, Gebackenes: Viele Standbetreiber kommen aus Trier und Umgebung wie die Inhaber des Momo-Cafés, deren Schokokuchen förmlich auf der Zunge zergeht. Aber auch überregionale Aussteller mit Trierbezug sind dabei wie Lea Gudrich aus Köln, die ihre Bilder für jeden Geldbeutel an den Mann bringt. Darunter, jahreszeitlich passend, Weihnachtsmäuse fürs Kinderzimmer.

Zarte Rosafarben und kühles Blau tauchen die Fassaden der geduckten Häuschen am Abend ins rechte Licht.

Zarte Rosafarben und kühles Blau tauchen die Fassaden der geduckten Häuschen am Abend ins rechte Licht.

Apropos Kinder: Wer Gutes tun will, kann sich an einer Honigkuchenaktion für den Kinderschutzbund beteiligen. Und jeweils von 11 bis 13 Uhr und 15 bis 17 Uhr liest Oma Elke Märchen in Alt Zalawen vor. Das eigentlich geplante Stockbrotbacken für Kinder untersagte das Ordnungsamt. Während die Gastronomen im Viertel für das kulinarische Angebot sorgen, sind Leuf und Co. für das Organisatorische zuständig. 20 freiwillige Helfer stemmen das Projekt, gemeldet haben sie sich aus dem Freundeskreis oder über Facebook. Überhaupt ist offenbar ohne viel Enthusiasmus und Unterstützung der lichtdesignte Markt nicht denkbar: Sponsoren wie Triacs finanzieren die Lichttechnik im fünfstelligen Bereich, Prevent stellt die Security. Und dann gibt es noch regionale Live-Musik mit Valentin Henning und Whale vs. Elephant – zum Chillen und Entspannen.

Ohne die weihnachtsmarktobligatorischen Marmeladengläschen oder Strickstrümpfe kommt der Sterntalermarkt freilich auch nicht aus. Etwas unvermittelt endet die Kulturkarawane mit einem Schmuckstand zwar nicht in der Wüste, allerdings am dusteren Radweg. Das soll sich im nächsten Jahr aber ändern, wenn der Markt sich noch weiter ausdehne, plant Leuf. Noch ein paar weitere Karawanenreisende für Trier in Sicht? Nicht die schlechteste Aussicht für die hiesige Kulturszene. (gb)

Sterntalermarkt

Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag ab 11 Uhr, Samstag bis 21 Uhr, Sonntag bis 19 Uhr. Ein Shuttlebus bringt Besucher von der Porta (Christophstraße) und dem Park & Ride-Parkplatz an der Fachhochschule zum Sterntalermarkt. (GB)


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Erstellt am Autor Gabi Böhm in Featured, Gesellschaft 1 Kommentar

Kommentar zu Ausweg aus der Weihnachts-Wüste

  1. Renate Müller

    SEHENSWERT , EMPFEHLENSWERT ,TOLLE ATMOSPHÄRE war für mich ein unvergesslich schöner Abend mit kulinarischen Leckerbissen

     

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