Bachelor als Chance für Physiotherapeut & Co

72 „Erstis“ der Therapiewissenschaften haben am 4. Oktober an der Hochschule Trier ihr Studium begonnen. Die Studierenden kommen von insgesamt neun verschiedenen Kooperationsschulen. Foto: Hochschule Trier Foto: Hochschule Trier

TRIER. Starke Schmerzen im Rücken, Menschen, die wegen eines Schlaganfalls verloren gegangene Bewegungsabläufe oder ihre Sprache neu erlernen müssen – das alles sind klassische Einsatzgebiete von Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. Berufe, die dem Menschen dienen, die aber eines eint: Ein eher bescheidenes Einkommen. Allerdings gibt es Möglichkeiten, das durch eine intensive Hochschul-Qualifikation zu verbessern. Seit 2014 bietet die Hochschule Trier unter dem Sammelbegriff “Therapiewissenschaften” einen Studiengang an, der auf ein zunehmend steigendes Interesse stößt. Rolf Lorig hat sich für den reporter mit Andreas Künkler, Studiengangleiter Physiotherapie an der Hochschule Trier, und seiner Kollegin Juliane Leinweber, Studiengangleiterin Ergotherapie und Logopädie, über Ausbildung und Chancen am Arbeitsmarkt unterhalten.

Wer sich im Netz über die Therapieberufe informiert, stößt auf klare Aussagen: “Physiotherapeut kann ein Traumberuf für Dich sein, wenn Du ihn nicht nur aus finanziellen Gründen ergreifst. Denn das Gehalt ist trotz akademischen Studiums nicht besonders hoch.” Um es zu konkretisieren: “Auch mit einem Bachelor in Physiotherapie verdienst Du kein Spitzengehalt. Im Durchschnitt liegt der Verdienst bei etwa 2.000 € brutto im Monat.” Ähnlich die Aussage bei Ergotherapeuten: “Du möchtest Deine soziale Ader ausleben und der Gedanke, Menschen zu helfen, motiviert Dich? Dann ist die erste Hürde geschafft, denn Leidenschaft fürs Fach solltest Du unbedingt mitbringen.” Und zum Verdienst: ” Als Angestellter in einer Gesundheitseinrichtung verdienst Du 2.700 € bis 2.900 € brutto im Monat.” Die Recherche ergibt: Logopäden verdienen demnach etwa 2.000 € bis 3.000 € brutto pro Monat.

Dabei ist der Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich groß. Der privaten Hochschule Fresenius zufolge spiegelt sich der akute Fachkräftemangel auch in den Wartezeiten der Patienten wider, die im Schnitt 30 Tage auf einen Behandlungsplatz warten müssen – in der Spitze sogar 50 Tage.

Sie schauen optimistisch in die Zukunft: die beiden Studiengangleiter Juliane Leinweber und Andreas Künkler. Foto: Rolf Lorig

Seit vier Jahren am Start

Zahlen, die Professor Andreas Künkler geläufig sind. Auch er weiß: “Wenn man schnell reich werden will, sollte man im Augenblick einen anderen Studiengang wählen.” Wobei das für den Hochschullehrer eher eine Momentaufnahme ist. Denn die Akademisierung der Pflegeberufe war seinerzeit auch ein Schritt in eine Richtung, die eine bessere Bezahlung möglich machen sollte. Schritte, die sich nur langsam umsetzen lassen.

Seit vier Jahren ist die Hochschule Trier nun mit ihrem Angebot am Start, bei dem die Physiotherapie den Anfang machte. 2015 folgte die Logopädie und 2016 dann die Ergotherapie. Der Anfang war nicht leicht. Noch heute erinnert sich Künkler an Gespräche, die er 2011 mit der damaligen Sozialministerin Malu Dreyer in Mainz führte. Die war dem Trierer Vorhaben gegenüber nicht von Anfang an aufgeschlossen. ” Da gab es eine große Skepsis im Ministerium. Das erste Gespräch endete mit ‘Vergessen Sie es, das macht die Uni Mainz in Zusammenarbeit mit dem angeschlossenen Klinikum.’ Eine Ausbildung an zwei Standorten könne sich ein kleines Bundesland wie Rheinland-Pfalz nicht leisten, sagte sie damals”, erinnert sich der Professor. Und freut sich insgeheim darüber, dass die Mainzer Universität immer noch nicht in die Puschen gekommen ist.

Nach ein paar Wochen kam dann doch das Okay aus Mainz: “Da war möglicherweise der damalige Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen nicht ganz unschuldig”, schmunzelt Künkler. Mit der Zusage kamen aber auch Vorgaben: “Die Ausbildung sollte mit Blick auf die Kostenträger, also die Krankenkassen, als duales Studium und damit in Kooperation mit bestehenden Berufsfachschulen erfolgen, bei denen sich die Interessenten bewerben müssen.” Auf diese Art wollte man neue Ausbildungsplätze vermeiden, die die Kostenträger erst hätten abnicken müssen. Für die Trierer Hochschule war das kein Problem. Zügig trat man an die Berufsfachschulen heran und machte sie mit dem neuen Angebot vertraut, das keine Einwände fand: “Im Gegenteil, schließlich erfährt das jeweilige Berufsbild durch eine Ausbildung an der Hochschule eine Aufwertung.” Die Akzeptanz war aber auch deshalb so hoch, weil die Schulen an dem Aufbau der Studiengänge aktiv mitwirken konnten.

Der größte Teil der Verordnungen von physiotherapeutischen Maßnahmen bezieht sich auf Erkrankungen der Wirbelsäule und Gelenke. Foto: whitesession

Brauchen dringend Therapiekräfte in Trier

Es gibt da allerdings noch weitere Gründe, weshalb Andreas Künkler wie ein Löwe für seine Hochschule kämpfte: “Zum einen ist es so, dass junge Leute in der Regel für ihre Heimatstadt verloren sind, wenn sie woanders studieren. Die kommen nur selten zurück. Und dabei brauchen wir hier in Trier dringend Therapiekräfte. Deshalb musste der Studiengang einfach nach Trier.” Und ein weiterer Punkt findet sich bei den privaten Hochschulen, die schon früher an den Start gingen: “Zwar belegt Konkurrenz das Geschäft. Aber wer bei Fresenius in Idstein studieren will, muss monatliche Studiengebühren in Höhe von 595 € zahlen. Da kommt schnell eine Summe zusammen, die im Laufe eines Berufslebens erstmal wieder erarbeitet werden will.” An der Hochschule Trier fallen laut Künkler dagegen lediglich 250 € Semestergebühren an, “und das Geld beinhaltet dann noch das Semesterticket für die Bahn, das von Saarbrücken bis Koblenz gilt.”

Studiengangleiterin Juliane Leineweber hat ebenfalls das Thema Geld im Blick – wenn auch von einer ganz anderen Seite aus. “Meine erste Frage an die Studierenden ist immer die, weshalb sie diesen Beruf ergreifen wollen.” Finanziell überzogene Erwartungshaltungen könnten dann schon ganz zu Beginn korrigiert werden. Die meisten Studierenden würden die Situation aber völlig korrekt einschätzen, weiß die Professorin. Denn die häufigste Antwort sei die, dass man sich mit dem Bachelor arbeitsmarktpolitisch besser gewappnet sehe. Das bestätigt die Professorin sofort und verweist darauf, dass man mit einem Bachelorabschluss überall sofort arbeiten kann. “Andere streben aber auch eine intensivierte Ausbildung an, sind auf der Suche nach dem theoretisch-wissenschaftlichen Blick in der Kombination mit der Praxis”, sagt Leinweber. Allerdings gebe es zuweilen auch noch die ein oder andere, die als Antwort auf die Freundin verweisen würde, die das ja auch studiere.

Nach einem Schlaganfall hat das neuronale Netz oft schweren Schaden genommen. Logopäden helfen dann beim Wiedererlernen der Sprache, Ergotherapeuten fördern neue Bewegungsabläufe. Foto: geralt

Der Therapieberuf ist weiblich

Womit die Geschlechterfrage im Raum steht. Aktuell ist der Therapieberuf noch weiblich, bestätigen beide Professoren. Besonders gilt das bei den Logopäden. Da gebe es in jedem Semester nur einen Mann, berichtet Juliane Leinweber. Auch in der Ergotherapie sind Männer eher die Ausnahme: “Hier sind vier Fünftel Frauen.” Eine schlüssige Antwort darauf, warum das so ist, hat sie nicht. Da muss auch ihr Kollege Andreas Künkler passen. Im Bereich der Physiotherapie seien zwei Drittel Frauen tätig, bilanziert Künkler. Da hat das veränderte Wertebild offenbar noch nicht gegriffen. Denn laut der Internetseite “Studycheck” sind Physiotherapeuten mit Bachelorabschluss heute angesehener und gelten nicht mehr nur als “bessere Masseure“. Beide Hochschullehrer hoffen aber in dem Zusammenhang auf den demographischen Wandel und damit auch auf eine männliche Zunahme innerhalb der Therapieberufe.

Wer sich in der Trierer Hochschullandschaft umschaut, stellt fest, dass auch die Universität auf einem ähnlich gelagerten Gebiet – den Pflegeberufen – tätig ist. Wobei sich hier die Frage nach dem Warum stellt. Denn schließlich steht bei einer Universität die Lehre im Vordergrund, bei einer Fachhochschule dagegen die Praxis. “Ich glaube, da hatte der damalige Oberbürgermeister Klaus Jensen uns nicht auf dem Schirm”, bemüht sich Künkler um eine Antwort. Es war eine Allianz, bestehend aus Klaus Jensen, Wolfram Leibe – er war zu der Zeit Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Trier – und Universitätspräsident Michael Jäckel, der dieser Coup gelang. Dass ein solches Bildungsangebot an einer Universität aber nicht selten ist, darauf verweist Juliane Leinweber. Auch Andreas Künkler sieht darin kein Problem: “Wir arbeiten zusammen, tauschen uns aus und bieten auch gemeinsame Lehrveranstaltungen an.”

Also alles bestens. Doch gibt es auch Wünsche? Klar gibt es die, doch da bleiben die beiden Professoren mit den Füßen auf dem Boden. Man werde den Studiengang konsequent weiterentwickeln, erklärt Juliane Leinweber. Eine Möglichkeit sieht Andreas Künkler darin, dass man künftig auch den Master für Therapiewissenschaften in Trier erwerben könne. “Doch daran arbeiten wir noch”, schmunzelt er und äußert dann doch noch einen geheimen Wunsch. Gerne würde er die Akademisierung der Hebammenausbildung nach Trier holen. “Denn auch in diesem Bereich haben wir einen großen Bedarf”, sagt er. Und weiß aber auch, dass bis dahin noch einige dicke Bretter gebohrt werden müssen.

Vielleicht tröstet es ihn, dass sein 2014 ins Leben gerufene Baby schon gut zu Fuß ist. Am 4. Oktober haben 72 „Erstis“ der Therapiewissenschaften an der Hochschule Trier ihr Studium begonnen. Die Studierenden kommen von insgesamt neun verschiedenen Kooperationsschulen (fünf Physiotherapieschulen, zwei Logopädieschulen und zwei Ergotherapieschulen).

 

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Schule für Physiotherapie der MEDISCHULEN in Trier
Physiotherapieschule Katholisches Klinikum Koblenz·Montabaur
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Schule für Physiotherapie am Nardini Klinikum St. Johannis in Landstuhl
Schule für Logopädie am cts SchulZentrum St. Hildegard – Zentrum für Gesundheitsfachberufe
Schule für Logopädie am Katholischen Klinikum Koblenz – Montabaur
Ergotherapieschule der Elisabeth- Stiftung des Deutschen Roten Kreuzes
Schule für Ergotherapie der MEDISCHULEN in Trier (-flo-)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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