Bildschirme, die Umwelt mit optischem Lärm überziehen

Der Künstler Markus Zender vor seiner Licht-Installation “Visual Noise”. Was der Betrachter als Schwarz-Weiß-Projektion erlebt, entlarvt die Kamera als Farbspektakel. Fotos: Rolf Lorig.

TRIER. In der Galerie Netzwerk (Neustraße 10), zeigt der der Künstler Markus Zender noch bis zum 1. Februar unter dem Titel “Artifical Illumination” mehrere Lichtinstallationen. Eine spannende Ausstellung, die sich Rolf Lorig für den reporter angeschaut hat.

Am Anfang, im ersten Raum, ist es trotz der Dunkelheit des Abends ganz hell. Ein Beamer projiziert mit rasender Schnelligkeit kleinste Partikel, die schwarz-weiß wirken, auf einen weißen Hintergrund. “Visual Noise” nennt Markus Zender diese Arbeit, mit der er auf die permanent zunehmende visuelle Umweltverschmutzung aufmerksam machen will: “Mit dem Einzug der Digitalisierung hat sich alles verändert. Überall sind Bildschirme präsent, berieseln uns mit Dauerbotschaften. Selbst im Wartezimmer des Arztes hört das nicht auf. Monitore und Werbebotschaften sind omnipräsent. Es gibt da kein Entkommen.” Mit “Visual Noise” schlägt Markus Zender zurück, macht eindringlich klar, dass Einsen und Nullen, die Werkzeuge der Digitalisierung, nicht zwingend das sind, das der Mensch zum Leben braucht.

Weiter geht es zu den nächsten Arbeiten. Es ist dunkel in der Galerie Netzwerk. Das muss es auch, denn die folgenden Installationen brauchen die Dunkelheit wie Künstler das Scheinwerferlicht. Mit dem Unterschied, dass die Installationen dank der Bildschirme selbst die Aufgabe der Scheinwerfer übernehmen. Und die Zuschauer anstrahlen, die zu der Vernissage in großer Zahl gekommen sind.

Große Augen, die von außen ins Wohnzimmer schauen. Auch diese Installation ist von Markus Zender.

Botschaften mit Licht

Die Arbeit mit Licht, das Spiel des Lichts mit dem umgebenden Raum, das ist der primäre Reiz der Ausstellung. Markus Zender nutzt einen weiteren Aspekt: die Möglichkeit, mit Licht bestimmte Botschaften zum Ausdruck zu bringen. Ein Beispiel dafür ist die Installation “You are branded”. Innerhalb einer Sekunde zeigen sich 30 Logos dem Betrachter. Die kurze zeitliche Abfolge, jedes Logo hat nur eine Dreißigstel Sekunde, unterstreicht in der Vielzahl den Titel der Installation: “Kaum jemand ist sich bewusst, in welchem Maße er bereits als Werbeträger für die Konsumindustrie unterwegs ist.”

Konsum steht für Geld. Um Geld geht es auch bei der Installation, die die Veränderung eines Geldscheins beobachtet. “Im Internet gibt es für das Verschenken von Geldscheinen zahllose Faltanleitungen”, hat Markus Zender festgestellt. Die hat er für eine Transformation adaptiert. Der Besucher sieht, wie ein 50-Euro-Schein in bester Origami-Art ständig neue Formen annimmt. Ein Veränderungsprozess, der an dem Schein nicht spurlos vorbeigeht. Papier und faltende Finger verschmutzen zusehends, am Ende der Transformation steht eine schwarze Taube. “Das zeigt, dass ein Geldschein lediglich auch nur bedrucktes Papier ist. Mit der neuen Form, die am Ende des fünfminütigen Veränderungsprozesses steht, geht automatisch auch ein Verfall des Wertes einher”, befindet Zender. Dass sich mit der zunehmenden Verschmutzung des Geldscheins auch die Assoziation zu “Schwarzgeld” herstellen lässt, scheint in diesem Fall nicht ganz unbeabsichtigt zu sein.

Gleich drei Arbeiten vereinen sich in einem Zyklus, bei dem Spiegelung zu einer völlig veränderten Betrachtung führt. Unter dem Oberbegriff “Kapitalismus” beobachtet Zender die Arbeit von Geldautomaten. Mit einem Sound, der sich an menschliche Geräusche wie Schmatzen und Schlürfen anlehnt, begleitet er die Bewegungen des Automaten. Am Ende steht hier eine Persiflage des Kapitalismus – umgesetzt mit ganz wenigen Mitteln.
Mit der Arbeit “Digitale Wanderer” veranschaulicht Zender die freiwillige Einengung der Gesellschaft. Der Betrachter sieht lediglich Teile von Menschen, vorzugsweise Beine und Taschen, eingeklemmt zwischen Decke und Boden.
Was macht im Leben wirklich Sinn? Kann das eine “Arbeitsbeschaffungsmaßnahme” sein? Eine Frage, die sich jeder selbst beantworten muss. Im vorliegenden Fall geht es um einen Arbeiter, der einen nicht genutzten Parkplatz mit einem Laubbläser vom Laub der Bäume befreit. Hier treibt treibt Markus Zender die Frage um: “In welcher Konstellation steht Zeit zur Arbeit?”

 

Zur Person

Markus Zender studierte bis 1998 an der Hochschule Trier Graphikdesign. Im Mittelpunkt der Ausbildung standen die drei Bereiche Zeichnung, Grafik und neue Medien. Diesen drei Themenfeldern ist Zender treu geblieben: “Jedes dieser drei Gebiete hat seinen Reiz.” Wann er sich auf welchem Gebiet bewegt, ist nach eigener Aussage auch jahreszeitlich abhängig: “Im Winter, wenn es früh dunkel und das Wetter eher feucht ist, steht die Arbeit am Rechner im Vordergrund. Sobald es aber draußen wieder schön wird, zieht es mich beispielsweise zum Anfertigen von Skulpturen wieder ins Freie.” (-flo-)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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