Blue Jeans, die Revolte gegen das Establishment

Der junge Rocker Tom platzt in das Leben von Frank (2. von lins) und Lisa. Die Väter sind empört. Fotos: Martin Kaufhold

TRIER. Rockig und fetzig-frech, bieder-brav und melodiös – Gegensätze, die sich nicht vereinbaren lassen? Mitnichten! Beim Schauspiel “Blue Jeans”, das am Samstag im großen Haus des Theaters Premiere feierte, fand all das auf höchst unterhaltsame Weise zusammen. In der Inszenierung von Ulf Dietrich erlebte die Zeit des Wirtschaftswunders mit all ihrem Mief bei den Altvorderen und dem Kontrastprogramm, dem Rock’n Roll, mit dem sich die Jugend von genau diesem Mief zu befreien suchte, ihre Wiederauferstehung. Augenfällig war der Spaß, den das Ensemble bei seinen Darbietungen hatte. Und genau den brauchte es auch, damit der Funke auf das Publikum überspringen konnte. Was nicht viel Anlaufzeit erforderte. Für den reporter war Rolf Lorig in der Premiere.

Aller Anfang ist gut. Freie Plätze gibt es an dem Abend keine mehr, die Vorstellung ist ausverkauft. Im Publikum finden sich zahlreiche, erwartungsfrohe Gesichter. Überwiegend Menschen, die in den 50ern geboren wurden oder ihre Jugend verbracht haben. Einige der weiblichen Abendgäste sind es sogar ganz stilecht angegangen, tragen Garderobe in der Mode der 50er. Männer wie Kulturdezernent Thomas Schmitt – er hatte vor Beginn sein Beinkleid noch rasch bei Facebook gepostet − müssen da nicht so viel Mut unter Beweis stellen. Ihnen reicht das Tragen von Blue Jeans.

“Blue Jeans”, das sind zuerst einmal fast drei Stunden – die Pause mitgerechnet – vergnügliche Unterhaltung. Maßgeblichen Anteil daran hat die Musik, die von Jürg Burth und Ulf Dietrich passgenau auf das Stück zugeschnitten wurde. Nicht alles würde man davon als CD in den eigenen Musikschrank stellen, vor allem bei den alten Hits wie “Venus” oder “Blue Jean Boy”, die statt in der Originalsprache in Deutsch gesungen werden, braucht es schon eine gewisse Stärke bei dem Zuhörer, der das Original noch recht gut in Erinnerung hat.

Aber sei’s drum, es geht doch um die musikalische Untermalung der Geschichte. Und zu diesem Zwecke passt es schon. Zumal bei den späteren Songs dann doch die Originalsprache zum Tragen kommt.

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt: Das junge Paar Lisa Neumann (Anna Pircher) und Frank Karsuntke (Robin Jentys) sollen heiraten. So haben es Lisas Eltern, der Möbelhändler Eberhard Neumann (Michael Hiller) und seine Frau Hilde (Stephanie Theiß), zusammen mit den Eltern von Frank, Baustadtrat Rudolf Karsuntke (Klaus-Michael Nix) und seiner Frau Hannelore (Barbara Ullmann), beschlossen. Brav, wie es sich für Kinder wohlsituierter Eltern gehört, feiert das Paar zusammen mit den Eltern Verlobung. Doch als dann Tom (Dimetrio-Giovanni Rupp) das Verlobungsgeschenk der Eltern überbringen soll und Frank die Qualitäten des Hausmädchens, Fräulein Schlösser (Bianca Spiegel), entdeckt, verselbstständigt sich nach und nach das Projekt Heirat…

Bei Fräulein Schlösser wäre Eberhard Neumaa, sehr zum Missfallen seiner Frau, nicht abgeneigt…

Spürbarer Spaß an der Arbeit

Bleiben wir erst einmal bei den Schauspielern. Dass die viel Spaß an ihrer Arbeit haben, wurde bereits gesagt. Besonders hervorzuheben wäre da Klaus-Michael Nix, der mit Darstellung, Tanz, Gesang und einer wunderbaren ostpreußischen Aussprache rundum zu überzeugen weiß. Mit der wandlungsfähigen Barbara Ullmann ist die Rolle seiner braven Ehefrau, in deren tiefstem Inneren jedoch die Sehnsüchte brodeln, was beim gemeinsamen Urlaub in Italien deutlich zutage tritt, perfekt besetzt. Schauspielerisch, vor allem aber stimmlich überaus beeindruckend ist Stephanie Theiß in der Rolle von Mutter Neumann. Gleichfalls ein Volltreffer ist Bianca Spiegel in der Rolle der Fräulein Schlösser, die ebenfalls mit starker Stimme und Witz und Charme agiert. Und wer beim gesanglichen Auftritt des GI Johnny (Gideon Rapp) für einen Moment die Augen schließt, kann fast glauben, den King of Rock’n Roll höchstpersönlich zu hören.

Gemeinsam sorgen Ulf Dietrich und Niclas Ramdohr (Musikalische Leitung und Arrangements) für den kurzweiligen Fluss der Geschichte, der trotz der einfach gestrickten Handlung nie langweilig wird. Dass die Musik nicht von der Konserve kommt, sondern von insgesamt sechs Musikern live gespielt wird, erhöht den Reiz der Aufführung. Dazu passt auch das hoch motivierte Ensemble und das verstärkende Extra-Ensemble, bestehend aus Mitgliedern der Junior-Company und des Jugendchors, das mit seinen tänzerischen und gesanglichen Einlagen sehr zu gefallen wusste.

Gleichermaßen pfiffig wie unterhaltsam auch die Idee, Requisiten wie Gummibaum, Fernseher, Couch, Stehlampe und zwei Sessel immer dann per Drahtseil nach oben in den Schnürboden verschwinden zu lassen, wenn sie gerade nicht gebraucht werden.

Dass am Ende des Stücks das Publikum allen Mitwirkenden dann über viele Minuten begeistert und stehend applaudierte, war der absolut verdiente Lohn. Und gleichzeitig auch ein herzliches Dankeschön für einen höchst vergnüglichen und unterhaltsamen Abend.

Die nächsten Termine sind am 26. Januar und 1. Februar jeweils um 19.30 Uhr sowie am 10. Februar um 16 Uhr. (tr)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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