Brauchen kritischen Journalismus für die Demokratie

Sie diskutierten miteinander:Von links Christophe Langenbrink (Luxemburger Wort), Petra Gerster (ZDF), Gastgeber Ralf Britten (Trifolion), Cordelia Chaton (Lëtzeburger Journal) und Thomas Roth (Trierischer Volksfreund). Fotos: Rolf Lorig

ECHTERNACH. Seit mehr als 70 Jahren hat es in Deutschland und Luxemburg keinen Krieg mehr gegeben. Freiheit ist nicht zuletzt angesichts offener Grenzen längst ein Wort, über das hierzulande kaum noch jemand nachdenkt. Und doch ist die Freiheit angesichts von demokratiefeindlichen Systemen in Europa und der damit verbundenen Einschränkung von Pressefreiheit längst ernst in Gefahr, weiß Ralf Britten. Der Direktor des Echternacher Kulturzentrums “Trifolion” hat die diesjährige Vortrags- und Talkreihe “Horizonte” deshalb unter den Oberbegriff “Freiheit” gestellt. Journalisten, Politiker, Autoren, Philosophen und Theologen werden sich in den kommenden Wochen und Monaten hier zu Wort melden und dieses Thema aus ihrer Sicht der Dinge heraus beleuchten. Den Auftakt machte am Donnerstag eine Gesprächsrunde, zu der sich Britten die Journalisten Petra Gerster (ZDF), Cordelia Chaton (Lëtzeburger Journal), Christophe Langenbrink (Luxemburger Wort) und Thomas Roth (Trierischer Volksfreund) eingeladen hatte. Wie es derzeit mit der Medienkompetenz der Menschen und um den Innenzustand der Medien bestellt ist, beleuchtete vor dem Gespräch Petra Gerster in einem bemerkenswerten Eingangsvortrag.

Von Rolf Lorig

Dass sich die Medien aktuell in einer ernsten Krise befinden, weiß man nicht erst seit Donald Trump und seinen “Fake News”. In ihrem Referat machte sich Petra Gerster auf die Sache nach den Ursachen. Bei ihrer Spurensuche setzte sie bei Johannes Gutenberg an, der mit der von ihm erfundenen Buchdruckkunst die erste Revolution in Sachen Bildung auslöste. Die nächste brachte das Internet, in dem Suchmaschinen wie Google die Demokratisierung des Wissens versprachen. Und damit den Niedergang der klassischen Printmedien einläuteten. “Denn das Internet gab jedermann nun die Möglichkeit, das zu tun, was zuvor nur die klassischen Medien getan hatten. Jetzt konnte und kann jeder seine Sicht der Dinge ins Netz stellen und damit in Konkurrenz zur Zeitung treten.”

Guter Journalismus kostet Geld, den gibt es nicht umsonst

Aber auch das Fernsehen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, hatte durch die privaten Sender längst Konkurrenz bekommen. Mit einem Schlag erhielt die Industrie neue und bislang ungeahnte Werbemöglichkeiten. Datengiganten wie Google lockten dank ihres ungeheuren Wissens über jeden einzelnen Nutzer mit punktgenauer Werbung. Bei den privaten Sendern orientierte man sich in der Berichterstattung an den Wünschen der Kunden. Vorbei die Zeit der 80er, als kritische Journalisten noch ungehemmt verbraucherfreundliche Themen beleuchten konnten, ohne den Wegfall des Werbekuchens befürchten zu müssen. Für die Redaktionen der Tageszeitungen und öffentlich-rechtlicher Sender begann der Überlebenskampf. Mit Einsparungen versuchte man, der neuen Herausforderung gerecht zu werden. Mit teilweise problematischen Folgen: “Einsparungen beim Personal führten zum Qualitätsverlust. Der Qualitätsverlust wiederum führte zum Rückgang der Auflagen.” Für Gerster ein Schreckensszenario: “Guter Journalismus kostet Geld, den gibt es nicht umsonst. Wenn der kritische Journalismus stirbt, dann stirbt auch die Demokratie.”

Und dann benannte die Mainzer Journalistin die größten Konkurrenten der Medien: Google, Facebook, Amazon: “Diese Unternehmen sind mehr als ein Kaufhaus oder eine Suchmaschine – sie sind moderne Medienunternehmen, die längst nicht mehr nur den Zweck erfüllen, für den sie einst erfunden wurden. Die Suchmaschine ist längst zum Spion geworden, der unsere geheimsten Gedanken kennt.” Die einst beabsichtigte Demokratisierung des Wissens habe sich so ins Gegenteil verkehrt. Anders als klassische Medien, die breit informieren, gebe Facebook den Menschen eine Heimstatt, die sich isolieren und nur ihre Sicht der Dinge bestätigt sehen wollen. Mit dem Ergebnis, dass “der öffentliche Diskurs erstirbt”. Die Realität zeige, dass die einzelnen Gruppen längst nicht mehr miteinander reden würden. “Jeder vertritt nur noch seinen Standpunkt, schreit sich bestenfalls noch an.” Wer genau hinschaue, erlebe “die Umwandlung in eine Empörungsdemokratie”.

Das Internet, die fünfte Gewalt

Mindestens ebenso bedenklich empfand es die Journalistin, dass das Internet auch rechtem Gedankengut Tür und Tor öffnet. Für den Nutzer sei oft erst auf den zweiten Blick erkennbar, dass hinter einer vorgeblich seriösen Adresse in Wahrheit die Verbreitung von Desinformation und Hass stehe. “Bislang waren die Medien die vierte Gewalt im Staat. Seitdem es das Internet gibt, kann man von der fünften Gewalt, das sind die Millionen im Netz zusammengeschlossenen Einzelsender, sprechen.” Und je größer diese Zahl werde, umso stärker wachse auch das Ausmaß an Desinformation innerhalb der Gesellschaft.

Petra Gerster hat sich intensiv mit dem Internet und seinen Folgen beschäftigt.

Doch wie kann man dem begegnen? Eine Idee hatte Gerster sofort: “Das Netz darf nicht länger ein rechtloser Raum bleiben.”

Wie gehen im Printjournalismus die Verlage mit dem Thema um? Thomas Roth machte den Aufschlag. Für ihn liegt die Zukunft im Qualitätsjournalismus. Der sollte geprägt von sauberer Recherche und klarer Sprache sein. Die Zukunft der Zeitung sieht er trotz rückgängigen Auflagenzahlen aktuell nicht gefährdet. Nüchtern sieht er die Zeitung als Wirtschaftsunternehmen, das seine Kosten im Blick halten muss. Wo es unwirtschaftlich sei, eine Zeitung anzuliefern, da müsste eben über eine Postzustellung oder – notfalls mit der Draufgabe eines Tablets – über die Belieferung via ePaper-Ausgabe nachgedacht werden. Für ihn spielt es ohnehin keine Rolle, ob die Zeitung nun elektronisch oder in Papierform beim Leser ankommt: “Der Inhalt muss stimmen.”

Cordelia Chaton hat da eine etwas andere Sicht der Dinge. Für sie setzt die Zukunft der Zeitungen bereits bei den ganz jungen Lesern ein. “Jugendliche, die an Netflix oder Twitter gewohnt sind, wissen nicht, weshalb sie auf einmal Zeitung lesen sollen, wo doch die Sprache schon eine ganz andere ist.” Sie setzt sich für die Schaffung von Medienkompetenz ein, die ihrer Meinung nach dringend erforderlich ist: “Es kann doch nicht sein, dass Jugendliche noch nicht mal wissen, was Gewerkschaften sind und welchem Zweck sie dienen”, umriss sie ihre Erfahrungen aus einer großen Luxemburger Schule.

Bald keine gedruckten Zeitungen mehr im Osten?

Die Zukunft der Printmedien sieht Christophe Langenbrink aber nicht so dunkel. Es werde immer Geschichten geben, die erzählt werden wollen, ist er der Meinung. Seinen Fokus will er dabei auf den Wahrheitsgehalt legen. Auch Petra Gerster gibt sich im Grunde optimistisch. Die Menschen seien schon bereit, für Qualität zu zahlen, meinte sie, das zeige schon alleine die wachsende Zahl von Netflix-Abonennten. Allerdings weiß sie auch, dass die Funke Mediengruppe Pläne hat, im Osten keine gedruckte Zeitung mehr zu verkaufen. Ähnliche Pläne gebe es bei der “waz”.

Beim Thema “Entwicklung von Medienkompetenz” waren sich alle Journalisten im Grunde einig, doch Ralf Britten wollte wissen, wie man das bewerkstelligen könne. Wieder sprachen alle von der Schule, bis Thomas Roth provokant die Frage in den Raum warf, inwieweit das die Lehrer angesichts eines vollen Lehrplans überhaupt interessiere. In dem Moment machte sich in der Runde für einen Augenblick Ratlosigkeit breit, hier wurde ein wunder Punkt getroffen. Ralf Britten griff noch einmal den Stichpunkt “einfache Sprache” auf. Hilft das weiter?

Petra Gerster bejahte. Beim ZDF bemühe man sich ausdrücklich um eine einfache Sprache, um so komplexe Zusammenhänge besser verständlich machen zu können. Allerdings räumte sie ein, dass dieses Vorhaben nicht immer gelinge. Ehrlichkeit steckt an, auch Thomas Roth gestand zu, dass Vorsatz und Ausführung nicht immer überein gehen. “Dann müssen wir den Job eben noch besser machen.” Cordelia Chaton beleuchtete eine weitere Facette: die Genauigkeit der Informationen. Wer nicht sauber recherchiere, bekomme sofort Rückmeldung vom Leser. Christophe Langenbrink erinnerte sich daraufhin an frühere Zeiten: “Damals kamen Leserbriefe oft erst nach zwei Wochen. Doch dann interessierten die niemand mehr.” Von daher kann der Chefredakteur dem Internet eine positive Seite abgewinnen: “Wir erleben derzeit vielleicht den besten Journalismus aller Zeiten. Die unmittelbare Nähe zum Leser hebt Qualität und Anspruch.”

Themen werden heute nicht mehr totgeschwiegen

Auch Thomas Roth mag das Internet nicht verdammen: Beim Trierischen Volksfreund kommen seinen Worten zufolge über 50 Prozent der online-Leser über Google und Facebook. Eine Zahl, die Christophe Langenbrink wegen einer möglichen Abhängigkeit erschrak: Beim Luxemburger Wort seien es maximal zehn Prozent. Doch auch er gewinnt der elektronischen Konkurrenz etwas Positives ab: “Früher wurden schon mal Themen totgeschwiegen, das ist heute nicht mehr möglich.”

Am Ende des Gespräches zog Ralf Britten Bilanz: “Wir alle haben es in der Hand, wie es mit den seriösen Medien weitergeht.” Ein Anfang könne darin liegen, dass jeder ein Bewusstsein dafür schärfe und die Jugend über die Bedeutung der Medien informiere.

Die nächste Veranstaltung der Gesprächsreihe ist am kommenden Montag, 11. März. Dann trifft der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert auf seinen ehemaligen luxemburgischen Amtskollegen Mars Di Bartolomeo.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft, Trifolion Hinterlasse einen Kommentar

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