Burgunderviertel – eine autofreie Siedlung in Trier?

Das alte französische Burgunderviertel in der Nähe des Petrisberges soll nach dem Willen der Kürenzer SPD die erste autofreie Siedlung in Trier werden. Foto: Archiv

TRIER. Der SPD-Ortsverein Kürenz will neue Wege beschreiten und in der kommenden Ortsbeiratssitzung am 18. September den Antrag stellen, dass Burgunderviertel als erstes autofreies Quartier in Trier zu entwickeln. Käme diese Idee zum Zuge, würde man dem Beispiel etlicher Kommunen − darunter auch Großstädte wie Köln (siehe Extra mit Video), Hamburg, München oder Berlin − in Deutschland folgen.

Was auf den ersten Blick wie die spinnerte Idee von Stadtplanern klingt, ist längst ein Erfolgsmodell geworden, das die Menschen begeistert. Anfang der neunziger Jahre gingen erste Kommunen wie Freiburg oder Münster mit einzelnen Siedlungen an den Start. Die Idee dahinter war ebenso einfach wie attraktiv: Autos bleiben bis auf Rettungswagen und Lieferdienste außen vor, finden ihren Platz auf den dafür vorgesehenen Sammelparkplätzen am Rande der Siedlung. Dafür gehört der Innenbereich ausschließlich den Menschen, die dort auch keine Abgase oder Verkehrslärm mehr in Kauf nehmen müssen.

Der Kürenzer SPD-Ortsvereinsvorsitzende Stefan Wilhelm.

Gegner dieser Idee orakelten, dass man niemals die Wohnflächen in diesen Siedlungen vermarkten könne. Doch das genaue Gegenteil war der Fall, es gab so viele Interessenten, dass ellenlange Wartelisten gefertigt werden mussten.

Eine Erfolgsidee mit Potenzial

Der Erfolg dieser Idee hat sich längst rumgesprochen. Großstädte wie Hamburg, Köln, München und Berlin haben oder entwickeln ganze Stadtviertel nach dieser Idee. Denn Verkehrsplaner haben festgestellt, dass die Zahl derer, die auf das Auto verzichten, stetig wächst. Und das nicht nur bei den älteren Verkehrsteilnehmern. Gerade jüngere Menschen setzen auf Sicherheit und Lebensqualität, verzichten auf das Auto als Prestigeobjekt und unterstützen vielmehr das Car-Sharing-Modell.

Ob Trier dem Beispiel anderer Kommunen folgen wird? Stefan Wilhelm, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Kürenz ist bereits heute überzeugt von dieser Idee: “Für Trier wäre das auch eine ganz große Chance, dem drohenden Verkehrskollaps zu begegnen. Mit einem solchen Konzept entsteht eine völlig andere Kommunikation im öffentlichen Raum, da Bewohner ständig zu Fuß oder mit dem Fahrrad im Quartier unterwegs sind.”

Deshalb, so der Vorschlag der SPD, soll das Burgunderviertel für den motorisiertem Verkehr gesperrt werden. Die zukünftigen Bewohner erhielten die Möglichkeit, in einer in Randlage gelegenen Quartiersgarage einen Stellplatz zu erwerben. Die alltägliche Entscheidung den Bus oder das eigenen Fahrrad zu nutzen und nicht den Weg in die etwas abseits gelegene Stellplatzanlage anzutreten, würde nach Überzeugung des SPD-Ortsvereins dazu führen, dass die Nutzung des eigenen Autos deutlich reduziert wird.

“Die Quartiersgarage ist dann auch der Ort an dem Carsharing angeboten wird, Elektrolastenräder für den Einkauf vermietet werden und sogar Pakete für die Bewohner angenommen werden können und wäre damit die Mobilitätszentrale für alle Fragen rund um die Mobilität in und außerhalb vom Quartier.” erläutert Wilhelm.

Das Burgunderviertel bietet nach Auffassung der Kürenzer SPD die besten Voraussetzungen in Zukunft komplett autofrei zu werden “und damit ein umweltbewusstes Leben, ein neuen Verkehrsgedanken und eine verbesserte Aufenthaltsqualität zu fördern.” (-flo-)

Extra

Das Stellwerk60 in Köln-Nippes ist die inzwischen größte autofreie Siedlung im Deutschland. Mehr als 1.500 Menschen wohnen auf dem vier Hektar großen Areal in 455 Wohneinheiten. Die Nachfrage nach Wohnungen übersteigt längst das Angebot. Es gibt dort 120 Auto-Stellplätze am Siedlungsrand sowie zwei große Carsharing-Stationen mit 20 Fahrzeugen.


BR-Fernsehbeitrag zu Köln-Nippes


Das Siedlungs-Innere ist autofrei und besteht aus einem dichten Netz von Fußwegen, die auch für Radfahrer nutzbar sind. Die vorhandenen Tiefgaragen sind nicht für Autos, sondern für Räder bestimmt. 2013 gab es für das Konzept den Deutschen Fahrradpreis. In einer Mobilitätsstation können sich Nachbarn sperrige Dinge, Lastenräder und Kettcars ausleihen.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 3 Kommentare

3 Kommentare zu Burgunderviertel – eine autofreie Siedlung in Trier?

  1. Gunhild

    Zu dem Artikel sehe ich als erstes das Bild einer Siedlung, in die überall Garagenzeilen eingestreut sind.Die Freifläche zwischen den Häusern ist zu fast der Hälfte für Straßen und Parkierung versiegelt.
    Und die Autos am Rand zu lassen und nur nach innen autofrei zu sein, ist nur ein Teil der Idee autofreier Stadtquartiere, denn diese (in den genannten Beispielen, sind gerade für Menschen Wohnorte, die gar kein Auto haben und auch keines wollen, sondern ihre Wege zu Fuß, per Rad, mit dem öffentlichen Verkehr und nur in Ausnahmefällen mit Car Sharing zurücklegen.
    Wenn autofreie Wohnviertel tatsächlich Oasen der Ruhe und Sicherheit sind, wenn auch die Nachbarschaft etwas davon hat, weil aus diesem Viertel morgens keine Masse von Autos hervorbricht und abends wieder zurückflutet, dann können sie auch eine Vorbildwirkung haben:
    – Andere Stadtbewohner sehen, dass es ein gutes Leben ohne Autos gibt
    – Bauherren, die keine Garagenplätze bauen müssen, gewinnen Platz von höherer Qualität oder können auf kleineren Grundstücken (also billiger) bauen
    – die Erfahrung, was bei der Planung von autofreien Wohnquartieren anders gemacht werden muss, wächst
    – Stadtplaner können weitere autofreie Siedlungen ausweisen, und dadurch Straßenfläche einsparen
    – Je mehr Bewohner der Stadt nicht mehr glauben, dass der Pkw das große Glück ist, desto näher kommt die Stadt den Zielen von Luftreinhaltung, Ruhe, Sicherheit
    – und desto mehr Leute erkennen, dass sie sich nicht für ein Auto krumm legen müssen

     
  2. Peter Binsfeld

    Sicher eine gute Idee, aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass sich das praktisch umsetzen lassen wird. Am Ende werden die Anwohner dann doch ständig in das Gebiet hineinfahren weil sie “nur mal schnell etwas ausladen” wollen, oder weil sie “kleine Kinder haben”, oder plötzlich “gehbehindert” sind usw… Und ob ein “Investor” (der dann vermutlich die Bebauung übernehmen soll) damit einverstanden ist – eine “exklusive Eigentumswohnung” ohne direkten Stellplatz für den SUV…Damit ist doch kein Geld zu verdienen….

     
  3. EinBürger

    Der SPD-Ortsverein Kürenz könnte mal diskutieren, die Gegend rundum zum Schlosspark in Alt-Kürenz für den motorisierten Verkehr zu sperren. Hier wird gegen jede Regel illegal alles zugeparkt und gefährdet anstatt sich einen legalen Stellplatz zu suchen oder gar zu mieten. In recht zentraler Lage könnten die Anwohner für das Allgemeinwohl in Kürenz mal aufs Auto verzichten. Das wäre doch mal ein Vorschlag, der ja scheinbar nur Vorteile für alle hat. Hätte auch den Vorteil, dass die Gartenfelder Ihre Kinder nicht mehr mit dem Auto bis ans Schultor der Grundschule Kürenz bringen würden, um den Kindern die paar Meter am Landesuntersuchungsamt entlang zu ersparen.

    Oder sollen nur die jeweils Anderen ihr Auto stehen lassen, damit man selbst nicht genervt wird und freie Fahrt hat?

    Mir ist das alles ziemlich egal, ich frag mich nur, woher die Motivation zu dem neuerlichen Vorstoß kommt? Die Vermarktung des Burgunderviertels ohne Autoverkehr in einer Stadt in der Immobilienkäufer in der Regel nun einmal – wer es mag oder nicht – die besserverdienenden Luxemburgpendler sind, stelle ich mir sicher spannend vor. Am Ende kann man dann dort oben auf dem Filetstück direkt am Petrisberg 100% Sozialwohnungen bauen, die selbstlos von der Allgemeinheit und all zu sozialen Kapitalgebern und barmherzigen Großinvestoren finanziert werden. Die jungen Familien, die gerne auf ihre wohlgemerkt eigenen Kosten schön in der Stadt wohnen wollen, dürfen dann ins Umland ziehen oder weiter für ihre alte zu kleine Wohnung Miete zahlen. Das geht auf Dauer sicher gut.

    Ich hoffe mein Beitrag bring hier mal ein bisschen Schwung in die Diskussion.

     

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