“Das geht in Richtung Abenteuer”

Auf den dünnen Deckenplatten liegen die Betonbrocken. "Reiner Zufall, dass keiner durchgebrochen ist", so Gutachter Erik Thees. Foto: ISSTAS+Thees

Auf den dünnen Deckenplatten liegen die Betonbrocken. “Reiner Zufall, dass keiner durchgebrochen ist”, so Gutachter Erik Thees. Foto: ISSTAS+Thees

TRIER. Die Sporthallen in Feyen und Trier-West sind bereits geschlossen. Die Halle am Mäusheckerweg ist zu. Die Wolfsberghalle wird aktuell saniert. Die Grüneberghalle ist wegen Schimmelbefalls ohnehin geschlossen. Weitere Hallenschließungen drohen in den nächsten Wochen. Denn die Stadt wird derzeit vor allem von den Bausünden der 1970er Jahre eingeholt. Die Sanierung dürfte in die Millionen Euro gehen. Von “Pfusch am Bau” wollte am Freitagmorgen keiner sprechen. Dennoch waren die Aussagen deutlich. “Dieses Sicherheitsniveau war noch nie zulässig”, betonte Erik Thees vom Ingenieur-Büro ISSTAS+Thees in Trier. Sein Unternehmen überprüft aktuell alle Deckenkonstruktionen in den städtischen Sporthallen. Denn um diese geht es vornehmlich. “Gravierende Schäden”, so Ralf Frühauf vom städtischen Presseamt, seien festgestellt worden. Die Schließung der Hallen sei daher kein blinder Aktionismus in Hysterie gewesen. Darin waren sich auch Schuldezernentin Angelika Birk (Grüne) und Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani (CDU) auf der Pressekonferenz im Rathaus einig. “Wir können von Glück sagen”, so Birk, “dass nicht mehr passiert ist.” Kaes-Torchiani kündigte an, die Überprüfung der Hallen möglichst schnell durchzuführen. “Notfalls werden wir eine Zelthalle aufstellen, um eine Ausweichmöglichkeit für den Schul- und Vereinssport zu haben”, sagte die Dezernentin.

Dicke Brocken aus Porenbeton, die lose auf den dünnen Deckenplatten liegen, Balken und Latten, die nur von einem einzigen Nagel gehalten werden, Risse an den Lichtschächten, Schäden über Schäden – der Blick hinter die Fassade offenbart das ganze Ausmaß: Viele der vor rund 40 Jahren erbauten Trierer Sporthallen sind in einem erbarmungswürdigen Zustand. Sicherheit gefährdet. Dafür hat Erik Thees nur einen Satz: “Das geht wirklich in Richtung Abenteuer hier!” Seine Tochter würde er jedenfalls dort nicht spielen lassen. Dass etwa in Feyen keine Betonklumpen durch die Decken fielen, sei “reiner Zufall” gewesen. Thees’ Firma begutachtet und untersucht derzeit alle Hallen, in denen die Deckenkonstruktionen ähnlich jenen von Feyen und Trier-West sind. Dort sind die Hallen bereits geschlossen.

Ausgangspunkt war die Halle am Mäusheckerweg. Die musste im September letzten Jahres nach einer Routineüberprüfung geschlossen werden, nachdem statische Probleme an der Deckenkonstruktion festgestellt worden waren. Die Stadt entschloss sich daraufhin, alle Hallen mit einer ähnlichen Konstruktion zu überprüfen. Laut Kaes-Torchiani wurden acht Hallen bisher überprüft, bei dreien seien Sicherheitsmängel aufgedeckt worden. Müßig sei es, so die Baudezernentin, nun danach zu forschen, wer die Schuld trage. Die Bauten stammen allesamt aus den 1970er Jahren. “Ich kann nur sagen”, so Kaes-Torchiani, “dass diese Technik auch schon damals nicht dem Standard entsprach.”

Ungewohnte Einigkeit: Baudezernentin Kaes-Torchiani und Schuldezernentin Angelika Birk.

Ungewohnte Einigkeit: Baudezernentin Kaes-Torchiani und Schuldezernentin Angelika Birk.

Mehr als 20 Hallen müssen noch überprüft werden. “Und dann”, so Kaes-Torchiani, “werden wir sowohl einen Kosten- als auch Zeitplan aufstellen.” Wie hoch die Gesamtkosten sein werden, wusste am Freitag noch niemand zu sagen. Doch sie dürften in die Millionen Euro gehen. Alleine für die erweiterten Brandschutzmaßnahmen an der Mäusheckerhalle wurden bisher bereits zwei Mal 500.000 Euro bereitgestellt. Dabei ist die Sanierung der Halle am Ehranger Schulzentrum noch überhaupt angelaufen, weil während der eingehenden Untersuchungen weitere Schäden diagnostiziert wurden. Ursprünglich sollte die Halle im April wieder öffnen. Doch daraus wird wohl nichts. “Jetzt rächt es sich eben”, kritisierte Kaes-Torchiani, “dass die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig Geld für den Unterhalt ihrer Sporthallen ausgegeben hat.”

Bis alle Schäden beseitigt sind, bis die Sicherheit von Kindern und Sportlern wieder vollständig gewährleistet ist, können Monate, vielleicht sogar Jahre vergehen. “Natürlich suchen wir nach Zwischenlösungen”, betonte Kaes-Torchiani. Die könnten so aussehen, dass die gröbsten Schäden zunächst einmal provisorisch beseitigt werden, um so einen akzeptablen Sicherheitsstandard herzustellen. Die Generalsanierung soll dann erfolgen, sobald das Gesamtkonzept ausgearbeitet ist. “Aber dafür müssen erst einmal alle Fakten, aber wirklich alle Fakten auf den Tisch”, betonte Kaes-Torchiani.

Der Stadtvorstand um Oberbürgermeister Klaus Jensen einigte sich in seiner Sitzung von Montag darauf, als Sofortmaßnahme einen finanziellen Reserveposten im Haushalt auszuweisen. Damit könnte eine Zelthalle gekauft werden. Kosten: rund 1,8 Millionen Euro. “Kaufen ist sicher preisgünstiger als dauerhaft mieten”, so Kaes-Torchiani. Die provisorische Halle soll Platz für 500 Zuschauer bieten und unterteilbar sein. Alternative Standorte könnten laut Kaes-Torchiani der Mäusheckerweg und der Wolfsberg sein. Mit der Zelthalle ließe sich auch der Druck auf dem Schul- und Breitensport dämpfen – schließlich sind weit über 1000 Menschen von den aktuellen Hallenschließungen betroffen.

Schul- und Sportdezernentin Angelika Birk sprach von einer “großen Solidarität unter den Vereinen”. Alle hätten mit Verständnis reagiert und freiwillig auf Trainingszeiten verzichtet. “Aber diese Solidarität können wir natürlich nicht dauerhaft erwarten”, so Birk. Deswegen seien auch kurzfristige Lösungen dringend notwendig, um den Vereinen zu helfen. Beim Schulsport sei es der Stadt hingegen gelungen, die Schülerinnen und Schüler in anderen Hallen unterzubringen, allerdings mit der Einschränkung, dass Busfahrten für die Schüler teilweise unumgänglich seien. Optimal sei die Lösung aber auch hier nicht.

Waghalsige Konstruktion: Zwei umgeschlagene Nägel im Beton halten den Latten und Balken. Foto: ISSTAS+Thees

Waghalsige Konstruktion: Zwei umgeschlagene Nägel im Beton halten die Latten und Balken. Foto: ISSTAS+Thees

Konsens herrschte darüber, dass die Schließungen der Hallen durch die Stadt kein blinder Aktionismus gewesen sei. “Zu den Grundschäden”, so Gutachter Thees, “sind jetzt auch Schäden hinzukommen, die durch den Zahn der Zeit entstanden sind.” Unfälle, auch der schweren Art, seien nicht mehr auszuschließen gewesen. Über einen Nachtragshaushalt im Doppelhaushalt will die Stadt nun die Kosten decken, die im Finanzierungsplan aufgeführt werden.

Mit den Schäden an der Sporthalle in Tarforst, die bei Schneefall nicht mehr genutzt werden darf (wir berichteten), wird sich demnächst wohl ein Gericht beschäftigen. Die Stadt wird die ausführende Baufirma in Regress nehmen. Derzeit untersucht ein Gutachter die Schäden. Dessen Bericht soll spätestens bis zum Sommer vorliegen. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Politik 3 Kommentare

3 Kommentare zu “Das geht in Richtung Abenteuer”

  1. Stefanj

    Ups. Manchmal ist es besser, man guckt nicht so genau hin…
    -Ironie aus-

    Die Hallen sind alle 45-50 Jahre alt; irgendwann muss da mal saniert werden. Ich glaube, so einfach lässt sich das zusammenfassen

     
  2. Wolf

    Der/die neue Baudezernent(in) hat eine Aufgabe: einen Masterplan/Marshallplan Gebäude und Infrastruktur für die nächsten 8 Jahre.

    Am Besten alle Gebäude schätzen lassen und verkaufen – sale and lease back. Die Stadt kann es nicht – das muss sie einmal verstehen.

    Beispiel:
    Vor Jahren hat die Stadt alle Parkhäuser an die Stadtwerke PIT GmbH verkauft. Mit welchem Ergebnis? Wir haben in Trier mit die am besten unterhaltenen und verkehrssicheren Parkhäuser.

    Da muss sich nur jemand trauen.
    So dauert jede kleine Sanierung MONATE; Hallen werden geschlossen, auch wenn nur für 2-3 Wochen Reparaturarbeiten notwendig wären. Das ist bei einem “privaten” (oder halb-privaten wie die SWT) nicht nötig.

     

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