“Das ist einfach nur der Hammer”

Noch bis zum 28. September - "Ein Traum von Rom".

Noch bis zum 28. September – “Ein Traum von Rom”.

TRIER. Wie bringt man eine Epoche in elf Räumen unter? Wie gelingt es, einen Eindruck von historischer Größe auf 700 Quadratmetern zu vermitteln? Und wie schafft man einen Bezug zum Albtraum, da doch der Traum die Sinne kitzeln soll? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, sollte sich die Sonderausstellung “Ein Traum von Rom” im Rheinischen Landesmuseum zu Trier nicht entgehen lassen. Bis zum 28. September ist dafür noch Zeit – dann ziehen die Exponate nach Stuttgart um.

Ein Rundgang von Eric Thielen

Da saßen sie also, auf den Stufen der großen Treppe, die zum Traum hin und wieder von ihm wegführt. Die Schreibblöcke auf den Knien, die Stifte gezückt, etwas außer Atem, den Kopf voller Eindrücke und auf den Zungen all jene Wörter, die jetzt aus ihnen drängten. “Kolossal, echt kolossal.” Ein fragender Blick zum Nachbar. “Ja, logo.” In Bad Berka büffeln sie jeden Tag Latein. Ein tote Sprache, so heißt es. Hier aber wird die Sprache Ciceros für sie lebendig, weil Latein Rom ist und Rom Latein. Weil das die Sprache jener alten Römer ist, die den Traum von Rom in die damals bekannte Welt trugen. Für die Schüler der Lateinklasse des Marie-Curie-Gymnasiums in Bad Berka hat sich ihr Traum an diesem Tag erfüllt.

“Das ist einfach nur der Hammer hier”, sagt einer noch. Die Lehrerinnen nicken. Aus der Nähe von Triers Partnerstadt Weimar kommen sie, sind auf Studienfahrt an der Mosel. Porta Nigra, Kaiserthermen, Amphitheater, Barbarathermen und natürlich “Ein Traum von Rom” – es gibt so viel zu entdecken, hier in der “Roma Secunda”, wo man zur Blüte der Antike Fußbodenheizungen unter den Sandalen hatte, während sich die Nachkommen des Varus-Besiegers Arminius in Thüringen weiter mit Hirschtalk einrieben, um sich gegen die Kälte des germanischen Winters zu schützen.

Abwechslungsreich sei die Ausstellung. Auch das sagen sie. Gut gestaltet sei sie, ja, auch das. Nur der Film im 240-Grad-Panorama bekommt von den jungen Thüringern keine Prädikatsnote. “Na ja, das ging so, der hat gewackelt, war oft unscharf und lief viel zu schnell”, ist der einhellige Tenor. Zu Ende gesehen hatten sie ihn nicht. Da reizten die anderen Ausstellungsräume mit ihren über 300 Exponaten, von denen einige erstmals öffentlich gezeigt werden, dann doch mehr. Vor allem der Teil über den Bestattungskult hat sie beeindruckt. “Das war klasse”, sagt einer, und alle anderen stimmen zu.

Roms Stärke, Roms Macht - auch in Trier.

Roms Stärke, Roms Macht – auch in Trier.

Didaktisch ist den beiden Projektleiterinnen Dr. Sabine Faust vom Landesmuseum Trier und Dr. Nina Willburger vom Landesmuseum Württemberg in Stuttgart ein großer Wurf gelungen, wie das hohe Lob der Lateinschüler aus Thüringen zeigt. “Ein Traum von Rom” wirkt weder überladen noch zu kurz geraten. Drei Jahre der Vorbereitung waren nötig, um zu zeigen, was gezeigt werden sollte. Wie sich römische Stadtkultur im Nordosten Galliens und im rechts-rheinischen Obergermanien am Vorbild Roms orientierte und entwickelte. Wie der Traum von Rom in den Provinzen gedieh und erblühte, um schließlich nach Jahrhunderten doch zu zerplatzen.

Folgerichtig sind die Traum-Räume in leuchtendem Rot konzipiert. Der Purpur war im antiken Rom den Togen der Senatoren, den Triumphatoren und Caesaren vorbehalten. Schon in der Farbe manifestieren sich Größe und auch Wärme. Ist der Traum aus, wird es kalt. Der blaue Hintergrund verleiht dem unförmigen Kalkberg mit seinen zerschlagenen Kunstwerken im Schlusssaal einen morbiden Charakter. “Aus der Traum” steht an der Wand. Zumindest für jene, die ihren Traum von Rom leben konnten.

Die Stärke der Ausstellung besteht letztlich auch darin, dass sie nicht belehren oder Politik betreiben will. So werden die Besucher mittels kleiner Hinweise über den Traum von Rom zum Albtraum geführt. Die Frage wächst im Kopf: Wo sich Menschen weit entfernt vom Meer Austern leisten konnten, die lebend über Wochen hinweg im Salzwasser auf dem Weg waren, um in Trier bei opulenten Orgien als Delikatessen verspeist zu werden, muss da nicht auch viel Not, viel Elend, viel Ausbeutung das Leben der vom Traum Ausgeschlossenen bestimmt haben?

Im Herzstück der Konzeption, wo die nachgebaute römische Ladenstraße in ihrer Dreidimensionalität einen sehenswerten Eindruck von der globalisierten antiken Welt unter Roms Herrschaft vermittelt, drängt sich dieser Aspekt geradezu körperlich auf. Damit Gewürze aus Asien, Weihrauch aus Arabien und unzählige Delikatessen aus aller Welt und der umliegenden Landstriche die Tische der vornehmen Römer in Trier füllen konnten, mussten Millionen Sklaven ihr Leben lassen oder unter unmenschlichen Bedingungen fristen. Unübersehbar steht dieser Albtraum hinter dem Traum als Mahnung: Blüte aus Blut entstanden.

Das Rot der Caesaren spielt auch darauf an. In seiner römischen Hochzeit war Trier mit einer Fläche von 285 Hektar größer als Köln, Mainz und Metz zusammengenommen. Es trug den Ehrentitel “Colonia”; Trier löste Reims als Hautstadt der Provinz der Belgica ab. Es war die größte römische Stadt in Mitteleuropa. Das antike System der gewaltsamen Unterdrückung, das die Größe und Macht Roms garantierte, wurde folglich auch hier perfektioniert – bis der Traum nicht zuletzt in der eigenen Dekadenz zerplatzte. “Schöner Wohnen”, wie es in einem der Ausstellungsräume heißt, konnten nicht alle. Für die anderen galt: “Zahlreich stirbt man hier, krank vor Schlaflosigkeit. Nur mit großem Reichtum kannst Du in dieser Stadt ein Auge zutun.”

Mit dem kostenlosen Audio-Guide kann der Besucher über die bewusst kurz gehaltenen zweisprachigen Tafeln an den Exponaten hinaus auch Informationen zu den Lebensumständen der Menschen abrufen. Wie für die gesamte Ausstellung gilt auch hier: Niemand wird überfrachtet, keiner muss Geschichte oder gar Archäologie studiert haben, um den Erläuterungen folgen zu können. In klar verständlicher Sprache wird über den “Traum von Rom” berichtet, werden Hinweise gegeben und Anekdoten erzählt – wie etwa über das Kollegium der Feuerwehrleute im römischen Trier. Die einzelnen Sprachmemos dauern selten länger als zwei Minuten – so bleibt viel Zeit zum Schauen und Reflektieren zwischen den jeweiligen Hörstationen. Der Audio-Guide ergänzt die visuellen Erläuterungen perfekt.

Für viele ein zynischer Euphemismus - "Schöner Wohnen".

Für viele ein zynischer Euphemismus – “Schöner Wohnen”.

Da die Ausstellung von Oktober an auch in Stuttgart zu sehen sein wird, musste in der Konzeption ein Kompromiss zwischen der überragenden Stellung Triers und der Entwicklung römischer Orte in der schwäbisch-württembergischen Region gefunden werden. So werden neben Trier auch die römischen Siedlungen Ladenburg, Köngen und Rottweil beleuchtet. Der Kompromiss ist zu spüren, wirkt sich aber nicht negativ auf die Qualität der Präsentation aus. Im Gegenteil: In der Gegenüberstellung mit den kleineren Orten rechts vom Rhein spiegelt sich schließlich auch die unglaubliche Größe Triers als römische Metropole.

Das sehen auch die beiden Trierer Studenten Daniel und Nadine so. Einzig an der 240-Grad-Animation des “Naexus Virtual Space Scope” üben sie leise Kritik und liegen damit auf einer Wellenlänge mit den Lateinschülern aus Thüringen. “Ich hätte mir da mehr über Trier gewünscht”, sagt Daniel. “Ja, Trier kommt eindeutig zu kurz. Vielleicht hätte man einfach zwei Filme machen sollen – einen für Trier und einen anderen für Stuttgart”, pflichtet Nadine ihrem Freund bei. Dafür loben sie die Aufmachung und die detailgenauen Modelle der Wohnhäuser und Stadtviertel. “Sehr viel Mühe” hätten sich die Planer gegeben. “Das merkt man in den Details”, sagt Nadine, “das Konzept ist stimmig und sehr gut umgesetzt.”

Während Nadine und Daniel im Museums-Shop den dicken Begleitband zur Ausstellung durchblättern, sitzen die Lateiner aus Bad Berka immer noch auf den Stufen der großen Treppe und diskutieren. Aus einer Tasche lugt ein Buch mit dem Konterfei des römischen Staatsmannes Cicero hervor. Der hatte einst behauptet: “Rom, das bin ich!” Das wird keiner der jungen Thüringer je von sich sagen können. Dafür aber: “Ein Traum von Rom” – ich war da! Und es hat mir gefallen. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Headline, Kultur Kommentare deaktiviert für “Das ist einfach nur der Hammer”