Das Karl-Marx-Viertel und sein weiter namenloser Platz

Noch im Dezember 2017 galt der “Karl-Marx-Platz” bei einem Ortstermin als gesetzt, wie das Schild auf unserem Foto, gehalten von Christian Henniger und Andreas Ludwig, zeigt. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Entscheidungen können nicht immer die Wünsche aller Menschen zufriedenstellen. Zugegeben, das ist eine alte Binsenweisheit. Doch wenn es um die Interessen eines ganzen Viertels geht, tut eine Verwaltung gut daran, mit Fingerspitzengefühl zu agieren. Im Karl-Marx-Viertel – dazu gehört der Bereich rund um Johannis-, Krahnen- Kaiserstraße bis zur Synagoge, Jüdemer-, Brücken- und Karl-Marx-Straße – scheint das aber zumindest in einem Fall nicht gelungen zu sein. Denn hier wünschte man sich für einen kleinen Platz, der auch als Treffpunkt innerhalb des Viertels eine Rolle spielt, eine Namensgebung. Nach vielversprechenden Anfängen zerplatzte dann aber das Vorhaben wie eine Seifenblase. Die Menschen waren enttäuscht, die Verwaltung versuchte, den Schwarzen Peter an den Ortsbeirat weiterzureichen. Der aber wehrte sich. Und gab die Karte an die Stadtverwaltung zurück.

Ein Beitrag von Rolf Lorig

Das Karl-Marx-Viertel − das ist ein Mischgebiet mit vielen Wohnungen, Kunsthandwerk und kleineren, inhabergeführten Betrieben sowie bunten Bars. Eine Mixtur, die ein ebenso vielfältiges wie auch attraktives Bild ergibt. Hier gibt es einen eingetragenen Verein, der sich für die Belange des Viertel einsetzt. Dieser Verein trat im Vorfeld zu den Planungen zum Karl-Marx-Jahr schon früh an die Stadtverwaltung heran. Zunächst mit einem Angebot. Denn anlässlich des 200. Geburtstag von Karl Marx suchte die Verwaltung vor Monaten einen Standort für das monumentale Gastgeschenk aus Peking – die große Karl-Marx-Statue. Das Viertel brachte daraufhin wegen der Nähe zum Geburtshaus des Philosophen den kleinen namenlosen Platz an der Ecke Jüdemer-, Brücken- und Karl-Marx-Straße ins Gespräch. Doch dem Künstler war der Platz zu klein und das Thema damit vom Tisch.

Zu Beginn kamen positive Signale von der Verwaltung

Schade, dachten sich die Bewohner des Viertels, dann sollte der Platz, den die Verwaltung nun aber immerhin baulich herausputzte und mit Aussagen von Karl Marx verzierte, wenigstens anderweitig mehr Beachtung erfahren. Beispielsweise dadurch, dass er künftig Karl-Marx-Platz heißen sollte. Der Verein “Karl-Marx-Viertel” reichte den Vorschlag nach Rücksprache mit der Verwaltung am 10. Januar 2018 beim Ortsbeirat ein. “Von der Verwaltung hatten wir zu Beginn positive Signale bekommen”, erinnert sich Christian Henniger, seit knapp zwei Jahren Vorsitzender des Vereins. “Es hieß eigentlich immer, dass der Platz einen Namen bekommen kann, und es war nie ein anderer Name als Karl-Marx-Platz im Gespräch”, sagt Henniger, der zugleich Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Trier ist, die ihre Kirche in der Johannisstraße hat. Man sei dann aber sehr verwundert gewesen, als Ortsvorsteher Dominik Heinrich dem Verein mitteilte, dass die Stadtverwaltung dem Vorhaben ablehnend gegenüberstehe, weshalb der Ortsbeirat keine Chance für eine Namensgebung sehe.

Pastor Christian Henniger, der Vereinsvorsitzende des Karl-Marx-Viertels, vor seiner Kirche in der Johannisstraße.

Baudezernent Andreas Ludwig bestätigt die ablehnende Empfehlung auf Anfrage des reporters. Und er verweist dabei auf die Zuständigkeit des Ortsbeirates für Namensgebungen, die seit dem letzten Jahr besteht. Ja, es sei bekannt, dass sich viele Menschen aus dem Viertel für den Platz eine Benennung als Karl-Marx-Platz wünschen. Das betreuende Fachamt habe aber darauf aufmerksam gemacht, dass dann zu Lasten einiger Anlieger Umadressierungen notwendig werden würden. Dieser Einschätzung habe sich der Stadtvorstand angeschlossen: “Die Umbenennung ginge sehr zu Lasten einiger Anlieger.”

Keine Veranlassung für eine Umbenennung

Was aus dem Mund des Baudezernenten konzilliant klingt, liest sich im Protokoll der Ortsbeiratssitzung allerdings wesentlich schärfer. Hier verweist die Stadtverwaltung auf einen Beschluss des Stadtrates vom 28. Juni 2017: “Straßenumbenennungen sollen nur dann erfolgen, wenn dies aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erforderlich ist. Umbenennungen sind – insbesondere unter dem Aspekt der Anschriftenänderung bestehender Gebäude − auf unbedingt notwendige Fälle zu beschränken.“ Und weiter: “Nach eingehender Überprüfung des Sachverhaltes ist aus ordnungsrechtlicher Sicht keine Veranlassung gegeben und auch keine Notwendigkeit erkennbar, die eine Umbenennung rechtfertigen würden.“ Ergänzend sei bei einem Termin des Ortsvorstehers bei den zuständigen Sachbearbeitern darauf hingewiesen worden, dass es in Trier bereits eine Karl-Marx-Straße gibt und es auch in anderen Städten unüblich sei, dass mehrere öffentliche Flächen (Straßen/Plätze) nach der gleichen Person benannt seien.

Für Dominik Heinrich, den der reporter ebenfalls um eine Stellungnahme bat, eine missliche Situation. Im Protokoll des Ortsbeirates, das er uns zur Verfügung stellte, wird er mit diesen Worten zitiert: “Bei Benennungen und Umbenennungen von Straßen und Plätzen muss Einvernehmen mit der Stadtverwaltung hergestellt werden”, sagte er gegenüber dem Ortsbeirat. Dessen Mitglieder fürchteten jedoch nach der Empfehlung der Verwaltung, dass im Fall einer Zustimmung auch andere Institutionen, Vereine und Personen dem Beispiel folgen könnten und die Umbenennung vorhandener Straßen und Plätze sowie von Kleinflächen beantragen könnten. “Nach Abwägung der Argumente kam der Ortsbeirat zu dem Schluss, der Position der Stadtverwaltung zu folgen”, so das Protokoll.

Wobei es eine kleine, wenn auch theoretische Möglichkeit noch gibt: “Würde sich der Ortsbeirat jetzt doch für eine Umbenennung in ‘Karl-Marx-Platz’ aussprechen, dann wäre das Einvernehmen mit der Stadtverwaltung nicht gegeben. In dem Fall müsste es hierzu eine Beratung und ein abschließender Beschluss im Stadtrat geben”, stellt Heinrich klar.

Vereinsvorsitzender Christian Henniger hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: “Wir fänden es schade, wenn diese Fleckchen Erde weiter keinen Namen hätte.” Denn in der Vereinsarbeit werde der Platz, der schon seit Monaten mit erheblichem Aufwand baulich aufgewertet wird, mit Sicherheit eine Rolle bei künftigen Veranstaltungen spielen.


Drucken
Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 2 Kommentare

2 Kommentare zu Das Karl-Marx-Viertel und sein weiter namenloser Platz

  1. Spekulatius

    Ich wüsste nicht, wieso bei einer Benennung des Platzes als Karl-Marx-Platz zwingend eine Umadressierung von Anliegern stattfinden müsste. Brückenstraße und Jüdemerstraße lösen sich dadurch ja nicht in Luft auf. Beim Martin-Luther-Platz bestanden diese Bedenken ja auch, und es hat letztlich doch geklappt. Halte ich für ein vorgeschobenes Argumant.

     
  2. Dieter

    einfach nur eine weitere Posse des Trierer Dilettanten-Stadtrats… dazu bedarf es keiner weiteren Worte. Ungeachtet dessen, wäre es mal an der Zeit bei der Baustelle in die Puschen zu kommen oder gibt es Finanzierungsprobleme? 😀

     

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.