Das kollektive Gedächtnis der Stadt Trier ist sehr krank

Versteckt sich scheinbar schamhaft hinter einem Schleier: das Exhaus, das ganzen Generationen ein Zuhause war. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Wenn’s kommt, dann kommt es knüppeldicke: Ab sofort finden im Exhaus keine Veranstaltungen mehr statt. Zudem werden dort auch alle Arbeitsplätze geräumt und in noch zu suchende externe Räumlichkeiten verlagert. Grund: Bei den laufenden Sanierungsarbeiten wurden derart große Schäden im Holz, das sich durch das gesamte Bauwerk zieht, ausgemacht, dass Bau- und Sozialdezernat nun auf Empfehlung des Statikers gemeinsam die Notbremse gezogen haben. Das Exhaus wird bis zu sechs Jahre geschlossen bleiben. Wie groß die Schäden sind, wie teuer die Instandsetzung kommt, das soll ein Generalsanierungsplan klären, der jetzt in Auftrag gegeben wird.

Von Rolf Lorig

Christine Frosch, Rechtsanwältin und Insolvenzbeauftragte des Vereins “Exhaus e.V.”, hat auch schon bessere Tage erlebt. “Im Moment befinde ich mich in einem Wechselbad der Gefühle: Bis gestern habe ich uns auf der Zielgeraden gesehen, die ersten Konzerte stehen an und damit auch der Normalbetrieb.” Doch damit wird es definitiv nichts. Sozialarbeiter Cornelius Günther ist bereits intensiv auf der Suche nach einer Ersatz-Location. Unterstützt wird er dabei von Jugendamtsleiter Carsten Lang, der parallel neue Räumlichkeiten für die Exhaus-Mitarbeiter sucht. Cornelius Günther weiß, dass die für diesen Monat angesetzten Konzerte auf keinen Fall in diesem Gebäude stattfinden können.

Dilettantische Reparaturen in der Vorzeit

Wie kommt es zu der neuen Situation? Die von den beiden Dezernenten Garbes und Ludwig einberufene Pressekonferenz bringt im wahrsten Sinne des Wortes Licht ins Dunkel. Projektleiter Jürgen Eckstein von der Gebäudewirtschaft hat mit der Kamera zahllose Schadstellen dokumentiert, mehr als 600 Fotos. Die schlimmsten zeigt er nun in einer etwa halbstündigen Dokumentation. Was die Zuschauer da zu sehen bekommen, löst zum Teil ungläubiges Kopfschütteln aus. Da wurden in früheren Jahren teilweise Reparaturen durchgeführt, deren Qualität Eckstein mit “Dilettantismus” kennzeichnet. Andere Reparaturen, auch aus der jüngeren Zeit, wirken auf den ersten Blick durchaus professionell und fachgerecht. Der nähere Blick aber offenbart, dass schon damals das Kernproblem, das faulende Holz, entweder nicht erkannt oder schlichtweg verdrängt wurde.

“Was die Sache so schwierig macht, ist die Tatsache, dass wir viele Schäden zum Teil erst durch Zufall entdeckt haben”, erläutert Baudezernent Andreas Ludwig. Was genau er damit meint, machen die Fotos klar: Da wurden zum Teil mehrere Wände vor die Schadstellen gesetzt. Nach dem Motto: “Aus den Augen, aus dem Sinn.” Erst nachdem man das Zwiebelprinzip entfernt hatte, offenbarte sich das nackte Elend. Dauerhaft defekte Wasserleitungen leckten, das Wasser suchte sich seinen Weg und hinterließ faulendes Holz. Und wenn bei den Reparaturen mal was nicht passte, wurde es eben passend gemacht. Auch um den Preis, dass Endstücke von tragenden Balken einfach abgesägt wurden, weshalb sich die Dachkonstruktion im Laufe der Zeit verzog und die Wände nach außen drückte.

Es regnet durch das Dach? Einfach eine Zinkwanne drunterschrauben und das Wasser über ein Röhrchen nach außen abführen…

“Was wir hier vorgefunden haben, war unglaublich”

Oft schien man überhaupt nicht gewillt gewesen zu sein, den Ursachen von Wasserschäden nachzugehen: Ein Foto zeigte eine verzinkte Wanne, die unter dem Dach befestigt war. Das sich dort sammelnde Wasser wurde dann ganz einfach über ein kleines Rohr ins Freie geleitet…

Eine Wand, die nicht entfernt werden sollte, fiel durch Zufall doch dem Vorschlaghammer zum Opfer. Ein Glücksfall, wie sich in der Folge herausstellte. Denn hinter der vermeintlich massiven Wand befanden sich Holzträger, die die Decke stützten. Träger, deren Holz aber massiv geschädigt war…

“Was wir hier vorgefunden haben, war unglaublich. Alle naslang ging eine neue Bombe hoch”, beschreibt Ludwig die Situation. Dem gelernten Architekten fällt es angesichts der Bilder schwer, die Fassung zu bewahren. Gerade hatte er den Tiefschlag verdaut, den er vor etwa dreieinhalb Monaten eingesteckt hatte. Denn damals war der Hausschwamm im Gebälk zutage getreten. “Das war schon heftig”, erinnert er sich. Doch dass es nun so dicke kommen würde, hätte er sich in seinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt.

Verkohlter Träger: Hier gab es in der Vorzeit offenbar einen Feuerschaden. Alle Baufotos: Jürgen Eckstein, Stadt Trier

Situation ist nicht beneidenswert

Die Lage der Verantwortlichen ist nicht beneidenswert, sie befinden sich in einer Rechtfertigungssituation. Wobei der Blick auf die Fotos klar macht, dass hier Fallen gelauert haben, die man beim besten Willen noch nicht mal erahnen konnte. Etwa vier Millionen Euro wurden bislang verbaut. Geld, das nicht alles für die Katz war. Das “Exil” ist fast fertiggestellt, auch der Balkensaal mit seiner neuen Feuerrettungstreppe so weit fertig, dass in den nächsten Tagen dort die Konzerte hätten stattfinden können. Die Barrierefreiheit ist in weiten Teilen hergestellt, der Aufzug im Gebäude ebenfalls fast fertig. Was auch für den neuen Veranstaltungsraum gilt, das “Bootshaus”, das wegen des anderen, unweit entfernten Bootshauses aber einen anderen Namen bekommen soll.

Die Arbeiten, die jetzt noch getan werden müssen, werden zu Ende geführt. Dazu kommen auch Stabilisierungsmaßnahmen, die Schäden durch das geschädigte Holz verhindern sollen. Doch das sind nur Maßnahmen, die der Sicherheit der Arbeiter im Gebäude dienen und die das gefahrlose Aufmaß für eine Generalsanierung ermöglichen sollen. In ungefähr einem Jahr hofft man dann mehr zu wissen. “Dann werden wir vermutlich den Bau-Ausführungsplan haben und können dann in die Ausschreibung gehen”, mutmaßt Frank Simmons, der Leiter der Gebäudewirtschaft.

Und mit welchen Kosten muss bei einer Generalsanierung gerechnet werden? An dem Punkt würden sich alle am liebsten in Schweigen hüllen, denn nach wie vor gibt es viele Unbekannte, die sich negativ auswirken können. “Ein zweistelliger Millionenbetrag wird es vermutlich werden, da wird schon eine Eins vorne stehen”, wagt sich der Baudezernent dann doch aus der Deckung. Die Zahl zeigt Wirkung, aus der Journalistenrunde kommt die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, alles abzureißen und neuzubauen. Ludwig schüttelt den Kopf, setzt sich für den Erhalt des Exhauses ein. Bei einem Projekt wie der Mäusheckerhalle, das in den 70er Jahren geschaffen wurde, war dieser Gedanke für ihn nachvollziehbar und richtig. Hier aber geht es um ein 250 Jahre altes Kulturerbe. Bürgermeisterin Elvira Garbes eilt ihm zur Hilfe. Im Stadtvorstand habe man auch schon darüber gesprochen, dies aber verworfen. Und liefert als Soziologin dann ein Argument, das so einfach nicht von der Hand zu weisen ist: “Wir sprechen hier vom kollektiven Gedächtnis der Stadt Trier. Die Institution Exzellenzhaus hat ganze Generationen geformt und geprägt.”

Nach dem Entfernen der Deckenverkleidung offenbart sich der desaströse Zustand der Deckenkonstruktion.

Wie es weitgeht, bestimmt der Stadtrat

Über die Zukunft des Exzellenzhauses aber entscheidet nicht der Stadtvorstand, sondern der Stadtrat. Und von dort kommen bereits erste positive Signale. Denn mit als erste wurden die Fraktionen über die unerfreulichen Neuigkeiten informiert. Und die, so Garbes, hätten bislang keine ablehnende Haltung eingenommen.

Letzte Frage an die Insolvenzbeauftragte des Vereins Exhaus, Rechtsanwältin Christine Frosch: Welche Auswirkungen hat die neue Situation auf die laufende Insolvenz des Vereins? “Am laufenden Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung wird sich im Augenblick nichts ändern. Natürlich wird sich die neue Situation auf die Dauer des Verfahrens auswirken. Denn wir hofften ja, in den nächsten Wochen durch den Insolvenzplan das Insolvenzverfahren beenden zu können. Jetzt können wir aber den Plan in dieser Form nicht mehr einreichen, weil die dem Plan zugrunde gelegten Fakten so nicht mehr belastbar sind. Das heißt, wir müssen ein neues Sanierungskonzept entwickeln. Und dabei spielt es eine große Rolle, was uns die Stadt an Ausweichplätzen anbieten kann. Erst dann wird klar, ob wir die geplanten Veranstaltungen so durchführen können oder ob es Einschnitte geben wird. Es werden nun wohl noch ein paar Wochen ins Land gehen, bis wir mit den neuen Eckdaten an einer neuen Finanzplanung arbeiten können, was wir dann aber auch sehr schnell tun werden. Und natürlich werden wir dann auch nochmals wegen einer Unterstützung bei der Stadt Trier anfragen.”

Christine Frosch ist zuversichtlich, dass diese Hilfe gewährt wird. Zum einen ist sie stolz auf die Arbeit aller Beteiligten, die auf breiter Basis die ihr gebührende Würdigung auch im Stadtrat erfahren habe. “Eine Arbeit, die von so vielen Menschen wertgeschätzt wird.” Sie hoffe, dass auch in dieser schwierigen Phase man dem Verein die Unterstützung weiterhin gewähren werde, “damit er weiterbestehen und seine Arbeit weiter fortführen kann”.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 4 Kommentare

4 Kommentare zu Das kollektive Gedächtnis der Stadt Trier ist sehr krank

  1. Paul Meiers

    Wer bitte investiert 4,5 MILLIONEN EURO in ein Objekt, dass nicht VORHER grundlegend und fachkundig untersucht wurde?

    Sorry. Dilettantismus im Qudrat.
    Da nützen auch fromme Pressekonferenzen nichts.

    Vor allem: es wiederholt sich! Ständig! Und nichts ändert sich bei den Experten.

    – Turnhalle feyen
    – Turnhalle trier West
    – mäushecker
    – Egbert
    – wolfsberg
    – exhaus

    noch was vergessen?
    Immer wird „saniert“ und erst danach wieder abgerissen. Immer „doktern“ die städtischen Experten selbst.
    Muss keiner verstehen. Auch egal. Jemand wehrt sich. Sind ja nicht in Frankreich…

     
    • Peter

      Sie können Ihrer Aufzählung noch die Europahalle anfügen. Diese “Bombe” wird auch in den nächsten Jahren platzen.

      Auch anderer öffentliche Gebäude (Rathaus, Verwaltungsgebäude) sind in einem jämmerlichen Zustand.

      Leider hat man in Trier (wie im öffentlichen Bereich üblich) über Jahrzente viel zu wenig Geld ind en Bauunterhalt gesteckt und lieber immer Notdürftig geflickt.

       
      • Pm

        Stimmt. Europa Halle kommt wahrscheinlich auch noch.
        In meiner Aufzählung waren allerdings die Gebäude, bei denen das Hochbauamt massiv Geld versenkt hat, weil es planlos einfach mal Geld rausgeschmissen hat…

        Dort sitzen, ganz oben angefangen, Experten von Weltrang.

        Hat irgend jemand eine solche Fülle an Missmanagement schon einmal von anderen gehört? Von den Stadtwerken? Von der GBT? Von privaten?

        Es geht nicht (aber auch) um das Jahre lang sparen. Es geht einfach um Missmanagement

         
  2. Stephan Wiltschek

    Liebe Triererinnen und Trierer,

    “und wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein ….”
    Lassen wir es dann aber auch mit dem klerikalen Sprüchen….Viel wichtiger fände ich es, dass nicht nur gemotzt wird. Nicht nur hier, sondern auch allgemein, in und um Trier. Überall wird nur geschimpft und bemängelt. Auf der Strasse, in den Gaststätten, Restaurants, Kino, Musikkneipen etc…Das halte ich im ersten Ansatz für vollkommen normal. Das ist auch gut so, dass man mit Menschen diskutiert und teilweise dramatische Entwicklungen in der Stadt Trier reflektiert. Normal ist allerdings nicht, dass es dann meistens dabei bleibt. Zu sagen “jetzt ist aber mal Schluss, ich muss was tun und /oder irgendwas bewegen”….das kommt von den wenigsten. Wenn ich z.B. sehe, mit welchem Idealismus die aktiven und für die Stadt auch manchmal renitenten Personen des Fördervereins Eishalle-Region-Trier ev. sich seit Jahren dafür in Ihrer Freizeit einsetzen, endlich wieder eine Eissporthalle in Trier zu bekommen, kann ich nur sagen: “BRAVO”. Weiter so ! Nicht nur mullen sondern auch machen (sagt man bei uns im Rheinland so)….was mich dann am meisten erschreckt, ist die Tatsache, wie wenig Menschen in und um Trier den Poppes hochbekommen und diese Idealisten unterstützen. Von 100.000 Menschen im Grossraum Trier kann ich doch, verdammt nochmal, mehr erwarten, als die zwei Hände voll die sich regelmässig treffen und engagieren. Schaut euch die Homepage des Fördervereins an und werdet aktiv. Nur so kann man was erreichen. Durch Beharrlichkeit, Antrieb und Ziele wurde in den letzten drei Jahren ein Status geschaffen, den keiner für möglich gehalten hätte. Also, runna vom Sofa, raus aus der Bude und sich mal schlau gemacht. Ihr werdet es nicht bereuen. http://www.foerderverein-eishalle-region-trier.de

    Danke an alle und noch eine erfolgreiche Restwoche.

    Stephan

     

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