Der Kommentar – Die richtige Entscheidung

Dass die Stadt ihre Pläne zum Theater-Neubau nun modifiziert, ist die absolut richtige Entscheidung des neuen Stadtchefs Wolfram Leibe.

Dass die Stadt ihre Pläne zum Theater-Neubau nun modifiziert, ist die absolut richtige Entscheidung des neuen Stadtchefs Wolfram Leibe.

Thomas Egger ist nicht zu beneiden. Da plagt er sich jahrelang ab, erstellt Varianten, engagiert Fachleute, plant und verwirft – und muss jetzt doch wieder von vorne anfangen. Ein hartes Los und bittere Kost für den Dezernenten, der als ehemaliger Liberaler nicht bedingungslos hinter dem Drei-Sparten-Haus am Augustinerhof stand. Egger hatte Dieter Haselbach geholt. Der streitbare Professor prüfte das Theater auf Herz und Nieren. Seine Empfehlungen liefen nicht zwingend auf den Erhalt des Drei-Sparten-Hauses hinaus. Doch der Stadtrat entschied: Das Theater bleibt in seiner jetzigen Form erhalten. Also klemmte Egger sich hinter die Sache. Haselbachs Gutachten verschwand in der Schublade. Das war vor zwei Jahren. Seither ist viel passiert – zuletzt mit dem Amtsantritt von Wolfram Leibe als neuer Oberbürgermeister. Mit dem Sozialdemokraten kam auch die Wende in den Überlegungen. Ein Kommentar von Eric Thielen

Wahrscheinlich wird am Ende des neuen Prozesses das alte Ergebnis stehen. Der Neubau des Theaters – an welchem Standort auch immer – ist die sinnvollste Variante. Darum aber geht es nur sekundär. Die Stadt braucht Zeit. Und die bekommt sie durch den Haltebefehl, den der neue Oberbürgermeister seinem Kulturdezernenten nun erteilt halt. Egger mag zwar mit den Zähnen knirschen. Doch er ist klug genug zu wissen: Leibes Entscheidung ist die einzig richtige.

Denn der Neubau des Trierer Theaters für 50 oder 60, vielleicht sogar für 70 Millionen Euro ist längst keine Frage architektonischer Varianten oder baulicher Möglichkeiten mehr, sondern eine politische mit ungeheurer Sprengkraft. Wo Menschen in teils menschenunwürdigen städtischen Wohnungen hausen, wo Decken in den Sporthallen abstürzen können, wo Kitas und Schulen vermodern und verschimmeln, wo die große Aufgabe in der Flüchtlingsarbeit noch unbearbeitet ist, dort lassen sich keine hochfahrenden Ideen millionenschwerer Kulturträume spinnen – mögen sie auch noch so wünschenswert sein. Dem Mann und der Frau auf der Straße lässt sich einfach nicht vermitteln, wieso das eine gehen soll und das andere nicht. Er und sie unterscheiden nicht zwischen Geld aus Mainz und Geld aus Trier. Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Das ist eine Binsenweisheit, aber deswegen nicht unwahr.

Leibe braucht Zeit. Er muss zunächst die vielen offenen Baustellen schließen, die er vorgefunden hat. Er muss das Vertrauen der Triererinnen und Trier zurückgewinnen, indem er ihnen zeigt, dass sich etwas tut. So informierte er jüngst selbst zur Flüchtlingsarbeit. Am Donnerstag stellt er sich bei einem Ortstermin in die Sporthalle des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums und wird erklären, wie die Stadt das Hallenproblem angehen und lösen will. Für den kommenden Montag hat er seine Sozialdezernentin nach Trier-West beordert. Angelika Birk wird dort erklären, wie und wann die Sanierungen im Stadtteil anlaufen werden. Leibe ist morgens mit dem Sonnenaufgang als Erster im Rathaus, und um 22 Uhr sitzt er immer noch dort. Schon während des Pressegesprächs zur Flüchtlingsarbeit ließ er anklingen, die Sanierung der städtischen Wohnungen könne politisch von allen anderen Vorhaben nicht getrennt und müsse daher mit Hochdruck vorangetrieben werden.

Störfeuer sind kontraproduktiv

In dieser Zeit des Umbruchs, der Weichenstellung, der Neuorientierung in der Stadt kann der Sozialdemokrat keine Störfeuer beim Theater gebrauchen. Die AfD wird nicht locker lassen in ihrer Forderung nach einem Bürgerentscheid. Und aktuell ist die Stimmung wegen der vielen ungeschlossenen Baustellen wohl so, dass die Alternative damit sogar Erfolg haben könnte. Sogar die Grünen werden sich Anfang kommender Woche kritisch mit den Kosten des geplanten Theater-Neubaus auseinandersetzen. Der soziale Friede in Trier ist gefährdet, und das ist eine brandgefährliche Situation. Rechte Rattenfänger wie Safet Babic warten nur auf den Startschuss. Den will Leibe verhindern, und das hat er mit seinem Haltebefehl an den Kulturdezernenten getan.

Der Kommentar.

Der Kommentar.

Trier hat ein Theater. Zugegeben: kein modernes und auch kein chices. Aber es ist da. Nun muss der neue Impresario Karl M. Sibelius eben noch etwas länger improvisieren. Seiner Kunst wird das keinen Abbruch tun. Der Österreicher kann auch in der kleinsten Hütte Zauberhaftes zaubern. Aber auch er muss ebenso wie Egger einsehen: Wird der Theater-Neubau jetzt mit aller Macht nach den vorliegenden Plänen ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen, schadet das seinem Theater mehr als es ihm nutzt. Von der Gefährdung des sozialen Friedens in der Stadt ganz zu schweigen.

Hat Leibe seine Baustellen geschlossen, hat er den Umbruch zu mehr Transparenz vollzogen, hat er Vertrauen zurückgewonnen, dann wird auch das Theater wieder Thema sein. Jetzt und hier ist die Entscheidung des neuen Oberbürgermeisters die einzig richtige. Eggers Position wird dadurch nicht untergraben. Der Kulturdezernent besitzt weiter das Vertrauen des neuen Stadtchefs. Leibe ließ seinen Dezernenten die Botschaft verkünden. Beim Pressegespräch zur Flüchtlingsarbeit saß der Sozialdemokrat Birk gegenüber. Und morgen wird Leibe zum Sachstand bei den Turnhallen informieren, nicht Birk. Egger mag sich also trösten: Der heutige Gang, bei dem er auch Fehler einräumen musste, war sicher kein leichter. Aber er ist mitnichten in Ungnade gefallen. Und er kann seine Arbeit zum Theater nun in aller Ruhe ohne Druck fortsetzen.

Theater Trier – Rücke vor auf Los


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Meinung 4 Kommentare

4 Kommentare zu Der Kommentar – Die richtige Entscheidung

  1. Ulf Merhan

    Exzellent Herr Thielen, nicht mehr hinzuzufügen. Ich habe mich schon gefragt wie lange die Stadt dieses Spielchen mit den Millionen noch treiben will. Scheinbar ist der gesunde Menschenverstand ins Rathaus zurückgekehrt.

     
  2. Jürgen Neumann

    Chapeau Stadtverwaltung, geht doch wenn man nur will! 😉

     
  3. Stephan Jäger

    Vielleicht jetzt schon an der Zeit, für jede der 100 Stimmen bei der OB-Stichwahl im Dom ein Kerzlein anzuzünden.

     
  4. Karl Sibelius

    Eine bemerkenswerte Analyse! Wir geben unser Bestes! GLG

     

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