Der Leser-Kommentar – Traurig und bedauernswert

Solidarität mit Flüchtlingen, nein? Foto: Gabi Böhm

Solidarität mit Flüchtlingen, nein? Foto: Gabi Böhm

“Das hätte auch jeden von uns treffen können!” Ein Gedankengang, der auch 14 Tage nach dem tragischen Germanwings-Unglück so präsent ist wie kaum ein anderer. Die Fassungslosigkeit und der Schock sind länderübergreifend und damit einhergehend auch die Solidarität mit den Angehörigen und Bekannten der Opfer. Es steht außer Frage, dass dieser Absturz, insbesondere unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklungen was die Ursache betrifft, ein unglaubliches Geschehen ist. Doch neben der Frage, welche Beweggründe der Copilot für sein Handeln gehabt hatte, sollte außerdem der Ansatz diskutiert werden, worin Unterschiede in der Solidaritätsbekundung liegen? Wie kann es sein, dass die Angehörigen der Opfer an dem Unglücksort seitens der Anwohner derart willkommen geheißen werden, wohingegen Flüchtlingen aus Krisenregionen mit Hass entgegengetreten wird, wenn es darum geht, diese bei sich zu beherbergen? Ein Leser-Kommentar von Nina Becker

Ist es die Angst vor fremden Kulturen? Die fehlende Identifikation mit politisch Verfolgten beispielsweise? Oder aber sind es unvorstellbarerweise banale, an den Haaren herbeigezogenen Vorurteile, die unsere Bundesbürger/innen in einem derartigen Fremdenhass bestätigen?

Am 24. März um 10.53 Uhr stockte vermutlich jedem von uns der Atem. Ein Flugzeug des Typs A 320 des Lufthansatochterunternehmens “Germanwings” stürzt aus unerklärlichen Gründen in den französischen Alpen bei einem Routineflug von Barcelona nach Düsseldorf ab. Unter den Opfern befinden sich eine Vielzahl an deutschen Bundesbürgern/innen, zwei Babys und eine Gruppe von Schülern und Schülerinnen, die den Rückweg nach einem Austauschaufenthalt antreten wollten. Eine ganze Nation – nein, beinahe die ganze Welt trauert. 150 Menschen auf einem Schlag aus dem Leben gerissen, und das, so die aktuellen Mutmaßungen, weil der Copilot den Weg des erweiterten Selbstmordes gewählt hatte. Schock, Wut, Fassungslosigkeit, Trauer, Entsetzen – so die aktuellen Empfindungen.

Einzig positiv, so makaber dies klingt, ist das hohe Maß an Solidarität, dass den Angehörigen und Bekannten der Opfer von allen Seiten entgegengebracht wird. Dies äußert sich nicht nur in Form von Schweigeminuten und öffentlichen Solidaritätsbekundungen. Dies zeigt sich vielmehr auch in der Hilfsbereitschaft der Anwohner/innen des Unglücksortes Seyne-les-Alpes. Sie helfen mit, wo sie können. Es wurde eine Turnhalle zur Verfügung gestellt, in der die Angehörigen, die eine Reise zur Unglücksstelle angetreten haben, nächtigen können. Darüber hinaus stellen Ortsansässige ihre eigenen Räumlichkeiten zur Verfügung, um den Angehörigen unterstützend beizustehen. Diese Hilfsbereitschaft, die scheinbar keine Ländergrenzen kennt, ist lobenswert und äußerst erfreulich.

23. März, 14.20 Uhr – der Atem vieler Trierer Bürger/innen stockt. Ursache dafür war ein Aufruf von Oberbürgermeister Klaus Jensen und Bürgermeisterin Angelika Birk. Die Trierer werden gebeten, Flüchtlinge aus Krisen- und Kriegsregionen tolerant willkommen zu heißen und ihnen, sofern möglich, entsprechend Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Eine Integration derer, denen unvorstellbares Leid widerfahren ist, ein offenherziges Willkommen heißen von Hilfesuchenden – mehr, wird von den Trierern nicht abverlangt. Dennoch waren die Reaktionen darauf unglaublich. Schock, Wut, Fassungslosigkeit, Entsetzen – so die Empfindungen, die mich bei der Sichtung einer Vielzahl der Reaktionen zu diesem Aufruf bewegt haben.

Solidarität nach dem Flugzeugabsturz in Frankreich. Foto: freepress

Solidarität nach dem Flugzeugabsturz in Frankreich. Foto: freepress

Derart menschenverachtende, intolerante, rassistische Anmerkungen machen mich fassungslos und wütend. Bewusst werden in diesem Beitrag die Kommentare nicht exemplarisch genannt, da in diesem Beitrag kein Raum für entsprechende Statements sein soll. Nicht nur, dass auf diesen Appell mit unglaublichen Hasstiraden reagiert wird. Nein. Auch die Befürworter dieses Vorschlags werden öffentlich angegriffen und bloßgestellt. Von Solidarität und Anteilnahme keine Spur. Beziehungsweise keine Spur in dem Sinne, dass Empathie für die Flüchtlinge erbracht wird. Kurioserweise zeigt sich nämlich, dass Gegner dieses Aufrufes zum Teil Profilbilder gewählt haben, womit sie ihre Bestürzung und Anteilnahme zum Flugzeugunglück ausdrücken möchten. Die Verfasser/innen dieser Beiträge sind folglich nicht unfähig, Empathie zu zeigen.

Wie kann es dennoch sein, dass bezogen auf das Empfinden von Mitgefühl derartige Unterschiede gemacht werden? Ist es die Xenophobie, die Angst vor dem Fremden, die eine derartige Abwehrhaltung hervorruft? Oder ist es letztlich der Aspekt, dass entsprechende Identifikationspotenziale mit den Leidtragenden fehlen im Falle der Asylbegehrende? Existiert dieser Unterschied in der Solidaritätsbekundung, weil beispielsweise nicht jeder von uns von politischer Verfolgung betroffen sein kann? Die genannten Erklärungsansätze sind nicht als Entschuldigung für solcherlei Denkweisen zu verstehen.

Fakt ist, dass es ist unfassbar traurig ist, was am 24. März um 10.53 Uhr passierte. Gleichermaßen bedauernswert ist jedoch auch, was am 23. März ab 14.20 Uhr ausgelöst wurde.

Der Leser-Kommentar beim reporter: Haben auch Sie eine ausführliche Meinung zu Ereignissen, die mit Trier verbunden sind? Dann schicken Sie uns Ihren Text an info[at]trier-reporter.de. Bitte Ihren Namen, Anschrift und Telefonnummer angeben, wir setzen uns dann mit Ihnen in Verbindung.


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Erstellt am Autor trier reporter in Featured, Meinung 2 Kommentare

2 Kommentare zu Der Leser-Kommentar – Traurig und bedauernswert

  1. AnA

    Vielen Dank, Nina Becker!

    Ein sehr guter Kommentar, den ich gerne noch um den Hinweis auf überladene Boote im Mittelmeer ergänzen würde.
    Diesbezüglich fehlt es zu oft an Mitgefühl für Flüchtlinge in Lebensgefahr und Empörung über verantwortungslose Schleuserbanden.

     
  2. Peter Müller

    Der Leserkommentar von Frau Becker mag gut gemeint gewesen sein, er ist jedoch moralisch anmaßend und er versucht Dinge zu verbinden, die absolut nichts miteinander zu tun haben. Die Reaktionen auf den Flugzeugabsturz in Südfrankreich sind, wie der Anlaß selbst, singulär, die Reaktionen auf die stetig wachsende Zuwanderung nach Westeuropa sind nichts anderes als hilflose Antworten auf ein Phänomen, dem man sich nicht gewachsen fühlt. Nun bin ich weit davon entfernt, die verbalen Ausfälle rechtfertigen zu wollen, die manche Zeitgenossen zu dem Thema in den sozialen Netzwerken von sich geben, da wird auch mir speiübel. Wer sich dem Thema jedoch seriös nähern will, kann nicht die große Moralkeule schwingen. Bei der derzeitigen Menge an Flüchtlingen gibt es keine Alternative zur Massenunterbringung. Wen wundert es da, wenn es in der näheren Umgebung, vor allem in schon vorhandenen sozialen Brennpunkten, zu Konflikten kommt. Wer jedoch Beschwerden von Anwohnern, wie in Euren geschehen, als Alltagsrassismus brandmarkt, kann nicht auf großes Verständnis hoffen. Solche Probleme müssen offensiv angegangen und dürfen nicht tabuisiert werden, schließlich haben vorhandene Bewohner das gleiche Recht auf eine sinnvolle Politik wie die Flüchtlinge. Dazu gehört auch die Erkenntnis, daß hier Menschen mit all ihren Fehlern und persönlichen Problemen kommen und es keinen Mitleidsbonus geben darf. Ressentiments und Vorurteile sind nicht an Herkunft, Religion oder Hautfarbe gebunden und so sollte es auch niemanden in Erstaunen versetzen, wenn die verschiedenen Ethnien unter den Flüchtlingen untereinander Probleme haben. Der Raum hier reicht nicht aus, um wirklich alles zu thematisieren. Deshalb als Fazit: Nur wer das berücksichtigt, kann auf ein umfassendes Verständnis der Bevölkerung hoffen.

     

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