Die Angst vor dem, was wir selbst geschaffen

Im Dialog mit seinem Schriftstellerkollegen Manfred Osten (links) warnt Rüdiger Safranski vor der Verteufelung der Digitalität, rät aber zum bewussten und maßvollen Umgang mit dieser Technik. Fotos: Rolf Lorig

ECHTERNACH. Einmal mehr ging es im Trifolion um das Thema “Freiheit”. Im Gespräch mit dem Kulturhistoriker und Schriftsteller Manfred Osten dachte der Philosoph Rüdiger Safranski über die Frage nach, ob angesichts von immer gläsern werdenden Menschen die Freiheit der Selbstbestimmung noch gegeben ist.

Es gibt Themen, die hätten mehr Aufmerksamkeit verdient. Es waren lediglich etwa 100 Interessenten, die am Montag den Weg ins Trifolion gefunden hatten. Glücklicherweise ließen sich die Akteure auf der Bühne nicht von der mangelnden Quantität beeindrucken. Im Gegenteil: Die Zuschauer wurden im ersten Teil des Abends Zeugen eines ebenso spannenden wie nachdenklich machenden Gespräches und hatten nach der Pause ebenfalls Gelegenheit, sich mit eigenen Fragen und Thesen an diesem Gespräch zu beteiligen. Eine Möglichkeit, die dankbar genutzt wurde.

“Ist das das Ende der Freiheit der Menschen?”

Weitsichtigkeit ist eine Tugend, die Viele anstreben, die wohl aber selbst die gelehrtesten Köpfe nicht in Perfektion beherrschen. Dass Safranski aber nicht irrte, als er schon vor 20 Jahren davor warnte, dass der Spielraum der persönlichen Freiheit vor dem zunehmenden Glauben und Vertrauen in die Technik immer geringer werden könnte, bestätigt der Blick in die heutige Zeit. Doch selbst Safranski konnte damals nicht ahnen, in welchem Ausmaß das passieren wird. Ralf Britten, Direktor des Trifolions, hatte das bereits zu Beginn des Abends in seiner Begrüßung deutlich gemacht, indem er auf die Situation in China hingewiesen hatte. Dort arbeitet man an der Einführung eines digital gestützten Sozial-Kreditsystems, das datenseitig alle Lebensbereiche des Menschen lückenlos erfasst und nach staatlich definierten Kategorien das Wohlverhalten bewertet. Ist das das Ende der Freiheit der Menschen, lautete seine abschließende Frage.

Eine Frage, die der mit Preisen überhäufte Schriftsteller erst einmal mit einer Gegenfrage anging: “Was unterscheidet den menschlichen Geist von der Künstlichen Intelligenz (KI)?” KI sei streng regelgeleitet, durchgehend programmiert und ohne Freiheit: “Eine von Menschen geschaffene Super-Intelligenz ohne Bewusstsein.” Jedoch bestehe die große Gefahr, dass sich der Mensch der KI gegenüber bereitwillig unterwerfe, so wie einst den Göttern gegenüber, die der Mensch ja auch geschaffen hatte. Dabei unterscheide sich der menschliche Geist in fünf Punkten ganz erheblich von der KI: “Er ist eingebettet in Gefühle, er erfährt sich selbst als Person, er kann zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, er bindet sich an moralische Regeln – und er kann Nein sagen.” Das alles mache deutlich, dass der menschliche Geist der KI weit überlegen ist und eine freiwillige Unterwerfung auf den ersten Blick unverständlich sei.

Doch wie kommt es zu der Unterwerfung? Für Rüdiger Safranski steht das menschliche Grundbedürfnis nach Sicherheit an dieser Stelle ganz vorne. Die Hoffnung, dass der Staat alles regelt, habe es auch schon zu Hitlers und Stalins Zeiten gegeben. Auch damals habe man schon ganz bewusst Werte ausgeklammert, um sich eine scheinbare Sicherheit vorzugaukeln.

Die Situation in China ist für den Schriftsteller vergleichbar. Auch hier existiere eine sehr hohe Sehnsucht nach Sicherheit. Dass die Menschenrechte dabei der Preis sind, den es zu zahlen gilt, sei den dort lebenden Bürgern durchaus bewusst, bestätigte Manfred Osten, der selbst jahrelang im Reich der Mitte lebte.

Schon bei Goethe finde sich im “Zauberlehrling” die Angst des Menschen vor dem, was er selbst geschaffen, erinnert Rüdiger Safranski.

Wer Freiheit will, muss etwas dafür tun

Und einen weiteren Punkt machten die beiden Gesprächspartner aus: den mündigen Menschen. Wer Freiheit wolle, müsse bereit sein, dafür etwas zu tun. Mit der Erfindung des Computers sei Fluch und Segen zugleich über die Menschen gekommen. Auf der einen Seite habe diese Erfindung das Leben der Menschen bereichert. Auf der anderen Seite habe die Nutzung dieser Technik aber auch zu einer Digitalisierung des Erinnerungsvermögens und den Nutzer in ein Abhängigkeitsverhältnis geführt. Das sei so stark, dass führende Entwickler in Silicon Valley inzwischen zu radikalen Maßnahmen greifen und ihrem Nachwuchs keinen unbeaufsichtigten Umgang mit Computern gestatten, wusste Safranski zu berichten. Am Beispiel der sozialen Medien versuchte er das zu veranschaulichen. Er selbst nutze sehr wohl das Internet, doch die sozialen Medien negiere er völlig: “Das ist für mich eine einzige Kloake; mich darin zu bewegen, dazu ist mir meine Zeit viel zu schade.” Vorteil: “Die Erregung der Hysteriker kommt so erst gar nicht an mich heran.”
Rüdiger Safranski liegt es fern, diese Technik zu verteufeln. Aber. “Man muss ein intelligentes Immunsystem aufbauen, das darüber entscheidet, was von Nutzen ist und was nicht.”

Die Selbstunterwerfung gegenüber der KI trete im Umgang mit dem Computer deutlich zutage: “Wir erleben eine Inflation der Kommunikation. Dabei hat der Mensch verlernt, sich mit analogen Mitteln zu beschäftigen.” An dieser Stelle erinnerte der Philosoph an Goethes ‘Zauberlehrling’, der die Geister rief, sie dann aber nicht mehr kontrollieren konnte. “Helfen konnte am Ende nur der Meister, der schließlich die Geister wieder in ihre Schranken wies.” Um in der digitalisierten Welt bestehen zu können, brauche es Geist und Bildung: “Der demokratische Geist in uns ist der Meister, den wir zu Hilfe rufen müssen.”

Mit dem ungezügelten Umgang am Computer, Tablet oder Smartphone ginge die Unfähigkeit zur Konzentration einher, es stelle sich zudem eine große Leere und Kritiklosigkeit ein. Dem stimmte Manfred Osten zu. Beide Männer wussten von Lehrern zu berichten, deren Erfahrungen zufolge Jugendliche nur noch zu einer etwa 30-sekündigen Aufmerksamkeitsspannen fähig seien.

Wer sich nicht systemkonform verhält, kommt auf die schwarze Liste

Und damit war man wieder beim ursprünglichen Thema, dem gläsernen Menschen und dem potenziellen Verlust der Freiheit, angekommen. Den Menschen, die allzu freigiebig mit ihren Daten sind, prognostizierte der Philosoph ein böses Erwachen: “Spätestens wenn Krankenkassen sich weigern Patienten zu versichern, weil ihnen Datensätze vorliegen, die diese Menschen als Risiko-Patienten offenlegen, dann wird man erkennen, dass man mit dem Konzept des gläsernen Menschen allzu freigiebig war.” Manfred Osten sieht diesen Punkt in China bereits überschritten: “1,4 Milliarden Menschen sind dort in allen Lebensbereichen total transparent. Dort braucht man keine Schufa, die über die Kreditwürdigkeit entscheidet. Es reicht, wenn der Mensch auf einer schwarzen Liste steht, weil er sich nicht systemkonform verhalten hat.”

Und dann kam Rüdiger Safranski wieder auf die von Ralf Britten eingangs gestellte Frage zurück. Die uralte Angst des Menschen vor dem, was er geschaffen hat, könne auch in der Zeit der Digitalität überwunden werden. Vorausgesetzt, der Mensch schaffe es, seine Spielräume zu bewahren: “Kein Prozess ist unaufhaltsam”, zeigte sich der Redner überzeugt und verwies auf die Atombombe. Auch hier sei dem Menschen nach der Zündung von zwei Bomben im 2. Weltkrieg bewusstgeworden, was er da geschaffen hatte. Obwohl das Bombenarsenal immer weitergewachsen sei, habe er diese Waffe aus der aktiven Kriegsführung herausgenommen. Möglich sei eine solche Handlungsweise aber nur, solange es keine Demutsstarre vor dem angeblichen Schicksal gebe. Solange der Mensch sich nicht ausschließlich auf die Digitalität verlasse, sondern sich auch analoger Auffangsysteme bediene, gebe es Hoffnung: “Wir müssen den autonomen Menschen zumindest ansatzweise wiederherstellen.” Sein Fazit: “Wer junge Leute richtig erzieht, schafft Menschen, die souverän im Umgang mit der Technik sind und diese auch richtig zu nutzen wissen.” (-flo-)


Drucken
Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 1 Kommentar

Kommentar zu Die Angst vor dem, was wir selbst geschaffen

  1. Marcus Haberkorn

    Ich hatte den Ankündigungsbeitrag schon einmal kommentiert:

    Die Narrative zum Social Credit Score in der westlichen Presse sind mythisch überhöht. Dies lenkt wunderbar davon ab, wie die primär US-amerikanischen Konzerne mit den Daten der Adressaten solcher Meldungen bereits wirtschaften, d.h. Manipulationsdienstleistungen anbieten. An dieser Stelle die Empfehlung zu Shoshana Zuboffs (Harvard) “The Age of Surveillance Capitalism”.

    Wer sich für die diesbzgl. Lage in China interessiert, kann seine Aufmerkasamkeit den Experten in diesem Feld widmen. Z.B. Jeremy Daum (Yale), dessen Website https://www.chinalawtranslate.com/en/ als hochangesehene Quelle unter China-Korrespondenten der NY Times, Washington Post u. v. a. gilt.

     

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.