“Die Gesellschaft muss mehr aufeinander zugehen”

Von ihrem Arbeitszimmre aus hat Elvira Garbes einen perfekten Blick auf eines ihrer Verantwortungsgebiete: das direkt gegenüber liegende Humbold-Gymnasium. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Seit fünfeinhalb Monaten ist Elvira Garbes Bürgermeisterin der Stadt Trier. Hier umfasst ihr Verantwortungsbereich die Geschäftsbereiche Bildung, Soziales, Wohnen, Jugend und Arbeit. Ein erstes Résumé der zurückliegenden Monate zog die Kommunalpolitikerin am Donnerstag bei einem Pressegespräch im Rathaus.

Von Rolf Lorig

Manche Politiker beginnen ihre Karriere als Senkrechtstarter. Sie wurden von der Partei von Anfang an auf das Schild gehoben, ihre Wahl ist dann keine wirkliche Überraschung mehr. Bei Elvira Garbes war das anders. Ursprünglich hatten die Grünen den Kandidaten David Profit als ihren Favoriten nach außen präsentiert. Bei der Bewerbungsrunde war zwar auch Elvira Garbes schon mit dabei – allerdings nicht auf Einladung ihrer Partei sondern auf dem Ticket der SPD. Dann aber gab es eine faustdicke Überraschung: CDU und Grüne kürten Elvira Garbes zu ihrer gemeinsamen Kandidatin und der Rest ist Geschichte.

Die Startschwierigkeiten sieht die Bürgermeisterin ihrer Partei inzwischen nach. Dass es aber auch heute noch keine Liebesbeziehung ist, ist zwar längst bekannt, doch darüber mag sie öffentlich nicht sprechen. Viel lieber bringt sie ihren Standpunkt in das Gespräch ein: “Nicht die Parteifarbe ist ausschlaggebend”, sagt sie. “Die Arbeit muss im Vordergrund stehen, die Menschen, für die wir arbeiten.”

“Beziehungen zu haben, ist auch ein Kapital”

Ja, antwortet sie auf eine entsprechende Frage, die Arbeit in Trier habe schon eine deutliche Veränderung in ihrem Leben gebracht. Zum einen lebt ihre Familie nach wie vor in der Nähe von Köln. Die bekommt sie aber nicht so oft zu sehen. Jedes zweite Wochenende nur, bestenfalls. Zum anderen ist eine 60- oder gar 65-Stunden-Woche für sie keine Seltenheit. Besonders in den ersten drei Monaten sei das schon oft strapaziös gewesen, räumt Garbes ein. Aber auch bereichernd – was die Kontakte zu den Menschen betrifft. Man dürfe Arbeit nicht nur über den monetären Faktor definieren, befindet sie. Die daraus resultierenden Kontakte und Begegnungen seien eine weitere, zusätzliche Form der Honorierung. Und macht das prompt am eigenen Beispiel deutlich: Bekanntlich sei es nicht einfach, gerade im Innenstadtbereich eine attraktive Wohnung zu bekommen. Für sie sei das kein Problem gewesen, das sei sogar ziemlich schnell gegangen. “Die Antwort ist einfach: Beziehungen zu haben, ist auch ein Kapital. Ich war in Trier nicht unbekannt, hatte sofort Kontakte und damit soziale Privilegien.” Für ihre Arbeit als Sozialdezernentin war das ein Schlüsselerlebnis: “Als Gesellschaft müssen wir noch viel mehr aufeinander zugehen, müssen Vorurteile abbauen und stärker einander vertrauen.”

Dieser Gedanke sei ihr auch durch den Kopf gegangen, als es um die bessere Nutzung und Auslastung der Ambrosiusschule ging. Die stehe halb leer, berichtet die Politikerin. Was also läge näher, als eine andere kleine Schule hierher zu verlagern? Gemeint ist wohl die Grundschule St. Martin. Die Eltern der Kinder waren auf die Barrikaden gegangen, hatten mit Vehemenz gegen die Schließung der Grundschule St. Martin gekämpft. Offizieller Grund für die Ablehnung waren längere Fußwege für die Kinder. Garbes fürchtet aber, dass es vor allem der Vorbehalt gegenüber dem sozialen Brennpunkt war, der Trier-Nord immer noch anhaftet. “Dabei wäre es dringend erforderlich, dass wir alle mehr aufeinander zugehen”, sagt sie und verweist darauf, dass auch ihre Kinder damals in Köln auf eine ähnliche Schule gingen: “Geschadet hat ihnen das nicht, eher im Gegenteil.”

Arbeits-Rückgabe: Dezernent Andreas Ludwig hatte kommissarisch die Bereiche Schulen und Sport inne, die er am 15. Februar beim Amtsantritt seiner Kollegin wieder in deren Zuständigkeit überführte.

Wohnungsbauprojekt für wohnungslose Männer

Das Gespräch mit der Dezernentin macht deutlich, dass ihr Hauptaugenmerk vor allem auf den sozialen Aufgaben liegt. Dass Trier in den vergangenen Jahren eine Menge für wohnungslose Frauen und Mädchen getan hat, begrüßt sie. Aber: “Leider haben wir dabei die Gruppe der wohnungslosen Männer etwas aus den Augen verloren.” Daran arbeitet sie derzeit, Mit den Wohnungsbaugesellschaften sei sie seit Anfang an im Gespräch. Aktuell entstehe in Trier-West ein Wohnungsbauprojekt für wohnungslose Männer, berichtet sie.

Wobei sie nicht nur diese eine Gruppe, sondern den gesamten Sozialen Wohnungsbau im Blick habe. Aktuell gebe es in trier einen Bestand von ca. 4000 geförderten Wohneinheiten mit Sozialbindung, auf Mariahof entstehen einer Aufstellung zufolge 31 neue Wohneinheiten (WE), in Filsch 43. Weitere 28 sollen durch den Um- und Ausbau in der Gneisenaustraße 33 – 37 entstehen, 60 durch Sanierungsmaßnahmen auf Mariahof und weitere 68 WE ebenfalls durch Sanierungsarbeiten in der Magnerichstraße.

Elvira Garbes unterstreicht, dass viele dieser Maßnahmen schon lange  vor dem Beginn ihrer Amtszeit auf den Weg gebracht wurden. Sie freut das, muss sie deshalb doch nicht bei Null anfangen.

Ein weiteres Thema aus ihrem Verantwortungsbereich ist die Integration von Flüchtlingen. Garbes Zahlen zufolge leben aktuell 2322 Menschen mit Fluchthintergrund in der Stadt Trier. Davon gelten 1811 als asylberechtigt, andere genießen subsidiären Schutz oder haben ein Abschiebeverbot. Darüber hinaus befinden sich 242 Flüchtlinge im laufenden Asylverfahren, 52 Personen haben eine Duldung und 217 Menschen seien im Rahmen des Familiennachzugs nach Trier gekommen. “Da in Rheinland-Pfalz keine Wohnsitzauflage besteht, sind seit Januar 2016 mehr als 1000 anerkannte Flüchtlinge aus dem Umland nach Trier gezogen”, berichtet die Bürgermeisterin und räumt ein, dass diese Situation den Wettbewerb um den ohnehin schon knappen Wohnraum weiter verschärft habe.

Gute Arbeit der Jobcenter

Positiv und dankbar äußert sich Elvira Garbes über die Arbeit des Jobcenters. Dank des Engagements der Mitarbeiter konnten bis zum 17. Juli 142 geflüchtete Menschen in sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten vermittelt werden – “im Vorjahr waren es 76 Personen.”

Als Sozialdezernentin ist Elvira Garbes auch Chefin des Jugendamtes. Und das wurde ihrem Bericht zufolge zum Schwerpunktjugendamt für unbegleitete minderjährige Ausländer – davon gibt es in Rheinland-Pfalz nur vier – aufgewertet. Das Betreuungsgebiet umfasst insgesamt 14 Gebietskörperschaften. “Das Land unterstützt uns hier aber mit Ressourcen”, stellt Garbes klar.

Positive Nachrichten übermittelt sie aus dem Kita-Bereich. Bis zum August 2019, so lautet der Plan, soll die Kita in Feyen fertiggestellt sein, nach den aktuellen Sommerferien gehe die Kita in Filsch an den Start. 36 Erzieherinnen seien bereits eingestellt. “Ich war froh, dass die Bewerbungslage so groß war, so konnten wir uns wirklich jede einzelne Bewerbung ganz genau anschauen.” Doch woran liegt es, dass die Stadt als Arbeitgeber derart attraktiv ist? Garbes überlegt kurz. “Möglicherweise deshalb, weil wir – anders als die Kirche – keine Einschränkungen vorgeben. Für uns spielen Konfession, sexuelle Orientierung oder geschiedener Familienstand eben keine Rolle.”

In der Kita “Im Freschfeld” zieht bald Leben ein: Nach den Ferien soll hier der Betrieb losgehen. Die Kita hat 133 Plätze und kostete rund 4,7 Mio. Euro.

Medienkonzept für die Schulen

Veränderungen bahnen sich bei den Schulen und dem Sport an. Hier wird augenblicklich an einem Medienkonzept für die Digitalisierung der städtischen Schulen gearbeitet. “Alle Schulen sollen einheitlich ausgestattet werden, alle Schüler sollen die gleichen Geräte haben und die Gefahr durch Sticks mit Viren ausgeschaltet werden.” Ein ehrgeiziges Projekt, das allerdings aus Bundes- und Landesmitteln gefördert und eine Laufzeit über mehrere Jahre haben wird. Aktuell, so Garbes, liege bereits ein Konzept vor, ein weiteres sei in der Vergabe. Und einmal beim Thema Geld taucht denn auch die Frage auf, wann denn der Spatenstich für die Turnhallen am Mäusheckerweg, in Feyen und Trier-West zu erwarten seien. Hier ist die Bürgermeisterin zuversichtlich: “Das sollte im Herbst alles über die Bühne gehen.”

Am Ende des Gespräches wird es dann persönlich: Haben Sie sich Ihre Arbeit so vorgestellt? “Genau so”, strahlt die Dezernentin und man ist gewillt, ihr das auch zu glauben. Die Mentalität der Menschen ist der gebürtigen Eifelanerin nicht fremd und auch zur Zusammenarbeit mit den Parteien im Stadtrat findet sie nur positive Worte: “Ich habe den Eindruck, dass unsere Zusammenarbeit als gut gewertet wird. Ich konnte jedenfalls noch nicht feststellen, dass mir ein scharfer Wind ins Gesicht weht.”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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