Die Unbestechlichen

Elmar Geimer mit einer seiner beiden Unbestechlichen: Das unscheinbare grüne Messgerät, das mindestens drei Spuren gleichzeitig überwachen kann, ist vollgepackt mit Technik - Anschaffungskosten: 80.000 Euro.

Elmar Geimer mit einer seiner beiden Unbestechlichen: Das unscheinbare grüne Messgerät, das mindestens drei Spuren gleichzeitig überwachen kann, ist vollgepackt mit Technik – Anschaffungskosten: 80.000 Euro.

TRIER. Drei, zwei, eins – Blitz! Seit Anfang Januar kümmert sich die Stadt selbst um die Temposünder auf ihren Straßen – und bittet sie auch zur Kasse. Nach fünf Tagen intensiver Kontrollen liegt zwar noch keine aussagekräftige Statistik vor. Allerdings kristallisiert sich jetzt bereits heraus, dass in Trier zu viele viel zu schnell unterwegs sind. Bereits am Vormittag des ersten Kontrolltages gingen den Mitarbeitern der Kommunalen Geschwindigkeitsüberwachung (KGÜ) mehr als 150 Temposünder ins Netz – bei zwei Standorten in der Franz-Georg- und Kohlenstraße. Nachmittags wurden weitere 200 Schnellfahrer am Pacelliufer erwischt. Dort war der Schnellste mit 103 km/h unterwegs. Erlaubt ist Tempo 50. Viele weitere Autofahrer waren mehr als 30 Stundenkilometer zu schnell. Ihnen droht nun nicht nur das doppelte Bußgeld, sondern auch ein mindestens vierwöchiges Fahrverbot. Am Wochenende und in der nächsten Woche nach dem Ferienende setzt die Stadt ihre Kontrollen fort − dann vor allem in den Tempo-30-Zonen vor den Schulen.

Der Kastenwagen mit dem Kennzeichen aus der Eifel schießt von der Ampel in der Balduinstraße los. Schneller, noch schneller, noch etwas schneller. Als der rote Blitz aufleuchtet, ist es schon zu spät. Der Fahrer tritt zwar auf die Bremsen, doch erst nachdem ihn das unbestechliche Auge der Kamera erfasste. An diesem sonnigen Wintermorgen steht das unscheinbare grüne Gerät kurz vor der Tankstelle in der Ostallee – gut sichtbar vor einem unbelaubten Busch. Wer die Augen auf der Straße hat, kann es schon von weitem aus sehen und seine Geschwindigkeit noch drosseln. “Das ist durchaus so gewollt”, sagt Elmar Geimer, der Leiter der städtischen Verkehrsüberwachung, der mit seiner neonfarbenen Jacke ebenfalls gut erkennbar neben dem Einsatzwagen in der Allee steht.

Trier ist als Raser-Hochburg in Rheinland-Pfalz nicht nur bekannt, sondern auch berühmt-berüchtigt. Deswegen hatten SPD, Grüne und Linke – wie im Mobilitätskonzept der Stadt gefordert – immer wieder darauf gedrängt, die Tempokontrollen in die städtische Regie zu übernehmen. Im Oktober 2014 fand sich schließlich eine knappe Mehrheit für den Antrag im Stadtrat, weil mit Lydia Hepke von der CDU eine ehemalige Grüne mit ihrer alten Partei stimmte, weil ferner Piratin Darja Henseler und der damalige Oberbürgermeister Klaus Jensen sich der KGÜ-Koalition anschlossen. Dass dem Beschluss ein politisches Tauziehen im Vorfeld der Bündnisverhandlungen zwischen Union und Grünen sowie ein Eklat hinter den verschlossenen Türen der Ausschüsse folgten, ist heuer nicht mehr als eine Randnotiz.

Kontrollschwerpunkt an Schulen

Dezernent Thomas Egger (SPD) brachte die städtischen Tempokontrollen auf den Weg und hielt ferner den vom ihm selbst gesteckten Zeitplan ein. Die beiden mobilen Messgeräte (Kosten: 130.000 Euro) wurden angeschafft, die Kontrolleure in Zusammenarbeit mit der Polizei geschult. “Sicherheit zuerst” – dieses Motto hatte Egger bereits im Dezember 2014 seinem Entwurfpapier vorangestellt. Dennoch müssen sich der Dezernent und seine Mitarbeiter auch aktuell wieder den Vorwurf der Abzocke gefallen lassen, vor allem auf Plattformen wie Facebook. Dabei kristallisiert sich bereits nach nur einer Woche heraus, dass die Steigerung der Kontrollfrequenz im Stadtgebiet offenbar dringend notwendig war.

Das sieht auch Geimer so. Bei Probemessungen im vergangenen Jahr mussten er und seine Mitarbeiter feststellen, dass etwa vor den Schulen Tempo 30 so gut wie nie eingehalten wird. Deswegen wird die Stadt dort Schwerpunkte setzen – so in Olewig, am Mäusheckerweg, in Trier-Süd und auch auf dem Trimmelter Hof. Aber auch berüchtigte Raserstrecken wie die Gottbillstraße rücken in den Fokus. Hier wurden bei einer Probemessung innerhalb nur einer Woche über 100 Fahrer mit mehr als 100 km/h erwischt. Weit mehr als die Hälfte hielt sich nicht an das vorgeschriebene Tempolimit von 50 km/h. Auch das Thema Saarstraße (Tempo 30 von 22 Uhr an) wolle man “im Auge behalten”, sagt Geimer. Schließlich zielten die Tempokontrollen auch auf die Lärmreduzierung auf vielbefahrenen Straßen ab.


Das Egger-Papier – “Für die Sicherheit der Bürger”


Nach einer Woche sollen die Fahrzeughalter ihren Bescheid im Briefkasten haben. Auch Fahrverbote werden vom städtischen Ordnungsamt verhängt. Mindestens vier Wochen drohen bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung von mehr als 30 km/h. Dann ist auch das doppelte Bußgeld fällig. Vor dem unbestechlichen Auge der Kamera sind übrigens alle gleich. Auch Rettungswagen und Polizeifahrzeuge, die nicht im Einsatz sind, werden geblitzt – wie am ersten Kontrolltag am Pacelliufer geschehen. Und auch hier werden die Bußgeldbescheide verschickt.

Egger rechnet mit schwarzer Null

Am Donnerstag stand das Messgerät gut sichtbar in der Balduinstraße.

Am Donnerstag stand das Messgerät gut sichtbar in der Balduinstraße.

Bei den vierrädrigen Fahrzeugen haben Geimer und sein Stab mit ihren Messgeräten alles im Griff. Nur bei den Zweirädern ist noch Handarbeit gefragt. Motorräder, Motorroller und andere Kleinkrafträder können zwar geblitzt werden – das aber nur von vorne. “Um den Bußgeldbescheid zustellen zu können”, so Geimer, “muss ein Mitarbeiter sich die Nummer notieren.” Zweiräder haben vorne kein Nummernschild. Die Kosten für eine zweite Blitzanlage, die auch das Heck der Fahrzeuge erfasst, stünden in keinem Verhältnis zum Ergebnis. “Das lohnt sich wirklich nicht”, sagt der Leiter der Trierer Verkehrsüberwachung.

Dass die Resonanz auf die neuen Unbestechlichen der Stadt hoch ist, zeigt sich auch an jenem Morgen in der Balduinstraße. Plötzlich taucht ein Mann mittleren Alters auf – zu Fuß. Geblitzt worden sei, sagt er, habe dann angehalten und wolle sich jetzt erkundigen, was nun passiere. Eine befriedigende Antwort erhält er nicht, denn die Vergehen werden erst später in den Büroräumen der Verkehrsüberwachung ausgewertet. Folglich muss er sich gedulden, bis der Bescheid bei ihm eintrudelt.

Manchmal ist Beruhigung aber auch ganz schnell möglich. Wie bei jener Radfahrerin, die bei einer Probemessung in der Olewiger Straße glaubte, geblitzt worden zu sein. Sie machte kehrt, erzählt einer von Geimers Mitarbeitern, habe sich mächtig aufgeregt und geschimpft. Geblitzt worden war allerdings ein Auto, das just zu diesem Zeitpunkt neben der Radlerin fuhr. “Wir haben ihr dann erklärt, dass Radfahrer nicht geblitzt werden”, sagt der Mitarbeiter. Das wäre schließlich auch zu viel des Guten. Denn mit dem motorisierten Verkehr in Trier sind die Kontrolleure ohnehin schon ausreichend mit Arbeit eingedeckt. (et)

Nächste Kontrollen

Montag, 11. Januar: Euren, Eurener Straße, Mitte/Gartenfeld, Olewiger Straße
Dienstag, 12. Januar: Pfalzel, Mäusheckerweg und Olewig, Riesling-Weinstraße
Mittwoch, 13. Januar: Zewen, Fröbelstraße und Pallien, Bonner Straße
Donnerstag, 14. Januar: Olewig, St.-Anna-Straße und Kürenz, Petrisberg
Freitag, 15. Januar: Tarforst, Trimmelter Hof und Kürenz, Im Aveler Tal
Samstag, 16. Januar: Mitte/Gartenfeld, Katharinenufer
Montag, 18. Januar: Ehrang, Friedhofstraße und Quinter Straße
Dienstag, 19. Januar: Trier-West, Hornstraße, Trier-West/Euren, Eurener Straße

Weitere, vorher nicht angekündigte Kontrollpunkte kommen hinzu.

Fakten

Geblitzt wird erst ab einer Tempoüberschreitung von 9 km/h, da 3 km/h als technische Toleranz und 5 km/h als geringfügiges Vergehen, das nicht verfolgt wird, angesehen werden. Danach sind 15 Euro fällig. Wer elf bis 15 Kilometer zu schnell ist, muss 25 Euro berappen, ab 21 km/h zu schnell sind es 80 Euro. Ab einer Überschreitung von 31 km/h verdoppelt sich das Bußgeld, das dann ohnehin schon im dreistelligen Bereich liegt, automatisch – hinzu kommen mindestens vier Wochen Fahrverbot.

Die Stadt kalkuliert im ersten Jahr für Personal- und Sachkosten rund 700.000 Euro ein. Dezernent Thomas Egger rechnet nach wie vor mit einer schwarzen Null, das heißt, die KGÜ soll für die Stadt kostenneutral sein. Die beiden Messgeräte, von denen das teurere (80.000 Euro) mindestens drei Fahrspuren abdeckt, werden jährlich geeicht. Laut Elmar Geimer reichen zwei Messgeräte aktuell aus. Auch Kaiserslautern und Koblenz blitzen mit zwei Geräten, Mainz (206.000 Einwohner) hat drei Geräte im Einsatz. Der Vorteil der mobilen Messgeräte liegt laut Geimer in der hohen Flexibilität. “Wenn wir sehen, dass auf der einen Fahrspur wenig los ist, wechseln wir eben auf die andere – das geht ganz schnell”, sagt der Leiter der Verkehrsüberwachung. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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