“Die Zeit ist reif!” – Ohne Barrieren in Kopf und Herz

Der Trierer Aktionsplan "Inklusion" soll allen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Stadt ermöglichen.

Der Trierer Aktionsplan “Inklusion” soll allen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben der Stadt ermöglichen.

TRIER. Wenn sich gehandicapte Menschen in Trier über zu wenige barrierefreie öffentliche Toiletten, über Rampen und kundenunfreundliche, weil rollstuhlungeeignete Räume in Geschäften ärgern, wenn sie an Schulen chancenlos sind oder in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden, ist dies nur ein kleiner Teilaspekt zum Thema Ausgrenzung und Benachteiligung. Inklusion heißt der Begriff, der einen grundsätzlichen Wandel und einen unvoreingenommenen, offenen und positiven Umgang in der Gesellschaft fordert. “Die Zeit ist reif!”, bestätigt Gerd Dahm, Behindertenbeauftragter der Stadt Trier.

Von Gabi Böhm

Ungefähr jeder zehnte Trierer hat einen Schwerbehindertenausweis – die steigende Zahl von alten Menschen auch in Trier zeigt, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema dringend geboten ist. In einer Auftaktveranstaltung am Mittwochabend im Angela-Merici-Gymnasium (AMG) wurden erste Pläne für einen Aktionsplan Inklusion vorgestellt. 130 Multiplikatoren aus Wirtschaft, Kultur, Verwaltung, Politik, Bildungs-, Betreuungs- und Freizeiteinrichtungen trafen sich, um Trier auf lange Sicht nicht nur behindertenfreundlicher zu machen, sondern grundsätzlich einen Umdenkungsprozess in Gang zu setzen. Damit will die Stadt, allen voran Oberbürgermeister Klaus Jensen, die Grundsätze der UN-Behindertenrechts-Konvention auf kommunale Ebene übertragen. Der Stadtrat fasste im Frühjahr 2014 einen entsprechenden Beschluss. “Gemeinsam gestalten – Trier wird inklusiv!”, lautet die Devise. Das Thema muss die Bürger, muss die Stadt erreichen. Denn profitieren können alle: behinderte und nicht behinderte Menschen.

Inklusion bedeutet auch, Hemmschwellen abzubauen, offen zu sein gegenüber dem Anderssein. In diesem Sinne fragte die Koordinatorin für Inklusion in der Stadtverwaltung, Uta Hemmerich-Bukowski, in der Aula des AMG: “Was bedeutet für Sie ganz persönlich Inklusion? Fragen Sie Ihren Sitznachbarn!” Und so kamen sich die 130 Gäste, die sich als Multiplikatoren und Entscheider in der Trierer “Szene” meistens kennen, gleich zu Beginn des Abends menschlich nahe. Es war ein Abend der persönlichen und appellierenden Worte. Generalmusikdirektor Victor Puhl machte den Auftakt, dieses Mal vom Rednerpult. Warum ausgerechnet ein Generalmusikdirektor das Grußwort spreche? Ein stark körperlich eingeschränkter Bruder habe die ganze Familie, Rücksichtnahme und auch Verzicht gefordert. Puhl legte den Fokus aber nicht auf die zweifellos nötige Förderung von Behinderten, sondern bewusst auf die Akzeptanz, das verbindende Gemeinsame, den gleichberechtigten und vorbehaltlosen Umgang miteinander. Er erinnerte an das Erfolgsprojekt des Orchesters mit der Porta-Nigra-Schule im vergangenen Jahr, als 80 behinderte Schüler bei der Aufführung der Zauberflöte im Theater mitgewirkt hatten. “Wir haben beschlossen, es nochmal mit einer anderen Oper zu wagen!”, stellte Puhl in Aussicht.

Sozialdezernentin Angelika Birk, Generalmusikdirektor Victor Puhl und Oberbürgermeister Klaus Jensen zusammen in der Aula des AMG.

Sozialdezernentin Angelika Birk, Generalmusikdirektor Victor Puhl und Oberbürgermeister Klaus Jensen zusammen in der Aula des AMG.

In Trier tut sich was in Sachen Inklusion. Zumindest in den Köpfen. Marodes und Rollator ungeeignetes Straßenpflaster, verschlossene öffentliche barrierefreie Toiletten, Barrieren vor Sehenswürdigkeiten oder Geschäften sind Alltag. “Dafür brauchen wir keinen Inklusionsprozess!”, sagt Oberbürgermeister Klaus Jensen am Rande der Veranstaltung. Es ginge um einen generellen Umdenkungsprozess, damit Menschen mit Behinderung ohne Wenn und Aber gleichberechtigte Teilhabe und damit Demokratie in unserer Gesellschaft erlangen. Chancengleichheit, die nicht nur den geschätzten 10.000 behinderten Menschen in Trier, sondern auch 8.500 Migranten und insgesamt 20.000 Bürgern mit Migrationshintergrund in Trier zustünde. Mit dem 2012 geschaffenen Behindertenbeirat, der Koordinatorin Hemmerich-Bukowski, einer Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Verwaltung und dem Lenkungsausschuss hat man erste Eckpfeiler gesetzt. Eine Broschüre zur Oberbürgermeisterwahl, die in einfacher Sprache gestaltet wurde, ist ein weiterer kleiner Schritt zur Gleichberechtigung. Sie sollte allen Bürgern zur Verfügung gestellt werden, sagt der sichtlich erzürnte Oberbürgermeister, um für die nächste Wahl mehr Beteiligung zu erreichen. Nun sollen in dem zu schaffenden Aktionsplan Arbeitsgemeinschaften geschaffen werden, die für alle Trierer offen sind. “Der Weg ist das Ziel!”, bemüht Jensen einen Spruch Mahatma Gandhis.

Es geht nicht nur um den finanziellen Aspekt

Wie der inklusive Weg in Trier aussehen könnte, zeigt Christian Limpert auf. Er berichtet aus dem rheinhessischen Sprendlingen-Gensingen, einer Verbandsgemeinde, die als zweite in Rheinland-Pfalz einen eigenen Aktionsplan auf der Grundlage des Aktionsplans des Landes erstellte. Warum überhaupt einen Aktionsplan in Sachen Inklusion machen? Klare Aufgaben festlegen, einen Zeitplan aufstellen, konkrete Ziele stecken: Das sind einige der Vorteile, zählt Limpert auf und nennt Beispiele, was man in seiner Heimat schon erreichte. Barrierefreiheit in einem Schwimmbad, valide Zahlen über barrierefreie Wohnungen, eine Wohnungsbörse, vernetzte Beratungsstellen, eine Messe oder die kommunale Regelung für missbräuchlich benutzte Behindertenparkplätze etwa. Inklusion entwickele sich mehr und mehr “zu einer Basisbewegung”, die Menschen über Generationen begleite, findet Limpert. Er gibt den Besuchern mit auf den Weg, sich klare und konkrete Ziele zu stecken und einen Zeitplan zu erstellen. Damit fangen die Teilnehmer in einer ersten Diskussionsrunde umgehend an. In sechs thematisch aufgegliederten Gruppen melden sie sich engagiert zu Wort, unterstützt von Moderatoren und Experten. Institutionen miteinander vernetzen, pädagogische Freiräume ausnutzen, mehr wagen, eine Übersicht vorhandener Inklusionsprojekte erstellen, sind einige der Ideen in den Arbeitsgemeinschaften.

Die Auftaktveranstaltung am Mittwochabend im AMG führte rund 130 Menschen zusammen.

Die Auftaktveranstaltung am Mittwochabend im AMG führte rund 130 Menschen zusammen.

Ein bisschen erinnert das große gemeinschaftliche Engagement an die seinerzeitigen Stadtteilrahmenpläne, wo sich viele Menschen um Verbesserungen bemühten. Die Bürger seien damals nicht wirklich ernst genommen worden, räumt Jensen ein, und die Pläne seien irgendwann veraltet gewesen. Er weist den Vergleich aber ab und ist sehr optimistisch, dass mit dem Aktionsplan etwas in Bewegung kommt. Zwar fließen 15 Millionen Euro, eigentlich für Barrierefreiheit in Trier vorgesehen, jetzt in neue Brandschutzauflagen öffentlicher Gebäude. Allerdings sei Rheinland-Pfalz das erste Land, das Inklusionsmittel für Kommunen bekäme. 300.000 Euro würden der Stadt zur Verfügung gestellt, über die keine Rechenschaft abgelegt werden müssten. So sei Geld da, um beispielsweise Inklusionshelfer, Baumaßnahmen oder Broschüren zu finanzieren. Zudem würde ab 2015 das Fünf-Milliarden-Euro-Abkommen des Bunds auch Trier mit etlichen Millionen für Inklusionsmaßnahmen zu Gute kommen.

Dabei geht es natürlich nicht nur um finanzielle Aspekte, bekräftigt auch Jensen. Das Thema Inklusion schafft mit dem Diskussionsprozess am Abend den Sprung in die Köpfe der Menschen. Die City-Initiative und auch die Stadtwerke hätten sich ebenfalls offen gegenüber dem Thema gezeigt, sagt Gerd Dahm und schüttelt eine Fülle von machbaren Verbesserungen aus dem Handgelenk: Piktogramme, Laden- und Preisschildergestaltung für Rollstuhlfahrer, Ansprechpartner für Hilfesuchende in Kaufhäusern, Arbeitsplätze für Behinderte in Geschäften.

Im nächsten Jahr wollen sich die Arbeitsgemeinschaften an mehreren Terminen erneut treffen. Eingeladen sind alle, um das Thema Inklusion in ihre Familien, Vereine und die Stadt zu tragen. Ansprechpartnerin ist Uta Hemmerich-Bukowski, Telefon 0651-718-1016 (uta.hemmerich-Bukowski@trier.de).


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Erstellt am Autor Gabi Böhm in Featured, Gesellschaft, Politik 1 Kommentar

Kommentar zu “Die Zeit ist reif!” – Ohne Barrieren in Kopf und Herz

  1. Tom Cartus

    Na dann mal los! Auch wenn hier die ideelle Seite besonders hervorgehoben wird: es fehlt an Aufzügen, Rampen und entsprechenden Toiletten, Türen, Sitzgelegenheiten, Räumlichkeiten in den meisten öffentlichen Institutionen, wie Schulen, Jugendtreffs und -zentren, Kultureinrichtungen usw. Ich glaube die Bevölkerung ist abgesehen von der illegalen Nutzung der Behindertenparkplätze ideell oft schon viel weiter, als die Gestaltung der jeweiligen Umwelten.

     

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