Ein erfolgreicher Politiker ohne falsche Bescheidenheit

Über 800 Interessenten waren der Einladung zum Bürgerdialog mit Jean-Claude Juncker in das Trifolion nach Echternach gefolgt. Fotos: Rolf Lorig

ECHTERNACH. Er sieht sich selbst als “Dinosaurier”, erinnert gerne daran, dass er schon für Europa stritt, als die Europäische Union noch aus neun Mitgliedsstaaten bestand. Europa ist ihm trotz aller Widrigkeiten über die ganzen Jahre hinweg ein Anliegen geblieben; einen Nationalstaat Europa aber will und kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen: Jean-Claude Juncker ist für viele Menschen “Mister Europa”. Kaum ein anderer europäischer Spitzenpolitiker ist so leidenschaftlich für Europa eingetreten. Offiziell endet am 31. Oktober sein Amt als EU-Kommissionspräsident. Doch möglicherweise wird es für ihn eine Verlängerung geben. Denn ob die von den großen Parteien favorisierten Kandidaten Manfred Weber und Frans Timmermanns eine Mehrheit bei den Regierungschefs und anschließend im Parlament finden werden, gilt derzeit vor dem Hintergrund sich anbahnender Mehrheitsverluste noch als fraglich. Wodurch sich Junckers Amtszeit bis zur Wahl seines Nachfolgers verlängern würde. Am Freitagabend stellte sich der scheidende Kommissionspräsident vor über 800 Besuchern – das Interesse war so groß, dass ein zweiter Saal geöffnet und via Kamera und Bildschirme an den zweiten Saal angebunden wurde – im Echternacher Trifolion den Bürgern. Und hinterließ ein ambivalentes Bild.

Von Rolf Lorig

Niemand sagt, dass man Jean-Claude Juncker lieben muss. Er aber macht keinen Hehl daraus, dass Europa für ihn eine Herzensangelegenheit, seine große Liebe ist. Wenn Junckers Kritiker sich zu Wort melden, ist dennoch meist Respekt wahrnehmbar. Und das ist auch gut so. Denn seine Verdienste um Europa sind unstrittig. Doch auch bei Juncker ist nicht alles Gold, was glänzt. Das zu sehen, dafür muss man schon genauer hinschauen. Denn Juncker hat Entertainer-Qualitäten, die selbst seine Kritiker manchmal an den Rand der Verzweiflung treiben, weil er ein Bild projiziert, das die meisten Menschen so sehen wollen: Ein Mann mit Visionen, der im Sinne Europas zu harten Verhandlungen und klaren Worten fähig ist, dabei aber den leutseligen Biedermann geben kann, der keine Hierarchien zu kennen scheint und der sich gerne als ein Politiker zum Anfassen präsentiert.

Keine Chance für eine kritische Distanz

Doch wer ist der Mensch Jean-Claude Juncker wirklich? Wie beurteilt er das heutige Europa und wie bewertet er rückblickend seine eigene Arbeit? Das sollte an diesem Abend der frühere Leiter des Brüsseler ZDF-Studios, Udo van Kampen, aus dem Politprofi herauskitzeln. Ein Auftrag, der journalistische Distanz erfordert hätte. Doch die ließ Juncker, der Volksnahe, erst gar nicht zu. Als der aus Bad Kreuznach stammende Journalist ihn zu Beginn siezte, stellte Juncker gleich klar, dass man sich doch schon seit Jahrzehnten duze und dass man nun auch dabeibleiben solle. Das Publikum schmunzelte und van Kampen lächelte gequält. Punktsiege wie diesen fuhr Juncker den ganzen Abend über ein. Und scheute sich dabei auch nicht, die mangelnden Sprachkenntnisse seines Gegenübers bloßzustellen, als sich eine französischsprechende Besucherin zu Wort meldete.

Dass er keine falsche Bescheidenheit kennt, machte der frühere Luxemburger Regierungschef deutlich, als Udo van Kampen von ihm wissen wollte, was er als sein größtes Verdienst ansehe. Da musste der Luxemburger nicht lange überlegen: Dass er Griechenland gerettet habe. Und schob gleich hinterher, dass etliche Politiker genau das heute von sich behaupten würden, es aber alleine ihm zu verdanken sei. Zwar gab es an dieser Stelle auch eine gewisse Heiterkeit, doch die fiel deutlich gedämpfter aus.



Für Nationalisten hat Juncker nichts übrig

Jede Menge Punkte sammelte der EU-Kommissionspräsident aber bei einer kritischen Betrachtung der aktuellen politischen Situation in Europa. Die europaweite Erstarkung von rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen bereitet ihm Kopf- und Bauchschmerzen. Kein Verständnis hat er für die Politiker aus den traditionellen Volksparteien, die glauben, in diesem Wählerbecken Stimmen fischen zu müssen. Es war kalte Verachtung, die in seiner Stimme mitschwang, als er von davon berichtete. Keine Frage, für Nationalisten hat Juncker nichts übrig. Für ihn ist das eine dumpfe und stupide Gruppe, der man sich in den Weg stellen muss statt ihre Politik zu unterstützen. Und jetzt zeigte sich der Jean-Claude Juncker, den die Besucher des Abends erleben und sehen wollten: Für diese Äußerung gab es langanhalten Applaus und viel zustimmendes Nicken. Eine Zustimmung, die auch dann anhielt, als Juncker leidenschaftlich betonte, dass jeder Verrat an Europa begehe, der die hier gelebten Werte kleinrede.

Allerdings musste der Luxemburger auch eingestehen, dass nicht alles so gelungen ist, wie er sich das von Europa erhoffte. Beispielsweise, als Udo van Kampen ihn fragte, wie er heute zu seiner früheren Äußerung stehe, dass Europa seine Bürger schütze und sich um sie kümmere. Hier war es vor allem der Punkt des Kümmerns, wo auch Juncker Defizite einräumen musste. Probleme sah er in den nationalen Interessen, die Abgeordnete und Kommissare immer wieder zu Alleingängen motiviert hätten. Es habe immer wieder große Anstrengungen gekostet, mäßigend vor allem auf die Kommissare einzuwirken, berichtete er. Vieles sei allerdings auch schlicht nicht richtig verstanden worden: So habe es einen Antrag auf Harmonisierung von Toilettenspülungen gegeben. “Das hätte ich noch nicht mal schlecht gefunden, denn wir hätten damit eine Menge an kostbarem Trinkwasser einsparen können”, erinnerte er sich. Allerdings habe man auch bei solchen, auf den ersten Blick banalen Anlässen niemals die gesamte politische Situation aus den Augen verloren und entsprechend reagieren können.

Es gibt in Europa viele politische Baustellen

Europa hat für Juncker viele Baustellen: das Einstimmigkeitsprinzip ist für ihn nicht mehr zeitgemäß; die in Luxemburg bestehende Wahlpflicht würde er sich auch in anderen Ländern wünschen; nationale Spitzenpolitiker zeichnen zugunsten der eigenen Position in den Medien ein schiefes Bild von Europa; die einzelnen Mitgliedsstaaten wissen viel zu wenig voneinander (“Wie kann man sich lieben, wenn man nichts voneinander weiß”); in der Europäischen Union gemeinsam getroffene und verabschiedete Beschlüsse werden national zunehmend nicht umgesetzt. Und Russland und die Europäische Union müssen sich seinen Worten zufolge trotz der eindeutig rechtswidrigen russischen Besetzung der Ukraine wieder einander annähern, um gemeinsam ein wirtschaftliches Gegengewicht zu den USA und ihrem Präsidenten Trump bilden zu können. Die Beitrittsbemühungen der Türkei liegen für ihn so lange auf Eis (“Es fröstelt!”), solange die Menschenrechte und die Pressefreiheit dort mit Füßen getreten werden. Auch dass die Briten nun an der anstehenden Europawahl teilnehmen, hält er angesichts der nach wie vor festen Absicht die EU verlassen zu wollen, für einen schlechten Treppenwitz.

Überhaupt Großbritannien: Wie man weiter mit dieser Nation umgehen wolle, fragte Uschi Koch. Eine Frage, bei der Juncker passen musste. Seit 26 Monaten beschäftige er sich mit dieser Frage: “Wenn ich das wüsste, würde man mir dafür mit Sicherheit einen Preis analog dem Nobel-Preis verleihen.” Die allgemeine Hilflosigkeit veranschaulichte Juncker mit diesem Satz: “Everybody understands english, but nobody unterstands England.” Ob die Verschiebung des Brexit denn nun so scheibchenweise weitergehen solle, wollte Udo van Kampen wissen. Für Juncker ist das unvorstellbar: “Am 31. Oktober muss Schluss sein, das kann man den Menschen auch nicht länger vermitteln.” Und dann schob er eines seiner Bonmots nach: “Die Engländer nehmen jährlich 250.000 Hunde und Katzen mit in den Urlaub auf das europäische Festland. Nach dem Ausscheiden aus der EU wird das nicht mehr so einfach sein. Denn dann müssen die Tiere hüben wie drüben erst mal jeweils vier Tage in Quarantäne. Macht zusammen acht Tage Urlaub, die dabei draufgehen. Ob das schon mal jemand von der Regierung den Engländern gesagt hat?”

Eine deutliche anfängliche Scheu beim Publikum vor dem Mikrofon

Das Publikum erlebte einen ebenso informativen wie unterhaltsamen politischen Abend

Die Besucher, die bei diesem Bürgerdialog eigentlich im Vordergrund stehen sollten, verhielten sich an diesem Abend anfangs verblüffend scheu und zurückhaltend. Dennoch fielen zwei Dinge auf: es waren viele Jugendliche der Einladung gefolgt, von denen auch einige die Gelegenheit für Fragen nutzten. Ein Umstand, der dem Kommissionspräsidenten gefiel, denn er habe sich in den vergangenen Jahren schon oft gefragt, ob die Jugend unpolitisch geworden sei. Doch spätestens seit den Freitagsdemos wisse er, dass die Jugend wieder Anteil am politischen Geschehen nehme.

Und noch etwas fiel auf: es waren etliche Trierer Bürger in den beiden Sälen. Was wiederum Jean-Claude Juncker freute und zu der Bemerkung veranlasste, dass er der einzige noch lebende Trierer Ehrenbürger sei. Und dann war der Entertainer in ihm wieder obenauf: Ob jemand wisse, was mit dieser Ehrenbürgerschaft verbunden sei? Er erhalte ein kostenloses Begräbnis in Trier, schmunzelte er und räumte dann ein, dass das allerdings auf seiner persönlichen Agenda noch keinen vorderen Platz einnehme…

Wobei neben allem Spaß Juncker sich aber auch an die Zeiten erinnerte, als er zum Einkaufen nach Trier fuhr und in Wasserbillig am Zoll lange Wartezeiten eingeplant werden mussten. Die Freizügigkeit des Reisens ohne Grenzen sei ein ganz großer Verdienst der Europäischen Union, der heute nur zu schnell vergessen und übersehen werde

Gegen 21.15 Uhr lies Udo van Kampen etwas abrupt eine letzte Frage aus dem Publikum zu. Dumm war, dass ausgerechnet jetzt sich das Publikum endlich zur Fragestellung am Mikrofon traute und es noch etliche Wortmeldungen gab. Doch Jean-Claude Juncker hatte kurz zuvor kundgetan, dass er nun langsam Hunger bekäme. Womit der Abend dann ein recht schnelles Ende nahm…


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Politik, Trifolion Hinterlasse einen Kommentar

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