Ein Festival muss eine Seele haben

Im Beisein von Hermann Lewen (links), Thomas Egger und Wolfgang Port unterschreibt Tobias Scharfenberger (2. von rechts) seinen Vertrag. Fotos: Rolf Lorig

Im Beisein von Hermann Lewen (links), Thomas Egger und Wolfgang Port unterschreibt Tobias Scharfenberger (2. von rechts) seinen Vertrag. Fotos: Rolf Lorig

REGION. Dieser Wechsel ist der Historie des Mosel Musikfestivals (MMF) würdig. Mit der Unterschrift unter einen Fünfjahresvertrag wurde Tobias Scharfenberger als neuer Geschäftsführer bestätigt, ab Januar 2018 folgt er Hermann Lewen als Intendant nach.  Lewen wird seinen Nachfolger aber in einer mehr als einjährigen Übergangszeit bis zum 31. Dezember 2017 einarbeiten. So wurde es am Freitag im Rathaus von Bernkastel-Kues besiegelt. 31 Jahre lang hat Lewen das Festival aus kleinen Anfängen heraus zur internationalen Marke entwickelt – eine Ära neigt sich ihrem Ende zu, aber eben nicht abrupt, sondern fließend.

Von Willi Rausch

Das ist natürlich nicht nur gewollt, sondern, wie alle Beteiligten betonen, sinnvoll, zumal Lewen und sein Nachfolger offensichtlich menschlich und künstlerisch harmonieren. Nach 31 Jahren in der Leitung des Festivals war es für Lewen (64) an der Zeit, “so langsam ans Aufhören zu denken”, denn: “Ich bin deutschlandweit der dienstälteste Festival-Intendant.”

Wolfgang Port, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung des MMF und Bürgermeister von Bernkastel-Kues gab zu: “Nachdem der Entschluss bei Hermann gereift war, die Intendanz abzugeben, haben wir lange gesucht. Wir haben uns auch bewusst viel Zeit gelassen, denn wir wollten jemanden aus der Region als Nachfolger. Es geht hier schließlich um eine kulturelle Institution, die auch ein Wirtschaftsfaktor ist.” Und mit einem Augenzwinkern: “Hermann haben wir dann auch noch gefragt.” Scharfenberger müsse die von Lewen hinterlassenen großen Fußstapfen füllen, “wir sind aber davon überzeugt, dass ihm das gelingt”.

Fließender Übergang

Fließender Übergang: Tobias Scharfenberger (rechts) folgt auf Hermann Lewen.

Für den Aufsichtsratsvorsitzenden des MMF, den Beigeordneten der Stadt Trier, Thomas Egger, ist der weiche Übergang ideal: “Mit Hermann Lewen geht ja nicht nur der Gründer und Intendant des MMF. Hermann hat Maßstäbe gesetzt. Daran wird das MMF auch in Zukunft gemessen. Wir haben die Weichen frühzeitig gestellt. Wir wollen ja auch sein Netzwerk für das Festival erhalten, das er in mehr als drei Jahrzehnten aufgebaut hat.”

Tobias Scharfenberger (51) ist sich der großen Aufgabe bewusst. Auch sieht er deshalb die gewählte Lösung des fließenden Übergangs als ideal an: “Ich wäre schlecht beraten, wenn ich das nicht als Chance sehen und ablehnen würde. Ich laufe in diesem Jahr schon mit, bin bei jeder Veranstaltung dabei. Das Programm für 2017 ist schon komplett. Ich kann mich jetzt schon auf 2018 konzentrieren.”

Der gebürtige Münchener, verheiratet mit der Sopranistin Christina Clark und Vater von zwei Kindern, ist in der Region verwurzelt. Er wohnt inzwischen auch in Kues. Er hat am Max-Planck-Gymnasium sein Abitur gemacht, danach Gesang studiert und eine erfolgreiche internationale Karriere als Opern- und Konzertsänger gestartet. “Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich mehr will, als ’nur’ auf der Bühne stehen.” Deshalb begann er 2012 ein berufsbegleitendes Studium im Bereich Kulturmanagement an der Universität Zürich, das er 2014 mit dem “Executive Master in Arts Administration” abschloss.

Erste Erfahrungen auf der anderen Seite der Bühne hat er als künstlerischer Betriebsdirektor und stellvertretender Intendant am Theater Trier gemacht. Natürlich wird das Konzept des MMF nicht auf den Kopf gestellt, weil dazu vieles viel zu gut ist. Er wird dem Festival aber eine Frischzellenkur verpassen. Dazu gehört “ab 2018 ein Young Artist Programm, das sich auch explizit mit der Entwicklung neuer Konzertformate befassen wird”. Außerdem will sich Scharfenberger der Erweiterung des Programmangebots für Kinder, Jugendliche und Familien und der Themensetzung widmen.

Thomas Egger befürwortet den weichen Übergang bei Geschäftsleitung und Intendanz.

Thomas Egger befürwortet den weichen Übergang bei Geschäftsleitung und Intendanz.

Seine Bewertung von Lewens Intendanz ist eine Laudatio: “Hermann Lewen ist es in den über 30 Jahren seiner Tätigkeit gelungen, das Festival zu einer in der Wahrnehmung durchweg positiven, auch in der internationalen Klassikszene höchst angesehenen Kulturmarke zu entwickeln.  Das ist eine immense Leistung, die in der Region nicht immer gebührend erkannt und wertgeschätzt wird.  Das Festival hat immer noch großes Entwicklungspotenzial, und ich wünsche, dass es mir gelingt, dem Mosel Musikfestival auf meine Weise eine Seele zu geben, wie es Hermann in der Vergangenheit getan hat.”

Auf die Frage nach den persönlichen Highlights nach mehr als drei Jahrzehnten Intendanz zählt Lewen keine Liste von Weltstars herunter, die schon beim MMF aufgetreten sind. Es sind vor allem Eindrücke abseits der Bühne, die ihm immer in Erinnerung bleiben werden. Wie der Post via Internet, der ihn kürzlich erreichte, als eine Gruppe von Künstlern ihm von einem australischen Strand aus zuprostete, wo sie eine Flasche Wein leerten, die es als Gastgeschenk beim MMF gibt. Die weltweite Anerkennung, die er aus der Kulturszene von Künstlern und Besuchern erhält, für das Jahr für Jahr herausragende Programm, aber vor allem auch für die Atmosphäre, die dem Festival eigen ist. Beispielhaft ist die Geschichte des Pianisten Kit Armstrong, den er als 17-Jährigen zum MMF holte, der Jahr für Jahr immer wieder an die Mosel kommt und am Sonntag, “ein weltweit beachtetes Debüt an der Orgel in der Basilika gibt”. Und Armstrong ist schon seit mehreren Tagen in Trier, hat sein Hotel nach drei Tagen aufgegeben, um in einem Musikzimmer zu üben. Außerdem war er Gast beim Konzert von Iiro Rantala, dem JTI-Jazz-Award-Preisträger.

“Ich bin dankbar, dass die Politik mich immer hat machen lassen”, sagt Lewen rückblickend – gleichwohl gab es manchmal Irritationen. “Wir haben einen Etat von rund einer Million Euro pro Jahr. Das ist aber nicht das Geld, das wir ausgeben, sondern das, was wir einnehmen.” Das wird offensichtlich ab und an verwechselt. “Die Besucherzahlen sind nicht der Maßstab”, so Lewen weiter, “wir haben hier etwas entwickelt, das es so nicht mehr so häufig gibt. Wir bespielen eine ganze Region von Schengen bis Winningen. Es gibt insgesamt 85 Spielstätten, wovon jedes Jahr 35 im Programm sind. Und wir finanzieren uns über den Club der Freunde und Förderer, der weltweit mehr als 400 Mitglieder hat, über private Sponsoren, über Zuschüsse vom Land und den Kreisen aus den Töpfen der Kulturförderung.”

So positiv diese Bilanz gut ein Jahr vor seinem endgültigen Abschied auch ist – es hätte noch besser sein können. Ein Vergleich mit dem “Schleswig-Holstein-Festival” ist künstlerisch durchaus legitim, “aber die haben einen Etat, der acht Mal so hoch ist, wie unserer”. Das führt zum Schluss: “Wir haben inzwischen ein solches Renommee, eine solche Akzeptanz, dass wir jeden Künstler kriegen könnten. Das übersteigt aber unsere Möglichkeiten.”


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Erstellt am Autor trier reporter in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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