Ein Museum für Blinde erfahrbar machen

Im Beisein seiner Studenten erläutert Professor Christopher Ledwig den Medienvertretern Aufbau und Funktion der rollen Kästen. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Blinde, die ins Museum gehen? Warum nicht, befindet Elisabeth Dühr, Chefin des Stadtmuseums Simeonstift. Bleibt nur die Frage des Wie. Und diese Frage hat sie nun mithilfe der Hochschule Trier gelöst. Dass das auch funktioniert, davon hat sich unter anderem Karl Kohlhaas, Vertreter des Trierer Blinden- und Sehbehindertenverbandes überzeugt.

Oben auf der Kiste befindet sich ein Modell des Ausstellungsraumes, das die Orientierung erleichtern soll. Davor befinden sich Informationen zur Kiste.

Wie sieht das ‟normale‟ Bild eines Museums aus? Viele Exponate, davor das Schild ‟Nicht berühren‟. ‟Das sind große Hürden für Sehgeschädigte‟, befindet die Museumsdirektorin. Was macht man in dieser Situation? Man nutzt die Ressourcen der Stadt. ‟Die Stadt Trier und die Hochschule Trier haben einen Kooperationsvertrag, mit dem wir unsere Stadt in möglichst vielen Belangen unterstützen wollen‟, sagt Hochschulpräsident Norbert Kuhn und stellt sogleich das jüngste Beispiel dieser fruchtbaren Zusammenarbeit vor, die von der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz und der Europäischen Investitionsbank gefördert wurde. In Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum haben Studenten und Professoren aus dem Fach ‟Intermedia Design‟ ein vielschichtiges Angebot entwickelt, das in eine große rollende Kiste passt und in drei Abteilungen des Stadtmuseums eingesetzt ist.

Hören und Tasten

Herzstück des Lösungsangebotes, das aus insgesamt drei unterschiedlich bestückten rollenden Kisten in drei Themenräumen besteht, ist ein Smartphone. Das kann das eigene sein, es kann aber auch beim Betreten des Museums an der Kasse ausgeliehen werden. Wobei das eigene Smartphone NFC-tauglich (“Near Field Communication”) sein muss. Wenn das der Fall ist, empfängt das Gerät über die passende App ein Signal aus der Kiste und tritt so mit dem Signalgeber in Dialog. Fortan erfährt der Nutzer auf diesem Weg, was es mit dem jeweiligen Kunstwerk auf sich hat, sagt Professor Christopher Ledwig, der die Arbeit der Studenten koordinierte.

Ein Relief mit Ehöhungen und Vertiefungen macht auch Bilder erfahrbar.

Schwieriger wird es da schon bei einem Bild. Auch hier können auf akustischem Weg  Informationen vermittelt werden. Noch mehr aber kann der Mensch in diesem Fall über seinen Tastsinn erfahren. Tastsinn?! ‟Keine Sorge, hier wird nicht das Original-Bild betastet‟, stellt Dorothée Henschel,  wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museum, klar. Vielmehr beinhaltet die rollende Kiste für das jeweilige Bild das passende Relief, das Höhen und Tiefen aufweist und so dem sehbehinderten Menschen anschauliche Informationen vermitteln kann.

Den gleichen Weg gehen kleine Modelle, die sich themenbezogen ebenfalls in den Kisten befinden. So können sehbehinderte Menschen wie Sabrina Kropp beispielsweise in aller Ruhe ertasten, wie sich die äußere Form der Porta Nigra im Laufe der Geschichte verändert hat oder wie sich beispielsweise das seltene Trierer Porzellan anfühlt, das seit kurzem die Sammlung des Museums ziert.

Nur wenige beherrschen die Braille-Schrift

Sabrina Kropp schildert am Tastmodell der Porta Bigra im Gespräch mit SWR-Reporterin Jutta Horn ihre Eindrücke.

Und wenn dabei mal etwas kaputt gehen sollte? ‟Das passiert‟, antwortet Kathrin Schug vom Stadtmuseum Simeonstift, die dort die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet. Das sei aber kein großes Problem. Sie verweist auf die Basisfläche bei dem Modell der Porta Nigra, die bereits erneuert werden musste. Hier waren kleine Erhebungen abgebröckelt. Erhebungen mit einer besonderen Funktion: ‟Das waren Informationen in Braille-Schrift‟, berichtet sie. Dank der Hilfe des 3D-Druckers der Hochschule sei die Wiederherstellung kein Problem gewesen. Wobei Professor Ledwig die Gelegenheit nutzt klarzustellen, dass Braille-Schrift als Informationsquelle für Blinde oft überschätzt wird: ‟Lediglich etwa 20 Prozent der Blinden oder Sehbehinderten beherrscht Braille.”

Kathrin Schug mit dem Modell einer Büste.

Eine Aussage, die Karl Kohlhaas unterstützt. Er hat sich genau über das Angebot informiert und begrüßt es. ‟Es gibt mir die Möglichkeit, mich in aller Ruhe über das Angebot im Museum zu informieren und ermöglicht mir mit diesen Techniken eine Teilhabe.”

DieseBestätigung freut Museumsdirektorin Elisabeth Dühr: ‟Jedes Museum ist zwischenzeitlich darum bemüht, die Barriere für Blinde oder Sehbehinderte so niedrig wie möglich zu halten. Dank der Unterstützung durch die Hochschule Trier können wir nun unser Angebot für diese Menschen deutlich attraktiver gestalten.” Allerdings ist sie sich bewusst, dass es vorerst noch ein Pilotprojekt ist: ‟Wir haben noch einen großen Lernprozess vor uns, der mit weiteren Fortschritten verbunden sein wird. Deshalb freuen wir uns über jede Resonanz, die uns auf diesem Weg ein Stück weiter voran bringen wird.” (rl)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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