Elektromobilität: Petrus ist (noch) kein Stromer

Die Fahrzeuge stehen im strömenden Regen bereit, doch noch fehlen die Teilnehmer… Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Die Zukunft gehört dem Elektroauto. Wirklich? Die Versprechungen klingen gut: Null Emissionen und damit saubere Luft in den Städten; nur minimale Geräusche; Strom, der von der Sonne kommt. Klingt fast zu schön um wahr zu sein. Wo liegt der Haken? Um Gedanken wie diese sollte es beim “Tag der Elektromobilität” gehen. Eine Veranstaltung, die die Stadt Trier vor zwei Jahren zum ersten Mal gemeinsam mit den Stadtwerken Trier (SWT) und dem Racing Team Trier (RTT) ausgerichtet hatte. Etliche Fachleute waren am Samstag zur zweiten Auflage auf den Viehmarkt gekommen, um im persönlichen Gespräch ihr Wissen zu vermitteln. Alleine, das Wetter spielte nicht mit. Ein kräftiger Landregen fiel fast den ganzen Tag vom Himmel. Nur wenige Besucher fanden deshalb den Weg zum Viehmarkt. Erste (scheinbare) Erkenntnis: Petrus ist (noch) kein Stromer…

Von Rolf Lorig

Achim Hill, der Geschäftsführer der Energieagentur Region Trier, ist überhaupt nicht zufrieden. Wo vor zwei Jahren sich viele Menschen bei bestem Wetter für die Zukunft der E-Mobilität interessierten, herrscht heute gähnende Leere. “Eigentlich wollten wir an unserem Stand mit einem Solar-Paneel die Kraft der Sonne veranschaulichen. Wegen des Dauerregens haben wir es dann aber gar nicht aufgebaut, da kommt ja nichts raus”, zeigt sich Hill enttäuscht. Was ihn ärgert: “Bei dem schönen Wetter gestern konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass wir heute so viel Wetter-Pech haben werden.”

Kein Wetter für E-Bikes, Hoover-Boards, E-Roller oder E-Scooter

Ähnliche Gedanken werden auch den Händlern durch den Kopf gegangen sein, die hier ihre Mobilitätsangebote veranschaulichen wollten. Neben schicken Autos, die entweder rein strombetrieben sind oder zumindest einen Hybrid-Antrieb – also neben einem Verbrennungsmotor auch einen E-Motor haben – besitzen, hatten die SWT als Veranstalter auch an alternative Formen gedacht. Vorgesehen war, dass die Interessenten E-Bikes, Hoover-Boards, E-Roller oder aber auch E-Scooter sehen und auch ausprobieren sollten. Was die Händler dann auch vorhielten – allerdings bekamen sie wegen des Wetters nicht den erhofften Zuspruch.



Einer, der in solchen Situationen die Zähne zusammenbeißt und so tut, als sei alles in bester Ordnung, ist Manfred Kronenburg. Als ehemaliger Leiter der Bußgeldstelle des Landes hat er nach wie vor noch einen guten Draht zur Stadt Trier. Bekannter aber ist er als Vorsitzender des Racing Teams Trier. Ein Kreis von Motorsportfreunden, die sich vor allem von 1971 bis 2011 als Ausrichter des heute schon legendären Bergrennens zwischen Fell und Thomm europaweit einen Namen gemacht haben. Doch das ist Vergangenheit. An diesem Tag zeichnet das RTT erneut für die “Touristische Ausfahrt” verantwortlich. Dazu hat das Team 21 Elektroautos organisiert. Eine beeindruckende Palette, die vom Smart bis hin zum umgebauten Porsche 911 reicht. Zusammen mit seinen Team-Kollegen wuselt Kronenburg von Auto zu Auto, nimmt letzte Eintragungen in der Starterliste vor.

An dem Opel Corsa B von Dennis Hahn wird der E-Antrieb anschaulich erklärt.

Blickfang Opel Corsa B mit E-Antrieb

Zu den gefragtesten Gesprächspartnern des Tages zählt Dennis Hahn. Hahn kommt aus Bingen, ist Prüfingenieur beim TÜV Rheinland. Sein Arbeitgeber ist ebenfalls mit einem Informationsstand auf dem Viehmarkt. Die Interessenten sollen hier erfahren, wie Ladesäulen gewartet werden. Hahns Trierer Kollegen haben bei ihm angefragt, ob er zur Ausstellung kommen kann. Denn Dennis Hahn besitzt einen Opel Corsa B, den er selbst auf Elektrobetrieb umgebaut hat. Ein kleines Schmuckstück, das die Blicke wie ein Magnet auf sich zieht. Für Hahn ist das ein Projekt, das niemals einen Abschluss finden wird. Vor zehn Jahren hat er mit dem Umbau begonnen. Der Wagen hat einen 25-kW-Asynchron-Elektromotor, der das kleine Auto auf eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h beschleunigen kann. Für längere Ausfahrten ist der Opel, der selbstverständlich eine Straßenverkehrszulassung besitzt, nicht geeignet: die Reichweite der kleinen Batterie beträgt 65 Kilometer. Für den Stadtverkehr reicht das allemal, für die Fahrt nach Trier war aber ein Hänger erforderlich. Eigentlich scheint das Projekt abgeschlossen, doch Dennis Hahn hat weitergehende Pläne. Er will sich nun dem Batteriemanagement zuwenden und mit pfiffigen Lösungen wiederum die Reichweite vergrößern. Doch warum steht der Wagen hier auf dem Stand? “Weil er dank seiner einfachen Technik veranschaulicht, wie ein E-Auto unter der Haube aussieht und man hier auch sehr übersichtlich die Funktionsweise erläutern kann.”

Zeit und Pferdestärken spielen überhaupt keine Rolle

Mittlerweile geht es auf 14 Uhr zu. Vor etwa einer halben Stunde hat Oberbürgermeister Wolfram Leibe zusammen mit SWT-Vorstand Arndt Müller die Gäste begrüßt. Deren Zahl ist etwas angewachsen. Erstaunlich ist das aber nicht. Denn es handelt sich überwiegend um die Teilnehmer der Touristischen Ausfahrt.

Die soll um 14 Uhr starten. Tourleiter Kronenburg bittet eine Viertelstunde vorher zu einem kurzen Briefing. Ein paar Erläuterungen zur Strecke, dann gibt es die Roadbooks. Fast, wie bei einer richtigen Rallye. Doch bei dieser Fahrt geht es einzig um Aufmerksamkeit, Geschick und etwas Wissen. Zeit und Pferdestärken spielen hier überhaupt keine Rolle.



Ich lerne meinen Teamkollegen kennen: Tim Hartmann. Er ist Projektmanager im Netzbetrieb der SWT. Schnell einigen wir uns darauf, dass er den Wagen fahren wird. Ich will die Hände, soweit es geht, für Notizen und Fotos frei haben. Wobei allerdings die Angaben aus dem Roadbook für den Fahrer nicht vernachlässigt werden dürfen…

Und dann geht es los. Im Moment des Starts zeigt das Display im BMW i3 eine restliche Batteriereichweite von 150 Kilometern an. Die vorgegebene Strecke wird nach Angaben von Manfred Kronenburg 52 Kilometer lang sein. Das sollte also gut zu schaffen sein.

Allerdings fordert das Wetter zusätzliche Verbraucher: die Klimaanlage läuft auf vollen Touren, um das Beschlagen der Scheiben zu vermeiden. Wegen des Regens sind die Scheibenwischer im Dauerbetrieb und auch das Licht brennt. Schauen wir mal.

Wie hoch ist mein Auto? Nur wer hier gut schätzen kann, bekommt die volle Punktzahl. Tourleiter Kronenburg (links) schaut genau hin

Das bärenstarke Drehmoment des E-Motors

Über die Moseluferstraße geht es zum Verteilerring. Dort dauert es, bis Tim den Wagen in den starken Verkehr einfädeln kann. Das bärenstarke Drehmoment des E-Motors hilft beim Mut zur Lücke. Weiter geht es über Ruwer ins Ruwertal. Das nahezu geräuschlose Dahingleiten des Wagens in Verbindung mit dem Wissen, dass ein kräftiger Tritt auf das Gaspedal enorme Sicherheitsreserven ermöglicht, beschert Fahrer und Beifahrer ein Fahrgefühl, das bislang nur sehr teure und luxuriöse Autos vermitteln konnten.

In Waldrach ist bei der Verbandsgemeindeverwaltung der erste Stopp. Bürgermeisterin Stephanie Nickels erwartet hier zusammen mit Ortsbürgermeistern und Wein-Majestäten die Tour-Teilnehmer. Eine freundliche Begrüßung, dann müssen vier Aufgaben gelöst werden. Bevor es weitergeht, gibt es noch eine kleine flüssige Stärkung von der Ruwer. Zeit für kurze Gespräche bleibt auch, die Stimmung unter den Teilnehmern ist bestens. Dann füllt sich langsam der Parkplatz mit den Autos der übrigen Teilnehmer, Zeit zum Aufbruch. Über die alte Bergrennstrecke geht es über Thomm nach Fell. Zwar nicht in einem Zug, da unterwegs immer wieder Aufgaben auf die Teilnehmer warten.

In Fell selbst dann der nächste Stopp: Ortsbürgermeister Alfons Rodens überrascht die Teilnehmer zusammen mit Vertretern des Besucherbergwerks und überreicht jedem ein Herz aus Schiefer. Wer mag, kann noch ein Glas Wein trinken, dann geht die Fahrt weiter in Richtung Neu-Mehring zur Römischen Villa. Auch hier muss wieder eine Aufgabe gelöst werden, danach heißt es vorbei an der Mosel ab nach Schweich zur Verbandsgemeindeverwaltung. Dort warten Bürgermeisterin Christiane Horsch und Sven Thiesen, Geschäftsführer der Tourist Information Römische Weinstraße, mit Kaffee und Kuchen. Derart gestärt wartet die nächste Sonderprüfung: wie hoch mag das Auto sein, das man fährt? Nicht in Zentimetern gemessen, sondern nach Gefühl. Denn der Wagen muss unter einer Leiste durch, die nach den Angaben des Fahrers höher oder tiefer gehängt wird. Nur die optimale Höhe bringt die volle Punktzahl, zu viel oder zu wenig bringt Strafpunkte.

Die letzte Etappe des Weges führt wieder zurück entlang der Mosel über die Römerbrücke auf den Viehmarktplatz.

Die persönliche Fahrweise und die Umweltbedingungen bestimmen die Reichweite

Neun der 21 E-Fahrzeuge wurden von der Stadt und den SWT gestellt.

Bei der Ankunft weist das Display mit der noch zur Verfügung stehenden Reichweite 67 Kilometer aus. Also 33 Kilometer weniger, als die rein mathematische Betrachtung der Zahlen ergeben hätte. Die Erkenntnis: Diese hier angegebenen Werte sind nur Richtwerte. Die persönliche Fahrweise und auch die Umweltbedingungen müssen unbedingt in die Rechnung einbezogen werden.

SWT-Vertriebschef Dirk Heckmann war bei dieser Fahrt nicht dabei, sondern ist als Ansprechpartner auf dem Viehmarktplatz geblieben. Dass einige der Unternehmen am frühen Nachmittag frustriert vorzeitig ihre Exponate eingepackt haben, dafür hat er Verständnis. Zu widrig waren die Umstände an diesem Tag, Dennoch zieht er eine positive Bilanz. Am liebsten würde er den Tag der E-Mobilität zu einem jährlichen Event machen. Denn dass das Interesse vorhanden ist, haben ihm die Gespräche mit denjenigen gezeigt, die sich vom Wetter nicht hatten abhalten lassen.

Dass das Thema aber auch über diesen Tag hinaus erlebbar bleibt, dafür sorgen die SWT mit dem Ausbau ihrer Ladeinfrastruktur. Schon in etwa drei Wochen werde man hier ein neues Kapitel einleiten und Strommasten zu Ladestationen umbauen, wo sowohl eBikes wie auch Elektroautos ihren “Saft” laden können. Der erste Ladepunkt dieser Art wird sich dann an der Universität am Parkplatz vor dem Einkaufszentrum “Im Treff” befinden, kündigt SWT-Chef Arnd Müller zum Abschied dann noch an. Weitere würden zügig folgen.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 1 Kommentar

Kommentar zu Elektromobilität: Petrus ist (noch) kein Stromer

  1. Mennix

    Ein interessanter, sachlicher Bericht nicht nur eines Teilnehmers ,,

     

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