Erfahrungen für ihre Arbeit in Kenia gesammelt

Nicht nur der Vorname verbindet die beiden Frauen: die Trierer Ärztin Ruth Thees-Laurenz und die Kenianerin Ruth Nyokabi. Foto: BKT

TRIER. Mathare Valley liegt rund fünf Kilometer östlich von Nairobi. Auf einer Fläche von der Größe des Trierer Stadtteils Mitte-Gartenfeld leben hier rund 600.000 Menschen; “in behelfsmäßigen Hütten aus rostigem Stahl, Lehm oder Polyethylen-Platten“, schildert Ruth Thees-Laurenz, Oberärztin der Sektion Sonographie im Zentrum für Radiologie, Neuroradiologie, Sonographie und Nuklearmedizin, die Wohnverhältnisse. Es gibt weder fließendes Wasser noch eine Abwasserkanalisation, die Menschen kochen auf Kohle- oder Kerosinkochern. Toiletten gibt es kaum, zu den wenigen führen meist unbeleuchtete Wege – was in der Dunkelheit vor allem für Frauen und Mädchen eine Gefahr darstellt.

Im vergangenen Jahr lernte Ruth Thees-Laurenz den zweitgrößten Slum der kenianischen Hauptstadt kennen, für die Organisation “German Doctors“ engagierte sich die Triererin in dem ostafrikanischen Land. Im Baraka Health Center begegnete sie auch Ruth Nyokabi, ihrer kenianischen Vornamensvetterin. Die 35-Jährige ist eine von fünf Clinical Officers, die gemeinsam mit fünf Medizinern aus deutschsprachigen Ländern sowie 14 einheimischen Krankenschwestern täglich zwischen 250 und 300 Patienten ambulant behandeln. Clinical Officer absolvieren ein verkürztes Medizinstudium von drei Jahren mit anschließendem “Praktischen Jahr“, in Kenia dürfen sie Patienten selbstständig untersuchen und behandeln und auch beispielsweise Medikamente verschreiben. Vor 22 Jahren nahm das vor allem durch Spenden finanzierte Health Center seine Arbeit auf. Das Team der “German Doctors“ umfasst vier jeweils für sechs Wochen ehrenamtlich arbeitende Ärztinnen und Ärzte sowie aktuell eine Ärztin, die für einen Zeitraum von drei Jahren Dienst tut.

“Die Menschen hier sind so freundlich und aufmerksam”

Dass Ruth Nyokabi eines Tages mehrere Wochen in einem deutschen Krankenhaus würde arbeiten können, hätte sie vor einigen Monaten nicht zu träumen gewagt. Vermittelt hatte ihr die Hospitanz im Brüderkrankenhaus Trier Ruth Thees-Laurenz. “Es ist das erste Mal, dass ich in Europa bin“, berichtet die Kenianerin und räumt ein, dass sie vor der Reise ziemlich aufgeregt gewesen sei. Zehn Tage später, im Interview, ist von dieser anfänglichen Aufregung kaum mehr etwas zu spüren. Was auch daran liegen könnte, dass sich einige “Warnungen“ vor der Mentalität der Deutschen nicht bewahrheiteten: “Die Menschen hier sind so freundlich und aufmerksam“, sagt sie und erzählt, dass ausnahmslos alle Patientinnen und Patienten ihr offen und herzlich begegneten. Das bestätigt auch Ruth Thees-Laurenz, der die Kenianerin während ihrer Arbeit assistierte und dabei mehr als nur über die Schulter schauen durfte. “Atmen Sie bitte ein“, sagt Ruth Nyokabi auf Deutsch, “und jetzt wieder aus.“ Spätestens jetzt hat sie die Herzen eines vielleicht noch skeptischen Patienten erobert.

Doch mehr noch als um das Gewinnen von Sympathien ging es der jungen Frau, die sich während vier Jahren zur Clinical Officer hat ausbilden lassen und hierfür ein nicht unerhebliches Darlehen aufnehmen musste, natürlich um das Gewinnen neuer Kenntnisse und Fertigkeiten für ihre tägliche Arbeit, insbesondere was den Einsatz des Ultraschalls anbelangt. So lernte Ruth Nyokabi in Nairobi bereits unter anderem, wie man mithilfe der Sonographie Frakturen diagnostizieren kann. “Ich habe sehr viel gelernt über den Ultraschall des Abdomens, also des Bauchraums, und die gesamte abdominelle Anatomie“, berichtet die junge Frau, die auch sagt: “Nie zuvor habe ich ein so großes, sauberes und technisch sehr gut ausgestattetes Krankenhaus gesehen.“

Patienten warten stundenlang auf eine Untersuchung oder Behandlung

Die Situation im Baraka Health Center ist mit der in Trier naturgemäß nicht zu vergleichen. Dass dort jeden Morgen Dutzende, bisweilen sogar hundert und mehr Patienten stundenlang auf eine Untersuchung oder Behandlung warten und sich alle dennoch sehr ruhig und geduldig verhalten, ist nur eine von vielen Beobachtungen, die Ruth Thees-Laurenz nachhaltig beeindruckten. So wie die Deutsche in Kenia natürlich auch mit vielen Krankheiten konfrontiert wurde, die hier keine oder keine so immense Rolle mehr spielen. Neben der allgemeinmedizinischen Behandlung liegt ein wichtiges Augenmerk auf der Diagnose und Therapie von HIV und Aids, berichtet Ruth Nyokabi, aber auch Tuberkulose und natürlich Malaria, außerdem Cholera oder die Sichelzellkrankheit seien nach wie vor große Probleme in ihrer Heimat; und natürlich das Problem der Unterernährung, das die “German Doctors“ mit einem eigenen Ernährungsprogramm angehen. Eine schwerwiegende Erkrankung, an der in Ostafrika mehr Frauen erkranken als hierzulande, ist Brustkrebs.

Zurück in Kenia konnte Ruth Nyokabi die in Trier gewonnenen Fertigkeiten bereits in ihrer täglichen Arbeit einsetzen. Kürzlich reiste Ruth Thees-Laurenz ein weiteres Mal nach Mathare Valley und führte vor Ort einen Ultraschall-Grundkurs für die anderen Clinical officer des Heath Centers durch. An diesen nahmen auch Ärzte und Clinical Officer aus jenen Krankenhäusern teil, welche die Patienten aus Mathare aufnehmen, wenn an einer stationären Behandlung kein Weg mehr vorbeiführt.

Fragt man die Trierer Oberärztin, was sie an Ruth Nyokabi besonders schätzt, muss sie nicht lange überlegen: “Ihr Engagement und ihr Wunsch, sich fachlich unbedingt weiterbilden zu wollen, aber auch ihr stets freundlicher und respektvoller Umgang mit den Patienten. Sie hat in den drei Wochen sehr viel gelernt, obwohl viele Grundkenntnisse – im Vergleich zu den hiesigen Weiterbildungsassistenten – fehlten“, berichtet die Triererin und hat keinen Zweifel: “Ruth wird viel Positives aus Deutschland mit nach Kenia nehmen.“ (tr)


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Erstellt am Autor trier reporter in Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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