“Erschüttert vom Ausmaß der Zerstörungen”

Nach der Israel-Reise - erschüttert vom Ausmaß der Zerstörungen: Triers Bischof Ackermann.

Nach der Israel-Reise – erschüttert vom Ausmaß der Zerstörungen: Triers Bischof Ackermann.

TRIER/BONN. Die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten sei geringer denn je. Dieses Fazit haben der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann, Vorsitzender der Deutschen Kommission Justitia et Pax, und der Vorsitzende der Arbeitsgruppe “Naher und Mittlerer Osten“” der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Weihbischof Thomas Maria Renz (Rottenburg-Stuttgart), gezogen – zum Abschluss des 15. Internationalen Bischofstreffens zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land. “Gerade deshalb brauchen die Christen im Heiligen Land – ob in Israel oder den Palästinensischen Gebieten – unsere uneingeschränkte Solidarität“, erklärte Bischof Ackermann weiter. “Dazu zählen das Gebet und auch die materielle Hilfe, die in bestimmten Regionen dringender denn je ist.”

Schwerpunkt des diesjährigen Treffens vom 10. bis 15. Januar, an dem 16 Mitglieder nationaler Bischofskonferenzen aus zwölf Ländern teilnahmen, war der Besuch von christlichen Einrichtungen in Gaza und Hebron. Nach Einreiseschwierigkeiten der Delegation am Sonntag von Israel nach Gaza, die von den israelischen Behörden zu verantworten waren, konnten sich Bischof Ackermann und Weihbischof Renz einen umfassenden Überblick zur Situation der Bevölkerung nach dem letzten Krieg zwischen Israel und der den Gazastreifen beherrschenden Hamas verschaffen. “Ich bin erschüttert vom Ausmaß der Zerstörungen, gerade im zivilen Bereich”, sagte Bischof Ackermann. Die internationale Staatengemeinschaft müsse hier verstärkt Unterstützung leisten. „Dazu wird es unabdingbar sein, dass Israel jede Form des Embargos zur Einführung von dringend notwendigen Versorgungsgütern und Baumaterialien aufhebt”, erklärte Ackermann. “Für mich war es beeindruckend, mit Familien in zerstörten Häusern zusammenzutreffen, die in den Trümmern versuchen, zu überleben. Das Elend lässt mich als Besucher verstört zurück.”

Weihbischof Renz würdigte die aktive Aufbauhilfe der katholischen Kirche für die Bevölkerung im Gazastreifen. Die katholische Gemeinde in Gaza besteht derzeit aus rund 200 Katholiken. Insgesamt gibt es im Gazastreifen knapp 2.500 Christen. “Was Christen für die gesamte Bevölkerung leisten – insbesondere für die muslimischen Mitbewohner – ist ein eindrucksvolles Zeichen gelebter Nächstenliebe”, erklärte Renz. Die Bereitstellung von Grundlagen für den Wiederaufbau von Häusern oder Wohneinheiten, damit Menschen nicht mehr in Zelten oder Trümmern hausen müssten, werde von den katholischen Hilfsorganisationen “in vorbildlicher Weise” ermöglicht. “Ich habe eine tiefe Dankbarkeit bei den Menschen – ganz gleich ob Christen oder Muslime – gespürt”, sagte Renz. Besonders beeindruckt sei er von der Leistung der drei katholischen Schulen im Gazastreifen: “Hier wird Bildung für junge Menschen trotz erheblicher Kriegstraumata ermöglicht”, so Renz. Gerade den katholischen Schulen käme eine große Bedeutung zu, zum Frieden zu erziehen – um Hass zu überwinden.

Existenzrecht Israels unbestritten

Das diesjährige Treffen der Bischöfe stand unter dem Leitwort “Die leidenden und verwundbaren Völker des Heiligen Landes”. Neben Besuchen christlicher Einrichtungen in Hebron und Bethlehem informierten sich die Bischöfe über die Situation im Cremisan-Tal nahe bei Jerusalem, das von der israelischen Sperrmauer durchschnitten werden soll. Insbesondere der Bau der Mauer dort würde zum Verlust von Land und Lebensunterhalt vieler christlicher Familien führen. Um die ganze Breite des Nahostkonflikts zu erfassen, besuchten die Bischöfe nach ihrem Aufenthalt in Gaza den israelischen Grenzort Sderot, der häufig das Ziel von Raketenangriffen der Hamas ist. “Als Christen sind wir aufgerufen, beide Seiten zu sehen und zu hören”, sagte Ackermann. Es gebe keinen Zweifel am Existenzrecht des Staates Israels und ebenso wenig an der Notwendigkeit zur Schaffung eines palästinensischen Staates. “Wer von Sderot zur Grenze Richtung Gaza schaut, versteht auch die israelische Seite, die Sicherheit haben will. Gewalt kann aber nie ein Mittel zur Rechtfertigung nationaler Interessen sein”, erklärte der Bischof weiter. Es brauche eine “Formung der Herzen”, um Frieden zu schaffen.

Ackermann und Renz betonten, dass die Konflikte im Nahen Osten und besonders im Heiligen Land neben der politischen Dimension zu häufig von religiösen Motiven beherrscht würden. “Wir brauchen dringend ein Ende der Gewalt im Nahen Osten. Wir verurteilen jede Form der Gewaltanwendung, insbesondere dann, wenn diese im Namen Gottes geschieht”, sagte Renz. “Diese Pervertierung von Religion darf nicht hingenommen werden.” Gerade deshalb sei es notwendig, dass die Christen in Deutschland den Nahen Osten und das Heilige Land nicht vergessen. “Die Menschen dort, gerade die Christen, sind dankbar für jede Form der Solidarität”, sagte Bischof Ackermann. Sie hätten den Bischöfen mit auf den Weg gegeben, für sie zu beten. Sie wollten den Frieden, aber er sei weit entfernt. “Deshalb müssen wir als Christen in Deutschland und mit den Christen im Heiligen Land beherzigen, was Paulus im Neuen Testament sagt: Hoffen wider alle Hoffnungslosigkeit”, sagte Bischof Ackermann.

An dem Treffen im Heiligen Land nahmen neben Bischof Dr. Stephan Ackermann und Weihbischof Thomas Maria Renz auch Erzbischof Stephen Brislin (Kapstadt, Südafrika), Bischof Raymond Browne (Kerry, Irland), Bischof Pierre Bürcher (Reykjavik, Island), Bischof Oscar Cantu (La Cruces, USA), Bischof Michel Dubost (Evry, Frankreich), Erzbischof Ricardo Fontana (Arezzo-Cortona-Sansepolcro, Italien), Bischof Lionel Gendron (Saint-Jean, Kanada), Bischof Dr. Felix Gmür (Basel, Schweiz), Erzbischof em. Patrick Kelly (Liverpool, Großbritannien), Weihbischof William Kenny (Birmingham, Großbritannien), Bischof Kieran O’Reilly (Killaloe, Irland), Bischof Declan Lang (Clifton, Großbritannien) und Erzbischof Joan Vives (Urgell, Spanien) teil. (tr)


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