Es war lediglich ein schönes Konzert

Mit ihrem Album “Die Freiheit“ behandelt die Band Dota vorwiegend gesellschaftskritische Themen wie Rassismus, Freiheit, Gleichheit, Alltagsflucht oder Macht. Fotos: Clemens Sarholz

TRIER. Auszeichnungen säumen den Weg der deutschen Musikerin und Liedermacherin Dota Kehr. 2011 erhielt die gelernte Medizinerin den Förderpreis der Stadt Mainz beim Deutschen Kleinkunstpreis, 2014 den Fred-Jay-Preis für deutsche Liedertexte, 2016 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik und in diesem Jahr den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Chanson/Musik/Lied. Am Freitagabend war die Berlinerin zu Gast im Mergener Hof. Clemens Sarholz war für den reporter beim Konzert, hier seine Eindrücke.

Dota liefert “links-grün versifften Gutmenschen“ den Soundtrack ihres Lebens. Die Band tourt derzeit mit ihrem neuen Album “Die Freiheit“ durch das Land, vergangenen Freitag machten sie Halt im Mergener Hof. Im vollen Haus lauschten die Besucher mal sphärischen Klängen, mal Lagerfeuermusik. Und natürlich Texten,  die Freiheit, Gleichheit, Sehnsucht, Widerstand oder Rassismus behandeln. In ihrem Album “Die Freiheit“ behandelt sie vorwiegend gesellschaftskritische Themen wie Rassismus, Freiheit, Gleichheit, Alltagsflucht oder Macht.

“Es ist bunt und hell und leise und schön”, heißt es im ersten Lied. Dorothea ‘Dota’ Kehr singt davon, wie sie einer Stadt entkommen möchte. Die Adjektive beschreiben den Stil der Band Dota schon ziemlich treffend. So bunt und hell und leise und schön, wie es Kehr gerne hat, so steht auch das Publikum da. Es scheint, als wolle es aus den Zeilen etwas schöpfen. Dotas Texte sind mit subtilen Botschaften versehen. Ein Drahtseil kann bei ihr eine Durchhalteparole, eine Allegorie darauf sein, dass es immer weiter geht; eine schwangere Frau im Baumarkt der Glaube an die Veränderung zum Guten hin.

Mit ihrer glasklaren Stimme generiert Dota Kehr handfeste Ohrwürmer.

Sehnen nach Harmonie und Frieden

Synchronisiert man die Texte mit dem, was man sieht, dann hat man eine vierköpfige Band auf der Bühne stehen, die beim Musizieren die Augen schließt, gefühlvoll spielt und singt. Man spürt, die Musiker sehnen sich nach Harmonie und Frieden, bei all den Problemen, die es derzeit gibt mit nationalem Rechtsruck oder wachsender Chancenungleichheit. Das offenbart sich beispielsweise bei der ersten Singleauskopplung des Albums “Raketenstart“: “Wir haben die Katastrophe kommen sehen und den Griff nach der Macht mit viel Witz kommentiert, hatten geglaubt, dass das System sich selbst reguliert“, heißt es in dem Song. Despoten und Kapitalisten straft Dota mit Seitenhieben ab, prangert Alltagsrassismus in ihrem Lied “Zwei im Bus“ an. Dota stört mit ihren Texten das gute Gewissen der Mächtigen. Es ist ein Erfolgsrezept für ein moralisch geschärftes Profil.

Das sich Dota verdient hat. Seit mehr als 15 Jahren schreibt sie den “links-grün versifften Gutmenschen“ – ein rechter Kampfbegriff gegen diejenigen, die angebliche Hypermoral fordern – den Soundtrack ihres Lebens. Wobei sie auch die Selbstzufriedenheit der Privilegierten infrage stellt. Der Albumtitel “Die Freiheit“ sei sehr groß gewählt, sagt Kehr, daher müsse sie den Titel über ein kurzes Lied ausgleichen. “So viel Freiheit, ich bin überfordert. Was mach’ ich daraus? Ich such’ mir einen Yogalehrer, der mir sagt, wann ich einatmen soll und wann aus.“ Freiheit als Luxusproblem. Bei den Zeilen lacht das Publikum so, als sei es ertappt worden, als hätte Dota einen Nerv getroffen.

Dabei geht es ihr wahrlich nicht um eine gesellschaftskritische Agenda, wie sie in einem Interview mit dem Göttinger Tageblatt einmal sagte. Es gehe vor allem um die Musik. Und die definiert sich häufig über treibende, raffinierte Rhythmen, für die Janis Görlich am Schlagzeug, Jan Rohrbach an der Gitarre und Patrick Reising am Keyboard sorgen. Wobei Reising und Rohrbach auch gerne mal Elemente einwerfen, die so klingen, als kämen sie aus der frühen Zeit der elektronischen Musik. Beispiel “Popcorn“, von Hot Butter.

Die Melodien sind kleine Ohrwürmer, nisten sich dauerhaft-prägnant im Ohr ein. Sie generieren sich in der Regel über Dota Kehrs Stimme. Die ebenso klein ist, fast schon verletzlich klingt. Schön und glasklar. Wenn man sie hört, glaubt man zu wissen wie sie ist, so als würde sie am Lagerfeuer neben einem sitzen.

Coremy alias Franziska Gabriel aus Trier.

War es vielleicht Tourmüdigkeit?

Musikalisch überzeugt Dota, doch das ist ja nicht alles bei einem Konzert. Ist es vielleicht Tourmüdigkeit? Das Konzert in Trier war das 33. von insgesamt 57 Konzerten, das die Band innerhalb eines Jahres (September 2018 bis August 2019) spielt. Zwischen den Zeilen schwang leider nichts mit. Die Anekdoten zwischen den Stücken klangen auswendig gelernt. Das machte sich auch im Saal bemerkbar. Die Atmosphäre war ein wenig schläfrig. Und so war es lediglich ein schönes Konzert; doch das beseelt ergriffene Lächeln, das einem nach mitreißenden Konzerten anhaftet, blieb aus. Nächstes Mal vielleicht.

Am Ende des Abends überzeugte Dota, wie so häufig, am Merchandisestand, wo sie das Gespräch mit den Fans suchte. Das unterstreicht ihre Nähe zum Publikum, was sie sehr sympathisch machte. So unprätentiös, wie sie da stand, mischte sie sich auch bei ihrem Supportact Coremy unters Publikum und hörte sich an, was ihre junge Kollegin Franziska Gabriel alias Coremy zu sagen hat. Die stammt aus Trier, machte die Zuhörer neugierig auf ihre hoffentlich kommende musikalische Karriere. Sie spielte Chansons. die ersten Stücke des Abends. Der “Beine Breit Blues“ erzählt davon, wie sie sich in ihren Gynäkologen verliebt hat. Im Lied “Gapyear“ persifliert sie ihre eigene Generation, die nach dem Abi ins Ausland muss und ihre gefühlte innere Leere durch einen Australienaufenthalt vertreiben kann. Ihre Beinhaare bekommen eine eigene Hommage: “Sie gehören zu ’ner Frau wie die Küche und der Herd, darüber hat sich auch niemand beschwert.“ Auch Franziska Gabriel tourt derzeit durch Deutschland.


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Erstellt am Autor Clemens Sarholz in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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