Fehlalarm – Kein Hinweis auf Amokgefahr – Kommentar

Die Polizei durchsuchte am Freitagmorgen die Gebäude der BBS, konnte aber keine Hinweise auf eine Amokgefahr finden.

Die Polizei durchsuchte am Freitagmorgen die Gebäude der BBS, konnte aber keine Hinweise auf eine Amokgefahr finden.

TRIER. Die Nerven liegen nach den Terroranschlägen von Paris und weiteren versuchten Anschlägen in Deutschland sowie den Nachbarländern offenbar auch in der Region blank. Am Freitagmorgen wurde in den Berufsbildenden Schulen Trier (BBS) nach drei Knallgeräuschen im Umfeld der Bildungseinrichtungen Amok-Alarm ausgelöst. Lokale und überregionale Medien berichteten schon Minuten nach Auslösung des Alarms von einer “vermutlichen Amokdrohung”. Diese Hysterie wurde durch Postings in den Sozialen Netzwerken noch befeuert. Die Polizei konnte hingegen auch nach intensiver Suche in den Gebäuden der BBS, darunter auch Spezialkräfte, keine Hinweise auf eine Amok- oder Gefahrenlage ermitteln. Mit einem Kommentar von Eric Thielen

Der Alarm an der BBS wurde demnach gegen 10.20 Uhr in einem Gebäude des Schulkomplexes ausgelöst, nachdem offenbar drei Knallgeräusche zu hören gewesen waren, teilt die Polizei am Nachmittag mit. Sofort nach dem Alarm seien alle nötigen Maßnahmen eingeleitet und die Gebäude des Schulkomplexes auch mit Spezialeinsatzkräften abgesucht worden.

Im Anschluss an die Sofortmaßnahmen evakuierten die eingesetzten Polizeibeamten die Schülerinnen und Schüler, die den Nachhauseweg antreten oder sich in die Toni-Chorus-Halle begeben konnten. Die Betreuung der Jugendlichen sei insbesondere durch die Feuerwehr und den Rettungsdienst in der Toni-Chorus-Halle gewährleistet worden. Insgesamt wurden 14 Jugendliche nach Polizeiangaben wegen Panik, Schwindel oder Herz-Kreislauf Problemen ärztlich versorgt, drei von ihnen wurden vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht.

Eine tatsächliche Amok- oder Gefahrenlage habe sich auch nach der Durchsuchung aller Gebäudekomplexe der Berufsbildenden Schulen nicht bestätigt. Die Zusammenarbeit aller fast 400 eingesetzten Kräfte von Polizei, Berufsfeuerwehr und Freiwillige Feuerwehren, Rettungsdienst und Katastrophenschutz sei reibungslos verlaufen, heißt es in der Pressemitteilung der Polizei Trier. Die Ermittlungen zu den möglichen Ursachen der Knallgeräusche dauern laut Polizei an. (tr/et)

Weniger Hysterie, bitte!

 

Medien haben nicht nur die Pflicht, die Öffentlichkeit umfassend zu informieren. Sie haben auch eine Verantwortung. Was sich am Freitagmorgen nach dem Alarm an der BBS im Netz und in den Sozialen Medien – von der regionalen Tageszeitung bis hin zu diversen Online-Magazinen und Radiosendern – abspielte, glich einer Hysterie. Schon wenige Minuten, nachdem der Alarm ausgelöst worden war, wurde von einer “vermutlichen Amokdrohung” gesprochen und geschrieben.

Das hat nichts mit Berichterstattung zu tun. Das ist verantwortungslos!

Verantwortungslos gegenüber den Jugendlichen, die via Smartphone mit dem Netz verbunden sind, verantwortungslos gegenüber den Eltern und Angehörigen der Schülerinnen und Schüler, verantwortungslos gegenüber den Einsatzkräften, die in einer solchen Situation unter einem enorm hohen Druck stehen, weil von ihrer professionellen Arbeit unter Umständen Menschenleben abhängen.

Diesen Druck ohne hinreichende Faktenlage in einer derartigen Situation künstlich durch Spekulationen zu erhöhen, ist sogar mehr als verantwortungslos. Es ist schändlich!

Der Kommentar.

Der Kommentar.

Außer Frage steht, dass auch die Medien im digitalen Zeitalter einen enorm hohen Druck verspüren – vor allem auf dem wirtschaftlich-finanziellen Sektor. Der Rotstift regiert in fast allen Bereichen. Doch die Hatz, wie sie auch schon nach den Anschlägen von Paris allenthalben spürbar wurde – noch mehr, und noch eine Sondersendung, und noch mehr News und Exklusivberichte, und Spekulationen, und vermeintliche Möglichkeiten –, darf nicht dazu führen, dass aus den berechtigten Sorgen und Ängsten Kapital für die Buchhalter der Verlage und Mediengesellschaften geschlagen wird.

Auch das ist schändlich!

Journalisten, vor allem aber solche, die sich im Netzzeitalter dafür halten, haben nicht nur eine Pflicht, sie haben auch ein Recht, nämlich einfach einmal “Nein” zu sagen. Der Vorfall an der BBS sollte ein Weckruf sein, bei einer ähnlichen Situation – die hoffentlich so schnell nicht erneut eintritt – vor dem Computer, dem Laptop und dem Smartphone den Verstand einzuschalten. Erste und wichtigste Frage: Wie gehen wir verantwortungsvoll damit um, um Panik zu verhindern und Ängste nicht noch zusätzlich zu schüren?

Die Antwort: Weniger Hysterie, bitte! Das gilt für alle, die in einen derartigen Fall involviert sind. Am meisten aber gilt es für die Medien und jene, die sie machen! (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Gesellschaft 4 Kommentare

4 Kommentare zu Fehlalarm – Kein Hinweis auf Amokgefahr – Kommentar

  1. Marcel Pietsch

    Vielen Dank Herr Thielen, sehr wohltuend !

     
  2. Peter Müller

    Ein souveräner Kommentar. Ich habe es am Arbeitsplatz selbst erlebt, wie Kolleginnen Panik bekamen, weil sich ihre Kinder in unmittelbarer Nähe des Geschehens befanden. Im Netzzeitalter mit der Nachrichtenlage umzugehen scheint schwierig zu sein.

     
  3. Thomas Esper

    Danke für die differenzierte Darstellung. Es wurde zwar Amokalarm ausgelöst, aber das bedeutet eben nicht zwangsläufig, dass es einen Amoklauf gegeben hat. Ein Gutes hat die Sache dennoch: es war ein Planspiel für den möglichen Ernstfall. Unsere Anerkennung sollte all denen gelten, die sich professionell verhalten haben.

     
  4. Monika Herres

    Hoffen wir, dass die Ursache der Knallerei rasch ermittelt wird. Die Aussage mit der Treibjagd ist ja wohl lächerlich. Oder findet mitten in Trier so etwas statt? So bleibt wilden Spekulationen immer noch Tür und Tor geöffnet.
    Ist doch klar, dass in der derzeitigen Lage schon eine Fehlzündung zu einer Massenpanik mit unabsehbaren Folgen ausarteten kann……..

     

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