Flüchtlingsarbeit: Die Zeit der Pilotprojekte ist vorbei

Oberbürgermeister Wolfram Leibe begrüßt die Teilnehmer der Fachtagung in der ERA. Fotos: Rolf Lorig

Oberbürgermeister Wolfram Leibe begrüßt die Teilnehmer der Fachtagung in der ERA. Fotos: Rolf Lorig

TRIER.  Bilanz und Ausblick war die Intention einer Konferenz zur Flüchtlingssituation, zu der die Stadt Trier zahlreiche Institutionen und Helfer eingeladen hatte. Ergebnis: Die Bilanz fällt bisher zufriedenstellend aus, für Optimierungsmöglichkeiten besteht aber auch noch genügend Luft nach oben.

Von Rolf Lorig

Wie schnell doch die Zeit vergeht: Vor einem Jahr, am 25. Juni 2015, befasste sich die Stadt unter Mitwirkung  vieler Institutionen und Personen mit Fragen der Flüchtlingsarbeit. Titel: “Lebens(t)raum gesucht”. Themen waren Wohnen und Soziales, die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die Rolle des Ehrenamts, Sprache und Bildung sowie die Integration in Ausbildung und Arbeit. Was damals noch theoretisch erarbeitet wurde, kann heute auf der Basis von praktischen Erfahrungen neu diskutiert und unterfüttert werden. Eine Gelegenheit, die sich kaum jemand entgehen ließ. Das Interesse an dem Thema war so groß, dass die Entscheidung für das ERA Conference Centre sicherlich die richtige Wahl war. Welchen Stellenwert diese Fachtagung bei der Verwaltung hatte, verdeutlichte die Präsenz der Stadtspitze: Neben Bürgermeisterin Angelika Birk befand sich auch Oberbürgermeister Wolfram Leibe unter den Teilnehmern.

“Wir alle haben einen guten Job gemacht“

Exakt 1302 Menschen wurden der Stadt Trier in der Zeit von August 2015 bis zum 7. Juli zugewiesen. Dazu 1200 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Bei den Erwachsenen wurden 600 Asylsuchende bislang anerkannt und der Stadt Trier als Neubürger zugewiesen. Das teilte Oberbürgermeister Wolfram Leibe zu Beginn der Fachtagung in seinem Grußwort mit. Eine erste, zufriedene Bilanz stellte er an den Anfang: “Wir alle haben einen guten Job gemacht, und das, obwohl wir alle keine Strukturen hatten.” Doch sei dies kein Grund sich nun zufrieden zurückzulehnen, kämen doch noch immer Flüchtlinge, wenn auch in verringertem Umfang. Und: “Die Integration geht jetzt erst richtig los.“

Bei der Tagung vor einem Jahr sei man davon ausgegangen, dass die Stadt Trier 400 Flüchtlinge aufnehmen müsse. In den Monaten August und September seien zwischen fünf- bis sechstausend Menschen in den Erstaufnahmeeinrichtungen gewesen. “Das Schöne ist: Das haben wir in Zusammenarbeit mit dem Land hingekriegt.“ Persönlich möchte Leibe die dabei gemachte Erfahrungen nicht missen: “Es war auch bereichernd. Es war schön zu sehen, welche Erfolge wir dabei haben.“ Erst vor wenigen Tagen sei er zu Besuch in einer Klasse der Berufsbildenden Schulen (BBS) gewesen. Dort habe er feststellen können, wie hochmotiviert die Kinder und Jugendlichen waren. Bezeichnend sei die erste Frage gewesen, die ihm gestellt wurde: “Können Sie uns erklären, warum es so viele Kriege gibt?“ Genau diese Frage bringe das Problem auf den Punkt: “Die Menschen fliehen nicht, weil sie nach Deutschland wollen. Sie können nicht in ihrer Heimat bleiben, weil dort Krieg herrscht.“

Leibes Dank galt neben den eigenen Mitarbeitern insbesondere den Ortsvorstehern und Partnerorganisationen: “Sie haben auf Zuruf Mitarbeiter eingestellt und obwohl die am Anfang noch keine Verträge hatten, fingen sie doch schon mal an zu arbeiten. Sie alle haben was riskiert und damit deutlich gemacht, dass man solch ein Unterfangen nur mit zuverlässigen Partnern stemmen kann.“

Jetzt aber stehe man vor erneuten Herausforderungen, denn es gebe es die ersten Abschiebebescheide: “Wie gehen wir damit um?“ Dadurch, dass man die Flüchtlinge dezentral untergebracht habe, seien erste Freundschaften entstanden. Nun gebe es bei Nachbarn und Freunden Unverständnis für die getroffene Entscheidung. Dem müsse durch eine gute Kommunikation, Erklärungen und dem Hinweis auf einen funktionierenden Rechtsstaat begegnet werden.

Wohnen und Soziales

Die Themen der Fachtagung vor einem Jahr waren auch die dieses Jahres. Für den Bereich “Wohnen und Soziales“ sprachen Hans Werner Meyer (Leiter Sozialamt), Bernd Kettern (Direktor Caritasverband Trier) und Michael Decker (Geschäftsführer DRK Trier-Saarburg). Ende 2014 sei man noch davon ausgegangen, dass man keine Asylbewerber aufnehmen müsse, erinnerte sich Hans Werner Meyer. Aus diesem Grund sei die Arbeitsgruppe noch übersichtlich gewesen und habe lediglich aus einer Person bestanden. Als aber deutlich wurde, wohin der Weg geht, habe man sofort reagiert und personell auf aktuell 70 Menschen aufgestockt. Für die Unterbringung der Flüchtlinge habe man 200 Wohnungen und vier Gemeinschaftsunterkünfte angemietet. Besonderer Dank gebühre dem Bürgerservice, der bei der Einrichtung nahezu alles beschafft habe, was auch benötigt wurde. Weitere wichtige Partner seien die gbt sowie die Mitarbeiter beim Sozial- und Bauamt gewesen: “Da wurden viele Überstunden geleistet!“

Stolz auf seine Heimatstadt zeigte sich Bernd Kettern: “Im bundesweiten Vergleich kann sich die Stadt Trier aber auch der Kreis Trier-Saarburg im oberen Drittel aller Kommunen sehen lassen, was das Engagement und die Beteiligung der Bevölkerung angeht.“ Man wisse nicht, welche Herausforderungen noch kommen würden. Zwar kämen weniger Flüchtlinge als im vergleichbaren Zeitraum des vergangenen Jahres, doch sei Trier derzeit immer noch mit einer wöchentlichen Zuweisung von 60 Personen dabei.

Bei der Unterbringung der Menschen habe man auf ein sozial verträgliches Miteinander geachtet. Das habe dazu geführt, dass die Hausgemeinschaften das bis heute gut auf die Reihe bekommen hätten. Ein ganz wichtiger Schritt sei gewesen, dass die Stadt Trier mit ihren Partnern bewusst die Öffentlichkeit gesucht habe. In allen Stadteilen habe die Bevölkerung die Möglichkeit gehabt, Fragen zu stellen und mögliche Befürchtungen zu äußern. “Das ist nach wie vor auch ein absoluter Schlüssel für die Zukunft. Bei diesem Thema kann man nicht genug transparent und kommunikativ sein.“

Für das DRK stellte Michael Decker die sanitätsdienstliche Versorgung in der Jägerkaserne und das Kinderbetreuungskonzept vor. Dieses habe man nach dem Tagesmutter-Modell entworfen und für je zehn Flüchtlingskinder in den Gemeinschaftsunterkünften Burgunderviertel, Jägerkaserne und Geschwister Scholl-Schule mit jeweils einer Betreuungskraft umgesetzt.

Angebotsentwicklung und Ehrenamt

In Trier gebe es für Flüchtlinge eine große Angebotsvielfalt, berichtete Ruth Strauß vom Sozialamt: Begegnungsorte, niederschwellige Sprachangebote, Sport, Kunst- und Kulturangebote, Musik und spezielle Angebote für Kinder, Jugendliche und Frauen. An vielen Orten seien Freundschaften entstanden, ohne das Ehrenamt habe man das vergangene Jahr nicht meistern können.

Den Service der Ehrenamtsagentur stellte Olga Hermann. Ihre Kernaussage war, dass man bislang rund 120 Helfer ausgebildet habe. Das Diakonische Werk habe 78 Ehrenamtliche im Einsatz, 73 seien in einer Begleitung tätig, sagte Anna Puch.

Sprache und Bildung

Von der Koordination der Sprachangebote berichtete Caroline Thielen-Reffgen (Stadtverwaltung). Die wichtigste Aufgabe zunächst sei gewesen, alle Einrichtungen zusammenzuführen, die Sprach- und Bildungsangebote vorhalten. Anfangs seien das sechs zertifizierte Sprachkurs-Anbieter gewesen, mittlerweile seien es zehn Anbieter. Damit einhergegangen sei auch ein Anstieg der Integrationskurse. Diese seien stark nachgefragt, hier gebe es sogar Wartelisten. Das Problem liege darin, dass die Dozenten-Verfügbarkeit extrem abgenommen habe.

Ursula Biehl von der ADD teilte mit, dass es aktuell an sieben Grundschulen, fünf weiterführenden und zwei Berufsbildenden Schulen Deutsch-Kurse gibt, eine Erweiterung des Angebotes sei geplant. Katharina Moik vom Jugend-Migrationsdienst der Caritas rechnete vor, dass sich innerhalb eines Jahres die Zahl der Klienten fast verdoppelt habe. Die größte Gruppe seien die Syrer, gefolgt von den Afghanen und den Polen. Bei den Sprachkursen sei es öfter zu Engpässen gekommen, weil immer wieder viele neue Schüler in die Klassengemeinschaft aufgenommen werden mussten. Obwohl das Angebot auf Freiwilligkeit basiere, hätten im vergangenen Jahr fast 300 Jugendliche davon Gebrauch gemacht.

Ausbildung und Arbeit

“Im letzten Jahr waren wir eine lernende Organisation: Dienstleistungsangebote, Strukturen und Prozesse mussten ständig überarbeitet werden um der neuen Kundengruppe gerecht zu werden“ berichtete Christian Thömmes von der Agentur für Arbeit. Insbesondere die Sprachbarriere stellte oftmals eine große Hürde dar, da man ohne Sprachkompetenz die Daten nicht erfassen konnte. Jedoch habe man diese Probleme bewältigen können, indem Mitarbeiter mit arabischen Sprachkenntnissen sowie Spezialisten für Integration eingestellt wurden. Erfreut habe man festgestellt, dass sowohl in der Stadt wie auch im Landkreis ein sehr positives Integrationsklima herrsche. Das führte der Redner auf das erfolgreiche Netzwerk der beteiligten Organisationen und Einrichtungen zurück. “Alle Akteure ziehen hier an einem Strang, die Arbeit kann als beispielhaft bezeichnet werden.“

Für Integrations-Sprachkurse seien bundesweit anfangs 120 Mio. Euro veranschlagt gewesen, am Ende seien es nun aber 360 Mio. Euro. In Trier hätten sich 290 Teilnehmer eingeschrieben, bezogen auf den Agenturbezirk seien es 860 Teilnehmer gewesen.

Eine Neuerung, den Beschäftigungspilot für Flüchtlinge, stellte Monika Berger vom Bürgerservice vor. Dazu wurden zwei halbe Stellen eingerichtet. Sie unterstützen Menschen, die der Stadt zugewiesen und im erwerbsfähigen Alter sind, aber noch keine Anerkennung als politischer Flüchtling erhalten haben. Ziel sei es, die beruflichen Kompetenzen der Menschen möglichst frühzeitig zu erfassen, um ihre Potenziale für den Arbeitsmarkt zu identifizieren. “Das ist die Basis, mit der wir die Menschen zur Arbeitsagentur schicken oder sie dorthin begleiten.“

Unbegleitete minderjährige Ausländer

Mitte Juni gab es rund 64.000 unbegleitete Jugendliche in der Bundesrepublik, in Rheinland-Pfalz seien es 2380 gewesen. Aktuell gebe es in Trier 105 unbegleitete Jugendliche. Als letzte Referenten berichteten Achim Hettinger, Leiter des Trierer Jugendamtes, und Carsten Lang, pädagogischer Leiter des Don Bosco-Jugendhilfezentrums Helenenberg über ihre Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. In den vergangenen zwölf Monaten habe es 1142 Zugänge gegeben, sagte Hettinger. Die Hälfte davon seien Syrer gewesen, und etwa ein Drittel Afghanen. Der Rest verteile sich auf afrikanische Länder, Asien, dem  Balkan und es seien auch einige staatenlose dabei gewesen. Etwa drei Viertel der Jugendlichen bewege sich in der Gruppe zwischen 15 und 17 Jahren und nur neun Prozent seien weiblich gewesen, führte der Amtsleiter weiter aus. Etwa 30 Prozent der jungen Leute habe man bei Familienmitgliedern unterbringen können, der Rest in neun Einrichtungen der Jugendhilfe. Da der Andrang zu groß war, musste man zeitweise bei der Unterbringung auch auf Hotels, Gaststätten und die Sportakademie ausweichen. “In dieser Phase haben wir mehr als einen Hilferuf an alle 41 Jugendämter des Landes gerichtet. Ohne deren Unterstützung wäre es nicht gegangen.“

Einige der Jugendlichen seien auch von Gastfamilien aufgenommen worden, sagte Carsten Lang. Er ließ dabei aber keinen Zweifel daran, dass trotz des zeitlichen Druckes jede Gastfamilie vorher genau überprüft wurde. Lang betonte, dass alle freien Träger an einem Strang ziehen. Für alle Jugendlichen gebe es eine Sprachförderung ab dem ersten Tag, 60 Prozent der Gruppe habe man auf den Hauptschulabschluss vorbereiten können. Allerdings beklagte der Pädagoge, dass es einen Mangel an Fachkräften und Räumen gebe.

Diskussionsrunde: Hans Werner Meyer, Carsten Stumpenhorst, Stefan Zawar-Schlegel und Moderator Heiner Schneider (von links)

Diskussionsrunde: Hans Werner Meyer, Carsten Stumpenhorst, Stefan Zawar-Schlegel und Moderator Heiner Schneider (von links)

Die Diskussion

Eine Forderung bei der anschließenden Diskussion kam von Carsten Stumpenhorst, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes. Er forderte mehr Kultur-Mittler, also Menschen mit eigenem Migrationshintergrund, die sich auch in den religiösen Gebräuchen auskennen. Diese Menschen sollen die Flüchtlinge zu Arzten oder Behörden begleiten und ihnen dabei Sicherheit geben. Für Stefan Zawar-Schlegel, Geschäftsführer des Vereins Treffpunkt am Weidengraben, ist es wichtig alles zu unternehmen, um die Bevölkerung für die Flüchtlinge zu interessieren und so Begegnungen herbeizuführen. Rudolf Fries, Leiter des Trierer Bildungs- und Medienzentrums, kritisierte, dass es kein schlüssiges Bundeskonzept zur sprachlichen Bildung von Flüchtlingen gebe. Zudem beklagte er den immens hohen Aufwand an Bürokratie im Rahmen der jeweiligen Genehmigungsprozesse, der neben der eigentlichen Arbeit  erbracht werden müsse. Carl-Ludwig Centner von der Handwerkskammer räumte ein, dass man die Flüchtlinge zu Beginn überfordert habe, indem man das Augenmerk auf schnelle Integration durch Vermittlung eines Arbeitsplatzes gesetzt habe. Oft seien jedoch die sprachlichen Hürden zu hoch gewesen. Man müsse den Menschen mehr Zeit geben und sie noch eingehender beraten. Für Markus Kleefisch von der IHK ist es höchste Zeit, weg von den Pilotprojekten und damit hin zu flächendeckenden Lösungen zu kommen.

Und das sagte die Bürgermeisterin

“Leben statt nur überleben, Lernen statt nur anpassen und hoffentlich durch eine selbstbestimmte Arbeit auf eigenen Füßen stehen.“ Das sei das große Hoffnungsbild, das die Flüchtlinge mitbringen, sagte zum Abschluss Bürgermeisterin Angelika Birk. Die vergangenen zwölf Monate seien ein interaktives Lernen gewesen, das traditionelle Barrieren geschliffen und neue Netzwerke geknüpft habe. Solidarität habe formale Hürden überwunden und ermöglicht ins Risiko zu gehen. Die Erfahrungen hätten aber auch gezeigt, dass die Zahl der Dienstleister nicht ausreiche: “Wir brauchen das Ehrenamt und das Ehrenamt braucht uns.“ Das Ehrenamt habe oft getragen, sei oft unbequem gewesen aber habe auf diese Weise das Funktionieren weiter ermöglicht.


Drucken
Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.