Gedenken in Synagoge – “Ein ganz besonderer Moment”

Kranzniederlegung an der Gedenkstele am Platz der alten Synagoge Zuckerbergstraße/Ecke Metzelstraße. Foto: Rolf Lorig

Kranzniederlegung an der Gedenkstele am Platz der alten Synagoge Zuckerbergstraße/Ecke Metzelstraße. Foto: Rolf Lorig

TRIER. Am 9. November 1938 wurden in der Pogromnacht in Deutschland, so auch in Trier, Synagogen geschändet und Thorarollen zerstört. Was folgte, war die systematische Vernichtung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland. Gemeinsam mit der Jüdischen Kultusgemeinde gedenkt die Stadt Trier jedes Jahr der Opfer der Pogromnacht. In diesem Jahr gab es eine bedeutsame Veränderung der Veranstaltung. Am Montagabend sprach Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) auf der zentralen Gedenkfeier in der Trierer Synagoge. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hatte zuvor mit Ehemann und Alt-OB Klaus Jensen auf Einladung der AG Frieden Station entlang der in Trier verlegten Stolpersteine gemacht.

Erstmals fand die Gedenkveranstaltung für die Opfer der Reichspogromnacht in der Synagoge in der Kaiserstraße statt. Die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Trier, Jeanna Bakal, sagte den Gästen im vollbesetzten Gebetssaal – darunter viele Mitglieder des Stadtrats -, sie seien in der Synagoge alle gleichermaßen willkommen. “Heute sind wir hier versammelt, um einem der schwärzesten Tage der deutschen Geschichte unsere Aufmerksamkeit zu widmen”, so Bakal.

Der 9. November stehe einerseits für Tod und Zerstörung, andererseits aber auch für Leben und Wiederaufbau. Mit diesem Hinweis spielte die Vorsitzende auf den Fall der Berliner Mauer an. Dadurch und durch den Fall des Eisernen Vorhangs mit dem darauf folgenden Zuzug vieler Juden sei die jüdische Gemeinschaft in Deutschland “vor dem Aussterben bewahrt” worden. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland hätten heute über 100.000 Mitglieder, davon 430 in Trier, sagte Bakal und ergänzte: “Das Jundentum ist endlich dabei, aus der Opferrolle herauszutreten und in eine besser Zukunft zu blicken, ohne die grausamen Erinnerungen zu vergessen.”

Ob Wolfram Leibe, Jeanna Bakal und Kantor Daniel Werthenschlag. Foto: Rolf Lorig

Ob Wolfram Leibe, Jeanna Bakal und Kantor Daniel Werthenschlag. Foto: Rolf Lorig

Mit gemischten Gefühlen sehe die jüdische Gemeinde die aktuelle Flüchtlingskrise. Keinen Zweifel gebe es daran, Kriegsflüchtlingen und Verfolgten Schutz zu bieten. “Aber”, so Bakal, “es gibt auch Sorgen”. So kämen tausende Flüchtlinge aus Ländern, die von einer “tiefen Feindschaft” zu Israel geprägt seien, die sich häufig gegen Juden generell wende. Umso wichtiger sei es, die Flüchtlinge in das europäische Wertesystem einzubinden. “Für Antisemitismus, egal aus welcher Quelle, darf es keine Toleranz geben”, machte Bakal deutlich. Gleichwohl betonte sie, dass für eine deutliche Mehrheit in Deutschland jüdisches Leben selbstverständlich dazugehöre und jede Form von Antisemitismus abgelehnt werde. “Diese Mehrheit im Land braucht Ermutigung und Unterstützung von der Politik. Auch wir, die jüdische Gemeinschaft, brauchen das”, sagte Bakal.

Oberbürgermeister Wolfram Leibe betonte in seiner Rede, es sei für ihn persönlich “ein ganz besonderer Moment”, in der Synagoge sprechen zu dürfen. Er wisse um die Bedeutung und Geschichte des 1957 eingeweihten Gotteshauses. “Die Einweihung war ein Glückstag: Es zeigte sich, dass die jüdische Gemeinde nach vorne schaute”, sagte Leibe. Der OB versicherte, an der Gedenkveranstaltung festhalten zu wollen. Auch für neue Formen des Gedenkens sei die Stadt offen. Die Veranstaltung in der Synagoge sei dafür schon ein “wunderbares Beispiel”, lobte Leibe.

Vom 9. November 1938 an sei jüdisches Leben auch in Trier mit immer brutaler werdenden Methoden diskriminiert und unterdrückt worden, erinnerte er. Lebten 1933 noch knapp 800 Juden in Trier, so habe es zehn Jahre später kein jüdisches Leben mehr in Trier gegeben, so Leibe. Nach Kriegsende seien es 14 Juden gewesen, die in die Moselstadt zurückkehrten. Seitdem sei jedoch viel geschehen: “Es gehört zu den schönsten Errungenschaften in der Nachkriegsgeschichte unserer Stadt, dass es heute wieder eine aktive jüdische Gemeinde gibt”, sagte Leibe. Der OB dankte all jenen, die in den zurückliegenden Jahrzehnten wertvolle Erinnerungsarbeit geleistet und damit zur Wiederannäherung zwischen Juden und Nichtjuden in Trier beigetragen hätten.

Besonders berühre ihn der interreligiöse Dialog in Trier. Leibe rief am Ende seiner Rede dazu auf, jedweder Form von Antisemitismus, Hass und Intoleranz aktiv entgegenzutreten. Kantor Daniel Werthenschlag hob in seiner Ansprache zwei Grundprinzipien des Judentums hervor: “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst” und “Du sollst nicht töten”. “Heute hat jeder die wichtige Pflicht, diese Grundprinzipien zu bekräftigen”, so der Kantor. Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung legten Bakal, Leibe und Werthenschlag Kränze an der Gedenkstele an der Zuckerbergstraße/Ecke Metzelstraße nieder.

Musikalisch untermalt wurde die Veranstaltung von Vera Ilieva (Komposition), Olga Lisovaja (Text), Alexandra Sophie Uchlin (Sopran), Maria Melts (Mezzosopran) und Evgenia Uchlin (Violine).

Malu Dreyer und Klaus Jensen vor den Stolpersteinen in der Trierer Neustraße.

Malu Dreyer und Klaus Jensen vor den Stolpersteinen in der Trierer Neustraße.

Bereits am Nachmittag hatte Ministerpräsidentin Malu Dreyer mit Ehemann und Alt-OB Klaus Jensen auf Einladung der AG Frieden Station bei in Trier verlegten Stolpersteinen gemacht. Die Landeschefin verurteilte dabei erneut die Anschläge auf geplante Unterkünfte für Asylbewerber in Deutschland. Die Pogromnacht ist für Dreyer mahnende Erinnerung. “Denn wer die Kultur des Erinnerns pflegt, stärkt unsere Demokratie und schützt sie vor rechten Gefahren”, so Dreyer. “Wer Schutz suchend zu uns kommt, der muss selbstverständlich auch in Sicherheit leben können. Ausländerfeindlichkeit und rechtsextremistische Rhetorik haben in unserem Land keinen Platz”, betonte die Ministerpräsidentin.

Zeitgleich zur zentralen Gedenkfeier in der Synagoge und vor der Gedenkstele an der Zuckerbergstraße/Ecke Metzelstraße demonstrierte am Montagabend eine kleine Gruppe Rechtsradikaler der NPD vor der ehemaligen Jägerkaserne in Trier-Euren, in der demnächst Asylsuchende untergebracht werden sollen. Über 350 Gegendemonstranten stellten sich der Handvoll Rechtsradikaler unter dem Motto “Trier ist bunt!” entgegen. (tr/bg)


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Erstellt am Autor trier reporter in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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