Geht gar nicht: Nur zwei Minuten für den Patienten

Im Gespräch mit den Politikern: Die beiden Mediziner Markus Baake und Eckart Wetzel (Leiter) zusammen mit Christian Weiskopf, dem kaufmännischen Direktor (Von links). Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Die Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz schlagen Alarm. Der Grund: Es geht um die ambulante Notfallversorgung.  Menschen, die tagsüber Hilfe in den Notfallambulanzen der Krankenhäuser suchen, sollen – wenn sich kein dringender Behandlungsbedarf zeigt – an die niedergelassenen Ärzte weitergeleitet werden. Warum das nicht so einfach ist und mit welchen Kosten alles verbunden ist, darüber informierte das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder (BKT) Politiker und Journalisten.

Von Rolf Lorig

Eigentlich könnte alles so einfach sein. Ende 2015 hatte die Politik die Selbstverwaltungs-Partner – das sind auf Bundesebene die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Spitzenverband Bund der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) und der Verband der privaten Krankenversicherung sowie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) – im Rahmen des Krankenhausstrukturgesetzes mit der aufwandsgerechten Vergütung der Notfall-Ambulanzen in den Krankenhäusern beauftragt. So weit, so gut. Dann habe sich der zuständige erweiterte Bewertungsausschuss ein Jahr später mit dem Thema befasst, sagt Christian Weiskopf, der kaufmännische Direktor des BKT. Gegen die Stimmen der Deutschen Krankenhausgesellschaft wurde der von KBV und GKV-SV  getragene Beschlussentwurf beraten und beschlossen. Und dieser Beschluss treibt Ärzte und Klinikbetreiber gleichermaßen auf die Palme. ‟Die Menschen, die Hilfe suchend zu uns in die Notfall-Ambulanzen kommen, müssen erst registriert werden und dann erfolgt die ärztliche Abklärung. Für diese Leistungen sollen die Krankenhäuser 4,74  statt 13,37 Euro  erhalten‟, empört sich der kaufmännische Direktor. Den finanziellen Aspekt verdeutlicht er am Beispiel des BKT: ‟Uns werden so etliche Millionen Euro vorenthalten.”

Christian Weiskopf und Eckard Wetzel führen MdB Corinna Rüffer und Angelika Birk (beide Grüne) sowie Margret Pfeiffer-Erdel (UBT), Theresia Görgen (Linke) und MdL Sven Teuber durch das Zentrum für Notaufnahme.

Völlig unrealistisch und nicht sachgerecht

Eckart Wetzel, Leiter der Notfall-Ambulanz im BKT, weist kopfschüttelnd auf einen weiteren Aspekt hin: ‟Die beiden Organisationen gehen von einer ärztlichen Kontaktzeit von nur zwei Minuten aus.” Und das sei völlig unrealistisch und nicht sachgerecht, so der Mediziner. Zudem solle nach diesem Beschluss die Behandlungspauschale für Patienten, die zwischen 7.00 und 19.00 Uhr in die Notfallambulanzen kommen und dort behandelt werden müssen ebenfalls gekürzt werden.

Die Hauptbehandlungspauschale für die regulären Notfallzeiten bleibe dem Beschluss zufolge unverändert. Ergänzt würden diese Behandlungspauschalen  lediglich um Zuschläge bei bestimmten schwereren Erkrankungen. ‟Diese laufen aber ins Leere, weil solche Patienten in der Regel stationär aufgenommen werden müssen und nicht über das ambulante Notfallvergütungssystem finanziert werden.”

Und was bedeutet das wirtschaftlich? Nach Schätzungen der DGINA (Deutsche Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin) werden über 10 Millionen Notfallpatienten jährlich in deutschen Krankenhäusern ambulant versorgt. Deutlich mehr, als der vertragsärztliche Bereitschaftsdienst, schätzt Christian Weiskopf.

Etwa ein Drittel der Patienten, die in die Notaufnahme kommen, könnten auch von niedergelassenen Ärzten versorgt werden, erklärt Mediziner Eckart Wetzel. Seiner Rechnung nach liegen die durchschnittlichen Fallkosten hier bei 82 Euro. Anders gestalte sich die Rechnung aber bei einer speziellen Notfallbehandlung, die in etwa 20 Prozent der Fälle gegeben sei und die mit durchschnittlich 116 Euro zu Buche schlagen. Hierbei würden ärztliche Leistungen erbracht, die ein niedergelassener Arzt in aller Regel nicht erbringen könne, weil fachspezifische Leistungen wie Wundversorgung mit Naht oder die Anlage von Dauerkathedern damit verbunden sei. Noch problematischer sei es bei der krankenhausspezifischen Notfallversorgung, die in etwa 47 Prozent der Fälle erforderlich sei und deren Fallkosten Wetzel mit 150 Euro bezifferte. Dies beinhalte Behandlungen , für die eine unverzügliche Diagnostik wie beispielsweise Labor-, Röntgen- oder CT-Untersuchungen erbracht werden, die ein niedergelassener Arzt in der Regel nicht leisten könne, da ihm einfach die technische Ausstattung dazu fehle..

Steiler Anstieg in der Notaufnahme

Wie groß der Anteil der Menschen ist, die im Notfall-Zentrum des BKT Hilfe suchen, verdeutlichte Eckart Wetzel anhand einer Grafik. Seit der Eröffnung des Zentrums im Mai 2005 sei die Zahl der Hilfesuchenden von jährlich 20 919 steil nach oben gegangen. Im vergangenen Jahr weise die Statistik 34.100 Notfall-Kontakte aus. Dafür gebe es mehrere Gründe. Zum einen habe sich die Gesellschaft verändert, die eine hohe Mobilität einfordere. Zum anderen sei es heute nicht mehr einfach, einen Hausarzt zu finden. Erst recht nicht solche, die auch Hausbesuche machen würden. Zudem hätten die Patienten heute auch ein anderes Anspruchsdenken. Und nicht zuletzt seien die Menschen auch besser aufgeklärt, wüssten um die zeitbedingte Dringlichkeit bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Nicht selten erlebe er aber auch, dass Symptome bei Patienten von den Hausärzten nicht richtig erkannt oder gedeutet wurden: ‟Die haben wir dann mit zeitlicher Verzögerung hier bei uns.” Hier will der Mediziner keine Kollegenschelte betreiben, aber: ‟Der normale Arzt hat eben nicht die Ressourcen eines Krankenhauses zur Verfügung.”

Der Weg aus der Misere

Doch wie kommt die Kuh nun vom Eis? Mediziner und Klinikleitung sind sich einig, dass die klinische Notfallmedizin unverzichtbarer Bestandteil der medizinischen Versorgung ist und einfach erreichbar bleiben muss. Das Problem sei aber, dass die Notfallmedizin finanziell nicht abgebildet und ohne die Ressourcen eines Krankenhauses nicht durchführbar sei. ‟Die Lösung ist eigentlich einfach: Die klinische Notfallmedizin sollte die dritte Säule der medizinischen Versorgung werden‟, sagt Eckart Wetzel, Leiter der Notfall-Ambulanz.

Ob die anwesenden Politiker auch nach der Bundestagswahl noch eine große Einflussnahme ausüben können, muss sich erst zeigen. Im Amt aber werden fast alle bleiben, denn bis auf MdB Corinna Rüffer (Grüne) waren alle anderen Mitglieder im Stadtrat und (Sven Teuber) im Landtag…


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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