Gelungener und schmerzfreier Spagat

Auch der wohl scheidende Trierer Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) nahm am Freitag an der Pressekonferenz des MMF teil.

Auch der wohl scheidende Trierer Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) nahm am Freitag an der Pressekonferenz des MMF teil. Foto: Rolf Lorig

LIESER. Magisch, mythisch, emotional und mitreißend: So präsentiert sich das Mosel Musikfestival (MMF) 2017 vom 8. Juli bis zum 3. Oktober mit mehr als 70 Konzerten an 40 Spielstätten. Dem Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz “Epochen und Episoden” folgend, gehen im Lutherjahr außergewöhnliche Projekte, Konzerte mit legendären Solisten und spektakuläre Soloprogramme in Weingütern, Kirchen, Kapellen und Klöstern, Ruinen, Schlössern und open-air über die Bühne. Dabei haben Tobias Scharfenberger, designierter Intendant ab 2018, und Intendant Hermann Lewen für das Jahr 2017 einige Spielstätten neu oder auch wiederentdeckt − wie das künftige Luxushotel Schloss Lieser, St. Michael in Merl an der Untermosel, die Burg Bischofsstein in Hatzenport und das alte Kraftwerk in Traben-Trarbach. Die beliebte Reihe Opus (Musik in Weingütern) nennt sich jetzt Weinklang und ist um das Weingut von Schubert in Mertesdorf erweitert worden. Lewen und Scharfenberger präsentierten das Programm voller Highlights am Freitag im Schloss Lieser bei Bernkastel-Kues der Presse. Auch Triers Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) nahm an der Pressekonferenz teil. Egger ist Aufsichtsratsvorsitzender des MMF. Das Festival im Sommer kommenden Jahres wird der Sozialdemokrat aber aller Voraussicht nach nicht mehr eröffnen. Egger soll am 12. Dezember vorzeitig aus seinem Amt abgewählt werden.

In seiner letzten Saison als Intendant des Mosel Musikfestivals hat Lewen ein Abschiedsprogramm mit internationalen Top-Künstlern zusammengestellt, das sich wie das “Who is Who” der Konzertwelt liest: Klavierlegende Grigory Sokolov; die Trierer Kammersänger Franz Grundheber, das Furore machende Duo Renaud Capuçon (Violine) und Katia Buniatishvili (Klavier), Klezmerstar Giora Feidman, die brillante Mezzosopranistin Magdalena Kozena, Weltklasse-Countertenor Valer Sabadus und der britische Senkrechtstarter James Rhodes (Klavier).


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Doch auch junge Talente werden 2017 wieder die Bühne erobern: Pianist Philipp Vitkov, ein Shooting-Star aus Longkamp an der Mosel, der preisgekrönte österreichische Pianist Aaron Pilsan, der noch unbekannte Sieger des Hermann-Schröder-Orgelwettbewerbs sowie die jungen wilden Blechbläser vom Landesjugendorchester. Anregung für Hirn, Herz und Sinne: Die Handschrift des designierten Intendanten Scharfenberger zeigt sich bereits. So konzipierte er eine neue Einführungsreihe: Im “Ohrensessel” werden in losen Abständen Referenten zu unterschiedlichen Themen Platz nehmen. Beethovens Neunte in d-moll als Ausdruck des geeinten Europas? Kastraten als die wahren Helden und Liebhaber auf der Opernbühne? Erfahren, was in den Werken verhandelt wird, und entdecken, welche menschlichen Erfahrungen darin verarbeitet sind. Anders, neu und somit mehr hören…

Rolf Zuckowski (rechts) und Julia Reidenbach haben in Trier ein Programm für Kinder zusammengestellt. Foto: Rolf Lorig

Rolf Zuckowski (rechts) und Julia Reidenbach haben in Trier ein Programm für Kinder zusammengestellt. Foto: Rolf Lorig

Triers wohl scheidender Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) betonte, es sei Lewen und Scharfenberger “in einzigartiger Weise gelungen, das Festival in die nächste Generation zu bringen”. Die Stadt sei stolz auf “ihr Festival”. Auch der Geschäftsführer des Kultursommers Rheinland-Pfalz, Jürgen Hardeck, lobte den reibungslosen Übergang von Lewen zu Scharfenberger. “Solch ein fließender Übergang ist nicht selbstverständlich”, sagte Hardeck, “weil das auch immer ein Spagat ist, den man ohne Schmerzen hinbekommen muss.”

Im kommenden Jahr hat das MMF einen Etat von 1,05 Millionen Euro. In den vergangenen Jahren legte Lewen stets eine Bilanz mit einer schwarzen Null vor und bewies so, dass anspruchsvolle Kunst auch mit kleinem Budget möglich ist. (tr/et)

Programmhöhepunkte

♦ Der Auftakt ist vielversprechend: Franz Grundheber deklamiert Arnold Schönbergs Holocaust-Melodram “Ein Überlebender aus Warschau”. Ihn begleiten das Saarländische Staatsorchester Saarbrücken und der Trierer Konzertchor. Im Anschluss beschwört die Neunte Sinfonie von Ludwig van Beethoven, eines der populärsten Werke klassischer Musik, Einigkeit, Freiheit und Humanität (8. Juli, 20 Uhr, St. Maximin, Trier).

♦ In Renaud Capuçon und Khatia Buniatishvili haben sich ein Geiger mit ausdrucksstarkem Ton und eine einfühlsame Pianisten gefunden. Der Franzose und die Georgierin brillieren mit romantischen Stücken von Anton Dvorák, Edvard Grieg und César Franck (11. Juli, 20 Uhr, Kloster Machern, Bernkastel-Wehlen).

♦ Als momentan besten Pianisten der Welt bezeichnet kein Geringerer als Stardirigent Daniel Barenboim den russischen Pianisten Grigory Sokolov. Anstatt wie üblich in einem der großen Konzertsäle der Welt, spielt er im intimen Rahmen von Kloster Machern (18. Juli, 20 Uhr, Barocksaal Kloster Machern, Bernkastel-Wehlen).

♦ Klezmerlegende Giora Feidman ist charmant, witzig und füllt spielerisch die großen Konzerthallen der Welt. Mit dem Gershwin String Quartett spielt der 81-jährige Klarinettist zeitgenössische israelische Werke und Folksongs (21. Juli, Barocksaal Kloster Machern, Bernkastel-Wehlen).

♦ Musik von Johann Sebastian Bach und Texte von Martin Luther, verwoben mit zeitgenössischem Jazz: Mit diesem Projekt erschaffen der Pianist Markus Burger und Saxofonist Jan von Klewitz gemeinsam mit den Sängern vom Athos-Ensemble “Nachts in der Basilika” eine mystische und meditative Atmosphäre (19. August, 22 Uhr, Konstantinbasilika Trier).

♦ In der Reihe “Kathedralklänge” erklingen am 26. August 2017 in der Hohen Domkirche Trier Bruckners Sinfonie Nr. 2 und Mozarts Krönungsmesse.

♦ Bei der makellosen Stimme von Mezzosopranistin Magdalena KoŽená geraten Feuilletonisten ins Schwärmen. Die mehrfach mit dem Echopreis ausgezeichnete Sängerin interpretiert gemeinsam mit dem Venice Baroque Orchestra unter der Leitung von Andre Marcon Arien von Georg Friedrich Händel (5. September, 20 Uhr, Theater Trier).

♦ Wie aus einer anderen Zeit klingt die Stimme von Valer Sabadus, einer der besten zeitgenössischen Countertenöre. Gemeinsam mit den Spezialisten für Alte Musik, Il nuovo aspetto, widmet sich der mehrfache Echo-Preisträger den Arien des Barockkomponisten Antonio Caldara (8. September, 20 Uhr, Barocksaal Kloster Machern, Bernkastel-Wehlen).

♦ Kinderliebling Rolf Zuckowski hat mit seiner Musik 40 Jahre lang kleine Jungen und Mädchen glücklich gemacht. Nun revanchieren sie sich. Seinen 70. Geburtstag feiert er mit einer Benefiz-Tournee durch Deutschland, bei der nicht er, sondern Chöre, Musikschulen und Musicalgruppen im Mittelpunkt stehen. In Trier hat Julia Reidenbach vom “Chor über den Brücken” ein Programm zum Mitsingen zusammengestellt (24. September, 16 Uhr, Arena Trier).

♦ Der Trompeter Markus Stockhausen erhält den JTI Trier Jazz Award 2017 (2. Oktober, 20 Uhr, Tagungszentrum IHK, Trier).

Fakten

Das Mosel Musikfestival firmiert seit 2012 als gemeinnützige Veranstaltungsgesellschaft und wird gefördert durch das Land Rheinland-Pfalz. Die Gesellschafter sind die Stadt Trier als zweitgrößter Gesellschafter, die Landkreise Trier-Saarburg, Bernkastel-Wittlich, Cochem-Zell, Mayen-Koblenz sowie der Verbandsgemeinde und Stadt Bernkastel-Kues. Unterstützt wird das Festival vom Verein der Freunde und Förderer des Mosel Musikfestivals unter dem Vorsitz von Wolfgang Lichter. 2007 wurde das Festival in die European Festivals Association (EFA) aufgenommen. Vorsitzender ist des Aufsichtsrates ist der Trierer Kulturdezernent Thomas Egger. Den Verlustausgleich von jährlich rund 116.000 Euro teilen sich die Gesellschafter.

Karten gibt es in den Vorverkaufsstellen bei Ticket Regional und online. Alles über das Moselmusikfestival findet sich auf moselmusikfestval.de. (tr/et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Kultur, Moselmusikfestival 1 Kommentar

Kommentar zu Gelungener und schmerzfreier Spagat

  1. Joachim Baron

    Und da heißt es -in Trier- immer, dass Kultur nicht ohne staatliche Förderung auskommen könnte. Geht aber scheinbar doch anders, wie Hr. Lewen beweist.

     

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