Generation Y bei AnnenMayKantereit in der Arena Trier

Christopher Annen und Henning May. Der Bandname setzt sich zusammen aus den Nachnamen. Malte Huck kam erst später dazu. Fotos: Clemens Sarholz

TRIER. AnnenMayKantereit ist zurück. Die Musik der Band überzeugt mit innerer Zerrissenheit, Sehnsucht, Heiterkeit, Pathos und liefert der Generation Y damit den Soundtrack zu ihrem Leben. Vergangenen Dienstag spielte die Kölner/ Berliner Band AnnenMayKantereit vor 5800 Leuten in der Arena Trier. Ihr Trier-Debut war ausverkauft. Als Vorband spielten die “Leoniden”, die am 12. Juli ein eigenes Konzert im Mergener Hof haben werden.

Für den reporter hat Clemens Sarholz das Konzert in der Arena Trier besucht.

Die Arena ist voll mit jungen Leuten. 20 bis 30 Jahre alt dürften die meisten von ihnen sein. Sie sind gekommen, um sich AnnenMayKantereit (AMK) anzuhören, vier Freunde, die mit ihren Texten und ihrer Performance dem Zeitgeist der Generation Y entsprechen.

Die Generation Y steht im Ruf gut gebildet zu sein. Das offenbart sich bereits im ersten Lied. Der Song heißt “Marie“ und verarbeitet Zeilen aus dem berühmten Gedicht “Der Panther“ von Rainer-Maria-Rilke. “Ihm ist als ob es 1000 Stäbe gebe und hinter 1000 Stäben keine Welt“, heißt es im Original. Im Rip-off: “Mir ist, als ob es 1000 Städte gäbe und hinter 1000 Städten keine Welt.“ Es geht um die Entbehrungen des Tourlebens. Das Publikum ist vom ersten Augenblick an mitgerissen.

Mit ihren Texten und ihrem Pathos bewegt die Band Deutschland. “Ich schlafe und träume von so vielen Dingen und ich hab mich nie getraut über meine Träume zu singen“, klingt es im zweiten Lied “Nur wegen dir“. Die Strophe: “Ich träume, ich laufe, ich träum, ich lauf so schnell ich kann und dann ist da eine Straße ohne Licht und dann fängt es zu regnen an. Und neben mir mein Bruder und er trägt ein FC-Trikot und er sagt zu mir, am Ende sind wir allein und ziemlich tot.“ Für solche Zeilen hat die Band schon Echos und diverse Preise abgeräumt und Nominierungen erhalten.

Henning Mays Timbre wurde schon mit dem von Tom Waits oder Rio Reiser verglichen

Der Mann, der Sean Penn beeindruckt

Auch wenn manch ein Text einen Hang zum Altklugen besitzt, glaubt man der Band, sie scheint authentisch, wenn sie abliefert. Das charakteristischste Merkmal ist wohl die tiefe Stimme von Henning May. Wenn man ihn hört und sieht, meint man, es steckt ein 70-jähriger zigarrerauchender Whiskeysäufer im Körper eines 17-jährigen. Manch einer vergleicht sein Timbre mit dem von Tom Waits oder Rio Reiser. Manchmal hat man das Gefühl, dass May seine Stimme verstellt um diesen rauchigen Ton zu erzielen. Was soll´s. Sean Penn ist ein erklärter Fan von ihm.

“Und du bist 21, 22, 23“, heißt es: “und kannst noch gar nicht wissen, was du willst. Und du bist 24, 25, 26, und du tanzt nicht mehr wie früher.“ Die Jugend als etwas Flüchtiges, als etwas, was viel zu schnell vorbei ist und fließend verschwindet, bis das man seine “Träume absichtlich klein“ hält. Die Bandtexte entsprechen dem Erfahrungshorizont der Band. Die Musiker sind zwischen 26 und 29 Jahre alt. In ihrer Musik setzen sie nicht auf Effekte.

Vier Freunde, vier Instrumente: Malte Huck, Bass; Christopher Annen, Gitarre; Henning May, Gitarre und Gesang sowie Severin Kantereit am Schlagzeug. Gut, manchmal sind es fünf Musiker und Instrumente, wenn Ferdinand Schwarz mit der Trompete unterstützt. Gerade die Einfachheit der Musik besitzt einen Charme, den vor allem Studenten kennen. Sie performen nicht perfekt. Man kann sie sich dadurch umso besser auf einer WG-Party vorstellen. Es wäre eine WG-Party bei der man sich die Schuhe auszieht, bei der im Wohnzimmer, verhalten ein paar Menschen tanzen, bei der Greta Thunberg und Luisa Neubauer Thema wären, bei der es Avocadocremes und Humus gibt, bei der man Bier und Wein in Maßen genießt, und bei der man auf den Balkon, oder besser, vor die Tür, geht um zu kiffen.

AMK nutzt ihre Popularität. Sie appellieren an das Auditorium wählen zu gehen und unterstützen Viva con Agua, eine gemeinnützige Organisation für sauberes Wasser in Schwellen- und Entwicklungsländern. “Links und rechts sind Fahnen, da könnt ihr eure Pfandbecher abgeben für eine gute Sache“, schlägt die Band den Konzertbesuchern vor.

Ferdinand Schwarz ist ein Schulfreund der Band, er unterstützt mit der Trompete.

Afrikanisch anmutende Rhythmen

Manch ein Lied befreit Momente der Wahrheit. Beim Song “Jenny Jenny“ beispielsweise durchdringt die Musik den Körper. Das Tamburin generiert einen solch prägnanten Offbeat, dass sich das Publikum zum Klatschen, auf die Zwei und die Vier, mitreißen lässt (was sonst nur auf die Eins und die Drei funktioniert). So greift Heiterkeit um sich, während Ferdinand Schwarz die Trompete bespielt und Severin Kantereit den Bongos afrikanisch anmutende Rhythmen entlockt. Das ist schön.

Dagegen klingt manch anderes Lied, als wäre es schon zu häufig gespielt worden. “Oft gefragt“ oder “Barfuß am Klavier“ sind solche Kandidaten. Die dürften mal in die Schublade, damit das Sujet sich erholen kann.

Die Show ist intelligent aufgebaut. Als Bühnendeko dienen weiße Blätter, die in einer Schräge herabhängen. Darauf projizieren die Techniker eine Liveübertragung von dem, was sich auf der Bühne abspielt, oder Clips vom Meer beim Lied “Ozean“. Die Lichtshow ist präzise abgestimmt. Auf den Beat, zeitweise auf 8tel oder 16tel genau, blitzt es von allen Seiten. Im nächsten Augenblick, bei den ruhigeren Liedern gibt es dann wieder ein sphärisches Licht, dass die Stimmung unterstreicht.

Das letzte Lied der Zugabe, “Ich geh heut nicht mehr tanzen“, rührt die Menge nochmal auf. Sie gerät fast schon in tänzerische Wallung. Das Konzert ist aus. Die Leute gehen nach Hause. Die meisten tragen ein Lächeln.


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Erstellt am Autor Clemens Sarholz in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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