Glänzende Neuinszenierung von Romeo und Julia

Das Ende einer großen Liebe: Romeo und Julia sind auf weißen Podesten aufgebahrt wie auf Altären. Fotos: Marco Piecuch

TRIER. “Ich werde jeden loben, der mich lobt“, hat William Shakespeare einmal gesagt. Und gelobt hätte er sicherlich das Theater Trier, wenn er am Samstag in den Genuss gekommen wäre, dessen Premiere seiner Tragödie “Romeo und Julia” mitzuerleben. Denn da ist eine Inszenierung gelungen, die den Geist des großen Dramatikers besonders wertschätzt und greifbar macht, indem sie Werktreue mit moderner Übersetzung verbindet. Hinter diesem Kunstgriff steht ein schlüssiges und bis ins Detail konsequent durchgehaltenes Konzept des britischen Regisseurs Ryan McBride.

Für den reporter besuchte Anke Emmerling die Premiere

Regisseur Ryan McBride hat die tragische Liebesgeschichte (Handlung siehe “Extra“) in die Neuzeit und die mächtigen Familienclans in ein zwielichtiges bis kriminelles Milieu verlegt. Die Kostüme sprechen eine eindeutige Sprache: Julias Mutter, Christina Capulet, gespielt von Stephanie Theiß, trägt als langhaarige Blonde in hautengem Leder und High Heels das Sex-Appeal aus Rotlicht-Etablissements zur Schau. Romeos Freund Mercutio und seine Kumpels treten als Gangmitglieder in cooler Kapuzen-Sports- und Streetwear auf und zücken gerne das Klappmesser.

Das Bühnenbild treibt die Modernität auf die Spitze und verstört, wenn es sich zum ersten Mal zeigt. Denn zum Auftakt bildet es mit einer weißen, gefliesten Wand und ebensolchen Podesten einen Schauplatz ab, den Zuschauer aus Fernsehkrimis kennen: den Saal einer Pathologie. Hat die Überraschung sich gelegt, bleibt nur noch, bravo zu rufen für diese tolle Idee. Denn sie setzt ins Bild, was den Kern der Tragödie ausmacht. Von Anfang an steht die bange Gewissheit im Raum, dass die Liebe Romeos und Julias untrennbar mit dem Tod verknüpft ist. Im Auftaktbild sind die beiden auf den weißen Podesten aufgebahrt wie auf Altären. Darüber, am oberen der beiden Fenster in der weißen Wand, steht, wie ein Schicksalsgott, ein in grünen Operationskittel gekleideter “Pathologe“ und verweist darauf, dass dies das Ende einer Geschichte ist, die vor vier Tagen begann. Die weißen Kacheln werden plötzlich zu Bildschirmen, auf denen Computer generierte Ziffern eine hektische Zählung vollführen, bis der Titel “Vor vier Tagen” erscheint.

Gibt es eine Zukunft für Romeo und Julia?

Der Shakespeare’sche Countdown

Mit dieser Rückblende beginnt der “Countdown“, den Shakespeare selbst zur Verdichtung der Dramatik angelegt hat, als er seine Version von Romeo und Julia aus einem überlieferten Stoff schuf. Das Bühnenbild, das wie die Kostüme auch, von James Button stammt, bleibt klinisch nüchtern, erweist sich aber mit seinem klug gedachten Elementen und viel technischer Raffinesse als extrem wandelbar. Die Podeste werden von “Pathologie-Schwestern“ immer wieder neu angeordnet, werden zu Badewannen, Mauern, Säulen oder Küchenblöcken. Farbige LED-Umrahmungen betonen die als Fenster oder Balkon dienenden Öffnungen in der weißen Wand und schaffen Atmosphäre. Dazu verändert Musik die jeweilige szenische Stimmung. Die kühle, sterile, konstruktivistische Ausstattung ist ein Geniestreich. Denn durch sie werden die lyrische bis obszön-doppeldeutige Sprache Shakespeares und die Handlungen der Menschen auf der Bühne spannend kontrastiert und können eindringlich wirken.

Dem Ensemble scheint bewusst zu sein, dass es vor dieser Kulisse besonders auf persönliche Ausdruckskraft ankommt. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler füllen ihre Parts mit großem Einsatz und starker Überzeugungskraft aus. Neben den ihre Liebe und Leiden mitreißend darstellenden Hauptakteuren Anna Pircher (Julia) und Robin Jentys (Romeo) verdienen besonders einige starke Nebenfiguren Erwähnung: Barbara Ullmann gibt ihrer Rolle als Amme Rosa Russo eine warmherzige bis humoristische Note und gewinnt damit genauso Sympathien wie Benjamin Schardt als Bruder Lorenzo. Gideon Rapp bringt einen umwerfend coolen Mercutio auf die Bühne, Dimetrio-Giovanni Rupp einen diabolischen Tybalt, und Klaus-Michael Nix mimt überzeugend den kompromisslosen Clanchef Capulet. Geleitet wird das Spiel der Akteure von Regie-Ideen, die ebenso brillant sind, wie die Gesamtinszenierung.

Glücklich vermählt: Soeben hat Pater Lorenzo Romeo und Julia heimlich getraut.

Gelungen und faszinierend

Beim Fest, auf dem sich Romeo und Julia zum ersten Mal begegnen, tragen die Besucher Masken, die an mythologische Figuren erinnern, manche von ihnen haben die Abbildung ihres Skeletts auf dem Anzug. Während sie einen düsteren Tanz aufführen, drängt sich unwillkürlich die Assoziation zu Hades und der Unterwelt auf. Wenig später taucht die Gesellschaft tatsächlich nach unten in den Orchestergraben ab.

Beim ersten Blick, den sich Romeo und Julia zuwerfen, wird ein Gefühl sichtbar gemacht, das wohl viele frisch Verliebte kennen. Eben noch hektische Bewegungen gerinnen plötzlich zu Zeitlupe, die Geräusche werden gedämpfter – es ist, als sei die Außenwelt ausgeblendet und die Zeit stehe einen Moment still. Starke, effektvolle und eindringliche Bilder wie dieses durchziehen das ganze Stück und sorgen besonders in der zweiten Hälfte für nicht zu überbietende Dramatik.

Eine ausgesprochen gelungene und faszinierende Inszenierung, die mit lang anhaltendem Applaus und Ovationen belohnt wird.

Die Handlung

Seit Jahren sind die Veroneser Familien Montague und Capulet verfeindet. Romeo, der Sohn der Montagues, gerät mit seinen Freunden Benvolio und Mercutio irrtümlich auf ein Maskenfest der Capulets und begegnet dort deren Tochter Julia. Die beiden verlieben sich augenblicklich und lassen sich heimlich von Pater Lorenzo trauen, der auch als Romeos Ratgeber fungiert. Kurz danach provoziert Julias Cousin Tybalt auf der Straße Romeo, und es kommt zur Tragödie. Mercutio kämpft für Romeo und wird von Tybalt tödlich verletzt. Daraufhin ersticht Romeo Tybalt.

Romeo wird zur Strafe aus der Stadt verbannt. Am Vorabend vollziehen er und Julia, gedeckt von Julias Amme Rosa, ihre Hochzeitsnacht. Nachdem Romeo die Stadt verlassen hat, will Vater Capulet Julia mit Paris verheiraten. Um der Ehe zu entgehen lässt sie sich von Pater Lorenzo ein Mittel geben, das sie zum Schein tötet. Romeo erfährt allerdings nicht, dass sie wieder aufwachen wird und vergiftet sich an der Seite der vermeintlich Toten. Als Julia erwacht und ihren toten Geliebten sieht, ersticht sie sich. Die Familien schließen daraufhin endlich Frieden. (ae)


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Erstellt am Autor Anke Emmerling in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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