Gleichgültigkeit oder eine enttäuschte Grundhaltung?

Unter der Leitung von Marcus Stölb diskutieren Dieter Sadowski (links) und Horst Erasmy (rechts). Fotos: Rolf Lorig

Unter der Leitung von Marcus Stölb diskutieren Dieter Sadowski (links) und Horst Erasmy (rechts). Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Warum verabschieden sich immer mehr Menschen aus dem kommunalpolitischen Geschehen? Weshalb ignorieren sie ihr Recht zur Wahl von kommunalen Parlamenten und Amtsträgern? Diese zentralen Fragen standen im Mittelpunkt der “Trierer Stadtgespräche“. Souverän moderiert wurde die Veranstaltung von dem Trierer Journalisten Marcus Stölb.

Von Rolf Lorig

War es das schreckliche Geschehen in Brüssel, das die Menschen zuhause an die Fernseher fesselte? Oder war es der ungünstige Termin in den Osterferien? Lediglich 20 Besucher kamen in das Stadtmuseum Simeonstift zur dritten Auflage der Trierer Stadtgespräche. Fast schien es, als ob der Veranstaltungs-Untertitel “Politik ohne Bürger” auch bei der Teilnehmerzahl seine Fortführung finden sollte. Doch davon ließ sich Museumsdirektorin Elisabeth Dühr nicht entmutigen. Man wolle mit dieser Reihe Themen aufgreifen, die die Stadt bewegen und Gespräche in Gang bringen, erläuterte sie denjenigen, die an diesem Abend zum ersten Mal dabei waren. Als Diskutanten begrüßte Dühr den Vorsitzenden der Lokalen Agenda, Dieter Sadowski, und Horst Erasmy (CDU), Ortsvorsteher von Trier-West und Pallien.

Und dann war es an Moderator Marcus Stölb, in die aktuelle Thematik einzuführen. Wie dramatisch das Desinteresse an kommunalen Wahlen zugenommen hat, verdeutlichte er an drei Beispielen. So hätten bei der zeitgleich stattfindenden Bundestagswahl 1998 über 33.000 Menschen den damaligen Oberbürgermeister Helmut Schröer gewählt. Acht Jahre später, bei der Wahl von Oberbürgermeister Klaus Jensen, konnte dieser nur noch etwas mehr als 22.000 Bürger auf seine Person vereinen. Und der heutige Oberbürgermeister Wolfram Leibe sei im vergangenen Jahr mit lediglich knapp 13.000 Stimmen gewählt worden. Hier lag die Wahlbeteiligung bei etwas über 30 Prozent, konstatierte Stölb. Und er führte sodann den Beweis, dass es noch schlimmer geht: Den Trier-Wester Ortsvorsteher Horst Erasmy hätten bei der Stichwahl lediglich 400 von 5400 Wahlberechtigten gewählt. Angesichts solcher Zahlen könne man fast schon dankbar sein, dass die Wahlbeteiligungen immerhin noch zweistellig seien.

Wie groß der Einfluss von Menschen sein kann, die sich gesellschaftlich und kommunalpolitisch einbringen, auch dafür hatte Stölb Beispiele mitgebracht. So erinnerte er an den Bau der Mariensäule. Hier seien es engagierte Bürger gewesen, die den Anstoß dazu gaben und durch ihr Tun und Handeln schließlich auch Klerus und Politik ins Boot holten. Ähnlich habe es sich auch bei der Umgestaltung des Domfreihofs und auch mit dem Weißhaus verhalten. Stets hätten engagierte Bürger ihren von der Demokratie vorgegebenen Spielraum genutzt. Zwar nicht immer mit Erfolg, wie das Beispiel Domfreihof zeige. Jedoch habe das Engagement bewirkt, dass die Politik ihre ursprünglichen Pläne entweder umdenken oder aber überdenken musste. Spannungspotenzial trete immer auch dann auf, wenn Stadtpolitik auf Stadtteilpolitik stoße, wie beispielsweise der Schließung von Grundschulen.

“Viel versprochen, wenig gehalten”

Eine Aussage, die Ortsvorsteher Horst Erasmy im anschließenden Gespräch sowohl bestätigte wie auch verneinte. In Trier-West habe eine von zwei Grundschulen geschlossen werden müssen. Durch intensive Kommunikation habe man das den Eltern verständlich machen können. Anders verhalte es sich aber, wenn die Realschule plus geschlossen werden müsse. Dadurch entstehe eine derart große Lücke, dass die sozialen Netzwerke intensiv gestört werden würde. Auch zur Frage, weshalb in Trier-West die Wahlbeteiligung erschreckend gering sei, nahm Erasmy Stellung. Den Menschen in diesem Stadtteil sei über Jahre hinweg viel versprochen und wenig gehalten worden. Die Bürger fühlten sich enttäuscht und getäuscht. Infolgedessen komme es bei denjenigen, die noch zu den Wahlen gingen, zu Protestaktionen, bei denen die bürgerlichen Parteien die Verlierer seien. “Solche Menschen wieder zu gewinnen, ist ein sehr langwieriger Prozess.“

Dass Versprechen nicht leichtfertig gebrochen werden dürfen, bestätigte Dieter Sadowski. In der Tat gebe es besonders in Trier-West große Enttäuschungen bei einzelnen Lebensentwürfen. Wie man Kommunalpolitik besser gestalten könne, zeige das Beispiel des Stadtteils Trier-Nord. Dort gebe es ein gut funktionierendes Bürgerhaus, und auch die Sozialwohnungen befänden sich in einem guten Zustand.

Erwa 20 Besucher verfolgen die Diskussion beim Trierer Stadtgespräch

Erwa 20 Besucher verfolgen die Diskussion beim Trierer Stadtgespräch

Zur Wahlbeteiligung generell merke der Wissenschaftler an, dass nicht die absolute Zahl das Ziel sein dürfe, sondern das Bemühen um konsensorientierte Bürger zur Stärkung der Demokratie. Politische Ansätze wie den Bürgerhaushalt, die den Bewohnern der Stadt Gelegenheit zur aktiven Teilhabe geben, begrüßte Sadowski. Allerdings hätten die bisherigen Erfahrungen gezeigt, dass die Beteiligung daran unter drei Prozent liege. Auch hier müsse die Politik den Bürger ernst nehmen, mahnte der Redner und verwies darauf, dass OB Leibe versprochen habe, allen am Bürgerhaushalt teilnehmenden Personen innerhalb kürzester Zeit eine qualifizierte Rückmeldung geben zu wollen.

Es sei schwierig die Menschen zu erreichen, merkte zum Abschluss eine Teilnehmerin aus dem Publikum an und stellte fest: “Je konkreter und näher das Thema, umso größer ist dann auch die Beteiligung.” Dass die Trierer Politik in ihrem Bemühen um die Bürger nicht nachlassen wird, unterstrich Monika Berger (SPD), an diesem Abend das einzige Stadtratsmitglied im Saal. Sie verwies auf die jüngsten Beschlüsse des Stadtrates, wonach Ausschusssitzungen ab Juli auch für die Öffentlichkeit zugänglich seien. Außerdem habe man einstimmig die Übertragungen von Stadtratssitzungen im Offenen Kanal beschlossen.

Ob dies ausreichen wird, daran hatte Professor Sadowski dennoch seine Zweifel. Er konnte darauf hinweisen, dass bereits heute ein sehr hoher Prozentsatz Schwierigkeit habe, sich mit den unterschiedlichen Thematiken auseinanderzusetzen. So blieb Marcus Stölb am Ende des Abends nur die Erkenntnis, dass das Thema für kommende Generationen in den Sozialkundeunterricht verlagert werden muss, um so schon ein anfängliches Bewusstsein wecken und prägen zu können. (rl)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 12 Kommentare

12 Kommentare zu Gleichgültigkeit oder eine enttäuschte Grundhaltung?

  1. Peter Müller

    Sprache kann entlarvend sein. Nicht die absolute Zahl ist das Ziel, sondern der “konsensorientierte Bürger”. Was ist denn das für ein Verständnis von Demokratie, Herr Professor? Die Ursachen für niedrige Wahlbeteiligungen und die mangelnde Bereitschaft für kommunale Ehrenämter und Mandate in Kommunalparlamenten zu kandidieren sind vielfältig. Ortsbürgermeister in einer mittelgroßen Gemeinde zu sein, ist ein Fulltimejob und nur schwer mit einer Berufstätigkeit, schon gar nicht in der Privatwirtschaft, zu vereinbaren, siehe Stadt Schweich. Die Vorschriften bei der Aufstellung von Wahlvorschlägen sind zu vereinfachen und nicht weiter zu verbürokratisieren. Es geht die Öffentlichkeit nichts an, wie viele Männer und Frauen bei der Mitgliederversammlung der Freien Wählerliste Posemuckel anwesend waren. Quotierungen sind grundsätzlich zu überdenken. Den gröbsten Unfug mit dem Hinweis zum Verhältnis der Geschlechter auf den Stimmzetteln hat der Verfassungsgerichtshof des Landes Rheinland-Pfalz vor den letzten Kommunalwahlen Gott sei Dank verboten. Allgemeinpolitische Themen gehören laut Gemeindeordnung nicht auf die Tagesordnung eines Kommunalparlaments, wofür es vor allem im Trierer Stadtrat in der Vergangenheit viele Beispiele gab. Wem die Friedhofssatzung zu trocken ist, sollte sich eine andere Freizeitbeschäftigung suchen. Eingaben von Bürgern, etwa zur Windkraft, sind von den Fachbehörden zu beantworten und zu entscheiden. Sie haben auf den Tagesordnungen der Verbandsgemeinderäte nichts zu suchen. Niemand setzt sich nach einem arbeitsreichen Tag bis zwei Uhr nachts in den VG-Rat um sich den Seim berufsmäßiger Querulanten anzuhören. Was die Direktwahlen hauptamtlicher Funktionsträger angeht, so sollte man den Mut haben, über deren Abschaffung nachzudenken. Sie wurden in Rheinland-Pfalz erst in den neunziger Jahren eingeführt und haben sich nicht bewährt. Es war nicht undemokratisch, den Oberbürgermeister durch den Stadtrat und die Landrätin durch den Kreistag wählen zu lassen.

     
    • Stephan Jäger

      „…und nur schwer mit einer Berufstätigkeit, schon gar nicht in der Privatwirtschaft,…“

      Ja, Sprache kann entlarvend sein, Herr Müller!

      Was wollen Sie denn damit sagen? Doch nicht etwa, dass die im Alter mit Pensionen statt (immer unzureichender werdenden) Renten versorgten Arbeitnehmer der öffentlichen Hände sich für ihr Geld weniger aufreiben müssen als die selbständigen oder abhängig beschäftigten Bürger in der privaten Wirtschaft? Die geben doch bekanntemaßen alles für uns! Tststs!

       
  2. Johannes Schölch-Mundorf

    Wurde auch über die Rolle des nichtöffentlich tagenden runden Tisches gesprochen? Bürgerbeteiligung? Was passiert eigentlich mit Beschlüssen des Ortsbeirates? Werden diese überhaupt im Stadtrat registriert? Viel Arbeit machen wir uns. So z.B. zum Radwegekonzept. Abgehängt. Verkehrsberuhigung? Ignoriert. Was sollen erst die Bürger(innen) unseres Stadtteils fühlen, wenn schon bei uns im Ortsbeirat sich ein Gefühl der Ohnmacht breit macht?

    Johannes Schölch-Mundorf
    Stellv. Ortsvorsteher Trier-West/Pallien

     
  3. Rüdiger Rauls

    Den Altparteien laufen seit Jahren die Wähler davon, und immer wieder sind es dieselben Sprüche, mit denen man glaubt, eine Wende herbeiführen zu können.
    “Solche Menschen wieder zu gewinnen, ist ein sehr langwieriger Prozess.“ blabla: “Dass die Trierer Politik in ihrem Bemühen um die Bürger nicht nachlassen wird, unterstrich Monika Berger (SPD)”, blablabla. Und last but not least: “Es sei schwierig die Menschen zu erreichen”. (Das stellt sich im Falle der AfD aber nicht so dar.)
    Offensichtlich an der gebetsmühlenartigen Wiederholung dieser Phrasen wird nur zweierlei: Sie sind abgedroschen, und sie bieten keine praktische Handlungsanleitung. Jedenfalls locken solche Themen kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor, wie die überschaubare Teilnehmerzahl zeigt. Aber woran liegts? Fällt den Politikern nichts ein, wie sie es schaffen können, dass ihre Worte Fleisch und ihre guten Absichten belohnt werden? Ist alles nur Verarschung des Bürgers, wie der besserwisserische Wutbürger gleich die passende Antwort aus dem Hut zaubern würde?
    Ohne es zu merken, haben die Podiumsexperten die Kernprobleme benannt. Stölp: “Stets hätten engagierte Bürger ihren von der Demokratie vorgegebenen Spielraum genutzt.” Und Sadowski äußert ein bedenkliches, elitär anmutendes Demokratieverständnis, wenn er anregt, “dass nicht die absolute Zahl das Ziel sein dürfe, sondern das Bemühen um konsensorientierte Bürger zur Stärkung der Demokratie.”
    Was Stölp sicherlich als einen Vorzug der (repräsentativen) Demokratie versteht, ist in Wirklichkeit ihr Pferdefuß. Der “von der Demokratie vorgegebene Spielraum” lässt nämlich nur zu, was den Interessen nutzt, denen dieser Spielraum dient. Das sind nur in Ausnahmefällen die Interessen der Bevölkerungsmehrheit, auch wenn es Zeiten gab, wo das den Anschein hatte. Dieser Widerspruch zwischen dem vorgegebenen Spielraum, also den Zwängen und Bedürfnissen des Systems, und den Interessen der Bürger verdeutlicht Erasme selbst, ohne es zu merken, am Beispiel der Schulschließungen in seinem Stadtteil. Die politischen Zwänge gehen vor den Interessen der Bürger.
    Was es da braucht, um diesen Widerspruch durchzuhalten, sind einsichtige Bürger, konsensorientierte Bürger, wie Sadowski es nennt. Gesucht wird der Bürger, der Maßnahmen zustimmt, die er nicht entschieden hat, von denen er aber glaubt an ihrem Zustandekommen beteiligt gewesen zu sein. Man hat ihn mitreden lassen, aber nicht entscheiden lassen. Nur, die Bürger verlieren immer mehr die Lust an der heiligen Kuh namens Konsens, wenn sie immer öfter feststellen, dass Konsens gleichbedeutend ist mit dem Nachteil für die eigenen Interessen. Das wird so noch nicht öffentlich formuliert. Aber es wird immer mehr Menschen deutlich, wenn vielleicht auch nur gefühlt oder erahnt. Nicht zuletzt rühren ja gerade aus diesem Gefühl, beim Konsens oft geprellt zu werden, die Wahlerfolge von AfD u.a.
    Es ist nicht die Schuld der Politiker, dass die Situation so ist. Das liegt vielmehr an den Grundlagen unserer Gesellschaft. Aber es ihre Schuld, dass sie dem Bürger immer einreden wollen, dass der Bürger alles falsch sieht. Das einzige, was die Politiker als falsch ansehen, ist, dass sie nicht in der Lage sind, dem Bürger die Richtigkeit der eigenen Politik “kommunizieren” zu können.
    “Dass das Thema für kommende Generationen in den Sozialkundeunterricht verlagert werden muss, um so schon ein anfängliches Bewusstsein wecken und prägen zu können”, ist der hilflose Ansatz des bildungsfernen Bildungsbürgers, der glaubt, dass jedes Problem mit mehr Information gelöst werden könne. Gab es bisher keinen Sozialkundeunterricht? Und hat der Sozialkundeunterricht das Interesse an Politik und der aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen heben können? Das ist wie mit der Geldpolitik der Notenbanken. Das billige Geld hat die Inflation nicht treiben können. Also machen wir noch mehr Geld.

     
    • Stephan Jäger

      „Und Sadowski äußert ein bedenkliches, elitär anmutendes Demokratieverständnis, wenn er anregt, ‘dass nicht die absolute Zahl das Ziel sein dürfe, sondern das Bemühen um konsensorientierte Bürger zur Stärkung der Demokratie.’“

      Das ist denn wohl eine „spezielle Trierer“ Definition: Wenn man „konsensorientiert“ also an gemeinsamen, allen Beteiligten gerecht werdenden Lösungen interessiert ist, anstatt sich nur für seinen eigenen, ganz persönlichen (sorry) Scheiß zu interessieren, gehört man bereits zur „Elite“.

      Aus diesem Verständnis rührt denn wohl auch der zweite Denkfehler:
      „Dieser Widerspruch zwischen dem vorgegebenen Spielraum, also den Zwängen und Bedürfnissen des Systems, und den Interessen der Bürger verdeutlicht Erasme selbst, ohne es zu merken, am Beispiel der Schulschließungen in seinem Stadtteil.“

      Ersetzen Sie in diesem Satz einfach mal „Zwängen und Bedürfnissen des Systems“ durch „Bedürfnissen aller Bürger“ und „Interessen der Bürger“ durch „Interessen der Bürger des eigenen Stadtteils“, und es wird klar, wo der Fehler liegt. „Die Bedürfnisse der Bürger“ gibt es eben nicht! Es gibt immer Bürgerinteressen, die sich gegenseitig zuwider laufen. Innerhalb einer Stadt, innerhalb eines Stadtteils und sogar innerhalb eines einzelnen Mehrfamilienhauses. Dazwischen gilt es, zu vermitteln. Das Ergebnis nennt man dann Konsens. Das ist weder eine „heilige Kuh“ noch setzt er voraus, dass er stets deckungsgleich mit der Entscheidung ist, die jeder einzelne Bürger selbst getroffen hätte.

      Schade, dass es in Trier anscheinend von nicht wenigen als „Privileg von Eliten“ angesehen wird, bei Entscheidungen auch die Interessen seiner Mitmenschen zu berücksichtigen. Indess, es ist eine Mentalität, die man hier leider deutlich mehr als man als charmant bezeichnen könnte, an allen Ecken und Enden spürt.

       
      • Peter Müller

        Ihrer Definition einer konsensorientierten Politik stimme ich voll und ganz zu, Herr Jäger, aber ich befürchte mal, Sadowski hat das nicht so gemeint. Es klingt verdächtig nach außerhalb eines bestimmten Meinungsspektrums liegend. Alle die abweichende Auffassungen vertreten, bleiben außen vor und dann hätte Herr Rauls mit seinem Vorwurf des Elitären ins Schwarze getroffen.
        Zu Ihrem obigen Kommentar: Es soll nicht der Eindruck entstehen, ich hielte Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes für Faulenzer. Ich selbst wurde in den achtziger Jahren als Gemeinderatsmitglied von meinem Arbeitgeber, damals ein Konzer Baumaschinenhersteller, anstandslos freigestellt, während Fraktionskollegen als Briefträger und Lokführer, die damals noch verbeamtet waren, ihren Dienst tauschen mußten. Das Problem liegt darin, daß Termine ehrenamtlicher Amtsinhaber, egal ob öffentlich oder privat beschäftigt, mit einer Berufstätigkeit meist nur schwer vereinbar sind. Nicht umsonst sind einige Ortsbürgermeisterstellen im Kreis vakant.

         
  4. Rüdiger Rauls

    Jäger, Sie sind ein hoffnungsloser Fall. Sie werden Gesellschaft nie verstehen. Der akademisch verbildete Bildungsbürger, der vor lauter Theorien die Welt nicht versteht. Halt ein Grüner, wenn auch einer, der immer schwärzer zu werden scheint, wenn man die letzten Beiträge liest.

     
    • Stephan Jäger

      „Jäger, Sie sind ein hoffnungsloser Fall. Sie werden Gesellschaft nie verstehen.“

      …sagt einer, der nach wie vor von der „aufstehenden Arbeiterschaft“ träumt.

      Ich fürchte, Herr Rauls, wenn Sie beginen würden, auf mich zu „hoffen“ würden, würde ich beginnen, mir ernste Sorgen zu machen. Jemand, der ein Leben lang nicht darüber hinwegkommt, dass er keinen Abschluss hat (und dabei nicht merkt, dass das wahrscheinlich garniemand merken würde, trüge er diesen Komplex nicht ständig wie eine Monstranz vor sich her)

       
      • Rüdiger Rauls

        Jetzt ist er auch noch unter die Psychologen gegangen und erklärt mir mich selbst. Respekt, Jäger, Respekt! Das heißt, Jäger glaubt, mich besser zu kennen als ich mich selbst. Ist ja logisch, dass er das kann, denn Jäger hat einen Abschluss im Gegensatz zu mir. Nur, wie einen die Worte doch verraten können, wenn ich Herrn Müller mal zitieren darf weiter oben. Für Jäger ist ein Abschluss nur ein akademischer Abschluss. Ich habe zwar auch einen Abschluss als Reprofotograf, einen Gesellenbrief. Aber das ist ja in seinen Augen kein Abschluss, weil nicht akademisch und deshalb in seinem elitären Denken ohne Bedeutung, was noch verstärkt wird durch die Geringschätzung einer “aufstehenden Arbeiterschaft”. Das ist ebenso wenig einer meiner Begriffe wie ich unter dem Fehlen eines akademischen Abschlusses leide. Aber vielleicht war mir das bisher nur nicht bewusst. Gott sei Dank, dass Sie mir die Augen geöffnet haben.
        Aber nun genug der giftigen persönlichen Polemik. Es geht um Wichtigeres als den Jäger-Rauls’schen Dauerstreit, der sich nun schon seit Jahren auf verschiedenen Bühnen abspielt. Erst kam er noch daher als eine Auseinandersetzung, in der es scheinbar um Sachliches ging. Unter dem Vorwand, Themen zu diskutieren, wurde anderes ausgefochten. Die Themen dienten nicht dem Meinungsaustausch zum Erkenntnisgewinn über den Zustand der Welt und der Entwicklungen, die sich in ihr vollzogen. Die Themen dienten nur der Selbstdarstellung und der Befriedigung von Eitelkeiten.
        Nun ist der sachliche Schnickschnack beiseite geschoben, der vorher noch als Feigenblatt gedient hatte. Jetzt ist man persönlich. Aber auch das ist nur scheinbar, es sei denn, dass es dabei bleibt, sich auf der persönlichen Ebene weiterhin unter die Gürtellinie zu treten.
        Aber was ist der tiefere Hintergrund dieses Zinnobers? Es geht um nichts Geringeres als den Umgang mit den Erscheinungen in der Welt und ihre Deutungen. Das ist einfacher in den kleinen Erlebnissen des Alltags als in den großen Bewegungen auf der Ebene der Gesellschaft und Interessen. Wie fasst man, was da vor sich geht, wie erklärt man es sich, wie kann man begreifen, was nicht mit Händen zu fassen ist?
        In der Bewältigung dieser Aufgabe haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte zwei Ansätze entwickelt: die idealistische und die materialistische Herangehensweise. Dieser Widerstreit der Weltsicht, der Welt-An-Schauung, äußert sich in dem oben beschriebenen Geplänkel. Erklärt man die Welt aus dem Leitmotiv der Aufklärung (Ich denke, also bin ich), also aus der Abhängigkeit der Welt vom Denken des Menschen, dann ist klar, dass das Schmieden von Theorien den Umgang mit der Welt bestimmt. Die Welt entsteht aus der Kraft der Gedanken und Ideen, was besonders Akademiker und Intellektuelle gelegen kommt und worauf viele von ihnen ihr Elitedenken stützen. Denn sie halten sich für die ausgewiesenen Denker.
        Oder geht man den materialistischen Weg der Analyse dessen, was uns begegnet. Man geht aus von dem, was ist, was man vorfindet, versucht die Zusammenhänge zu erkunden, die Kräfte, die wirken, und die Interessen, die treiben. Man beobachtet die Entwicklung, die in der Vergangenheit stattgefunden hat, damit das sich entfalten konnte, was uns an Erscheinungen begegnet.
        Auf diesem Weg kann man zu Ergebnissen und Erkenntnissen kommen, die sich immer mehr der Wirklichkeit und Wahrheit nähern. Voraussetzung aber ist, dass man nicht an vorgefassten Theorien hängen bleibt, wenn die Welt anders ist, als sie nach der Theorie sein dürfte. Das scheinbar unumstößlich Sichere muss zu hinterfragen erlaubt sein und der Zweifel darf nicht nur widerwillig zugelassen sondern muss, wie Brecht ermunterte, willkommen geheißen werden.
        Die Theorien darüber, wie die Welt sein müsste, verändern sie nicht, ebenso wenig wie intellektuelles Töpfern von Alternativ-Welt-Modellen. Und schon gar nicht, wenn man für die Missverhältnisse zwischen der Theorie und der Welt den Fehler bei der letzteren sucht. Wenn die Welt und die Theorie auseinander gehen, ist immer die Theorie falsch. Daran ändert auch eigensinniges Beharren auf der Richtigkeit der eigenen Welt-An-Schauung nichts.
        Nur die Erkenntnis darüber, wie die Welt tatsächlich ist, lässt auch Erkenntnis und Wunsch wachsen, wie sie verändert werden kann.
        Diese unterschiedliche Welt-An-Schauung ist es, was den Jäger und den Rauls trennt und nicht, dass der eine einen Abschluss hat und der andere nicht. Daran ändern auch die persönlichen Anfeindungen nichts. Deshalb denke ich, dass wir damit aufhören sollten, denn es ist zu nichts gut.

         
        • Stephan Jäger

          Fassen wir also wieder einmal zusammen:

          Der Rauls sieht die Welt, wie sie in „Wirklichkeit und Wahrheit“ ist. Voraussetzung dafür ist, dass man nicht über akademische Bildung verfügt.
          Der Jäger hat zwar auch einen Gesellenbrief. Aber leider verstellt ihm eben auch intellektuell-theoretische (Ver)bildung den Blick auf die wahre Erkenntnis der Welt und ihrer Zusammenhänge.

          Maßgeblich dieses „Ungleichgewicht an Erkenntnis“ führt wohl dazu, dass der Rauls und der Jäger sich nicht so richtig leiden können. Damit, dass der Rauls bei der Erwiderung eines Kommentars, der sich – ohne jeden persönlichen Bezug – mit seinen Argumenten auseinandersetzt, sachlich regelmäßig nicht über ein „Jäger, Sie sind ein hoffnungsloser Fall. Sie werden Gesellschaft nie verstehen. Der akademisch verbildete Bildungsbürger, der vor lauter Theorien die Welt nicht versteht.“ hinaus kommt, hat das gewiss nichts zu tun.

          Aber wenigstens hat der Jäger, weil er ja mehr so der auswendig-lern-Typ ist, ein Zitat aus der zweiten Folge der ersten Staffel des „Tatortreinigers“ auf Lager, das ihm hilft, damit einigermaßen zurecht zu kommen:

          „Zum Glück bin ich nicht in der emotionalen Situation, darauf angewiesen zu sein, dass Sie mich mögen.“

           
  5. Rüdiger Rauls

    Naja, Herr Jäger, ich kann Ihnen nur die Hand reichen, ergreifen müssen Sie sie schon selbst. “…, dass der Rauls und der Jäger sich nicht so richtig leiden mögen”, ist falsch. Ich habe nichts gegen Sie persönlich, dafür kenne ich Sie zu wenig. Und von den paar herablassenden Kommentaren Ihrerseits lasse ich mich nicht aus der Fassung bringen. Damit muss rechnen, wer dem Zeitgeist immer wieder empfindlich auf den Zahn fühlt. Ich komme damit mittlerweile sehr gut zurecht. Oder haben Sie den Eindruck, dass mich Ihre Angriffe oder die von anderen aus den Pantinen gehauen haben?
    Aber wir beide und unser Kleinkrieg sind doch gar nicht so wichtig, dass wir dafür so viel öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen dürften. Wir beide sind doch nur ganz kleine Lichter, das eine größer, das andere kleiner. Und die Pflege unserer Eitelkeiten und Selbstdarstellung ist doch ziemlich belanglos, gemessen an dem, was der eigentliche Sinn von Meinungsaustausch und Meinungsbildung ist. Es geht darum, die Welt zu verstehen, nicht den Rauls oder den Jäger. Sinn des Meinungsaustausches ist, durch die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der verschiedenen Ansichten dem Erkennen der Wirklichkeit und der Wahrheit dahinter näher zu kommen. Die Macht des Meinungsaustausches besteht darin, dass der Jäger vielleicht etwas sieht und erkennt in den ERscheinungen, die uns die Welt jeden Tag präsentiert, was der Rauls vielleicht nicht gesehen hat (oder von mir aus auch umgekehrt), dass die Sichtweise des Jäger die Sichtweise des Rauls ( vielleicht auch umgekehrt) verändert und fördert und aus dieser veränderten Sichtweise neue Erkenntnis entsteht über den Zustand der Welt. Denn die Welt wird nicht von allen gleich gesehen. Und das ist es, was die Veränderungen im Bewusstsein der Menschen hervorbringt. Die einen sahen die Welt als Scheibe, die anderen als Kugel. Der Welt selbst war es egal, wie die Menschen sie sahen. Aber für die Menschen brachte die neue Erkenntnis ungeahnte Fortschritte. Fortan fuhren sie über die Meere, entdeckten neue Kontinente und hatten keine Angst mehr, über den Rand der Scheibe in ewige Verdammnis zu fallen.

    Das ist Geschichte. Aber andere Fragen haben heute ähnliche Bedeutung und entscheiden vielleicht über Krieg und Frieden wie die Flüchtlingsfrage, das Verhältnis des Westens zu Russland oder die Vorgänge im Nahen Osten. Was dem Großteil der deutschen und europäischen Bevölkerung vor Jahren noch schnuppe war, die Vorgänge im Nahen Osten, stehen in Form der Flüchtlingskrise mittlerweile für viele als handfeste Bedrohung vor der Haustür. Die Welt ist immer offener geworden. Das bedeutet aber auch, dass die Vorgänge in einigen Teilen der Welt immer weniger auf diese Regionen beschränkt bleiben. Auf diese als Bedrohung empfundene Entwicklung reagieren viele kopflos und lassen sich von Medien, Politik und anderen Kräften emotional aufheizen und zu Handlungen hinreißen, die dem Menschlichen im Menschen Hohn sprechen. Gegen diese Manipulation der Menschen durch Emotionalisierung helfen nur Vernunft, Besonnenheit und Brüderlichkeit. Um der Vernunft aber zum Durchbruch zu verhelfen, ist es wichtig, die eigenen Eitelkeiten zurückzustellen hinter der übergeordneten Aufgabe, dem übergeordneten Interesse: dem Erkennen der Wirklichkeit und der Wahrheit dahinter.

     
    • Stephan Jäger

      „Oder haben Sie den Eindruck, dass mich Ihre Angriffe oder die von anderen aus den Pantinen gehauen haben?“

      Ich habe mich in meinem Kommentar vom 25. März lediglich kritisch mit einem Ihrer Standpunkte auseinandergesetzt. Im speziellen damit, dass Sie in Ihrem Vorkommentar, den (meiner Ansicht nach) Fehler begehen, egoistische Partikularinteressen einer Gruppe, die gerade einmal so groß ist, dass selbst der mit eher durchschnittlicher Auffassungsgabe gesegnete Einzelne sie eben noch übersehen kann, mit „den Interessen der Bürger“ gleichtzsetzen, währen Sie das, was man üblicherweise wohl als „Gemeinwohl“ bezeichnen würde, die Interessen der Mehrheit ALLER von einer Entscheidung Betroffenen, als ein abstraktes „System“ darstellen, das diesen gegenübersteht. Eine rein sachliche Auseinandersetzung mit Ihrer Argumentation also. Wie Sie darin die Fortsetzung eines „Kleinkrieges“ zu sehen vermögen, muss wohl auf Ewig Ihre Geheimnis bleiben.

      Ihre Reaktion darauf habe ich in meinem letzten Kommentar zitiert.

      Um auf Ihre eingangs zitierte Frage zurückzukommen: Entlarvend, dass Sie in Kritik an Ihren Positionen anscheinend grundsätzlich „Angriffe“ sehen. Mehr als erstaunlich, die Selbstwahrnehmung Ihrer Reaktionen darauf. Ich jedenfalls kann mich, ehrlich gesagt, nicht an einen einzigen Fall erinnern, in dem Sie auf Kritik an von Ihnen geäußerten Sichtweisen reagiert hätten, ohne dem Kritiker gegenüber persönlich zu werden. Nicht nur in meinem Fall. Ich könnte hier jetzt eine endlose Linkliste posten. Ich spare es mir. Stellvertretend nur ein Beispiel:

      Puck, die Stubenfliege:
      http://www.trier-reporter.de/buchvorstellung-grenzen-des-kapitalismus/

      Aber ich bin sicher, selbst hundert Beispiele würden nicht ausreichen, Sie verstehen zu lassen, wie weit IHR EIGENES Verhalten in Diskussionen von dem von Ihnen immer wieder geäußerten Anspruch an Diskussionen entfernt ist. Vermutlich ist eine solche Einsicht einfach zu viel erwartet, von jemendem, dem nicht das Geringste dabei merkwürdig vorkommt, wenn er „Rezessionen“ für seine Bücher selber schreibt.

       

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