Hartnäckigkeit zahlt sich am Ende aus…

In Trier ist Rainer Laupichler gerne und oft. Er mag das urbane Leben der alten Römerstadt und auch die Tatsache, dass hier jeder jedem irgendwann über die Füße läuft. Foto: Rolf Lorig

REGION. Die Zeiten, dass in der Eifel in kultureller Hinsicht Fuchs und Maus begraben sind, sind längst vorbei. In Sachen Kultur muss sich das ‟platte Land‟ nicht mehr hinter der Stadt Trier verstecken. Einer der Macher, die dafür verantwortlich sind, ist Rainer Laupichler. Der gelernte Schauspieler (Polizeiruf 110, Marie Brand, Stromberg, Das Wunder von Lengede, Wilsberg etc) gehört zu den gut gebuchten Darstellern in  deutschen TV-Produktionen. Doch das alleine reicht ihm nicht aus. Als echter Eifeler Jung, Laupichler kam 1957 in Daun zur Welt und wuchs in Manderscheid auf, blieb er seiner Heimat auch in der Zeit verbunden, als er berufsbedingt in Berlin, Wien und anderen Städten wohnte und arbeitete.

In den Jahren 2005 und 2006 gründete und leitete er die Manderscheider Kulturtage, die dann 2007 in die Eifel Kulturtage (EKT) übergingen. Der Erfolg dieser Veranstaltungsreihe verblüfft: Auch im elften Jahr schafft es Laupichler scheinbar mühelos, prominente Namen in kleine Eifelorte zu holen. Damit hat der Schauspieler und Intendant ein Format entwickelt, das sich von dem der großen Agenturen absetzt, die auf große Städte und Hallen setzen. Der reporter hat sich über dieses Thema mit Rainer Laupichler unterhalten und dabei so einiges über die Eifel Kulturtage erfahren.

Die EKT laufen ab August noch bis Ende Oktober. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Die gesamte Spielzeit findet alljährlich von April bis Oktober statt, außerhalb der üblichen Ferienzeit. Das hat sich bewährt, auch 2017. Konzeptionell ist angedacht, dass wir ein Angebot für Einheimische und Touristen anbieten wollen. Festzustellen ist allerdings, dass sich 90 Prozent unserer Zuschauer aus der Region generieren. In der ersten Hälfte unserer diesjährigen Spielzeit werden wir wieder über 90 Prozent Auslastung verbuchen, bei der zweiten Hälfte wissen wir es logischerweise noch nicht.

Katharina Thalbach gehört ebenfalls zu den Gästen der Eifel Kulturtage. Foto: Werner Pelm

Was waren 2017 die erfolgreichsten Veranstaltungen, welche am schnellsten ausverkauft?

Zwei Veranstaltungen waren gut bis sehr gut besucht, die restlichen waren ausverkauft. Absolute Publikumslieblinge sind Carmela de Feo, die bereits unseren Publikumspreis gewann, und schon drei Monate vor dem Veranstaltungstermin ausverkauft war, und Kabarett à la surprise. Hier treten drei Künstler auf. Die Zuschauer wissen nicht, wer kommt. Da wird das Publikum gefordert, weil sie über keine Infos über das Genre oder den Künstler verfügen. Sie müssen sich spontan umstellen, was bislang sehr, sehr gut verlief. Die Veranstaltung ermöglicht es uns, auch Künstler zu präsentieren, die unter Umständen sperrig und schräg sind und sich nicht zwingend toll verkaufen lassen. Sitzen die Zuschauer aber erstmal im Saal, dann sind sie meiner Auswahl gnadenlos ausgeliefert. (lacht) Übrigens: Kabarett à la surprise ist immer ausverkauft. Ist ja auch schon mal eine Rückmeldung, nicht wahr?

Die EKT finden in kleineren Veranstaltungsräumen statt. Die sollten doch eigentlich schnell ausverkauft sein. Oder?

Wir veranstalten vorwiegend in Bürgersälen der Eifel-Gemeinden mit einer Kapazität zwischen 150 und 300 Zuschauern. Gerhard Polt & die Well-Brüder lassen sich in der Größenordnung nicht finanzieren, so dass wir dann, wie auch beispielsweise bei Mathias Richling und Rüdiger Hoffmann, ins Forum Daun mit 550 Plätzen ausweichen. Ein Teil der Zuschauer kommt aus dem Ort, der Rest reist an.

Interessant ist hierbei, dass sich bei kleinen Gemeinden, also bis 700 Einwohnern, mehr Bürger des jeweiligen Ortes einfinden, als bei Gemeinden um die 1500 Einwohner. Ich meine tatsächlich die Anzahl und nicht prozentual. Ist der Ort größer, dann gibt’s auch sofort Verwaltungsaufwand und kaum praktische Unterstützung. Sie müssen wissen, dass wir auf der Grundlage einer Win-Win-Situation agieren: Wir stellen den Künstler, tragen das gesamte Risiko und die Kosten und im Gegenzug bekommen wir kostenlos den Saal und ein Verein oder der Gemeinderat kann die Bewirtung ausrichten und den gesamten Erlös behalten. Von der Bewirtung, versteht sich. (lacht)

Lohnt sich für Künstler die Reise in die Provinz? Bedarf es großer Überzeugungsarbeit?

Bundesweit ist der Markt übersättigt, die Künstler müssen auch an Orte, die für sie vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wären. Das nur nebenbei. Am Anfang war es schwerer, mittlerweile nicht mehr, weil ich auf die Künstler verweise, die wir bereits als Gast begrüßen durften. Plane ich eine Lesung, dann lasse ich die Namen Katharina Thalbach, Ben Becker oder Christoph Maria Herbst fallen.

Möchte ich einen bekannten Kabarettisten engagieren, dann entsprechend Mathias Richling, Kaya Yanar oder Gerhard Polt. À propos Gerhard Polt & die Biermösl Blosn, wie sie ehemals hießen. Bei Michael Well, einem der Biermösl Blosn, der die Auftritte managt, habe ich 2010 ungelogen zwanzigmal angerufen, bis ich die Zusage hatte. Da ging es für 2017 natürlich wesentlich schneller: Zehnmal. Hartnäckigkeit zahlt sich dann doch aus…

Mit der “Goldenen Berta” hat Rainer Laupichler einen Publikumspreis ins Leben gerufen, der alljährlich an die Akteure vergeben wird. Foto: Werner Pelm

Überhaupt: Ideen kann man viele haben, man muss aber auch über einen langen Atem verfügen. Wäre ich ein Sensibelchen und hätten mich von jedem Lüftchen oder Gegenwind aufhalten lassen, dann gäbe es die Eifel-Kulturtage nicht, und schon gar nicht das Mosel Musikfestival von Hermann Lewen. Man muss bereit sein, einstecken zu können und beharrlich zu sein, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Geschäft für Marathonläufer.

Welche Veranstaltungsart kommt in der Eifel besonders gut an?

Grundsätzlich ist es meines Erachtens so, dass das Publikum das Programm bestimmt. Egal wo. Man muss sein Umfeld im Auge haben und seine Zuschauer da abholen, wo sie sind. Was nützt es mir, wenn unser Programm in Berlin-Kreuzberg bejubelt wird, aber es komplett an unserer Bevölkerung vorbei geht und niemand kommt? Als Veranstalter sollte man das erkennen und geschmeidig bleiben.

Es gibt auch Künstler, die ein Thema bespielen, was ich nicht zwingend toll finden muss, aber die den Saal füllen und den Geschmack der Menschen vor Ort treffen. Dann suche ich mir den besten Künstler bei dem Thema aus, so dass ich auch nicht weinend im Zuschauersaal sitzen muss. Grundsätzlich gilt, dass es einen hohen Unterhaltungswert haben muss, wobei dann das Genre zweitrangig ist. Überdrehte Wortakrobaten im intellektuellen Höhen- und Tiefflug hätten es schwer, werden aber von uns auch nicht eingeladen. Warum mehr leiden, als notwendig?

Die Eifel als Kulturraum: Eifel Literaturfestival, Eifel Kulturtage, Mosel Musikfestival – wie viel Kultur verträgt die Eifel?

Alles hat seine Berechtigung, aber der Markt wird immer umkämpfter. Es gibt halt nur ein bestimmtes kulturinteressiertes Kontingent, dessen sind wir uns bewusst. Wir veranstalten nur im Bereich ’Wort’, die Musik überlassen wir dem Mosel Musikfestival oder Klassik auf dem Vulkan in Daun.

Ist mir ohnehin zu teuer, die GEMA. Das hat ja auch aberwitzige Ausmaße. Sicher, die Künstler sollen und müssen geschützt werden, aber hier mal ein kleines Beispiel, bei dem ich nur dezent mit dem Kopf schütteln kann: Ein Kabarettist, der in der GEMA ist und in seinem Programm ein paar selbstkomponierte Musiknummern zum Besten gibt, die aber fester Bestandteil seines Programmes sind, lässt mich nachher GEMA-Gebühren dafür bezahlen…

Stichwort Kosten: Ist es schwer Sponsoren zu finden? Wer hilft mit?

Unsere Sponsoren sind uns seit elf Jahren treu verbunden. Wir wissen um ihren Wert. Bei der Anmoderation werden sie namentlich genannt und zusätzlich in den jeweiligen Sälen mit ihrem Logo präsentiert. Nur Gretchen Müller denkt, dass sich Kulturveranstaltungen allein über den Eintritt finanzieren. Da müssen die Künstlersozialkasse, die GEMA, das Team plus Techniker, das Honorar, die Reisekosten, das Hotel, die Reinigungsgebühren für den Saal, die Steuern auf die Eintrittskarten, die Systemgebühr für den Online-Vorverkauf, das Catering für den Künstler bezahlt werden. Nicht berücksichtigt sind Versicherungen, Betriebskosten, Werbung etc.

Am Ende der Spielzeit, wenn ich an dem Geschäftsbericht sitze, dann atme ich immer durch, dass wir unsere Sponsoren und den Kultursommer Rheinland-Pfalz als Partner haben.

Die Anfänge waren nicht gerade einfach, es gab weder aus der Politik noch aus der Verwaltung kaum Unterstützung. Wie sieht es heute aus?

An einem gewissen Punkt habe ich festgestellt, dass mich niemand behindert oder mir Steine in den Weg legen will, was ich anfangs angenommen hatte. Eigentlich ist es schlimmer. Es interessiert einfach kaum jemanden. Ausgenommen natürlich unser Publikum, das fantastisch ist, dass möchte ich hier mal anbringen. Übrigens deckt sich das zu einhundert Prozent mit dem Eindruck, den unsere Künstler von unseren Zuschauern haben.

Auch Guido Cantz kommt gerne zu den Eifel Kulturtagen. Foto: Werner Pelm

Aber ich möchte doch noch zwei Negativbeispiele für Ignoranz nennen. Aber nur, weil sie schon extrem sind: Letztes Jahr feierten wir unser zehnjähriges Bestehen. 30.000 Zuschauer. 170 Künstler und ebenso viele Veranstaltungen in der Eifel-Region. Ben Becker, Katharina Thalbach, Hannelore Hoger, Gerhard Polt, Mathias Richling, Kaya Yanar u.v.a. waren bei uns zu Gast, im Landkreis Vulkaneifel, im Landkreis Cochem-Zell, im Landkreis Bitburg-Land und vorwiegend im Landkreis Bernkastel-Wittlich.

Die Eifel-Kulturtage sind ein gemeinnütziger Verein, mit Sitz in meinem Wohnort Manderscheid, ebenfalls Landkreis Bernkastel-Wittlich. Ja, meinen Sie, da hätte der Landrat uns zu unserem zehnjährigen Jubiläum gratuliert, der Bürgermeister oder sonst wer? Glauben Sie, wir wurden in den vergangenen zehn Jahren mit einem Artikel im Jahresrückblick des Landkreises Bernkastel-Wittlich bedacht oder namentlich erwähnt?

Ich bin froh, dass ich für mich meine Kulturarbeit unter folgendes Motto gestellt habe: Wie will ich jemanden wecken, der sich schlafend stellt? Ich möchte nicht mehr sinnlose Kämpfe führen, sondern versuche mich darüber zu freuen, dass alles so gut läuft und unser Publikum uns die Treue hält. Nur darum geht’s.

11 Jahre EKT in Folge – Kann eine solche Idee bis zum St. Nimmerleinstag fortgeführt werden oder nutzt sie sich ab?

Hm, keine Ahnung. Ich bin jetzt sechzig. Vielleicht falle ich ja, nachdem ich Ihnen geantwortet habe, vom Stuhl oder kann mich übermorgen nicht mehr daran erinnern, dass wir miteinander gesprochen haben. (lacht) Na ja, eine Weile wird die Eifel-Region noch von uns bespaßt. Aber eins ist sicher: Den Heesters gebe ich auf keinen Fall…

Wie groß ist das Team der Mitstreiter?

Bei den Veranstaltungen sind im Abenddienst Sandra Jahn und Kim Laupichler, Elisabeth Meides kümmert sich um die Künstler, unsere Techniker Maxi Schiffels, Sebastian Merkes und Jan Reuter und unser Fotograf Werner Pelm sind noch vor Ort. In der Hinterhand habe ich noch unseren Grafiker Hermann Hochscheid, der uns sehr gut unterstützt.

Ein Ausblick auf 2018….

… wird am 01.12. beim Start des Vorverkaufes für 2018 geliefert.

Das Gespräch führte Rolf Lorig.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Allgemein, Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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