“Ich will Taten sehen, sonst drehe ich durch”

Bürgermeisterin Angelika Birk zeigte sich optimistisch. Sie informierte zusammen mit Caritas-Direktor Dr. Bernd Kettern (rechts) über den Sachstand. Foto: Gabi Böhm

Bürgermeisterin Angelika Birk zeigte sich optimistisch. Sie informierte zusammen mit Caritas-Direktor Dr. Bernd Kettern (rechts) über den Sachstand. Foto: Gabi Böhm

TRIER. Zu einer Bürgerinformation kamen am Montagabend mehr als 60 Besucher in das Dechant-Engel-Haus in Triers Westen. Sie wollten mehr über die Entwicklung im Stadtteil, insbesondere aber über die Aufnahme von Flüchtlingen erfahren. Die Stadt und der Caritasverband Trier planen, den geflohenen Menschen in der Jägerkaserne nicht nur Wohnraum, sondern auch eine Begegnungsstätte anzubieten. Darüber hatten Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) und Sozialdezernentin Angelika Birk (Grüne) bereits in der vergangenen Woche in einem Pressegespräch informiert (der reporter berichtete).

Von Gabi Böhm

Es wurde klar: In Trier-West scharrt man mit den Hufen. Die Zeit ist reif für Veränderungen. Und zwar nicht nur in baulicher Sicht. Sowohl Caritas-Direktor Dr. Bernd Kettern als auch Ortsvorsteher Horst Erasmy (CDU) sprachen davon, dass schon vor mindestens 15 Jahren bereits über Veränderungen für Trier-West, vernachlässigten Wohnraum und fehlenden sozialen Wohnungsbau diskutiert wurde. Jetzt geht im Stadtteil offenbar etwas voran. Und zwar mehr hinter den Fassaden, wie Gabi Schmitt vom städtischen Wohnungsamt einleitend erörterte.

Nach einem Brandschaden im Irminenwingert seien bis dato menschenunwürdige Wohnungen saniert und in einen guten Zustand versetzt worden. Sanierungen gebe es auch in der Mangerichstraße. Zehn Prozent muss die Stadt für Sanierungen aufbringen, 90 Prozent übernehmen Bund und Land. 1,4 Millionen will die Stadt in diesem Jahr investieren. Dazu zählt vor allem der dritte Block in Gneisenaustraße, erklärte der städtische Sozialraumplaner Simeon Friedrich. Es soll auf rund 1.100 Quadratmetern preisgünstiger sozialer Wohnungraum geschaffen werden (der reporter berichtete). Und das Umfeld wird für Begegnungen hergerichtet. Soweit zum Gneisenaubering.

Die Jägerkaserne gehört zu einem der großen städtebaulichen Projekte. Sie steht noch im Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA), und die Stadt will sie erwerben. Da sie nicht denkmalgeschützt ist und eine “relativ gute” Bausubstanz hat, plant die Stadt den Erhalt von vier Gebäudeteilen. In diesen sollen Flüchtlinge – zumindest vorübergehend – untergebracht werden. Die übrige Fläche ist für mehrgeschossigen freien und sozialen Wohnungsbau vorgesehen. Am kommenden Samstag wird dazu am tag der Städtebauförderung ein offener Planungsworkshop in Trier-West abgehalten.

Immer wieder gab es in dem sehr ruhigen und sachlichen Bürgergespräch Erklärungen für die lange Zeit, bis endlich die angestrebten Wünsche für den Stadtteil wahr werden: Denkmalschutz, zu teuer, Genehmigungen, Planungen, kein Geld. “Geht es jetzt wirklich in den letzten großen Schritt hinein?”, frage Bernd Kettern mit Blick auf die insgesamt 15 Jahre der Planung, seit 2010 auch im Dezernat unter der Regie von Bürgermeisterin Angelika Birk. Diese zeigte sich optimistisch: Ein neuer Oberbürgermeister, der ein ordentliches Tempo vorlege, ein neuer Baudezernent, der Teamarbeit als wichtig erklärt habe, und überhaupt ein neuer gewachsener Konsens in der Stadt.

Birk antwortet Babic

“Ich will jetzt endlich Taten sehen, sonst drehe ich durch!”, bekräftige Ortsvorsteher Erasmy. Die Informationen hätten an dem Abend allerdings durchaus etwas konkreter werden dürfen. Ob mit der angedachten Wohnbebauung auch die seinerzeit beim Bürgergutachten gewünschte Ansiedlung von Gewerbe verbunden sei? Es gebe nicht-spruchreife Gespräche mit dem RWE, Absprachen mit der Bahn und Planungen für Gewerbe, lautete Simeon Friedrichs Antwort. Wie ist es mit der Schulsituation, Zusammenlegungen, Neubauten? “Das muss auch mitentschieden werden. Wichtig ist, dass wir aus der Hängepartie herauskommen. Aber heute haben wir ein anderes Thema”, lenkte Birk nach einigen Erklärungen wieder auf den eigentlichen Themenabend. Und der geriet dann zunächst recht allgemein zur Situation von der Aufnahme von Flüchtlingen in den Aufnahmeeinrichtungen in der Dasbach- und Luxemburger Straße, ihren Flüchtgründen und dem Novum, dass die Stadt Trier jetzt jährlich bis zu 650 Menschen dauerhaft aufnehmen muss. Informationen, die für viele sicher nicht neu waren, aber so den Grundstein für ein sachliches Gespräch legten.

Das Interesse an Informationen über den Stadteil war groß, der Raum im Dechant-Engel-Haus gut gefüllt. Foto: Gabi Böhm

Das Interesse an Informationen über den Stadteil war groß, der Raum im Dechant-Engel-Haus gut gefüllt. Foto: Gabi Böhm

Denn in einem Teil des Burgunderviertels und in der Jägerkaserne sollen die Asylbegehrenden zunächst Unterschlupf finden. Entlang der Eurener Straße werden Gebäude mit einem “schlichten Standard” hergerichtet. “Das ist kein ‘Schöner Wohnen’!”, betonte Birk. Ein Jahr können die Menschen dort wohnen, mit zentralen Küchen und Sanitäranlagen. Ein Notbehelf, bis sie in dezentralen und privaten Wohnungen unterkommen. Weil es bei der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen natürlich nicht nur um Wohnraum geht, plant der Caritasverband ein Sprachzentrum, Deutschkurse, Beratungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. “Das sind alles Chancen für die lokale Infrastruktur”, meinte Kettern, der gleichzeitig fünf Milliarden Euro mehr für die Kommunen zum Stemmen dieser Aufgaben einforderte. Außerdem dürfe man sich nicht auf die Jägerkaserne als Flüchtlingsstandort konzentrieren – ein Plädoyer dafür, andere Standorte in weiteren Stadtteilen zu prüfen. Im Gespräch war vor einigen Wochen beispielsweise auch das Kloster in Olewig.

Die Informationsbegierde bei den Besuchern hielt sich in Grenzen. Dafür gab es ein paar Mal Applaus, als es um die mitmenschlichen Aspekte zur Hilfe von Flüchtlingen ging. Es blieb der Eindruck, dass der Stadtteil sich auf die neuen Mitbewohner einstellt und ihnen positiv entgegen blickt. Die Redebeiträge waren sachlich, auch, als NPD-Chef Safet Babic einen Fragenkatalog stellte, der von Birk abgearbeitet wurde. Wo und wie man helfen könne, fragte eine Besucherin und erhielt den Tipp, sich in einem Formular auf der Website der Stadt Trier einzutragen. Auch in Trier-West scharren offenbar hilfsbereite Menschen mit den Hufen. Um ihren Stadtteil voran zu bringen und Flüchtlingsfamilien aufzunehmen. (gb)


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Erstellt am Autor Gabi Böhm in Featured, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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