Inklusion heißt heute, mitten in der Stadt leben

Sie sind stolz auf das neue Haus in der Paulinstraße: Wolfgang Schäfer, Daniela Schäfer-Anell, Wolfgang Enderle und Patrick Anell. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Barrierefreier Wohnraum mit neuesten Standards in kürzester Distanz zur Innenstadt und das zu erschwinglichen Preisen – für 18 Menschen mit Beeinträchtigungen ist dieser Traum dank des Wohnungsbau-Unternehmens IFA in Erfüllung gegangen. In unmittelbarer Nachbarschaft des Filmtheaters “Broadway” hat die IFA in der Paulinstraße ein Haus mit fast 50 Wohnungen gebaut, von denen ein Viertel sozial gefördert wurde. Erster Mieter war die Lebenshilfe Trier, die hier mehrere Wohneinheiten bezogen hat.

Wolfgang Enderle, Vorstand der Lebenshilfe Trier, macht aus seiner Freude keinen Hehl. Denn barrierefreien Wohnraum zu finden, ist in Trier fast wie ein Sechser im Lotto: “Das ist das erste Mal, dass es der Lebenshilfe ermöglicht wurde, im Rahmen der 25%-Sozial-Quote im Geschosswohnungsbau Räumlichkeiten für ihre Klienten anzumieten. Wir haben bei uns eine Warteliste, da stehen 70 Interessenten drauf, die Wohnraum suchen, der zentrumsnah gelegen ist.”

Sabrina Löwen und Helmut Schmitz gehörten bis vor kurzem dazu. Sie wohnten vorher zusammen in Feyen in einer nicht barrierefreien Wohnung, mussten dabei vor allem mit den Treppen kämpfen. Jetzt stehen ihnen gleich zwei Aufzüge im Haus zur Verfügung. Was Sabrina Löwen besonders freut, sind neben den hellen Räumen die kurzen Wege in die Innenstadt, wo sie fußläufig auch ihre Arztbesuche erledigen kann.

Dank Förderung kostet der Wohnraum hier sieben Euro pro Quadratmeter

Als Mieter zahlt die Lebenshilfe hier sieben Euro pro Quadratmeter Wohnraum. Zum Vergleich: “12 bis 13 Euro werden in dieser Wohnlage berechnet”, weiß IFA-Chef Wolfgang Schäfer, der in Trier und Umgebung schon etliche Projekte, darunter auch das Best Western Hotel an der Europahalle, entweder neu geschaffen oder modernisiert hat. Für den Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe ein Glücksfall: “Die Zeiten haben sich verändert. Inklusion heißt heute, mitten in der Stadt leben.” In einer alternden Gesellschaft kommt insbesondere der Barrierefreiheit eine besondere Bedeutung zu: “Immer mehr Menschen wollen auch im hohen Alter noch eigenbestimmt leben und brauchen dafür auch Wohnraum, der Standards wie beispielsweise einen Aufzug vorhält.” Deshalb sei es erfreulich, dass die Stadt Trier im vergangenen Jahr 450 Förderbescheide von der ISB (Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz) erhalten habe. Zuschüsse, von denen auch der Bau in der Petrusstraße profitiert hat. Wobei Leibe und Enderle den Bauherren IFA loben: “Als wir gemeinsam auf die IFA zugegangen sind, waren die Planungen längst am Laufen.”

Im gemeinsamen Wohnzimmer unterhalten sich Sabrina Löwen und Helmut Schmitz mit Betreuerin Ursula Kessing (rechts).

Was das heißt, daran erinnert sich Wolfgang Schäfer: “Wir mussten einige unserer Planungen über den Haufen werfen, um die Anforderungen der ISB, die an eine Förderung gekoppelt sind, auch erfüllen zu können.” Konkret meint Schäfer damit die Größe der Wohnungen: “Es hat etlicher Gespräche meines Schwiegersohns Patrick Anell mit der ISB bedurft, um die Ausnahmegenehmigungen für die baulichen Veränderungen zu bekommen, die den besonderen Bedürfnissen der Bewohner Rechnung tragen.” Ein weiterer Punkt: Für stationäre Wohngruppen verlangt der Gesetzgeber “besonders hohe Wohnanforderungen”, was einen zweiten Rettungsweg erfordert. Weshalb die IFA dann auch wieder einige Löcher in zuvor errichtete Mauern brechen musste.

Trotz des Mehraufwandes würde Schäfer laut eigener Aussage immer wieder so handeln, weil er die Nachfrage nach entsprechendem Wohnraum genau sieht: “Die Stadt kann den geforderten Wohnraum alleine so nicht zur Verfügung stellen.” Dem entsprechend hat das Unternehmen auch seine Firmenphilosophie darauf abgestimmt: “Wir bauen schon seit Jahren unsere Wohnungen barrierearm, sodass die Bewohner den Komfort, den sie im Alter brauchen, bereits in jungen Jahren genießen können”, sagt die Architektin des Unternehmens, Daniela Schäfer-Anell.

100 Menschen bewerben sich um vier Grundstücke

Wolfram Leibe ist dankbar dafür. Während des Pressegespräches bekommt er einen Anruf, bei dem es um die restlichen vier Grundstücke geht, die im Filscher Neubaugebiet noch für den Bau von Einfamilienhäusern durch die Stadt zu vergeben sind. “Die Nachfrage ist riesengroß: gut 100 Menschen wollen hier ein neues Zuhause finden.” Um den dringend benötigten Wohnraum schaffen zu können, kann der Oberbürgermeister sich auch die Überbauung von Parkplätzen vorstellen: “Wohnraum in der Stadt ist viel zu kostbar geworden, als dass man Grundstücke alleine für Parkraum verschwendet.” Heißt konkret: die Parkplätze bleiben zwar erhalten, werden aber überbaut.

Doch zurück zu dem Gebäude in der Paulinstraße. Für die Betreuung der Lebenshilfe-Klienten zeichnet Thomas Dietze mit seinem Team verantwortlich. Der Leiter des unweit gelegenen Wohnheims in der Petrusstraße erläutert die Bewohnerstruktur in diesem Neubau. Fünf dieser Bewohner werden durch die ambulante Wohnassistenz der Lebenshilfe Trier betreut, darunter ein Ehepaar, eine Zweier-WG und ein Einzelappartement. Insgesamt 13 Bewohner leben in so genannten Außenwohngruppen und werden ebenfalls stationär betreut. “Wir waren in Rheinland-Pfalz die erste Einrichtung, die bereits 1972 die erste Wohngruppe ins Leben rief und den Menschen so ein maximal eigenständiges Leben und Wohnen ermöglichte”, sagt Dietz stolz. Dass sich die Bewohner der Wohngruppen dauerhaft in ihrem neuen Heim wohl fühlen werden, davon ist Dietz überzeugt. Doch wie auch sein Chef Wolfgang Enderle weiß er, dass man noch nicht das Ende der Fahnenstange erreich hat: “Es gibt noch viel zu tun.” (-flo-)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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