Ist das Raubtier im Menschen überwindbar?

Kann Argwohn und Misstrauen nicht doch von Mitmenschlichkeit übertrumpft werden? Fotos: Eva Krings und Elke Schmitt.

TRIER. Als eindringliches, nachhallendes Stück mit so aufwühlender wie ästhetischer Bildsprache hat “Dem Menschen ein Wolf“, das neue Tanztheaterprojekt des syrischen Choreografen Saeed Hani, Premiere in der Tufa Trier gefeiert. Die künstlerischen Leistungen des Ensembles hinterließen tiefen Eindruck bei den Besucherinnen und Besuchern der vom Verein menschMITmensch präsentierten Aufführung.

Für den reporter erlebte Anke Emmerling die Premiere mit.

Eine Warteschlange vor dem Eingang der Tufa und alle Plätze im großen Saal besetzt – das Interesse am Tanztheater “Dem Menschen ein Wolf“ ist groß und verbindend. Menschen verschiedener Generationen und Nationalitäten, unter ihnen Studierende, Kulturschaffende und sozial engagierte Bürger aus Trier und Umgebung strömen zusammen. Das ist schon der erste Erfolg dieses Projekts, entspricht es doch der Zielsetzung des veranstaltenden Vereins menschMITmensch, über Kunst und Kultur Begegnung zu schaffen. Begegnungen, genauer der Umgang von Menschen mit Menschen, bestimmen auch das Bühnengeschehen an diesem Abend.

Choreograf Saeed Hani, der nach seiner Ankunft als syrischer Flüchtling 2015 in Trier einen neuen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt fand, hat sich dafür von einer Aussage des römischen Dichters Titus Maccius Plautus (3.Jh. v. Chr.) inspirieren lassen, die im 17. Jahrhundert vom englischen Philosophen und Staatstheoretiker Thomas Hobbes in Bezug auf das Verhältnis von Staaten untereinander aufgriffen wurde: “Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist.“ Will heißen, der Mensch verhält sich, solange ihm jemand fremd ist, wie ein Raubtier. Er ist nur auf seinen eigenen Nutzen bedacht und scheut dafür weder List noch Gewalt. Aber ist dieses Weltbild unumstößliches Gesetz?

Hani, der als Flüchtling selbst Unterstützung und Anteilnahme erfuhr, bewegt die Frage, ob Argwohn und Misstrauen nicht doch von Mitmenschlichkeit übertrumpft werden können. Inszeniert hat er seine Reflexion als bildgewaltiges Ereignis, das von Anfang an durch Intensität besticht. Den Auftakt macht die mystische Szenerie einer archaischen Waldlandschaft. Die Bühne ist dunkel, es wabert Nebel, und aus einem großen Fellknäuel am Boden erhebt sich ein Wesen, aufrecht zwar, aber mehr Tier als Mensch, mit einem Wolfsgesicht. Wenig später tauchen – unbekleidet – ein Mann und eine Frau auf, und es entspinnt sich so etwas wie die biblische Geschichte von Adam und Eva. Die beiden scheinen in einem Paradies zu wandeln, nähern sich mit anmutigen Bewegungen aneinander an, die Figuren ihrer Begegnungen sind symmetrisch. Doch dann fährt der Wolf dazwischen, hetzt die beiden, zerstört ihre Geborgenheit. Lichtstimmung, Musik und Bewegungen ändern sich. Alles wird greller, härter, kühler.

Das verstörende Bild einer mit transparenter Folie an eine blutrot und erdbraune Leinwand gefesselte Menschengestalt.

Geschichte eines Daseinskampfes

Im Bühnenhintergrund ist, blau beleuchtet, das verstörende Bild einer mit transparenter Folie an eine blutrot und erdbraune Leinwand gefesselte Menschengestalt zu sehen. Aus vertikalen, Stelen-ähnlichen Boxen, die Schwarz auf Weiß das lateinische Plautus-Zitat oder auch Zeichnungen menschlicher Silhouetten zeigen, gleiten weitere unbekleidete Männer und Frauen, die mit ihren Blicken einen Tänzer in der Mitte bedrohen. In den Folgeszenen entwickelt sich die Geschichte eines menschlichen Daseinskampfes, des Kampfes gegen Hass, Argwohn und Ablehnung, des Kampfes um Liebe, Gemeinschaft und Akzeptanz, des Kampfes gegen den “Wolf“ im eigenen Charakter.

Musik, die oft an Kriegsgeräusche erinnert, liefert den Soundtrack dazu. Das Bühnenbild und die Ausstattung unterstreichen mit einer klaren Ästhetik und Symbolsprache die Aussage des Dargestellten. Es sind auch nur wenige Requisiten nötig, da das sechsköpfige, international besetzte und hochprofessionelle Tanzensemble ungeheuer ausdrucksstark agiert. Mit Körpern, die sich winden, umeinander schlingen, zucken, kriechen, robben, fallen oder emporschnellen, setzt es alles ins Bild, was Menschen anderen Menschen antun können oder erleiden müssen.

Gewalt, Aggression, Zurückweisung, Traumata – die Parallelen zu aktuellen Flüchtlingsschicksalen sind unverkennbar. Die Tänzerinnen und Tänzer gehen aufs Ganze. Ihre Darstellung ist drastisch und schonungslos, was umso stärker wirkt, als sie überwiegend unbekleidet agieren. Die Nacktheit ist starkes Element in der Inszenierung, verdeutlicht sie doch das archaische Mensch Sein genauso wie Schutzlosigkeit und Verwundbarkeit. Umso berührender die “warmen“ Momente, wie der, in dem eine sich zögernd und misstrauisch der Gruppe nähernde “Fremde“ ein rotes Kleidchen zugeworfen bekommt, wie es die bereits integrierten Frauen tragen. Rot spielt in der Farbsymbolik des Stückes auch im Finale eine tragende Rolle. Vom Schluss soll jedoch hier nur verraten werden, dass er bewegend ist und die Nachdenklichkeit, die diese außergewöhnliche Performance hervorgerufen hat, vertieft.

Eine weitere Aufführung von “Dem Menschen ein Wolf“ ist am Sonntag, 2. Dezember um 19.30 Uhr im Großen Saal der Tufa Trier zu sehen.

Da jedem und jeder der Mitwirkenden größte Anerkennung gebührt, sind mit Ausnahme des Choreografen keine Einzelnamen im Text hervorgehoben, sondern alle im Folgenden genannt:

Produktion: menschMITmensch e.V. menschmitmensch.de
Konzept und Choreografie: Saeed Hani hanidance.de
Projektleitung: Larissa Koch
TänzerInnen: Valentina Zappa, Anna Schneider, Melanie Lopez, Edoardo Ramirez, Itxasai Mediavilla Jimenez, Saeed Hani
Bühnenbild: Alexander Harry Morrison mit Studierenden
Kostüme: Gruppe “Flinke Nadel”
Leitung: Hiltrud Weyand, Bürgerhaus Trier Nord e.V.
Sound Editing: Björn Nafe


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Erstellt am Autor Anke Emmerling in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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