Joachim Król rezitiert Albert Camus im Theater Trier

Joachim Król präsentiert Albert Camus‘ “Der erste Mensch“ als szenische Lesung mit Musik. Foto: Stefan Nimmesgern

TRIER. Die Schule ein Ort, der einem den Blick auf das Leben öffnet? Ein junger Schüler, für den das Lernen ein wildes Abenteuer ist, bei dem ihm täglich neue Welten erschlossen werden? Der kleine Albert Camus hat das so erlebt. Moderne Bildungspolitiker und Pädagogen müssen sich irritiert die Augen reiben, wenn sie seine Geschichte hören. In einem sensationellen erzählerischen Parforceritt entführt Joachim Król am Samstag, 12. Januar, 19.30 Uhr,  sein Publikum in dieser emotionalen Theaterproduktion als Ich-Erzähler in eine Welt voller Armut, Lebensfreude und “natürlicher Schönheit.” Die Musik des “Orchestre du Soleil” liefert den mitreißenden Soundtrack zu diesem hochaktuellen Stück über das “Abenteuer Bildung”, an dessen Ende ein Mann, der als Kind in einer Familie von Analphabeten aufwächst, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Es ist die Kindheits-Geschichte des Literaturnobelpreisträgers Albert Camus.

In dessen autobiographischen Roman “Der erste Mensch” begibt sich der Protagonist auf die Suche nach seinem Vater, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist und den er nie kennengelernt hat. Damit beginnt für den Erzähler eine Reise zurück in seine Kindheit. Er kehrt heim in die Hitze Algiers, in die Armut und die Unschuld. Er lässt seine Kindheit Revue passieren, beschreibt – so humorvoll wie berührend und in einer Sprache von poetischer Schönheit – die freie Schwerelosigkeit am Strand, in der Sonne, im Meer. Er erinnert sich an die Rebhuhn-Jagd in der Wüste, zu der er mit seinem Onkel oft am frühen Morgen aufbricht – und vor allem: an das Abenteuer Schule, das ihm eine völlig neue Welt eröffnet.

Er erzählt von seiner schweigsamen Mutter im Armenviertel Algiers und der dominanten Großmutter, die nur durch die Unterstützung seines Volksschul-Lehrers davon überzeugt werden kann, dass der Junge ins Gymnasium gehört. Dort, “geworfen in eine unbekannte Welt”, der „unschuldigen Welt entrissen”, begreift er, “dass ich alles, was ich wollte, erreichen würde, und dass nichts, was von dieser Welt ist, mir jemals unmöglich sein würde.”

Der Regisseur und Produzent Martin Mühleis hat mit Bühnenbearbeitungen von literarischen Werken in den vergangenen Jahren große Erfolge gefeiert. Seine beiden Erich-Kästner-Bearbeitungen – “Als ich kleiner Junge war” und “Prost Onkel Erich!” – zählen mit mittlerweile fast 500 Vorstellungen zu den erfolgreichsten literarischen Bühnenproduktionen in Deutschland. Zuletzt hat er für die beiden Schauspieler Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl gemeinsam mit dem Komponisten Libor Síma aus Charles Dickens’ “Die Weihnachtsgeschichte” ein musikalisches Sozialmärchen geschaffen. In seinen Bühnenarbeiten hat Mühleis eine eigene Form entwickelt, eine “Architektur aus Sprache, Musik, Lichtdesign und Schauspiel” wie der Berliner Tagesspiegel es nannte. Es gelingt ihm, Literatur für die Bühne zu adaptieren, ohne sie in Struktur, Rhythmus und Sprache zu verändern. Aus den literarischen Vorlagen entstehen auf diese Weise eigene Bühnenwerke, die den Zuschauer zum Mitgestalter machen. Mühleis’ reduzierte, kargen Erzählformen bewirken, dass ein wesentlicher Teil der Geschichte in der Phantasie des Betrachters entsteht.
Seine neueste Arbeit nach Albert Camus autobiographischem Roman “Der erste Mensch” feierte am 5.01.2018 am Staatstheater Braunschweig Premiere. (tr)

 

Albert Camus

wurde am 7. 11. 1913 bei Annaba (Algerien) als zweiter Sohn einer europäischen  Einwandererfamilie geboren. Der Vater, ein Franzose, fiel 1914 im Krieg, die spanischstämmige Mutter musste die Kinder als Putzfrau ernähren und der dominanten Großmutter zur Erziehung überlassen. Camus wuchs in einem armen Stadtviertel Algiers auf. Dort besuchte er die Ecole primaire; 1924 konnte er als Stipendiat in das Lycée von Algier eintreten. Nach dem Abitur nahm er sein Philosophiestudiums an der Universität von Algier auf, das er durch Gelegenheitsarbeiten finanzierte. Gleichzeitig unternahm er erste schriftstellerische Versuche und gründete das “Théâtre du Travail”. Er lernt André Malraux kennen.
1934 erste Ehe, die 1940 geschieden wurde.
1938-1940 Arbeit als Journalist bei der progressiven Zeitung «Alger républicain» (später «Soir républicain»). Camus` Artikelfolge über das Elend der algerischen Landbevölkerung und das Verbot der Zeitung machten ihm eine weitere berufliche Betätigung in Algerien unmöglich. 1940 Übersiedlung nach Frankreich.
Mit seiner zweiten Frau, Francine Faure, kehrte er 1941 nach Algerien zurück, wo beide als Lehrer arbeiteten. Der Werkszyklus des Absurden erscheint –”Der Fremde”, “Der Mythos des Sisyphos” und “Caligula”. 1942 Kuraufenthalt im französischen Bergland. Eine Anstellung als Lektor bei Gallimard und die Zugehörigkeit zur Résistance – Camus übernahm 1944/45 die Leitung der Widerstandszeitung «Combat» – banden ihn zunehmend an Paris. 1943 erscheinen die “Briefe an einen deutschen Freund”, 1947 kommt die “Die Pest” heraus. 1949 Premiere seines Stücks “Die Gerechten”. Freundschaftliche Beziehungen zu Sartre und dessen existenzialistischem Kreis. 1946-1952 Reisen in die USA, nach Südamerika und mehrmals nach Algerien.
An der mit Härte und Leidenschaft geführten Debatte um «Der Mensch in der Revolte» (1951) scheiterte die freundschaftliche Beziehung zu Sartre. 1957 wird Albert Camus der Nobelpreis für Literatur verliehen. 1958 begann er mit der Arbeit an dem Roman «Der erste Mensch». Am 4. Januar 1960 verunglückte Camus bei einem Autounfall tödlich. Im Wrack des Unfallwagens wird das Manuskript des Romans gefunden. Es dauert 34 Jahre, bis im Jahr 1994 dieses herausragende Werk postum veröffentlicht wird. (tr)


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Erstellt am Autor trier reporter in Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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